Oktober 09, 2006

Retro: BRINGING UP BABY (1938)

Kein Film hat es so sehr auf einen Nenner gebracht, so anschaulich und unchiffriert bebildert, worum es bei der Screwball Comedy geht wie "Bringing Up Baby", einem zeitlosen, unübertroffen dynamischen Film von Howard Hawks ("His Girl Friday"), der eines der umwerfenden Leinwandpaare etablierte, die Hollywood je gesehen hatte - den charmant exaltierten Cary Grant und die ebenso emanzipiert wie liebevoll auftretende Katharine Hepburn, die sich einen permanenten verbalen Schlagabtausch liefern, wie es ihn in so exakt auf den Punkt gebrachten Dialogen nie zuvor - und vielleicht auch danach nicht mehr - zu sehen gab.

Mit "It Happened One Night" hat es Frank Capra vorgemacht, sein Lustspiel furioser Gegensätzlichkeit von Frau und Mann, eine amüsante Überspitzung der Geschlechterunterschiede legte den Grundstein des Subgenres, lieferte das Handwerk, mit dem Hawks diese Komödienspielart erst verfeinerte und schließlich auch perfektionieren sollte, in dem er Handlung und Dialoge zuspitzte, um Erosionen zu forcieren, die sich in turbulenten wie furiosen Bewegungen und einer bis dato nicht gekannten Sprachakrobatik äußerten. Hepburn als elegant mondäner Blaustrumpf, als eine typisierte sophisticated, trifft dabei ausgerechnet beim Golfen auf Grant, dem unbeholfenen Noch-Junggesellen, wo die Bälle im übertragenen Sinne ähnlich hart und schwungvoll fliegen, wie auch die Wortfetzen den spitzzüngigen beiden regelrecht zu entfliehen scheinen.

"You've just had a bad day, that's all." – (Susan)
"That's a masterpiece of understatement." – (David)


'Was sich neckt, das liebt sich' heißt es bekanntlich, und es besteht kein Zweifel darüber, dass die Funken zwischen dem ungleichen Paar nur so sprühen. Bürgerliche Ordnung trifft auf spontanes Chaos – immer dort wo Hepburn auf Grant stößt, findet sich der Zuschauer in völlig unwahrscheinlich anmutenden, aberwitzigen Situationen wieder, stolpert förmlich von einem überdrehten Moment zum nächsten. Dabei gehen Kleider, Autos und zuletzt sogar das gigantische Knochengerüst eines Brontosauriers zu schaden, befördert es die Protagonisten von feierlichen Anlässen direkt ins Gefängnis, von wilden Verfolgungen unmittelbar in einen Zirkus, und letztlich in die eigenen Arme, das ahnt man, das hofft man, das will man einfach. Zu unwiderstehlich und bezaubernd setzt Hawks die beiden in Szene.

Doch warum neigen Hepburn und Grant zu derart überschwänglichem Verhalten, werfen sich die Bälle im Stakkatorhythmus entgegen, wo sie doch Mitglieder einer geordneten Bourgeoisie sind? Hawks lässt darüber keinen Zweifel, das biedere Halten an Regeln und Formen, das unfreiwillige Orientieren an puritanischen Maßstäben gleicht in "Bringing Up Baby" einer regelrechten Unterdrückung, bei der es nur eine Frage der Zeit ist, bis völlig unmittelbar – beispielsweise beim alltäglichen Golfen – der beinahe cholerische Ausbruch unaufhaltbar scheint und klassenunrühmliche Seiten durch Konventionen verformter Geschlechter zum Vorschein bringt. Ihre nicht zu bremsende Schlagfertigkeit, ihre ungebündelte Energie wird Hepburn im Film selbst nicht überraschen, sie merkt es womöglich nicht einmal.

Hawks determiniert all das in Situationen, die zu Standards im Genre werden sollten, das Weglaufen, gegenseitige Verfolgen seiner beiden Helden ist nicht von ungefähr Ausdruck eines Willens, sich frei zu machen, und nicht zufällig bringt es wenig Erfolg, die Turtelnden im Gefängnis zusammenzusperren, da sie nur auf Basis eines natürlichen Miteinanders, im Wald bei Nacht endlich einmal die Ruhe für den Moment finden werden, eine der schönsten Szenen des Films. Synonym dafür lässt Hawks den gezähmten Leoparden Baby ausbrechen, der später mit einem versehentlich – bezeichnenderweise durch Hepburn – freigelassenen wilden Exemplar verwechselt wird, nur um zu erkennen, dass ein bloßes Befreien aus dem Käfig die Welt nicht gleich ins große Chaos stürzen wird. Der Originaltitel verweist treffend auf diese Analogie: "Baby" benötigt eben nicht zwangsläufig eine Zähmung, wenn der natürliche Willen ungebrochen scheint.

Um genau deshalb nie sein Sujet und die schrulligen Figuren im Mittelpunkt aus den Augen zu verlieren, inszeniert Hawks "Bringing Up Baby" gewohnt transparent, mit einer unauffälligen Kameraführung, nahezu ohne Musikuntermalung und ausschließlich der Handlung verpflichtet (lediglich die Split-Screen-Sequenzen sind technisch außerordentlich). Dass er nur ein sehr guter Handwerker sei, damit kokettierte Hawks selbst des Öfteren, aber genau diese Fokussierung auf das Wesentliche bringt den Drive, der den Film auszeichnet - bei so viel Bewegungstempo und Interaktion bleibt kein Platz für unnötige Spielereien. Das schöne und immer währende an dieser Komödie ist der Bruch mit alt gedienten Geschlechtervorstellungen, denn bei all der scheinbaren Gegensätzlichkeit zwischen Frau und Mann ist es die Gleichwertigkeit beider, das gegenseitige Bedingen, das zwar viel ungeordneten Trubel, letztlich vor allem aber ehrliches Miteinander bereithält.


90%

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