Mai 25, 2011

Kino: HANNA

Irgendwo in einer verschneiten finnischen Landschaft lebt das junge Mädchen Hanna (Saoirse Ronan) mit ihrem Vater Erik (Eric Bana). Perfekt aufeinander abgestimmt, heizen sie ihre Waldhütte mit Holz und ernähren sich von erlegtem Wild, und wenn Erik seine Tochter nicht gerade in verschiedenen Sprachen unterrichtet, bildet er sie zur mörderischen Nahkämpferin aus. Eines Tages kommt der Moment, an dem Hanna wissen möchte, warum sie und ihr Vater so leben und was denn eigentlich mit ihrer Mutter geschehen sei. Darauf hatte der ehemalige CIA-Agent Erik sie und sich selbst lange vorbereitet. Auf einer unausweichlichen Mission quer durch Europa muss sich Hanna gegen die gefährliche Geheimdienstlerin Marissa (Cate Blanchett) und deren eigenwillige Killerbande zur Wehr setzen, während sie neue Erfahrungen in einer ihr vollkommen unbekannten Welt macht.

Es ist unmöglich, Joe Wrights "Hanna" Treffend zu beschreiben, geschweige denn ihn angemessen zu ver- markten. Die Trailer suggerieren irrsinnig einen herkömmlichen Actionthriller im Luc-Besson-Chic, die Poster suchen eine gewisse ästhetische Nähe zu Hit-Girl aus "Kick-Ass". Dem Verleih kann man es nicht verübeln, er muss die amerikanisch-britisch-deutsche Koproduktion irgendwie über Mainstream- Wege an die Zuschauer bringen. Gleichwohl ihm genau das nicht gelingen wird, weil "Hanna" ein durch und durch europäischer Film ist, zudem mit aller Eigenart, und weil er unwillentlich Genre vorgibt, ohne jemals Genreerwartungen erfüllen zu können. Wenn überhaupt, ist Wrights vierte Regiearbeit ein archetypisches Kindermärchen, erzählt mit der Unerbittlichkeit des 21. Jahrhunderts.

Hanna zieht aus, um die Welt zu entdecken. Sie verlässt die Märchenhütte im verschneiten Nirgendwo, um sich auf eine traumähnliche Reise voller Gefahren und Unwirtlichkeiten zu begeben. Ihr Kampf gegen skrupellose Agenten markiert einen entscheidenden Übergangsritus in ihrem Leben, und am Ende muss sie sich der bösen Hexe stellen, um zu einer Identität zu finden. Wright erzählt "Hanna" als Initiationsabenteuer eines Teenagers und als Geschichte der Zivilisation, vom anfänglichen Leben in steinzeitlichen Verhältnissen bis hin zur Plattenbausiedlung in Berlin. Zuletzt begegnet das Märchen seiner eigenen Illusion: In den vermoderten Überresten des Spreeparks im Plänterwald landet die böse Hexe im Wolfsmaul einer Wildwasserbahn!

Dies ist einer der verrücktesten Schlussakte der jüngeren Filmgeschichte. "Hanna" ist von Beginn an konventionsloses Kino, das einen immer da hinführt, wo man es am Wenigsten erwartet. Er ist ein grenzenlos erfrischender Film, und endlich mal einer, der eine Originalgeschichte erzählt. Joe Wright, zwischen gepflegter Jane-Austen-Adaption und bekömmlichem Oscarmaterial bisher nur schwer als Autorentalent zu fassen, empfiehlt sich schlagartig als einer der aufregendsten europäischen Regisseure der Gegenwart. Sein visueller Stil ist der aktuell außergewöhnlichste im englischsprachigen Mainstream-Film, seine formale Experimentierfreude ein Hochgenuss für Freunde unprätentiöser Ultrakunst. Dass "Hanna" es vermutlich schwer haben wird ein Publikum zu finden, unterstreicht nur seine Einzigartigkeit. Laut Wright ist dieser Film immerhin von Ashbys "Being There", Herzogs "Kaspar Hauser" und Spielbergs "E.T." inspiriert – darauf muss man auch erst einmal kommen!


80% - erschienen bei: Reihe Sieben

Kommentare:

  1. Seine Bildsprache war bisher schon durchaus erwähnenswert, wenn auch nicht im Actiongenre und er hat die Gabe, aus seinen, vor allem weiblichen Hauptdarstellern das Maximum rauszuholen.

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  2. Ich freue mich schon wahnsinnig auf den Kinobesuch. Das ist tatsächlich mal ein Film, an den ich hohe Erwartungen habe - und wenn Du schon gefallen dran findest, muss mindestens ein kleiner, reizvoller Funken enthalten sein...

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  3. Ich hatte keine Erwartungen und wusste auch nichts über den Film. Mag sein, dass das ein Vorteil war. Nichtsdestotrotz: Viel Spaß damit!

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  4. Na mit dem Review stimme ich ja mal fast 100% überein. Mir hat der Schlussakt nicht mehr ganz so gut gefallen, da hat er sich für meinen Geschmack ein bißchen zu sehr in die Märchen-Idee verliebt - aber ansonsten ein erfrischend unkonventioneller Film voller liebevoller Ideen und spektakulärer Action!

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  5. Mr. Hankey26/5/11 12:15

    Stimme ebenfalls zu 100% zu. Auch wenn mir dieses Wort "Ultrakunst" langsam zum Hals raushängt, so trifft die Review voll und ganz den Kern des Films. Ich war letzte Woche bei der Sneak (als einziger) jedenfalls begeistert. Der Film spuckt sein Publikum durchgehend ins Gesicht und bietet nebenbei eine erstaunliche Action-Hatz und viele skurrile Momente. Und die Hauptdarstellerin Saoirse Ronan sollte man ebenfalls nicht auser Acht lassen. Sie spielt alle an die Wand egal ob Bana oder Blanchett! Tolles Kino!!! 8/10

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  6. Tsss... Wie kann einem das Ultrawort Ultrakunst nur zum Ultrahals heraushängen?

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  7. Verstehe ich auch nicht. Ein ganz normal gebräuchliches Wort, so wie "Meisterwerk" oder "Film".

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  8. Eben. Mir hängen Ultra-Unworte wie "Meisterwerk" oder "Meilenstein" auch schon zum Hals raus.

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  9. Teufel - Beelzebub 1:1

    (Ultra-)Spannende Partie :)

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  10. ???

    Wenn schon, dann bitte "Beelzebär".

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  11. @McKenzie: Diesmal zielte meine Bemerkung nicht gegen dich ;) Ich habe mich hier nur etwas über das Jargonduell Meisterwerk/Meilenstein vs. Ultrakunst lustig gemacht. Nix ernstes.

    @Hanna: Den Film hatte ich bis vor kurzem überhaupt nicht auf dem Schirm. Vielleicht, weil mir die inzwischen zahllosen Filme mit Killerthematik etwas auf den Keks gehen.

    Jetzt liest man fast unisono Gutes über "Hanna". Hm. Dann werde ich mich mal reinbewegen.

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  12. Und der Positionierung in deinen beiden korrespondierenden Posts zufolge sind also "Meisterwerk / Meilenstein" der Teufel und "Ultrakunst" der Beelzebub und damit das kleinere Übel? Ich bin entzückt - du machst Fortschritte!:-)

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  13. Die Erwartungen sind immer sehr hoch bei solchen Filmen, aber der Film gehört auf jedenfall angeschaut.., mal sehen..

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  14. Ganz wundervoller Film! Danke, dass Du mich ins Kino getrieben hast!

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  15. Der Film ist Klasse hat mir wirklich gefallen.
    Also es gab zwar nicht viel animationen und lange gespräche im film, aber das war auch das tolle daran es kam etwas realistischer rüber z.B. bei den kämpfen und war net so übertrieben wie bei gewöhnliche action filme. Die Soundtracks von my chemical brothers sind auch klasse gewesen hat echt gepasst in vielen Stellen. Ich mag so welche filme freu mich schon auf bourne 4 :p

    Ich hab mich glaub ich ihn Hanna(Saoirse Ronan) verliebt :D
    sie hat die Rolle als killerin echt cool gespielt^^ und sieht total süß aus xD

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  16. Ick habe mich ehrlich gesagt teilweise schwer gelangweilt... Und leider ist doch vieles nur Luc Besson Chic... ich sage nur die U-Bahn Szene z.B. viele Kulissen und Einstellungen erinnern sehr an ihn auch die Bomberjackenschlägergäng... vieles ist echt dreist kopiert. Schade.

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  17. Also "dreist kopiert" trifft's ja nun sowas von überhaupt nicht. Der Film ist allein stilistisch Lichtjahre entfernt von Luc Besson. Das sollte man nicht auf ein paar augenscheinliche Übereinstimmungen reduzieren. Besson ist Mist, Wright nicht. Das ist schon mal der markanteste Unterschied.

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  18. Hab ich Gang jetzt echt mit Ä geschrieben? Ich muss weg...

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  19. Ist jedenfalls mein Empfinden und meiner Meinung nach in vielen Szenen deutlich zu erkennen. Hatte den ganzen Film über das Gefühl alles schon dutzend mal gesehn zu haben.

    Und die Krönung war sicherlich der blondgesträhnte Superkiller mit den Berliner Umlandmöchtegernnazischlägern im Schlepptau. Diese GANG (haha) könnte alleine schon aus TAXI Teil 9 stammen.

    Der Plot ist auch total dünn.

    Lass doch einfach mal andere Meinungen gelten Rajko.

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  20. Ich finde nicht, dass der Plot bei HANNA eine Rolle spielt, da der Film sehr stark seiner Märchenstruktur verpflichtet ist (und Märchen erzählen nun einmal zunächst einfache Geschichten). Aber ich finde Plots ja sowieso eher unwichtig, vor allem, wenn die Inszenierung so fantasievoll und unkonventionell ausfällt wie hier.

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  21. Ich hatte zuerst hinter der Äußerung: Der Plot ist auch total dünn - in Klammern dahinter gesetzt: Hier sicherlich nicht so wichtig. Muss ich wohl gelöscht haben. Grundsätzlich leg ich auch kein großes Gewicht aufn super Plot. Viele der größten Filme haben meist eine simple Story. Das sollte hier nur als ergänzende Randnotiz empfunden werden.

    Unterm Strich hat er mir ja auch gefallen und es gab auch innovative Dinge, aber ich hab vielleicht zuviel erwartet...

    Die vielen Ähnlichkeiten zu Bessonfilmen kann man doch aber nicht leugnen, egal ob hier stilistischer oder nicht.

    Wozu gibt es eigentlich einen Huhu-hier-sind-wir-Knopf? :D

    Vielleicht verschließt sich mir momentan die hohe Kunst des Films, aber dann ist das eben so und diese Dinge gefielen mir nun mal nicht. :)

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  22. Kunst ist hier wahrscheinlich wirklich das Stichwort. HANNA ist mehr Kunst als gewöhnliche Filme in dem Kostensegment, wahrscheinlich hat er mir deshalb so unglaublich gut gefallen. Auf FB bezeichnete ihn ein Kollege recht treffend als "Actionkunstfilm", was den Vergleich zu Gebrauchsware von Besson und Co. meines Erachtens erst recht obsolet macht.

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  23. Ich guck ihn mir die Tage nochmal an. :)

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  24. Musst Du doch nicht, wenn er Dir nicht gefällt, gefällt er Dir halt nicht. :)

    Wenn doch, dann aber OV. Cate Blanchetts Deutsch ist göttlich.

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  25. Nein, nein ich tue das freiwillig. ^^

    DAS gehört auch zu den Dingen die mir gefallen haben. ;-) Es ist immer schwer in einer anderen Sprache Gefühle darzustellen, besonders solche! Tolle Szene! Obwohl sie in dem Moment die Hose an (bzw. die Waffe in der Hand) hat, ist sie dennoch emotional unterlegen. Die Deutsche (Namen weiß ich grad nicht) ist auch toll.

    Das er mir nicht gefällt, hab ich ja auch nicht gesagt nur irgendwie... eben deshalb will ich ihn nochmal sehn. :)

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  26. Habe den Film jetzt auch gesehen und freue mich, hier mal wieder ganz zustimmen zu können, was ja nicht allzu oft vorkommt.

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  27. könnte mal irgendwer konkret sagen, was an dem film gut sein soll? einfach irgendetwas. die britischen bustouris waren bspw amüsant, die nihilisten-gang war wiederum leider nicht überzeugend. 111 min. langeweile - *gna*

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  28. Gerade gesehen und ebenso begeistert wie du. Mein bisheriger Film des Jahres. :)

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