März 31, 2008

Kino: [REC]

Schwer vorstellbar, dass dieser Film knapp 30 Jahre nach "Cannibal Holocaust", 10 Jahre nach "The Bair Witch Project" und inmitten einer auffälligen Neuorientierung nach alter Orientierung von "Cloverfield" bis "Diary of the Dead" noch davon ausgeht, er würde einzig durch seinen Effekt des vermeintlich Realen schon überzeugen können. Man es also für bare Münze nehme, dass hier eine spanische Reporterin und ihr Kameramann eine Dokumentation über die Feuerwehr und ihre Arbeit bei Nacht drehten, die sie zu einem Einsatz in einem alten Wohnhaus führen und sie dort zu Zeugen seltsamer Auswirkungen einer Infektion machen würde. Und dass wir hier nun ungeschnittenes, authentisches Rohmaterial zu sehen bekämen.

Nein, das will man den beiden Regisseuren Jaume Balagueró und Paco Plaza auch gar nicht unterstellen. Nur leider bietet ihr Film "[Rec]" nicht viel, das über diese Annahme hinausginge. Denn so originell, oder sagen wir: hübsch variiert, es zunächst scheinen mag, das bekannte Mockumentary-Szenario als Zombiefilm mit den Mitteln der Fernsehreportage aufzuziehen, so vernarrt ist das Vorhaben letztlich in die ewig gleichen Mittel. Da wird schon gewackelt, selbst wenn der Film noch den regulären Teil der Dokumentation vorzugeben versucht, werden die bekannten Verzerrer, Tonaussetzer und Bildstörungen montiert, und wird trotz grundsolider Ausgangsidee wieder einmal versäumt, den gesamten konstruierten Vorgang plausibel zu erklären. Denn auch wenn es in "Cloverfield" kürzlich noch weitaus weniger nachvollziehbar erschien, warum die Teenmeute ihre eigene Sicherheit hinter schnieke Camcorder-Bilder des zerstörten New Yorks anstellte, so erstickt jede innere Logik auch in "[Rec]", wenn der Kameramann eher draufhält, wie seine Kollegin angegriffen wird, als das lästige Teil einmal wegzuschmeißen und ihr zur Hilfe zu eilen.

Es stellt sich ganz einfach die Frage nach dem Sinn eines solchen Werks, das die konventionelle Filmsprache aufgibt, um ein neues formloses, gleichzeitig wiederum doch streng formelles Kino zu bedienen, das eigentlich nur Fernsehen bietet. Hüte sich, wer Filmen wie "[Rec]" unterstellt, sie würden den Nerv der Zeit treffen, indem sie das demokratische Massenmedium Internet thematisierten und reflektierten. Zwar wäre dies tatsächlich der einzige Ansatz, um die momentan höher frequentierten Fake-Doku-Filme mit Wackeloptik zu erklären und in gewisser Hinsicht zu legitimieren, nur genau hier lässt sich zumindest "[Rec]" nicht fassen: Denn er lügt. Er konfrontiert den Zuschauer ja gar nicht mit ungefilterten Bildern aus Extremsituationen, er zeigt kein ungeschöntes Material, zwängt einen gar nicht hautnah in eine Eskalation von Menschen, die wie Tiere übereinander herfallen. Das alles gibt dieser Film nur vor, "[Rec]" nutzt die Möglichkeiten seiner Form nicht.

Im Prinzip spulen Balagueró und Plaza hier nur unentwegt Genreklischees ab, sie filmen eine strenge Genresituation mit strengen Genremitteln. Grundsätzlich unterscheidet sich der Film nur durch seine vorgegaukelte Ernsthaftigkeit, die er meist unfreiwillig komisch, denn gelungen mit hektischem Firlefanz unterstreicht, von gängigen Zombievehikeln wie "28 Weeks Later". Die ganze Form wird zur Pose ohne Bedeutung. Würde "[Rec]" tatsächlich an den Zeitgeist appellieren, an die Jeder-ist-sein-eigener-Regisseur-Mentalität der YouTube- Generation, dann müsste er auch die inhaltlichen Konven- tionen hinter sich lassen. Dann gäbe es keine gruseligen, stimmungsvollen Schockszenen und keine typmäßig ausgewählten Figuren, sondern dann würden wir Bilder zu Gesicht bekommen müssen, die wahrlich verstörend sind. Bilder, wie sie echte Menschen in echten Horrorsituationen drehen. Bilder also, wie man sie täglich bei LiveLeak sehen kann.


40% - erschienen bei: DAS MANIFEST

Kommentare:

  1. gut, abgesehen davon das ich das ding auch gut aufgezogen fand: Wann gab es das letzte mal solche Goreszenen ohne Schnitt? Also zumindest DAS muss man dem Film doch anrechnen, wenn man ihn schon krampfhaft schlecht finden möchte. :-)

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  2. Der Film wird ja überall über den Klee gelobt. Aber ich muß sagen, daß mir das Konzept auch nicht sonderlich gefällt. Der einzige Film bei dem es tatsächlich funktionierte war meines Erachtens Blair Witch, der bezeichnender Weise auf jegliche Schmodderszenen inklusive Monster verzichtete. Und seien wir mal ehrlich, hat sich Cloverfield genau aus den von Dir genannten Gründen nicht letztendlich der Lächerlichkeit preis gegeben? Der Film hätte doch konventionell gedreht etwas ganz Großes werden können. Subjektivität erreicht man ja nicht nur mit der Handkamera;)

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  3. @Timo:

    Ich habe da ehrlich gesagt keinen Gore wahrnehmen können, das bisschen Blut, dass man da im digitalen Klötzchen-Geschwenke gesehen hat, war doch nun echt kein Hit. Die KJ-Freigabe ist sowieso der absolute Brüller.

    Vergleicht man das mal mit den minutiös geplanten Shoot-Outs (seien sie digital oder nicht bearbeitet), die da ohne Schnitte zuletzt in CHILDREN OF MEN zu sehen waren, ist das doch eher unter semi-interessant abzuheften.

    @tumulder:

    Hast ja völlig Recht. Ich habe CLOVERFIELD auch eher als naiven, durchaus spannenden und sehr waschechten Monsterfilm gemocht. Die Kritik an der Form müsste natürlich auch dort angebracht werden, aber hier hat [REC] die Arschkarte, ich habe ihn später gesehen. *g*

    BLAIR WITCH fand ich auch großartig, wirklich sehr, sehr toll, aber natürlich super dated, ein Einzelphänomen, was es auch bleiben sollte.

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  4. Hmm, lasse ich den jetzt aus (spart immerhin 8,-) oder gehe ich doch rein? Timo findet ihn ja nicht übel, Du aber schon. Wobei: Wenn er nur annähernd so intensiv ist wie CLOVERFIELD (und der hielt ja auch nur drauf, ohne jeglichen Realismus), dann waren die 8,- schon gut angelegt.

    Und ja, die Fundamentalisten-Szene in COM war ganz, ganz großes, reales (!) Kino! *angst*

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  5. CLOVERFIELD-Fans und Leuten, die bei Filmen nicht so viel nachdenken, dürfte er gefallen. Also nix wie rein mit dir.

    *gg*

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  6. grammaton clerc31/3/08 23:54

    Ich hätte ja jetzt auch sagen können, dass ich grundsätzlich nur auf die Meinung von Heteros was geben sollte, aber dann hätte ich ja weder ein Nein von Dir, noch ein Ja von Timo bekommen... ;) :P

    (das war die Rache, ätsch!)

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  7. Diese latente Homophobie ist verdächtig. Cleric, wir leben in Zeiten, in denen auch Christen zu ihrer Sexualität stehen dürfen, also los, keine Scheu.

    ;)

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  8. Nach gestriger Sichtung kann ich nur schreiben. Das Teil funktioniert. Kein großartiger Film, klar, aber ich habe mich tatsächlich ein paar mal sehr erschrocken. Und das will was heißen. Natürlich holpert es im Script gehörig. Wäre ja logischer den Menschen im Haus zu helfen als sie zu isolieren und ihrem Schicksal zu überlassen. Auch das die Regeln der Zombie Dramaturgie nicht aufgebrochen werden ist ein wenig traurig (ich will jetzt mal nicht spoilern, aber im Genre bewanderte dürften durchblicken). Aber echte Panik und Angst gab es zuletzt sehr selten im Horrorfilm zu bestaunen. Von daher Daumen hoch.

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  9. Achso, die Musik im Abspann war dafür aber völlig daneben. Da hätte es nach dem Ende eher absolute Stille gebraucht;)

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  10. Als Horrorfilm mit soliden Schockeinlagen fand ich den auch in Ordnung, aber seine Form ist ja viel ambitionierter und daran scheitert er auch grandios.

    Weniger Klischees und mehr Subversion hätte es schon sein müssen.

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