April 13, 2008

Retro: RAIDERS OF THE LOST ARK (1981)

In gewisser Hinsicht bildet "Raiders of the Lost Ark" eine spannende Ausnahme in Spielbergs Œuvre: Im Gegensatz zu seinen anderen Regiearbeiten ermöglicht der Film genauere Einblicke in die Charakteristika seines Inszenierungsduktus’, in die stilistischen Signaturen seines Filmschaffens, wie auch hinsichtlich des Kinos der 80er-Jahre, als dies bei seinen weiteren Produktionen der Fall ist. Hieran hat im Wesentlichen der geteilte Arbeitsprozess Anteil – der Film ist ein Gemeinschaftsprojekt der seinerzeit erfolgreichsten Regis- seure Hollywoods, George Lucas und eben Steven Spielberg, der eine in der Position des Ideengebers und Produzenten, der andere auf dem Regieposten. Die geteilten Credits der mächtigen Filmgiganten – niemand drehte während der 70er- und Anfang der 80er-Jahre erfolgreichere Filme als sie – versprachen in erster Linie einen neuen Maßstab im Unterhaltungskino, aber es ist, um auf die Eingangs- beobachtung zurückzukommen, der seltene Fall, dem Wunderkind der Traumfabrik in die Karten schauen zu können. "Raiders of the Lost Ark" ist kein 100%iger Spielberg-Film, sondern er funktioniert nur wie einer, was man der Lucasschen Intervention zuschreiben muss.

Spielberg hat mit seinen vorherigen Arbeiten bewiesen, dass es niemand besser versteht, große Geschichten im großen Stil zu erzählen. Er hat sich als Erneuerer des Kinos bewiesen, die digitale Inszenierung vorangetrieben und neue Rekordmarken überschritten, er hat einen Weg gefunden, komplexe Filmsprache mit Familienunterhaltung zu vereinbaren, und vor allem gelang es ihm nahezu ohne Unterbrechung, das Publikum für verschiedenste Stoffe zu begeistern, die er alle mit der gleichen vereinnahmenden Geschlossenheit aufbereitete. Spielberg gelang es, Geschichte über Ereignisse zu erzählen, die jede Ordnung aus dem Gleichgewicht bringen, um schließlich wieder zusammengefügt – und selten neu geordnet – ein versöhnliches Ende zu finden. Er harmonisiert, zerstört, harmonisiert, und es gelingt ihm ausnahmslos, den Zuschauer an seine Geschichten zu binden, ferner sogar die Wünsche des Publikums zu befriedigen, das er mitnimmt auf zwei Stunden Berg- und Talfahrt. Und hier liegt die Betonung: Mitnehmen. Spielberg schickt den Zuschauer nicht ins Abenteuer, er führt ihn an der Hand. Sein verlockender Eskapismus ist keine freiwillige Einladung, er ist eine feste Vereinbarung, die innerhalb der ersten Filmminuten stattfindet: Wer in einem Spielberg-Film auf seine Kosten kommen möchte, der muss seinem Schöpfer bedingungslos folgen, die Manipulation zulassen, um sich der streng vorgegebenen, aber genau deshalb leicht zugänglichen Unterhaltung zu ergeben.

In "Raiders of the Lost Ark" bleibt nicht einmal die Zeit, sich auf den Film einzulassen: Sofort bindet Spielberg den Zuschauer ans Geschehen, indem das Berg-Logo des Verleihs Paramount unmittelbar in die Szenerie übergeht und sich als Bestandteil in sie einfügt. Wenn man nun nicht bereit ist, sich in dieses abenteuerliche Setting fallen zu lassen, wird man für die nächsten zwei Stunden vermutlich nicht auf seine Kosten kommen und außen vor bleiben. In den wenigsten Fällen hingegen dürfte es nicht gelingen: Angelehnt an die Pre-Title-Sequenzen der James Bond-Filme eröffnet der Film mit einer rasanten, für sich stehenden Schatzsuche, die das Tempo der Handlung angibt, die zentrale Figur Indiana Jones einführt und in ihren naiv-abenteuerlichen Fallen- und Hindernismanövern, der Etablierung erster Bösewichte und Heldentaten einen Vorgeschmack liefert auf die etwas cheasige Präsentation des Films, der sich augenscheinlich an alten B-Serials orientiert. Wer bei so vielen verlockenden Angeboten ein Einsteigen ins Abenteuer ablehnt, der muss resistent gegen die verführerische Macht der Hollywood-Unterhaltung – oder prinzipiell nicht bereit sein, sich auf Spielbergs manipulatives Spiel einzulassen.

Schon die ersten Szenen des Films kokettieren zu Recht mit ihrer Brillanz: Während Douglas Slocombe den Dschungel als stark Hintergrund beleuchtete, exotische Spielwiese photographiert, mit starken Schattierungen und gleißendem, direkt in die Kameralinse einstrahlenden Licht (ein typisches Spielberg-Element, das geradezu gewitzt dessen Verblen- dungstaktiken offenbart), treibt John Williams’ Partitur unaufhörlich Höhepunkt an Höhepunkt, unterstützt vom allzu militaristischen Titelmarsch, der oftmals das wesentlich komplexere Schatzthema verdrängt, das Williams für die Bundeslade – jenes archäologische Fantasiegebilde, in dem die Steintafeln der Zehn Gebote lagern sollen – komponiert hat. Spielbergs Stammcutter Michael Kahn hält das Geschehen derweil vorbildlich zusammen, sein Schnitt ist nicht nur auffällig prägnant, sondern verleiht dem Film seine elementarste moderne Note: Die Actionszenen werden zumeist über den Schnitt choreographiert, was mittlerweile ein ebenso gängiges wie ödes Verfahren im Genre darstellt. Die Frische ist hier jedoch noch deutlich zu vernehmen, und darüber hinaus kombiniert Spielberg seine aus dem Schnitt resultierte Rasanz mit einigen bombastischen Explosionen, die bezeichnenderweise jedoch oft nur im Hintergrund stattfinden.

Immer wieder kehrt im Film ein zentrales Motiv zurück: Indiana Jones erscheint auf der Bildfläche nur als Schatten, meist übermächtig (am stärksten in der Einstellung, die seine Gefährtin Marion in ihrer Absteige von Kaminfeuerlicht umhüllt zeigt, ehe sich die große Silhouette ihres Verflossenen Jones über sie legt). Dies ist ein ebenso wirkungs- wie stimmungsvoller Versuch, die Figur als ikonischen Helden festzulegen, der so überlebensgroß ist, dass sein eigener Schatten ihm vorauszueilen scheint. Mit Indiana Jones als Archäologieprofessor, der neben seiner Lehrtätigkeit im Anzug auch gern mit lässigem Schlapphut und Peitsche Actionabenteuer besteht, gelingt Spielberg/Lucas hier ohnehin die Erschaffung eines Archetyps, der den Erscheinungsstil des Actionhelden im Kino der 80er-Jahre entscheidend prägen sollte. Zwar wurde die Kombination aus Intelligenz (Jones als gebildeter Akademiker), Einfühlungsvermögen (ein Playboy, der die Frauen reihenweise schwach macht) und Hartnäckigkeit (niemand kann dem Helden tatsächlich etwas anhaben) abgesehen vom offensichtlichen Vorbild James Bond eher selten aufgegriffen – weshalb sich die Serie auch noch heute so großer Beleibtheit erfreuen dürfte –, doch Einzelmerkmale avancierten zu festen Bestandteilen des Männer/Helden-Kinos, vor allem die unmenschliche Belastbarkeit der Figur, die fast comicartig übersteigert wirkt.

Übersteigert sind auch die klar abgetrennten Bösewichte, in diesem Fall die Nazis, die für ihren Führer Adolf Hitler nach der Bundeslade suchen, um dessen Faszination fürs Okkulte und einem Streben nach Übermacht Folge zu leisten. Es hat durchaus etwas Geschmackloses, die Verbrechen der Nationalsozialisten komplett auszublenden bzw. das NS-Wesen ohnehin außen vor zu lassen, um sich lediglich ihres Kontexts für eine triviale Pulp-Geschichte zu bedienen. Erstaunlicherweise beansprucht der Film mit seiner Darstellung der Nazis als Karikaturen aber Unglaubwürdigkeit, die zugunsten der Unterhaltung vom Publikum auch ohne Einwände hingenommen wird. "Raiders of the Lost Ark" relativiert diese fahrlässig lesbare Unbefangenheit hingegen mit einem wüsten Mix aus Mystik und Religion, der den Glauben an Übernatürliches – Nazis, die für ihre Verbrechen (bzw. ihren imaginären Akt des Holocausts) von toten (jüdischen?) Seelen heimgesucht und bestraft werden – mit dem Glauben an Religion – die Lade als Träger der Zehn Gebote – mehr oder weniger gleichsetzt. Obwohl das Finale tricktechnisch beeindruckend inszeniert ist, entbehrt es nicht einer gewissen Komik, wenn man sich die naiv zur totalen Trivialität reduzierte Ernsthaftigkeit, auf der das Szenario fußt, vor Augen führt. Spielberg geht in seiner ungleich ambitionierteren Auseinandersetzung mit dem Thema später in "Schindler’s List" erstaunlicherweise oder vielleicht auch erwartungsgerecht sehr ähnlich um.

Wie überhaupt alle Spielberg-Arbeiten ist auch "Raiders of the Lost Ark" überaus ideologisch, ohne dass seine unkonkreten, aber an manchen Stellen deutlich erkennbaren politischen Bezüge und Geschlechterbilder den Spaß an ihm berührten. Dass Karen Allen eine gänzlich auf ihre Reize heruntergeschraubte, sich fast bei jeder Gelegenheit prostituierende, hysterische Schreikuh bleibt, obwohl ihre Figur auch mit scheinbar selbstbewussten, eher aber selbstgerechten Zügen ausgestattet ist, verrät einiges über Spielbergs Frauenbild, doch ist die toughe Besitzerin einer Bar in Nepal nichts gegen das blonde Dummchen, das er dem Helden in der Fortsetzung zur Seite stellen wird. Es gibt tatsächlich nur einen wirklichen Moment, der bedenklich ausfällt, und in dem der Film seinen Zeitgeist widerspiegelt. Es handelt sich dabei um den sicherlich eingängigsten Gag, als Indiana Jones aus der Not eine Tugend macht, und einen bedrohlichen Araber, der wild mit einem Krummsäbel hantiert und damit die ultimative, medial codierte Klischeevorstellung des fremden, orientalischen Bösen repräsentiert, nach kurzer Überlegung einfach erschießt. Diese Überlegenheit, die der Jones-Figur hier durch Cleverness und einen klassischen Revolver zur Hilfe auferlegt wird, ist in ihrer Abschätzigkeit und geradezu beispielhaften Ausdrucksform für die Feindbilder des 80er-Jahre-US-Kinos auch nicht mit dem ausgestellten Unernst zu entschuldigen, der die gesamte Konstruktion des Films sonst zusammenhalten mag. In der Fortsetzung übersteigern Spielberg und Lucas ihre mitunter doch ernster als vielleicht angenommen gemeinten Klischeebilder noch, wenn sie die Inder als primitives Klagevolk abstempeln (was Spielberg nach eigener Auskunft heute immerhin sehr peinlich sei).

Doch es bleibt bei aller nüchterner Analyse und Desillusion ein großes Erlebnis, diesem ersten Abenteuer Indiana Jones’ zuzuschauen. So sehr Spielberg den Zuschauer einspannt und damit in seiner eigenständigen Rezeption behindert oder zumindest zu behindern versucht, so sehr erweist er sich als Meister großer Geschichten, dichter Erzählungen und gigantischer Spektakel. "Raiders of the Lost Ark" ist beachtlich inszeniertes, technisch niveauvolles Kino, ebenso kurzweilig wie komisch, so vereinfacht wie albern; ein stilbildender Film, noch heute so modern wie alles, mit dem Hollywood genau diese Form des großen Entertainments zu vervielfältigen sucht. Spielberg hingegen kann es nur einmal geben – und das ist in mehrfacher Hinsicht auch in Ordnung.


80%

Kommentare:

  1. Wenn man nun nicht bereit ist, sich in dieses abenteuerliche Setting fallen zu lassen, wird man für die nächsten zwei Stunden vermutlich nicht auf seine Kosten kommen und außen vor bleiben.

    Kann mir schwerlich vorstellen, dass jemand bei RAIDERS nicht auf seine Kosten kommt. 80% ist fast schon Blasphemie, schließlich handelt es sich hierbei um DEN ultimativen Abenteuerfilm. Tz, Rajko, die Bestbewertung bekommt bei dir wohl nur noch der Anderson... ;)

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  2. Kann mir schwerlich vorstellen, dass jemand bei RAIDERS nicht auf seine Kosten kommt.

    Lies mal weiter, genau das habe ich doch auch geschrieben.

    80% ist fast schon Blasphemie, schließlich handelt es sich hierbei um DEN ultimativen Abenteuerfilm.

    Quatsch. Also der Standard an Abenteuerfilmen wurde nun wirklich lange vorher gesetzt, zum Beispiel von Michael Curtiz oder George Stevens. Nie GUNGA DIN gesehen?

    Tz, Rajko, die Bestbewertung bekommt bei dir wohl nur noch der Anderson... ;)

    Davon abgesehen, dass Anderson bislang noch nie die Bestbewertung von mir bekam, muss man seine sentimentalen Scheuklappen aus der Jugend auch irgendwann mal in ein gesundes Verhältnis (ab)setzen. Als Kind war Indy für mich auch der größte, aber heute haben wir ja ein Gehirn zum Benutzen, und das ermöglicht es uns, den Film vielleicht zu durchschauen?!

    Btw: 80% sind bei mir schon so etwas wie die Höchstwertung. ;)

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  3. PS: Witzig, dass du mich immer als Spielberg-Fanboy abgestempelt hast - fragt sich nur, wer von uns beiden eigentlich der Fanboy ist. :P

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  4. Nie GUNGA DIN gesehen?

    Nö :)

    fragt sich nur, wer von uns beiden eigentlich der Fanboy ist.

    Ich habe mehrfach zugegeben, dass ich den Spielberg vor LOST WORLD "vergöttere", bin ja scheinbar auch der einzige, der HOOK gut fand. TWIX OF THE LOST ARK ist einfach ein Klassiker, wie JURASSIC PARK, Scheuklappen hin oder her ;)

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  5. Ganz großes Kino voller Typen. Oft kopiert und nie erreicht, nicht einmal von seinen eigenen Fortsetzungen. Mindestens 80%:D

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  6. Ja, eben. Mindestens und maximal. ;)

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  7. ihr habt doch alle nen Schatten:-)
    Indiana Jones, mit dem lebenden Altherrenwitz Ford, inszeniert vom infantilen Spielberg und geschrieben vom schlechtesten Autor den die Filmwelt je hervorbrachte.

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  8. Bin auch kein Kasdan-Fan, aber die Drehbücher zu JEDI und BODY HEAT sind ja wohl brillant!

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  9. KAsdan ist super, aber was hat er mit Indy zu tun?

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  10. Och, nicht viel, er hat nur das Drehbuch geschrieben. ;)

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  11. naja ich bezog mich halt mehr auf den ollen George.

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  12. Lucas der "schlechtesten Autor den die Filmwelt je hervorbrachte"? Also dein Romero-Spott ist das eine, aber hier hört der Spaß auf! :P

    Aber wie dem auch sei: Geschrieben hat er den trotzdem nicht.

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