Dezember 16, 2006

TV: MOH #6 - PELTS

So ein weiches, edles Tierfell kann schon eine sehr anzügliche Wirkung haben, nicht umsonst hüllen sich die Schönen und Reichen und Doofen so gern in ganzen Mänteln aus sanftem Pelz. Die kleinen Waschbären, die sich auf einer abgelegenen Farm tummeln, die haben sogar ein besonders außergewöhnliches Fell. So außergewöhnlich nämlich, dass alle, die in die Nähe eben jenes kommen, sich auf sehr kreative Weise selbst verstümmeln.

Dario Argento hat es sich ebenfalls nicht nehmen lassen, auch ein zweites Mal die gesellige Runde der "Masters of Horror" zu beehren. Nach "Jennifer", einer freizügigen wie unangenehm intensiven Liebesgeschichte, die letztlich nur an ihrer Vorhersehbarkeit krankte, wagt sich der italienische Regisseur, der in den letzten Jahren kaum noch Nennenswertes auf die Genregemeinde losgelassen hat, an eine schwarzhumorige Parabel, die nicht nur ausnehmend brutal geriet, sondern auch schwer unterhaltsam ist. Dabei lebt die insgesamt sehr amüsante Episode von ihrer unbemühten Leichtigkeit, Argento möchte wohl niemandem etwas beweisen (obwohl er das durchaus müsste) und schickt seine spielfreudigen Akteure mit sicherer Hand ins Verderben, ohne sich durch das TV-Format stilistisch einengen zu lassen. Meat Loaf ist vorzüglich in der Rolle als brüskierter Pelzhändler, ebenso wie auch B-Film-Legende John Saxon schnell vergessen lässt, dass formale Gruselstimmung und der Einsatz extremer Splatterszenen weit über dem stehen, was da inhaltlich eigentlich erzählt werden soll – als bissige Abrechnung mit dem Schrecken aller Tierschützer eignet sich "Pelts" vorzüglich.


65%

Dezember 15, 2006

TV: Fernsehtipps 16.12. - 22.12.06

Samstag, 16.12.

20:15 Uhr – „Indiana Jones und der Tempel des Todes“ (SAT.1)

Spielbergs zweiter Film der Serie wird zwar ausschließlich von oberflächlicher Spannung getragen, macht sich jedoch das Motto, letztlich nur wie eine wilde Achterbahnfahrt zu funktionieren, sprichwörtlich und selbstreflexiv zum Prinzip. Die übersteigerte Actiondramaturgie wurde vielfach kritisiert, das technische Niveau immer wieder unterschätzt. Ich mag den Film.

20:15 Uhr – „Ein Schlitzohr namens Santa Claus“ (RTL2)

Ich weiß nicht, vielleicht schaut manch einer sich so was ja an, immerhin sind Tony Danza und Lea Thompson dabei.

23:25 Uhr – „Terminator“ (RTL)

Ein Lichtblick des verbrecherischen 80er-Jahre-Kinos. Umschifft sein inhaltliches Paradoxon durch elliptische Gestaltungsmittel und prägt die Ästhetik des Genres maßgeblich.

0:00 Uhr – „Höllenbrut“ (RTL2)

Brian Yuzna ist nun alles andere als ein vernünftiger Regisseur, in diesem Fall einer hanebüchenen Alien-Geschichte allerdings sind sie dann wohl endgültig mit ihm durchgegangen.

0:05 Uhr – „The Way of the Gun“ (Pro7)

Grottenschlechter Gangster-Thriller.

0:40 Uhr – „A Nightmare On Elm Street 5: Das Trauma“ (K1)

Stephen Hopkins interpretiert mit seinem Beitrag der Reihe den Mythos Freddy Krueger als teuflische Ausgeburt der Hölle, ohne sich allerdings in ähnlich christliche Albernheiten wie der dritte Teil zu verlieren. Mit einer comicartigen, visuellen Brillanz kreiert er wahrhafte Traumwelten, die für eine ansprechende Geschichte aber keinen Platz mehr zulassen.

Sonntag, 17.12.

12:50 Uhr – „Das zauberhafte Land“ (HR)

Ein Freund von mir hält das Muscial mit der süßen Judy Garland für den subversivsten Hollywoodfilm seiner Zeit. Doch als Kind haben mich ein schwuler Löwe und andere singende Tiere einfach noch nicht recht interessieren wollen. Vielleicht gebe ich ihm aber noch einmal eine Chance.

20:15 Uhr – „Master and Commander“ (RTL)

Nach dem gelungenen “The Truman Show” durfte man von Peter Weir wohl etwas mehr erwarten als eine derart nervige, angestrengte Ozeannummer, die mit Russell Crowe auch noch so furchtbar fehlbesetzt ist.

22:00 Uhr – „Blinde Wut“ (K1)

Läuft stark geschnitten, ist aber eine amüsante Selbstjustiznummer mit Esoterik-Touch.

22:15 Uhr – „Sleepy Hollow“ (Pro7)

Da brauche ich nicht mehr viel zu sagen. Ein Film, der seinesgleichen sucht.

2:05 Uhr – „Holiday – Die Schwester der Braut“ (ARD)

Eine der schönsten Screwball-Komödien aller Zeiten.

2:10 Uhr – „Das Geheime Fenster“ (Pro7)

Anfänglich stimmige Stephen-King-Adaption, deren verquastes Ende dann selbst der großartige Timothy Hutton nicht mehr retten kann.

Montag, 18.12. (ARD)

22:15 Uhr – „Der Schakal“ (ZDF)

Uninteressant. Was für Leute, die mit Attributen wie „Popcornkino“ argumentieren.

23:00 Uhr – „Live Flesh“ (RBB)

…dann doch lieber dem wunderbaren Pedro Aldomóvar beim Zaubern zusehen.

0:50 Uhr – „Amistad – Das Sklavenschiff“ (ARD)

Als großer Spielberg-Fan muss ich zugeben, dass das insgesamt eher ein Schuss in den Ofen war. Ähnlich wie schon in „Die Farbe Lila“ verhebt sich der gute etwas beim Aufrichten des Zeigefingers gegen Rassismus. Man fragt sich hinterher dann doch ein wenig, warum die Sklaverei bei so vielen Gutmenschen überhaupt existiert hat…

Dienstag, 19.12.

20:15 Uhr – „Die Geister, die ich rief“ (SAT.1)

Ich finde den Film nicht nur grauenvoll inszeniert, sondern seine Massage auch etwas bedenklich. Aber Bill Murray ist einfach so verdammt komisch!

Mittwoch, 20.12.

0:40 Uhr – „Das süße Leben“ (WDR)

Das ist ein Abend nach meinem Geschmack. Hat diesen Film überhaupt jemand noch nicht gesehen?

1:35 Uhr – „Out of the Past – Goldenes Gift“ (ZDF)

Jacques Tourneurs Klassiker, vielleicht der beste Film-Noir aller Zeiten. Nihilistisch wie kein zweiter seiner Zunft.

Donnerstag, 21.12.

22:00 Uhr – „Freitag der 13.“ (Tele5)

Lief 25 Jahre überhaupt nie im Free-TV, jetzt ein sicherer Todläufer, der alle zwei Wochen wiederholt wird. Deshalb kurz: Genial, grausam und geschnitten.

0:50 Uhr – „Zeugin der Anklage“ (ARD)

Courtroom-Drama, an dem sich jeder andere Genrefilm messen lassen muss. Billy Wilder beherrscht nicht nur die Spielart der Komödie, sondern ist auch ein perfekter Thriller-Regisseur.

Freitag, 22.12.

20:15 Uhr – „Die Monster AG“ (Pro7)

Der Film ist wahnsinnig niedlich. Pixar auf gewohntem Niveau.

20:15 Uhr – „Billy Elliot“ (RTL2)

Ein schöner Film für das Mädchen im Jungen. Toller Soundtrack, lebendig gespielt.

20:15 Uhr – „The Big Lebowski“ (Tele5)

Eine meiner alltime-Lieblingskomödien. Jeff Bridges ist Gott!

22:25 Uhr – „Freitag, der 13. – Todesfalle Manhattan“ (Tele5)

Läuft erstmals im Free-TV, dürfte aufgrund der Indizierung aber ordentlich geschnitten sein. Der Film selbst ist kaum besser oder schlechter als seine Vorgänger, sondern einfach herrlich primitiv.

News: LIVE FREE OR DIE HARD - Teaser

Dezember 14, 2006

Kino: PAN'S LABYRINTH

Es beginnt im Nirgendwo. Ein kleines Mädchen liegt im dunklen Blau der Nacht, regungslos, Blut läuft an ihren Wangen herunter, doch blickt man genauer hin, so fließt es in ihre Nase zurück, hier dreht sich die Zeit – ein Resultat, dessen Herleitung noch ungewiss ist. Dann verschwinden die Bilder schnell, das Düstere weicht dem Panorama eines strahlenden Herbstwaldes, gegilbte Blätter wehen im Wind, die Sonne funkelt immer stärker durch die sich lösenden Baumkronen. Hier setzt die Erzählung von einer schwangeren Mutter und ihrer kleinen Tochter an, sie sind auf der ländlichen Durchfahrt in eine abgelegene Gegend in Nordspanien, wo der Ehemann und Stiefvater, der im Dienste des Franquismus herrschende Capitán Vidal, sie mit einer unaufhörlich tickenden Stoppuhr erwartet – diese Erzählung, die unweigerlich zum Ausgang zurückkehren wird, ist von einer allgegenwärtigen Limitierung bestimmt, Zeit erscheint als Ausdruck von Ruhe und Gelassenheit, als kostbares Gut, das hier keine Verwendung finden wird.

Die kleine Ofelia ist das einzige Kind in dieser so bekümmerten Welt am Abseits, deren farbenfrohe Naturbilder nicht die alltäglich spürbaren Auswirkungen und Kämpfe des Bürgerkrieges verbergen können, wo sich jeder selbst der nächste scheint, keine Perspektive für die Augen eines unschuldigen Mädchen vorgesehen ist. "Pan’s Labyrinth" erzählt dennoch durch den Blick der jungen Ofelia, der Film begibt sich in Obhut und Wahrnehmung eines verträumten Kindes, das als einziges auf die verborgene Welt hinter der offenbaren Realität stößt. Denn dieser Wald, in dem das Blut der Rebellen und Francos Putschisten vergeudet wird, und dieses große Anwesen, wo Angestellte einer tyrannischen Unterdrückung ausgesetzt sind, da verweben sich die Schnittstellen zwischen objektiver und subjektiver Wahrnehmung: Nur Ofelia weiß vom labyrinthischen Zwischenreich eines alten Fauns, der sie mit verantwortungsvollen Prüfungen versieht, um das unterirdische Königreich mit ihr als wiedergeborene Prinzessin aufleben zu lassen.

Der mexikanische Regisseur Guillermo del Toro durchmischt bei seiner kindlichen Erlebniswelt konsequent alles Rationale und Irrationale, was der unbefleckten Sicht seiner Protagonistin nicht entsprechen würde. Für Ofelia – und somit auch für den Zuschauer – existieren keinerlei Grenzen zwischen der kriegerischen Welt der Menschen und dem Reich der Fabelwesen, mitunter bedingen sie sich gegenseitig, zwar ohne Bewusstsein, aber folgenreich. Die Surrealität dieses Entwurfs wird problemlos akzeptiert, durch die Aufgaben und Prüfungen des Mädchens sieht die strenge inhaltliche Struktur auch keine Möglichkeit zur Separierung dieser beiden Welten vor. Ofelia als Entsprechung eines modifizierten Quests, auf der Suche und Flucht zugleich, meistert die Hürden der einen wie die der anderen Dimension unwidersprüchlich. Ihr Schicksal steht in Abhängigkeit zu dieser Symbiose von Wahrnehmungen, die Aufgaben des Fauns sind irrationaler Schlüssel zur Bewältigung vollständig rationaler Gegebenheiten, als Ausdruck eines selbst konstruierten Paralleluniversums, das ein Wirken gegen die Allmacht realen Schreckens nur mit der Kraft des Phantastischen ermöglicht.

Damit löst der brillant photographierte Film gleichzeitig auch jeglichen formalen Raum auf, sein Zeitkontinuum wird als Bedrohung (Ofelia muss die Aufgaben zügig vollbringen, eher sich der Mond verdichtet) zwar immer wieder betont, doch die Grenzenlosigkeit von Realität und Vision lässt die Fantasie, und damit das Ungezwungene, Lösende, unaufhaltsam erscheinen. Im Genre werden die narrativen Mittel oft schon ihrer technischen Bebilderung wegen in eine fiktive Welt verlagert, die sich prinzipiell von der irdischen zu unterscheiden hat. "Pan’s Labyrinth" durchbricht dieses Schema allein durch seinen Ansatz, bei dem die Fantasy aus dem Wirklichen heraus entsteht. Del Toros Verständnis von Magie definiert sich über das Bewusstsein des Individuums: Es ist nur so viel davon möglich, wie man auch zu ermöglichen bereit ist. Fantasy, das sind keine Drachen, keine gewaltigen Monster, keine Zauberer, das ist in erster Linie eine Frage der Wahrnehmung, es ist die Möglichkeit zur schützenden Flucht, die simplifizierte Reflektion des Realen, ein Abbild der Seele. Die Fantasy wird evoziert aus den inneren Abgründen des Menschen.

Es kann faktisch zwar eine nüchterne Desillusion sein, die mancher darin sehen mag (Religion als spielerische Imagination des Ichs), tatsächlich aber ist das der Kern all des Phantastischen. Del Toro adressiert das Verklärte des Realen, um ihm mit einer visionären Ode den Sieg des Magischen vorzuführen. Deshalb wird "Pan’s Labyrinth" gewiss zu einem Meilenstein des Genres avancieren, mit seiner herausragenden Hauptdarstellerin geht er den direktesten Weg zum Herz des Publikums. Der minimalistische, mitunter kammerspielartige Film mag brutal, nicht besonders Mainstream orientiert und zutiefst tragisch sein, doch er ist so voller wahrer Fantasie, wie vielleicht kaum ein zweiter seines Topos’.


70%


Review erschienen bei: Wicked-Vision.de

TV: MOH #5 - PRO-LIFE

So ganz plötzlich, da kann es offenbar einfach jedem Mädchen passieren. Man sitzt in der Abenddämmerung verträumt auf der Gartenschaukel, summt ein wenig vor sich her, und dann reißt es einem den Boden unter den Füßen weg – der Teufel mit seinen zwei Hörnern entsteigt dem Reich der Sünden, um eine unschuldige 15jährige zu schwängern. Diese gerät verwirrt und beängstigt, ihre Schwangerschaft ist zeitlich von neun Monaten auf eine Woche geschrumpft, in die Arme eines Arztes und dessen liierter Kollegin, um in der nahe gelegenen Frauenarztpraxis Schutz vor ihrem Vater und den drei bewaffneten Brüdern zu suchen. Diese wollen die Geburt des teuflischen Nachwuchses nicht verhindert wissen.

Weshalb, warum und wieso das alles so ist, das mag John Carpenter nicht recht beantworten wollen, dafür scheint er beim ausgiebigen Selbstzitieren auch viel zu beschäftigt. Vom einzigen Regisseur, der die Serie bislang schlagartig aus ihrem enttäuschenden Niveau heraushieven konnte, darf man derweil leider nicht mehr als einen komplett verquasten, unfreiwillig absurden Werbeclip für die F/X-Spielwiese der K.N.B.-Jungs erwarten. Auf die zwar übersichtliche, zu knapp gezeichnete und dennoch erfrischende Meditation über das Wesen des Kinos aus "Cigarette Burns", dem Beitrag Carpenters zur vorherigen Staffel, wird sukzessive nicht mit Blut- und Ekeleinlagen gegeizt, doch die Mixtur aus der räumlichen Struktur von "Assault on Precinct 13" und den abgemilderten (Musik)Effekten aus "The Thing" ist viel zu albern und unsinnig, um wirklichen Spaß mit ihr haben zu können. Der Altmeister vermisst nicht nur sein Cinemascope-Format schmerzlich, sondern steht auch vor dem Problem, nicht recht zu wissen, wie man derartigen Hokus Pokus auf 60 Minuten strecken soll. Da hilft dann auch kein omnipräsenter Ron Perlman – "Pro-Life" ist eines Carpenter-Beitrags schlicht und ergreifend unwürdig.


40%

Dezember 13, 2006

Dezember 12, 2006

Kino: ERAGON

Es geht um Mythen, dunkle Sagen und alte Legenden, um Mut, Ehre und Stolz, und um einen pubertären blonden Jüngling, der auszieht, um das Fürchten zu lehren. Das illustre Fantasyabenteuer „Eragon“ erschien 2003 und konnte einen ansehnlichen Erfolg verbuchen, in mittlerweile 38 Länder wurde Christopher Paolinis Roman – der als Beginn einer Trilogie konzipiert ist – exportiert, und allein in den USA verkaufte er sich 2,5 Millionen mal. Der Stoff steckt noch beinahe in den Kinderschuhen, da lässt die Verfilmung nicht lang auf sich warten, begünstigt durch den weltweiten Erfolg der „Lord of the Rings“-Saga. Heraus kommt, was Fans der Vorlage eifrig bestreiten werden: Eine inhaltliche Wiederholung der vierten „Star Wars“-Episode, die bei ihrer Inszenierung schamlos aus dem Fundus von Peter Jacksons Filmtrilogie plündert, allerdings ohne ähnliche Auswirkungen auf das Genre befürchten zu müssen – „Eragon“ ist an Einfältigkeit kaum zu unterbieten und mit großem Abstand der schlechteste Fantasyfilm, der seit geraumer Zeit die Kinos heimsucht.

Nach dem konfusen Prolog, der bereits all die technischen Defizite des Films hübsch zusammenfasst, lernt der Zuschauer diesen Eragon kennen. Das ist ein schmächtiger Dorfbursche, der bei seinem Onkel lebt, unsicher und etwas debil, aber voller Hoffnung, es eines Tages zu etwas bringen zu können. Da rufen nicht ausschließlich optische Ähnlichkeiten den nahe liegenden Vergleich zum Padawan Luke Skywalker hervor, sondern vielmehr noch die komplett identische Erzählung. Wie im Sternenkriegsabenteuer von 1977 blickt der junge Reiter hoch hinauf zur glühenden Sonne, wo sich auch einst der künftige Jedi-Ritter die Flucht von der Wüstenfarm erhoffte – da fehlt bis auf das Schicksalsmotiv John Williams’ nicht mehr viel, abgesehen nur davon, dass bereits dieser kurze, zusammenhanglose Einstieg unfreiwillig komisch erscheint. Denn das Spiel des jungen Ed Speleers hat nichts von der unschuldigen Verträumtheit, die etwa Mark Hamill einst ausstrahlte, sondern wirkt aufgesetzt, überzogen, albern.

Und so geht es weiter und weiter: Eragon wird von einem alten Meister ausgebildet (Jeremy Irons als müder Obi Wan Kenobi-Ersatz), der schnell das Zeitliche segnen und so die Dramatik ankurbeln muss, rettet eine hübsche junge Kriegerin (das profillose Äquivalent zur bezaubernden Prinzessin Leia), bekommt auf halbem Weg Verstärkung durch einen gewitzten Mitkämpfer (Hallo, ich spiele den Han Solo-Part) und darf schließlich in einen finalen Showdown ziehen, bei dem der eigentliche Bösewicht – John Malkovich versucht sich als Selbstparodie – allerdings nicht gestellt werden kann. Demnächst werden wir vermutlich erfahren, wer hier eigentlich wessen Schwester oder wessen Vater ist, und in der Zwischenzeit hat der strahlende Held mithilfe des Drachens Saphira zumindest seine Jedi-Kräfte, Irrtum – falscher Film, seine magischen Fähigkeiten entdeckt.

Es brauch wohl kaum noch erwähnt werden, dass hier zu keiner Zeit die erzählerische Dichte, mitreißende Dramaturgie oder der doppelte Boden der Vorbilder tangiert wird, „Eragon“ dümpelt so lange vor sich hin, bis er schließlich im dichten Morast der Langeweile versinkt. Das alles ist so grausam schlecht inszeniert, dass selbst Trashfreunde ins Wanken darüber geraten dürften, ob dieser Film überhaupt das Prädikat „blöd, aber witzig“ erhalten darf. Das muss sich schließlich selbst ein Uwe Boll erst verdienen, und dem wird hier überaus bemüht zu Ehren gereicht: Billige Kostüme, steife, komplett ungelenk choreographierte Kämpfe und Dialoge einer alberner als der andere, nicht zu vergessen eine Schar von talentierten Schauspielern, die sich allesamt recht unschön blamieren. Leider gelingt es auch dem amateurhaften Schnitt nicht, die inszenatorischen Schwächen einigermaßen zu umschiffen, um das Fremdschämgefühl des Zuschauers nicht unnötig auszubreiten.

Bleibt der Blick auf die visuellen Effekte, immerhin zeichnet F/X-Wiz Stefen Fangmeier in seiner neuen Rolle als Regisseur für diesen Murks verantwortlich. Die Drachen-Sequenzen erscheinen ansehnlich, mitunter stören aber die gewohnt unnatürlichen Übergänge bei den CGi-Animationen und insgesamt bekommt man nicht die erhoffte Menge an feuriger Action serviert, die man erwarten dürfte. Die Kampfsszenen sind ebenfalls von kurzer Dauer und nach Rating-Vorgabe harmlos, wenn nicht gar komplett unspektakulär gehalten. In regelmäßigen Abständen mischen sich dann einige farblose Melodien ins Geschehen, die sich je nach Bedarf bei Howard Shores Kompositionen zu den „Lord of the Rings“-Filmen bedienen. Nach der gewonnenen Schlacht ist man irgendwie froh, dass „Eragon“ nur 105 Minuten Lebenszeit gekostet hat, es hätte ja auch durchaus mehr werden können. Kurz vor Schluss, als sich noch einmal alle lieb haben, da sagt der Drachenreiter dann tatsächlich etwas Sinnvolles: „Du weißt doch wie das mit Legenden ist, heute glauben die Leute alles.“. Leider.

15%

Review erschienen bei: Wicked-Vision.de

Dezember 10, 2006

Das war's: Rückblick 2006 - Die Top 10

Das Kinojahr begann schleppend, sehr schleppend. 2005 konnte man sich vor Highlights kaum retten, da traf "Charlie und die Schokoladenfabrik" auf "Corpse Bride", "Star Wars: Episode III" auf "Krieg der Welten", "The Descent" auf "Land of the Dead", "History of Violence" auf "Sin City", "Million Dollar Baby" auf "Wenn Träume fliegen lernen" - diese und viele mehr gehörten zu einer Liste voller grandioser Filme. Hinten raus konnte jedoch auch in 2006 gepunktet werden, und rückwirkend entpuppte sich doch manch unscheinbarer Film als Highlight.

10. James Bond – Casino Royale

Erstaunlich gelungener, boden- ständiger Einstieg für Daniel Craig, der Bond als sensiblen, unsicheren Agenten interpretiert und ihm somit eine zuvor kaum da gewesene Vielschichtigkeit verleiht. Mit Le Chiffre und Vesper Lynd treffen zudem der beste Bösewicht und das überzeugendste Bondgirl seit langem aufeinander.

09. Volver

Schrille und wunderbar exzentrische Liebeserklärung an Spanien, die großartige Musik und viele Bezüge zu Visconti oder Rossellini machen diesen Ensemble-Film zur Sternstunde des Kinos - und für mich auch zum besten Film von Pedro Almodóvar.

08. Borat

Hier denunziert sich all das, was auch denunziert gehört: Sasha Baron Cohen in der bissigsten Komödie des Jahres, voller Polemik und unbedingt notwendig – da mag manch einer im Kinosessel gar verstummen. So gehört sich das!

07. Thank you for Smoking

Konsequent freche Satire über den US-amerikanischen Lobbyismus, brillant gespielt und sensationell inszeniert zieht sich dieser Film – im Gegensatz zu vielen anderen – selbst bis zum bitteren Ende nicht aus der Affäre.

06. The Hills Have Eyes – Hügel der blutigen Augen

Eines der wenigen gelungenen Remakes, mit rigoroser Kompro- misslosigkeit und mit scharfer Ironie knüpft Alex Aja an die subversive Essenz der Vorlage an – in einem übersättigten Amerika voller Freaks und Mutanten, die die Kernfamilie zersetzen, da scheinen Dis- kussionen zwischen Demokraten und Republikanern keine Wirkung mehr zu haben.

05. V wie Vendetta

Atmosphärisch dichte, eindrucksvoll gespielte Paraphrase von Terrorismus und Totalitarismus, die durch selbstreflexive Figuren ungeahnte Ambivalenzen erfährt und sie schließlich in naiv formulierte, aber berechtigte Lösungsvorschläge überführt.

04. Als das Meer verschwand

Der große Geheimtipp des Jahres, ein zutiefst menschlicher, unbefangen ins- zenierter Film, der die Intimität der Inszenierung einmal nicht für Zynismus missbraucht. Großes Lob an Capelight, die ihn mit etwas Verspätung in die deutschen Kinos brachten.

03. München

Durchaus ist der Film kontrovers, er versucht auf eine hochkomplexe Sachlage naive, vereinfachte Antworten zu geben, er hat sicherlich auch die typischen Spielberg-Schwächen, und doch wird hier eine humanistische Hoffnung gepredigt, nach der man sich im Kino manchmal sehnt: Simple Fantasie ist in diesem Fall der Schlüssel zur Ausei- nandersetzung mit einem so weit entfernten, in der persönlichen Wahrnehmung abstrakten Thema.

02. Children of Men

Der beste Sci-Fi-Film seit Jahrzehnten, hier wird mit inszenatorischer Finesse eine durch und durch beängstigende Allegorie als düster-brutale Dystopie verarbeitet, ohne banale Hoffnungsschimmer, ohne eine Distanz zu dieser Welt, die nicht erklärt, sondern belebt wird. Grandios!

01. Brokeback Mountain

Das ist nicht nur der beste Film des Jahres, sondern eines der größten Meisterwerke der Filmgeschichte. Ang Lee kreiert mit seinem so dichten und gleichzeitig respektvoll distanzierten Regiestil eine neue Form des Kinos, diese Geschichte ist nicht nur die Schilderung einer unmöglichen Liebe, sondern das meisterliche Portrait eines Kulturkreises, einer in jeder Hinsicht neuartigen, intensiven Betrachtung über das Wesen des Mensches. Gleichzeitig revolutioniert und entkleidet er das Westerngenre, und zeichnet ein in ungeahnten Feinheiten festgehaltenes Bild einer schwulen Liebe, bei der die innere Enge, der Kampf gegen seine eigene Natur, im Konflikt mit den endlos weiten Landschaften steht: Hier werden künstlerische Mittel zu einem filmischen Unikat vereint, das seinesgleichen sucht - ein Film, dessen Wert beinahe unschätzbar ist.


Weitere tolle Filme dieses Jahres:

"Babel", "Walk the Line", "Syriana", "Alien Autopsy - Das All zu Gast bei Freunden", "Die Rotkäppchen-Verschwörung", "Jackass Nummer Zwei", "Mission Impossible III", "Breakfast on Pluto", "Wolf Creek" und "Die Erde von oben"