Posts mit dem Label Grant werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Grant werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Februar 13, 2019

Zuletzt gesehen: SENSE AND SENSIBILITY (1995)

Jane Austen als konfuzianisches Sittenbild. Im englischen Landadel des 19. Jahrhunderts spielt dieser Film, er zeigt eine Welt der falschen Gefühle, der absurden Knickse, tristen Entschuldungsgesten, und hinter jeder zwischenmenschlichen Regung haust irgendein pragmatischer Gedanke, der Figuren zwischen Aufbruch und Selbstverleugnung, Begehren und Pflichtbewusstsein beschwert. Daraus hat Ang Lee, was keine leichte Aufgabe ist, einen ungekünstelten Film gedreht, evokativ und doch zurückhaltend, im Verzicht auf Ausagierungszwänge, denen so viele andere Filmemacher verfallen. Es ist seine respektvolle Distanz, die überhaupt erst Nähe zu den Figuren ermöglicht, mit räumlichen Anordnungen, die jenen "Sicherheitsabstand zwischen den Menschen" betonen, "den die gute Erziehung einzuhalten gebietet" (Fabienne Liptay). Für besonders herzzerreißende Momente sorgt Alan Rickman. Niemand hat den früh verstorbenen Schauspieler und dessen sonore Stimme zärtlicher in Szene gesetzt als Ang Lee.

März 28, 2012

Kino: THE PIRATES! BAND OF MISFITS

Ein von Minderwertigkeitskomplexen geplagter Piratenkapitän samt draufgängerischer Schiffscrew, die herrschsüchtige Königin Victoria sowie niemand Geringeres als Charles Darwin bilden die Protagonisten der neuesten Geschichte aus dem Hause Aardman. Für ihren fünften Kinofilm kehrt die seit "Wallace & Gromit" weltweit gefeierte englische Produktions- firma nach dem computeranimierten "Arthur Weihnachtsmann" zur hauseigenen Stop-Motion-Animation zurück – und findet mit "Die Piraten - Ein Haufen merkwürdiger Typen" zu alter Stärke. [...]

Oktober 09, 2006

Retro: BRINGING UP BABY (1938)

Kein Film hat es so sehr auf einen Nenner gebracht, so anschaulich und unchiffriert bebildert, worum es bei der Screwball Comedy geht wie "Bringing Up Baby", einem zeitlosen, unübertroffen dynamischen Film von Howard Hawks ("His Girl Friday"), der eines der umwerfenden Leinwandpaare etablierte, die Hollywood je gesehen hatte - den charmant exaltierten Cary Grant und die ebenso emanzipiert wie liebevoll auftretende Katharine Hepburn, die sich einen permanenten verbalen Schlagabtausch liefern, wie es ihn in so exakt auf den Punkt gebrachten Dialogen nie zuvor - und vielleicht auch danach nicht mehr - zu sehen gab.

Mit "It Happened One Night" hat es Frank Capra vorgemacht, sein Lustspiel furioser Gegensätzlichkeit von Frau und Mann, eine amüsante Überspitzung der Geschlechterunterschiede legte den Grundstein des Subgenres, lieferte das Handwerk, mit dem Hawks diese Komödienspielart erst verfeinerte und schließlich auch perfektionieren sollte, in dem er Handlung und Dialoge zuspitzte, um Erosionen zu forcieren, die sich in turbulenten wie furiosen Bewegungen und einer bis dato nicht gekannten Sprachakrobatik äußerten. Hepburn als elegant mondäner Blaustrumpf, als eine typisierte sophisticated, trifft dabei ausgerechnet beim Golfen auf Grant, dem unbeholfenen Noch-Junggesellen, wo die Bälle im übertragenen Sinne ähnlich hart und schwungvoll fliegen, wie auch die Wortfetzen den spitzzüngigen beiden regelrecht zu entfliehen scheinen.

"You've just had a bad day, that's all." – (Susan)
"That's a masterpiece of understatement." – (David)


'Was sich neckt, das liebt sich' heißt es bekanntlich, und es besteht kein Zweifel darüber, dass die Funken zwischen dem ungleichen Paar nur so sprühen. Bürgerliche Ordnung trifft auf spontanes Chaos – immer dort wo Hepburn auf Grant stößt, findet sich der Zuschauer in völlig unwahrscheinlich anmutenden, aberwitzigen Situationen wieder, stolpert förmlich von einem überdrehten Moment zum nächsten. Dabei gehen Kleider, Autos und zuletzt sogar das gigantische Knochengerüst eines Brontosauriers zu schaden, befördert es die Protagonisten von feierlichen Anlässen direkt ins Gefängnis, von wilden Verfolgungen unmittelbar in einen Zirkus, und letztlich in die eigenen Arme, das ahnt man, das hofft man, das will man einfach. Zu unwiderstehlich und bezaubernd setzt Hawks die beiden in Szene.

Doch warum neigen Hepburn und Grant zu derart überschwänglichem Verhalten, werfen sich die Bälle im Stakkatorhythmus entgegen, wo sie doch Mitglieder einer geordneten Bourgeoisie sind? Hawks lässt darüber keinen Zweifel, das biedere Halten an Regeln und Formen, das unfreiwillige Orientieren an puritanischen Maßstäben gleicht in "Bringing Up Baby" einer regelrechten Unterdrückung, bei der es nur eine Frage der Zeit ist, bis völlig unmittelbar – beispielsweise beim alltäglichen Golfen – der beinahe cholerische Ausbruch unaufhaltbar scheint und klassenunrühmliche Seiten durch Konventionen verformter Geschlechter zum Vorschein bringt. Ihre nicht zu bremsende Schlagfertigkeit, ihre ungebündelte Energie wird Hepburn im Film selbst nicht überraschen, sie merkt es womöglich nicht einmal.

Hawks determiniert all das in Situationen, die zu Standards im Genre werden sollten, das Weglaufen, gegenseitige Verfolgen seiner beiden Helden ist nicht von ungefähr Ausdruck eines Willens, sich frei zu machen, und nicht zufällig bringt es wenig Erfolg, die Turtelnden im Gefängnis zusammenzusperren, da sie nur auf Basis eines natürlichen Miteinanders, im Wald bei Nacht endlich einmal die Ruhe für den Moment finden werden, eine der schönsten Szenen des Films. Synonym dafür lässt Hawks den gezähmten Leoparden Baby ausbrechen, der später mit einem versehentlich – bezeichnenderweise durch Hepburn – freigelassenen wilden Exemplar verwechselt wird, nur um zu erkennen, dass ein bloßes Befreien aus dem Käfig die Welt nicht gleich ins große Chaos stürzen wird. Der Originaltitel verweist treffend auf diese Analogie: "Baby" benötigt eben nicht zwangsläufig eine Zähmung, wenn der natürliche Willen ungebrochen scheint.

Um genau deshalb nie sein Sujet und die schrulligen Figuren im Mittelpunkt aus den Augen zu verlieren, inszeniert Hawks "Bringing Up Baby" gewohnt transparent, mit einer unauffälligen Kameraführung, nahezu ohne Musikuntermalung und ausschließlich der Handlung verpflichtet (lediglich die Split-Screen-Sequenzen sind technisch außerordentlich). Dass er nur ein sehr guter Handwerker sei, damit kokettierte Hawks selbst des Öfteren, aber genau diese Fokussierung auf das Wesentliche bringt den Drive, der den Film auszeichnet - bei so viel Bewegungstempo und Interaktion bleibt kein Platz für unnötige Spielereien. Das schöne und immer währende an dieser Komödie ist der Bruch mit alt gedienten Geschlechtervorstellungen, denn bei all der scheinbaren Gegensätzlichkeit zwischen Frau und Mann ist es die Gleichwertigkeit beider, das gegenseitige Bedingen, das zwar viel ungeordneten Trubel, letztlich vor allem aber ehrliches Miteinander bereithält.


90%

Juni 19, 2006

Retro: HIS GIRL FRIDAY (1940)

„Ich glaube, dass ein leidenschaftlicher Journalist kaum einen Artikel schreiben kann, ohne im Unterbewusstsein die Wirklichkeit ändern zu wollen.“ (Rudolf Augstein)

Auf den
Inhalt von "His Girl Friday" trifft dieser Ausspruch sicherlich nicht uneingeschränkt adäquat zu, so muss geklärt werden, wie viel schlimmer die Realität tatsächlich erst ist, doch er fasst nichtsdestotrotz die Stimmung des Drehbuchs zusammen. Die große Stärke dieser zeitlosen Komödie ist genau jenes, adaptiert vom Gespann Ben Hecht ("Wuthering Heights", "Notorious") und Charles MacArthur ("Barbary Coast", "The Senator Was Indiscreet") auf Grundlage ihres eigenen Bühneerfolgs „The Front Page“ (1928), ein Drehbuch, wo beinahe jede Nuance stimmt, gradlinig und unnachahmlich geschickt geschrieben.

Aus dem Starreporter Hildebrand Johnson des Stücks wurde für die zweite Verfilmung des Stoffes, die erste inszenierte Lewis Milestone 1931, Hildegard „Hildy“ Johnson, eine Frau. Regisseur Howard Hawks ("To Have and Have Not", "The Big Sleep") entschied sich bewusst für diese Änderung, die im Kontext des Geschlechterkampfes die Grundlage für seine mit "Bringing Up Baby" auf die Höhe der Zeit katapultierte Screwball-Comedy darstellt. Und Rosalind Russell ist der große Star dieses Films, die sich einst u.a. gegen Katherine Hepburn, Carole Lombard und Irene Dunne durchsetzen konnte. Selten trägt eine Frau so erstklassig, charmant und selbstbewusst einen Film auf ihren Schultern, selten stimmte eine Chemie so sehr wie zwischen Russell und Cary Grant, der diesen Umstand gar nicht als solchen betrachtet, sondern längst nur der Mann an ihrer Seite ist.

"His Girl Friday"
ist dabei eine in sich geschlossene, von unüberwindbarem Tempo gekennzeichnete Tour de Force der Dialoge und Schlagzeilen, die den ohnehin turbulenten Stil der Komödie maßgeblich beeinflusste. Hawks verfeinert im Einklang mit Inhalt und Technik die aberwitzigen und süffisanten Wortgefechte, in dem er die tonale Überlappung in sich übergreifender Dialoge erweitert. Russell und Grant wirbeln mit ihren Wortfetzen energisch umher und fallen sich kontinuierlich so ins Wort, dass ganze Enden verschluckt werden. Das Geschick besteht jedoch darin, nie die inhaltliche Bedeutung abhanden kommen zu lassen, denn trotz der Fülle an Gesprochenem und dem daraus resultierenden Witz, dass ein Hinterherkommen zur Herausforderung wird, kann der Zuschauer dem Geschehen stets folgen. Raffiniert ist besonders, wie Hecht und MacArthur mit dieser Form des Humors umgehen: Immer wieder greift der Protagonist Wortfetzen des Antagonisten auf, ironisiert diese, verändert sie genüsslich und holt zum mündlichen Gegenschlag aus. Handwerker Hawks vertraut ganz auf diese Methodik, verzichtet auf anderweitige Spielereien und lässt seine Kamera stets auf Augenhöhe, um den Zuschauer unmittelbar in den Genuss dieses – nur in der Originalfassung empfehlenswerten - feinsinnigen Spiels kommen zu lassen.

Der wahre Geschlechterkonflikt bleibt jedoch erfreulicherweise stets ein Konflikt im Subtext. Besonders in der Screwball-Comedy schwingt mit, welche gesellschaftlichen Einschnitte die Kriegsgeschichte markiert - die nach außen zu starker Schlagfertigkeit avancierte Frau als Ausdruck einer neuen Rollenverteilung, als gleichermaßen überzogene wie unausgesprochene Angst vor dem Statusverlust des Mannes. Dabei ist "His Girl Friday" unübersehbar von einer bissigen und tiefschwarzen Kritik an ausbeuterischem Journalismus und skrupellosem Opportunismus durchzogen und liefert ein zynisches Bild der modernen Welt, die geprägt vom, den zwischenmenschlichen Diskurs überlappenden, Kapitalismus scheint - in der Konsequenz also schlicht und ergreifend verrückt ist.


80%