September 12, 2006

DVD: V FOR VENDETTA

Dass einem größeren Studiofilm, besonders wohl einer Comicverfilmung, nicht gleich das Prädikat „anspruchsvoll“ aufgestempelt gehört, lediglich weil das Niveau scheinbar über dem genreüblichem Zackbumbum liegt, ist auf James McTeigues „V for Vendetta“ übertragen tatsächlich nicht mehr als eine nahe liegende, zuweilen überflüssige Floskel, derer man sich nicht nur zu leicht bedienen möchte, sondern die eine bewusste Auseinandersetzung über die etwas plakative Oberfläche des Films hinaus meidet. Basierend auf den 80er Jahre Graphic Novels von Alan Moore („The League of Extraordinary Gentlemen“) kämpft darin die Titel gebende Figur V, gespielt von Hugo Weaving („The Lord of the Rings“), mit einem an Guy Fawkes – dessen Kampf gegen den antikatholischen König Jakob I. mit einem Attentat auf das Parlament enden sollte - angelehnten Kostüm gegen das totalitäre Regime Englands in der Zukunft.

Die Wachowski Brothers haben mit „The Matrix“ einen modernen Science Fiction-Mythos ins Leben gerufen, den sie binnen weniger Jahre ebenso eindrucksvoll wieder zu zerstören wussten. „V for Vendetta“ ist nicht nur dahingehend eine Überraschung, als er von Regieneuling McTeigue sorgfältig inszeniert ist, die Wachowskis opfern ihre zutiefst antiutopische Geschichte auch einmal nicht technischen Overkills, die sich spätestens in „Matrix: Reloaded“ verselbstständigten und die existentialistische Philosophie verpuffen ließen. Mit der Adaption des Comics über einen terroristischen Freiheitskämpfer zeichnen sie die Dystopie der Vorlage unheimlich konzentriert nach: Atmosphärisch beklemmend dicht wird der totale Staat konstruiert, ein System der Gleichschaltung und Indoktrination, der staatlichen Zensur und Planwirtschaft, der absoluten Überwachung und Kontrolle. Als diktatorischer Führer der Massenpartei brilliert John Hurt („1984“), der nur über Großbildschirme mit seinen Funktionären kommuniziert - weit weg vom realen Geschehen, distanziert vom alltäglichen Schrecken seiner Herrschaft.

“What was done to me was monstrous.” (V) -
”Then, they created a monster.” (Evey)

So vordergründig der Film das Regime und dessen Auswirkungen auch darstellt, so eindrucksvoll gelingen ihm die inneren Konflikte seiner Protagonisten, die Ambivalenz der Taten seines dunklen Rächers. Trotz einiger ins Banale abdriftender Dialoge zwischen V und der Widerstandskämpferin Evey Hammond (Natalie Portman, „Closer“), deren bedeutungsschwangere Inhalte die Ernsthaftigkeit des politischen Kontexts vermissen lassen, lebt der Film von seinen selbstreflexiven Figuren, die auch ihre eigene Individualität erst erkämpfen müssen. Die Mittel dafür sind die eines Terroristen: Wenn Evey durch V „angstfrei“ erzogen wird, in dem er sie durch die Hölle eines fiktiven Konzentrationslagers – einem selbst erschaffenen Abbild des Orts, an dem er einst zum gebrandmarkten Kämpfer wurde – schickt, wenn Bomben gelegt und Anschläge verübt werden, oder V die Medien für Propaganda missbraucht, ist das nicht nur ein Ausdruck des ewigen Käfigs, in den der totalitäre Staat seine Menschen sperrt, sondern es ist selbst purer Terror, ein sich Bedienen der gegnerischen Methoden. Brisanter Diskussionsstoff, den die Wachowskis hier bieten.

“A building is a symbol, as is the act of destroying it. Symbols are given power by people. A symbol, in and of itself is powerless, but with enough people behind it, blowing up a building can change the world.“

Dieses Widersprüchliche in der Figur V ist so reizvoll am Film. Der Zuschauer wird nicht unweigerlich aufgerufen, einer vermeintlich guten Opposition in den Kampf zu folgen, was auch den leichtfertig auf den Plan gerufenen Vorwurf, Terrorismus würde als legitimes Mittel propagiert, entkräftigt. Denn der Zuschauer lässt sich nur dann zum passiven Mitstreiter verklären, wenn er zu hinterfragen nicht bereit ist. Schließlich erkennt V zuletzt selbst, dass er im Verlauf seines anonymen Kampfes, seiner Suche nach einer neuen Identität die eigene längst verloren hat. Nur die Zerstörung von Symbolen, nicht weiterer Menschenleben, die Dekonstruktion einer totalitären Illusion kann die Freiheit herbeiführen. Die Schlusseinstellungen lösen den Widerspruch eines absoluten Kampfes gegen ein absolutes System bildgewaltig auf – eine naive Fantasie vielleicht, wie sie eben nur das Kino bereithalten kann. „Does it have a happy ending?” – “As only celluloid can deliver.”

Wertung: 9/10

Kommentare:

  1. oh das gefällt mir sehr! habe den Film damals im Kino nicht gesehen, warte artig auf das deutsche Steelbook. deine euphorischen Worte lese ich gerne.

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  2. Da dass mit uns ja eh nix mehr wird, hab ich mir den Streifen mal alleine angezogen! Tja, und er hat echt meine Jahres Top5 nochmal durcheinander gewirbelt. Ich bin schwer beeindruckt und V!

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  3. Ey, den wollten wir doch zusammen sehen. Tse...

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  4. Du, vorm ersten Sonntag 07 will ich aber auch noch Munich gesehen haben. My Fathers Den seh ich am Dienstag oder so!

    Ich muss noch soviel aufholen, und da du dich so rar machst... *g*

    frohes fest!

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