April 22, 2008

Retro: THE LAST CRUSADE

Was ich dem viel gescholtenen zweiten Film der "Indiana Jones"-Serie wohlwollend angerechnet hatte, nämlich seine Eigenständigkeit, sein Nicht-Wiederholen der Erfolgsformel, das gilt für "Indiana Jones and the Last Crusade" nun nicht mehr: Er knüpft an den Originalfilm an und lässt den Vorgänger verdutzt wie einen albernen Exkurs zurück. Das muss ihm folgerichtig zum Nachteil ausgelegt werden, denn Spielberg und Lucas bedienen sich so stark der Muster von "Raiders of the Lost Ark", dass sie diese lediglich neu auszufüllen brauchen. Grundsätzlich bietet Teil drei der Abenteuer-Saga demnach nur Altbekanntes: Die Suche nach einem heiligen Relikt des Christentums, zahlreiche Schau- plätze, Nazi-Schergen. Der Film probiert im Gegensatz zu "Indiana Jones and the Temple of Doom" nicht viel neues, er bewegt sich auf sicherem Terrain, und das bekommt ihm nicht gut, gar nicht gut sogar, denn als einziger der Serie weist er markante Leerstellen und regelrecht langatmige Momente auf.

Geradezu prägnant gleich in einer erstaunlich langen Szene im ersten Drittel, die die obligatorische Einführung des Suchobjekts bildet: Dem Helden Jones wird die Suche nach dem Heiligen Gral bzw. seinem Vater aufgetragen, vom listigen Walter Donovan, einer den Nazis zuspielenden Figur. Minutenlange Dialoge erklären das Drumherum, die Vorge- schichte, den Auftrag, das Ziel, und Spielberg arbeitet hier geradezu erschreckend einfallslos. Der Meister des visuellen Erzählens ergeht sich in statischen Dialogen, in ellenlangen Erklärungen, die er in den Vorgängern noch gründlich vermieden und durch geschickte Ausschmückungen wesentlich temporeicher vermittelt hatte. Und immer wieder begegnen einem im Film derlei unnötige Regieaussetzer, Momente, die natürlich nicht "falsch" im filmischen Sinne sind, aber die man von Spielberg nicht gewohnt ist, weil sie auf denkbar einfachste Weise umgesetzt wurden. Kombiniert mit dem Umstand, dass der Film auffällig einer ähnlichen Dramaturgie folgt wie der erste Teil und dadurch mitunter vorhersehbar wirkt, ist dies ein Beleg für die insgesamt etwas uninspirierte Gangart von "Indiana Jones and the Last Crusade". So als wäre die Luft allmählich raus aus dem Stoff.

Es gibt lediglich ein Element, das der Film neu mit einbringt: Den Vater des Helden, seinerseits ebenso Archäologe, jedoch ungleich weniger abenteuerlustig, als vielmehr ein Bücherwurm. Dass Dr. Jones sr. mit Sean Connery besetzt wurde, ist zweifellos die beste Entscheidung, die der Film treffen konnte. Den Ur-Bond-Darsteller als Vaterfigur einer Bond-Alternative zur Seite zu stellen, das ist in der Tat komisch, fast schon ein Selbstläufer. Und entsprechend dynamisch sind die gemeinsamen Momente zwischen Ford und Connery, sie zählen mit Abstand zu den amüsantesten Teilen des Films, da muss Spielberg streng genommen nur noch draufhalten und machen lassen (Connery verlieh der Figur ein eigenes Profil, änderte sie und improvisierte viele Szenen). Hinter dieser Kombination verbirgt sich der Ansatz, im dritten Abenteuer nun ein wenig in die Tiefe zu gehen, der Figur neue Seiten abzugewinnen und ihre Herkunft anzudeuten. Doch es muss klar sein: Dieser Film schwenkt seine Scheinwerfer hier und da mal hin und zurück im Leben des Indiana Jones, aber er erklärt freilich nichts, das wirklich etwas zur Sache täte: Die, inszenatorisch lediglich solide, Exposition offenbart augenzwinkernd manch ausschmückendes Detail, etwa wie ein junger Indy (gespielt von River Phoenix) sich seine Narbe zuzog oder woher seine Schlangenphobie rührt. Aber wenn es darum geht, Licht ins Dunkel des selbst geschaffenen Mythos’ der Figur zu bringen, dann bleibt es verständlicherweise bei lakonischen Einwürfen. Auf den Punkt bringt dies jener Moment, in dem Vater und Sohn in einem Zeppelin Zeit für ein ruhiges Gespräch finden, das Indy dazu nutzen solle, seinem Herrn Papa doch einmal dessen viel zitierte Fehler aufzuzeigen – ihm jedoch gar nichts einfällt. So wie dem Film vermutlich auch nicht.

Interessant indes, dass dieser dritte Teil in gewisser Hinsicht den ödipalen Kreis schließt. War "Raiders of the Lost Ark" zumindest in der Hinsicht ein eher untypischer Spielberg-Film, als er nicht von einem Grauen berichtete, das über den familiären Raum hereinbrach, und von einer männlichen (oft auch patriarchalischen) Figur gegen alles Heimische verteidigt werden musste, sondern im Gegenteil sogar einen Helden etablierte, der sich allen konventionellen Vorstellungen von Familie zu widersetzen schien, so verlagerte Spielberg diese eigentliche Motivkonstante ein wenig, und zwar von Teil zu Teil stärker. Während der erste Film zeitweilig die Freundschaft zwischen Indy, Marion und dem gutmütigen Sallah als Gemeinschaft ins Blickfeld rückte, bildete schon die Fortsetzung deutlichere Muster heraus: Indy avanciert zu einer Art Vaterfigur für den kleinen Short Round, dem mit der Sängerin Willie auch noch ein mütterlicher Bezugspunkt geboten wird. So steht im Mittelpunkt von "The Temple of Doom" eine Ersatzfamilie, die sich gegen dämonische Kräfte zur Wehr setzen muss, sich der Film also zwar leicht verändert, aber prinzipiell doch dem typischen Spielberg- Schema fügt. Hier nun vereint sich die überschaubare Jones-Familie ganz konkret, um das Abenteuer durchzustehen: Es geht um die Familie, die sich bewähren muss.

Spielberg-Humor: Indy trifft den Führer

Und unglücklicherweise ist das der absolute Schwerpunkt von "Indiana Jones and the Last Crusade". Denn wie sich zunehmend herausstellt, ist die Suche nach dem Heiligen Gral nur ein ziemlich übler McGuffin, ein Aufhänger für die eigentliche Suche nach einem guten Vater-Sohn-Verhältnis. Alle Bewährungsproben in diesem Film haben keine die Handlung vorantreibende Funktion, keine wirkliche erzäh- lerische Bedeutung, sondern dienen vielmehr einem Zueinanderfinden von Jones sr. und jr., einer Festigung des familiären Stranges. Umso unnötiger erscheinen Szenen wie die oben bemängelte, in denen der Film ausgewälzt seinen Gegenstand erklärt, der doch gar nichts zur Sache tut. Und hier unterscheidet sich dieser dritte Teil dann vielleicht doch stark von den Vorläufern, die sich als Camp-Produkte, als naive Schatzsucherfilme verstanden, und ihre Geschichte durchaus ernst nahmen im Sinne einer Spannungsdramaturgie: Werden sie die Bundeslade finden, an sich reißen und vor den Nazis versteckt halten, werden sie die heiligen Steine wiederbeschaffen und das indische Dorf vom Schrecken des Kali-Kults befreien können – diesen Fragen steht nun ein größeres Anliegen gegenüber: Wird es Vater und Sohn gelingen, ihre Beziehung ins Lot zu bringen und darüber alle Abenteuerlust aufzugeben. Indiana Jones ist jetzt quasi der Held eines Charakter-, nicht mehr Ausstattungs- und Eventfilms.

Das können auch die vielen Actionszenen, die absurden Situationen (ein Kampf zwischen Pferd und Panzer!) und durchaus gelungenen Abenteuermomente nicht verbergen, wenngleich sie selbst aufgrund der unbeholfenen CG-Tricks, die scheinbar noch in den Kinderschühchen steckten, ebenfalls nicht an die Vorgänger anknüpfen können. Und auch einem so großartig daneben gegangenem, arg peinlichem Einfall, Indy auf Hitler treffen zu lassen, gelingt das nicht. Das ziemlich überschaubare Finale schließlich konzentriert sich ausschließlich auf das Vater-Sohn-Band, der Schatz als solcher will nur gefunden werden, um den verletzten Jones sr. mit seinen heilenden Kräften zu retten. Den extrem albernen Ton dieses christlich-mythologischen Unterbaus einmal außen vor gelassen, enttäuscht "Indiana Jones and the Last Crusade" hier mit seiner fehlenden Konzentration auf das eigentliche Abenteuer, das noch die beiden Vorgänger so wunderbar bedienten. Spielberg und Lucas hatten hier wohl schlicht etwas mehr vor, etwas wichtigeres, ernsteres, höhergestelltes – vielleicht als Reaktion auf die Kritik am zweiten Film, oder vielleicht auch deshalb, weil Spielberg Ende der 80er-Jahre einfach schon viel zu sehr Spielberg war, als dass er ganz auf die naiv unbeschwerte Kraft seines Peter-Pan-Impulses hätte vertrauen können.


60%

Kommentare:

  1. WTF, der steht ja Bewertungstechnisch auf einer Stufe mit dem grausigen IRON MAN. Rajko, du bist von allen guten Geistern verlassen. Da kannst du dem vierten eigentlich nichts besseres als 40%, ich bin auf deine kommende Wertung gespannt ;)

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  2. Die Suche nach einem heiligen Relikt des Christentums

    Eigentlich handelt es sich bei RAIDERS um ein Relikt des Judentums :P

    enttäuscht "Indiana Jones and the Last Crusade" hier mit seiner fehlenden Konzentration auf das eigentliche Abenteuer

    Wieso, die letzten vier Absätze hast du doch kritisiert, dass dieses Abenteuer einzig aus der Vater-Sohn-Beziehung besteht?

    Wenn ich das recht verstehe, ist dein einziger Kritikpunkt, der zu den 60% führt, der, dass du selbst nichts mit der Vater-Sohn-Thematik anfangen konntest. Wie du ja so oft dir die Familienstruktur von Filmen raussuchst und den Film daran zerredest ;)

    Empfand den Film immer als gelungen Abschluss der Trilogie, das Treffen mit Hitler war dabei das Tüpfelchen auf dem I und River Phoenix ruled sowieso total und überhaupt. Kann wirklich nicht nachvollziehen, warum du diese alten Meisterwerke Spielbergs so schlecht bewertest und dafür bei einem Scheißdreck wie WOTW so dermaßen abgehst. Aber das sei dir überlassen, ich nehme mein Spielberg-Fanboy dir gegenüber jedoch zurück, allmählich glaube ich, dass du außer War of the Worlds gar keinen Film von ihm magst :D

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  3. WTF, der steht ja Bewertungstechnisch auf einer Stufe mit dem grausigen IRON MAN.

    Derartige Bewertungsvergleiche sind ja nun mal mehr als unsinnig.

    Da kannst du dem vierten eigentlich nichts besseres als 40%

    Welcher Logik folgt das jetzt? ;)

    Eigentlich handelt es sich bei RAIDERS um ein Relikt des Judentums :P

    Oh, das stimmt. Na ja, egal. Alles der gleiche Mumpitz. *g*

    Wieso, die letzten vier Absätze hast du doch kritisiert, dass dieses Abenteuer einzig aus der Vater-Sohn-Beziehung besteht?

    Das "eigentliche Abenteuer" ist für mich aber die Suche nach dem Gral, und das ist wie gesagt nur so ein Aufhänger für 'ne typische Weichspühler-Story, wie sie Spielberg ganz gerne mal erzählt, wenn er nach mehr strebt.

    Der Film ist mir nicht trivial genug, was DAS angeht.

    Kann wirklich nicht nachvollziehen, warum du diese alten Meisterwerke Spielbergs so schlecht bewertest und dafür bei einem Scheißdreck wie WOTW so dermaßen abgehst.

    Meisterwerke. LOL

    Ich gehe nicht "dermaßen ab" bei WOTW, ich fand den nur ziemlich gut, mehr nicht.

    Aber das sei dir überlassen, ich nehme mein Spielberg-Fanboy dir gegenüber jedoch zurück, allmählich glaube ich, dass du außer War of the Worlds gar keinen Film von ihm magst :D

    Ich habe mich doch Spielberg hier noch gar nicht richtig gewidmet. Und hallo? 60% sind eine gute Wertung, wie ich CRUSADE auch immer noch recht anständig finde. Und zu Spielbegr erzähl' mir mal nichts: E.T. gehört immer noch zu meinne Top10 alltime-favourites, JAWS ist der Wahnsinn, CLOSE ENCOUNTERS super, DUEL beachtlich und so weiter. SCHINDLER'S LIST finde ich im Gegensatz zu vielen auch toll, trotz seiner Macken. ;)

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  4. Welcher Logik folgt das jetzt?

    Dank Shia wird es wohl wieder ne Vater-Sohn-Sache und selbst wenn nicht dennoch ein derbes Buddy-Movie. Zudem wird sich der Film wieder an deiner in Temple of Doom charakterisierten Familienstruktur (Vater-Mutter-Kind) orientieren und wenn du dem 3. vorhälst so zu sein wie der 1., musst du dem 4. dann vorhalten so zu sein wie der 2. - meiner Ansicht nach, hast du dich mit deinen Reviews hier selbst in eine Ecke gedrängt, die jegliche Bewertung für CRYSTAL SKULL über 60% zur reinen Heuchelei verklärt ;)

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  5. Rudi, Mensch, du kannst ja richtig subversiv sein. LOL

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  6. Bin selbst überrascht *g*

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  7. Ganz sicher leidet der Film unter seiner ein wenig zu lang geratenen Exposition, da gebe ich dem Chef hier uneingeschränkt Recht. Aber was soll man sagen, The Last Crusade ist genau das, was man von einem Spielberg/Lucas Blockbuster damals erwartete. Ich finde ja, wirklich gesehen haben muß man nur die Jagd nach der Bundeslade. Die knackigste Jagd von allen dreien;)

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  8. Nee, die Sankara-Steine fand ich dann doch noch etwas jagenswerter. ;)

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  9. ich mag hier gar nicht mehr reinklicken, jetzt wird auch noch Jaws zum Meisterwerk erklärt :-)

    ich glaub ich muss sofort auf die Jagd nach dem grünen Diamanten gehen!

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  10. Hmm, einiges an dieser Rezension hat mich wirklich zum Nachdenken gebracht.

    Unter anderem der Aspekt, dass im 3. Abenteuer nur alter Kaffee aus dem 1. Teil aufgewärmt wurde. Ich habe das eher gesagt immer als eine Art der Rückbesinnung auf "alte Stärken" betrachtet.

    Wirklich bedenkenswert finde ich dann auch den Aspekt, dass dieser Film etwas "wichtigeres, ernsteres, höhergestelltes" vorhaben könnte. Auf der Anderen Seite könnte man natürlich argumentieren, dass die Einführung einer Person, welche Indiana Jones so nahe steht wie sein Vater, ein gewisses "Menscheln" unvermeidlich werden lässt.

    Insgesamt gesehen finde ich den 3. Teil von Inidana Jones ziemlich gelungen. Dies liegt aber vor Allem, und da muss ich ganz ehrlich sein, an den Szenen mit Sean Connery...

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  11. @j.m.k.:

    Wenn das so weiter geht, bekommst du Hauverbot. ;)

    @c.h.:

    Geht mir auch so, Connery ist nahezu die ganze Miete.

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  12. park chan-wookie23/4/08 20:08

    Mangelhafte religiöse Recherche, Connery die ganze Miete, Meisterwerkstatus beLOLt...

    Das hier gehört alles in die Bundeslade gesperrt und in der hintersten Reihe dieser ominösen Lagerhalle abgeladen.

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