März 04, 2007

Retro: WRITTEN ON THE WIND (1956)

Im Kino der 50er-Jahre hat niemand die Illusion des amerikanischen Traums so eindrucksvoll vorgeführt wie der deutsche Exilregisseur Douglas Sirk. Ganz und gar unaufgeregt, mit anständiger Zurückhaltung lässt er seine ikonisierten Figuren in ihr Verderben laufen. Sirks Filme sind Dokumente, Relikte einer Zeit, in der traditionelle Werte neu definiert werden: Die Geschlechterrollen sind nach lang- jähriger Kriegsphase wieder in ihr bekanntes Gefüge gebracht und Familienhierarchien klar festgelegt. Doch hinter den prächtigen Vorgärten mit ihren leuchtenden Blumen und hinter den pastellfarbenen, glatten Gardinen brodelt die Katastrophe. Die mondäne Bourgeoisie in "Written on the Wind", der Adaption des Robert Wilder-Romans, ist von einem selbst zerstörerischen Virus befallen, der sie unaufhaltsam zugrunde richtet.

Schon der Beginn dieses Films ist durch pompöse Dramatik gekennzeichnet: Symbolhaft tobt ein gewaltiger Sturm im abendsonnigen Texas, rötlich-braune Herbstblätter treiben in die große Vorhalle eines gigantischen Anwesens. Die schnelle Schnittfrequenz und schrägen Kameraeinstellungen schaffen Verwirrung – und plötzlich fällt ein Schuss. Dann folgt der Blick auf den Kalender, dessen Abrisszettel eine Zeitreise suggerieren. Der Zuschauer weiß nun, dass hier etwas Schreckliches seinen Lauf nimmt, nur noch nicht wie und warum es dazu kommen wird. Sirk aktiviert somit geschickt die Erwartungshaltung: Ganz egal wie beschwingt, komisch oder sanft die Erzählung auch fortsetzen mag – am Ende steht das große Drama, das für diese Figuren, so unklar sie bis dato noch erscheinen, kein Glück zulassen wird. Schicksalhaftigkeit als eines der wesentlichen Motive ist etabliert.

Dieser grundsätzliche Fatalismus durchzieht die gesamte Inszenierung von "Written on the Wind" und auch vieler anderer Melodramen Sirks. Zwar kann die durch die reißerische Exposition evozierte Spannung nicht auf- rechterhalten werden, doch ist die trotz oder gerade wegen der heiteren Farbenpracht von Ausstattung und Kostümen formulierte Grundstimmung fortlaufend düster und pessi- mistisch: Sirks Geschichte wohlhabender Ölbarone, deren Reichtum nicht vor innerer Einsamkeit, Selbsthass und Entfremdung schützt, ist bedrückend und schwer. Fast schon zu bedrückend und schwer. Denn die sichere Gewissheit, dass diesem Familien- und Ehedrama kein glückseliges Ende bestimmt ist, schafft ironischerweise eine permanente Unsicherheit: Der Film kreiert eine Atmosphäre unangenehmer Ausweglosigkeit, die in den strahlenden, kontrastierenden Panavision-Bildern umso eindringlicher wirkt.

Ähnlich wie in seinem Meisterwerk "All That Heaven Allows" scheitern die Figuren in "Written on the Wind" an ihren eigenen Regeln. Den Ansprüchen und Moralvorstellungen, die man in dieser selbst konstruierten Gesellschaft an sie stellt – und die sie sich auch selbst stellen – können sie nicht gerecht werden: Der vorbildliche Millionärssohn verfällt der Alkoholsucht, seine in feinen Püppchenkleidern gefangene Schwester ist unglücklich verliebt. Gegen den Freund der Familie wird intrigiert, Lügen, Vorwürfe und Neid bestimmen die Beziehungen zueinander. Das Gefühlskarussell aus Liebe, Verzweiflung und Hass wird immer wieder in Drehung gebracht – die Grundsteine für das Wesen der Soap-Opera sind in Sirks Melodramen alle unverkennbar. Nur fehlt den besonders im US-Fernsehen populären späteren Variationen seiner Filme das subversive Element.

Denn dass die tragischen Helden in "Written on the Wind" nicht zuletzt deshalb so verzweifelt sind, weil sie gegen normative Zustände rebellieren und nicht in die Wesens- und Verhaltensmuster passen, in die sie hineinwachsen, ist eine wichtige Erkenntnis. Man muss das theatralische Spiel und die erdrückende Bonbonpracht des Films in einen zeitlichen Kontext setzen: Der Mann kann seinen Führungsverlust ebenso wenig aufhalten wie die allmähliche Emanzipation der Frau. Wenn in "All That Heaven Allows" gegen die eigene (Homo)Sexualität nicht mehr angekämpft oder die Liebe einer weißen Frau zu einem farbigen Mann nicht unterdrückt werden kann, ist der Bruch mit Konventionen unaufhaltbar. Doch zu jener Zeit, als Etikette alles und Individualität nichts bedeuten durften, sind diese Figuren hilflos gefangen. Die klirrende Gefühlskälte im warmen häuslichen Ambiente, die sterile und klinische Leere darin, die Entfremdung und Unnahbarkeit ziehen eine lange Spur in Sirks Filmen. Bis heute.


70%

Kommentare:

  1. Deine Kritik hat mich so neugierig auf Douglas Sirk gemacht, dass ich mir All that Heavens Allows und Written on the Wind ausgeliehen habe. Und ich kann mich nur für deine Tipps bedanken, denn beide haben mir hervorragend gefallen! Trotz des Melodramatischen, das normalerweise Aversionen bei mir auslöst, war ich wie gefangengenommen von den Figuren und ihren Problemen mit sich und der Welt.

    Ich wusste vorher auch gar nicht, dass Fassbinders Angst essen Seele auf eine Art Remake von All that Heaven Allows ist.

    Das waren bestimmt nicht die letzten Filme von "Hans Detlef Sierck", die mir angesehen habe...

    AntwortenLöschen
  2. Das freut mich sehr!

    Und ja, Fassbinder hat Sierck immer als sein großes Vorbild angegeben (wie übrigens auch - man glaubt es kaum - John Waters) und ihm damals eine Stelle als Dozent verschafft. Das europäische Autorenkino war seinerzeit regelrecht entrüstet darüber, dass Fassbinder einen kitschigen US-Melodramaten (beides davon stimmt ja nicht) verehrte.

    "Angst essen Seele auf" ist übrigens das erste Remake Stoffes, das zweite, "Far from Heaven" mit Julianne Moore und Dennis Quaid, kann ich auch nur unbedingt empfehlen.

    AntwortenLöschen
  3. Ja, den Moore/Quaid-Film werde ich mir dann gelegentlich auch mal zu Gemüte führen.

    Auf der Criterion DVD von All that Heaven Allows ist ein Essay von Fassbinder über Sirks Werk. Die Passage über diesen Film ist streckenweise sehr witzig. Da findet Fassbinder drastische Worte für die gesellschaftlichen Missstände (in den USA).

    Was mich auch begeistert hat, ist die Farbgewalt der Filme. Die Farben wirken so lebendig, manchmal leider auch etwas zu grell, aber insgesamt sehr beeindruckend. Das wirkt auf mich näher als manch ein (ebenfalls restaurierter) 70er Jahre Film...

    AntwortenLöschen
  4. Hach, die Extras der Criterion-Ausgaben bei den Sierck-Filmen interessieren mich ja auch brennend. Darf ich fragen, wo du die DVDs geliehen hast (aus einer Videothek?). Weil ich die Criterions eigentlich nicht immer gleich kaufen möchte.

    AntwortenLöschen
  5. Ja, die sind leider sehr teuer. Dafür aber auch immer richtig gut. In Berlin hat man aber eine preisgünstige Alternative: die Amerika Gedenkbibliothek (AGB). Die bieten die gesamte "Criterion Collection" (und auch andere - in Videotheken rare - Klassiker) zum Ausleihen an. Allerdings sollte man einen Euro investieren, um sie vorzubestellen (https:voebb.de), sonst kommt man nicht zum Zug...

    und auch wenn das hier off-topic ist: schöne Hills Have Eyes II Rezi. Der steht auf meiner Liste, auch wenn ich beim Trailer das Gefühl bekam, es handele sich um eine B-Movie Variante von Aliens.

    AntwortenLöschen
  6. Guter Tipp, danke. Ich kenne die Bibliothek zwar, wusste aber gar nicht was die für ein Programm an DVDs haben, weil da offenbar fast immer alles ausgeliehen ist.

    AntwortenLöschen
  7. Gerade erneut gesichtet. Noch immer fantastisch :-)

    AntwortenLöschen