April 10, 2007

News: DEADLINE #02

Schon einige Tage erhältlich, aber an dieser Stelle trotzdem noch einmal der Hinweis auf die zweite Ausgabe des „Gory News“-Nachfolgemagazins „Deadline“, das im gut sortier- ten Handel erhältlich ist. Auf 130 Seiten gibt es darin Reviews und Specials rund um den phantastischen Film für nur 5 Euro. Die Themen im Überblick:

  • Frischfleisch – Neuigkeiten und Gerüchte
  • 10 Seiten Berlinale-Festivalbericht
  • Animeskop
  • Asian Film Network Labelpotrait
  • BORAT Special inkl. Interview
  • Horror privat: Simon Gosejohann
  • Worldwild – internationale Filme
  • Der Kampf des Jahrhunderts- Sylvester Stallone in Köln
  • Hirntot – die freundliche Rätselecke
  • Underdogs – Independentfilme und andere Auswüchse
  • BUBBA HO-TEP & Interview mit Bruce Campbell
  • Televisionen- TV-Serien DVD-Boxen
  • Heimservice – neu auf DVD
  • William Girdler – Systemtheoretiker
  • ZeichentriX – Comics am Rand
  • Nachschlag – Literatur vom Fach
  • Kolumne: Herr Buttgereit empfiehlt

April 07, 2007

News: Upcoming Reviews


Demnächst Filmbesprechungen zu: "Verführung einer Fremden" (James Foley), "Die Eisprinzen" (Josh Gordon & Will Speck) und "The Reaping" (Stephen Hopkins).

TV: Fernsehtipps 07.04. - 13.04.07

Samstag, 07.04.

20:15 Uhr – „Deutschland. Ein Sommermärchen“ (WDR)

Weniger Doku als propagandistisch angehauchter Spielfilm, der sein Versprechen, unverhüllt hinter die Kulissen der Fußball-WM zu blicken, nicht einmal einlöst. Insgesamt nur glatt gebügelt und langweilig.

20:15 Uhr – „Die Zehn Gebote“ (K1)

Vierstündige Sandalen-Komödie monumentalen Ausmaßes.

22:30 Uhr – „13 Geister“ (Pro7)

Kurzweilig und blutig, allerdings weitaus weniger charmant als das Original.

0:20 Uhr – „The Hunted – Der Gejagte“ (RTL)

Bemühter US-Film, der die Kunst der Samurai mit einer modernen Racheerzählung verbindet – sehr schlecht gespielt und gekürzt sowieso.

23:30 Uhr – „Roter Drache: Blutmond“ (SAT.1)

Hannibal Lecters erster Leinwandauftritt. Leider aber verhunzt Michael Mann seine Bebilderung der großartigen Vorlage mit stilloser Ausstattung und gelangweilter Regie. Nur William Peterson kann überzeugen. Insgesamt dennoch besser als die zweite Verfilmung des Stoffes von 2002.

Sonntag, 08.04.

20:15 Uhr – „Der Herr der Ringe – Die Rückkehr des Königs“ (RTL)

Peter Jackson sprengt mit seinem Trilogiefinale sämtliche Erzählkonventionen und inszeniert mit epochaler Wucht ein Meisterwerk der Filmgeschichte, das die brillantesten Spezialeffekte aller Zeiten mit einer doppelbödigen Ge- schichte voller vielfältiger Figuren verbindet. Kino in seiner vollendeten Form. Die hier gezeigte Fassung ist allerdings mächtig gestutzt – da empfiehlt sich der Griff zur Extendedversion auf DVD.

20:15 Uhr – „Der Schuh des Manitu“ (Pro7)

Hier werden vor allem Zuschauer auf der Suche nach debilen Pups-, Pipi- und Schwulenwitzchen fündig. Mir ist das zu schlecht von Zucker und Abrahams geklaut.

22:15 Uhr – „True Lies“ (SAT.1)

Selbstironische, genial geschriebene und fulminant in Szene gesetzte Agentenparodie.

22:20 Uhr – „Sieben“ (Pro7)

Brillant inszenierter Film, der mich dennoch nie restlos begeistern konnte.

0:10 Uhr – „Beim Sterben ist jeder der Erste“ (K1)

Ein beklemmender und dicht inszenierter Backwood-Thriller, an dessen ausgeprägter Homophobie sich manch einer allerdings zu Recht stören darf.

Montag, 09.04.

12:00 Uhr – „Toy Story“ (RTL)

Pixar-Meisterwerk voller Gags und irrer Ideen.

20:15 Uhr – „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“ (RTL)

…ist in erster Linie vor allem außergewöhnlich dröge.

20:15 Uhr – „Otto – Der Katastrophenfilm“ (K1)

Nicht mehr als ein laues Best-Of bekannter Otto-Kalauer. Abgenutzt und nur noch durch die 7 Zwerge unterboten.

22:00 Uhr – „Boogie Nights“ (K1)

Einer der wundervollsten Filme der 90er.

22:25 Uhr – „Lethal Weapon 4“ (RTL)

Die bislang beste Episode der Serie.

1:45 Uhr – „Saw“

Viel zu konstruierter, grottenschlecht gespielter und unver- hältnismäßig überschätzter Fließbandhorror.

Dienstag, 10.04.

2:10 Uhr – „Piranhas“ (ARD)

Nicht besonders gut gealterte Horror-Komödie, der der rechte Biss einfach fehlt.

Mittwoch, 11.04.

1:05 Uhr – „Fellinis Roma“ (ARD)

Aus der Barockzeit des Meisterregisseurs: Nur für Fort- geschrittene.

Donnerstag, 12.04.

22:05 Uhr – „Interview mit einem Vampir“ (VOX)

Einer meiner Lieblingsfilme. Unheimlich elegantes Schwulen- Drama nach Anne Rice, kunstvoll inszeniert und betörend photographiert.

Freitag, 13.04.

20:15 Uhr – „Hero“ (Pro7)

In jeder Hinsicht ein außergewöhnlicher Film, der den Zu- schauer auf eine historische und visuell atemberaubende Reise einlädt.

22:50 Uhr – „Timecop“ (RTL2)

Selbst Muskelzwerg Van Damme kann einen gelungenen Film sein eigen nennen – abgekupfert, aber verdammt spannend.

April 06, 2007

Kino: LITTLE CHILDREN

Der Griff nach hysterischer Küchenpsychologie fällt seit Sam Mendes' "American Beauty" nicht mehr schwer: Die überspitzte Sezierung der US-amerikanischen Mittelschicht reifte unter Einsatz satirischer wie blanken Zynismus bedienender Erzählformen in den letzten Jahren zu einem dialektischen Prinzip heran, bei dem sich der sprichwörtlich unter den Teppich gekehrte Suburbia-Horror schließlich seinen Weg an die Oberfläche bahnen musste. Die schlagartig veräußerte Unterdrückung fand in diesem Film jedoch lediglich Ausdruck durch eine atonale Poesie des Verfalls und billige Konsenslacher, die die Figuren auf dünnes Eis beförderte und sie schlussendlich nur noch brutal einbrechen lassen konnte. Dass "American Beauty" seiner Plakativität zum Trotz ein stilbildender Status zugesprochen gehört, demonstrieren zahlreiche Fernsehserien ("Six Feet Under" oder "Despe- rate Housewives") ebenso wie Kinofilme (zuletzt "Running with Scissors") und allen voran die neue Arbeit von Todd Field: "Little Children".

Der Film entwirft in mehreren Handlungssträngen, die allesamt in einer kleinen Vorstadtgegend angesiedelt und miteinander verwoben sind, ein Panorama seelischer Abgründe. Er erzählt von einer unglücklichen Hausfrau und Mutter, die ihren Ehemann betrügt, von einem aus dem Gefängnis entlassenen Mann, der sich vor Kindern entblößte und bei seiner Mutter Schutz sucht, einem ehemaligen Polizisten, der von den Erinnerungen eines dramatischen Einsatzes geplagt wird und einem unzufriedenen Hausmann und Vater, der seine Ehefrau hintergeht. Einsamkeit, Frustration und Selbstzweifel be- stimmen diese Schicksale, die ihre gesellschaftlichen Rollen und Muster so anstandslos ausfüllen. Sie erscheinen wie Gefangene in einem einheitlichen System, das Glück und Zufriedenheit mit der Beschaffenheit des häuslichen Vorgar- tens gleichsetzt.

"Little Children"
schildert den Kampf dieser Menschen gegen eine alles durchdringende Scheinidylle, die ihre Sehnsüchte nicht akzeptieren möchte. Sie alle haben ihren vorläufigen Platz in der Gesellschaft gefunden, sind verheiratet und wohlhabend oder vorbestraft und mittellos, ihnen gleich ist nichts mehr als der einfache Wunsch geliebt zu werden. Doch wenn die Ankunft in der erstrebten Bürgerlichkeit keine Garantie für individuelles Glück liefern kann, ist der zersetzende Prozess unaufhaltbar. Fields Film ist stets von einer pessimistischen Vorahnung bestimmt, was seine komischen Momente kurzlebig gestaltet und die tragischen Episoden noch viel unerträglicher wirken lässt. Diese so großartig verkörperten Figuren werden nie missbraucht oder vorgeführt, sondern sind Teil eines sensibel in Szene gesetzten Gesellschaftsquerschnitts, der den Zuschauer zu einem stillen, bewegten Beobachter macht.

Die ruhige Erzählstimme besitzt somit auch die Funktion, die einzelnen Stücke zu verbinden und verleiht "Little Children" trotz seiner episodischen Struktur einen fließenden Charakter. Die inszenatorische Stärke des Films ist jedoch eine andere: Field verzichtet fast gänzlich auf bedeutungsschwangere Symbolik. Anders als "American Beauty", der in der Wahl seiner Mittel oft grobschlächtig vorging, den Zuschauer mit artifiziellen Metaphern erdrückte und dadurch zeitweilig in jenen Pastellkitsch verfiel, den er eigentlich zu entlarven versuchte, bleiben feiner Humor und stille Tragik auf einer konstanten Linie. Der Film erhält neben seiner naturalis- tischen Photographie und dem nüchternen Schnitt gerade durch den Verzicht von Überspitzung eine enorme Authen- tizität. Wenn sich die Hausmütter tagtäglich auf jenem Kinderspielplatz zum Lästerplausch versammeln, auf dem später ein kastrierter Päderast schaukeln wird, verbietet sich ohnehin jeder Zynismus von selbst: Das Philistertum richtet sich schließlich zugrunde – an einem Orte reiner Unschuld.


75%

April 04, 2007

News: LIVE FREE OR DIE HARD Trailer

Der erste Trailer zum vierten John McLane-Einsatz ist erschienen. Die beiden Teaser gibt es noch hier zu sehen.

---> Trailer / QT / HD <---

April 02, 2007

Retro: KEN PARK (2002)

Um Larry Clarks "Ken Park" haben sich seinerzeit einige lebendige Diskurse konstruiert, die ihm schließlich auch den Griff nach der heiß ersehnten Skandalfilm-Etikette erleich- terten – obwohl sich Sinn oder Unsinn derartiger Betitelungen für gewöhnlich erst später ergibt. Nach nunmehr fünf Jahren schon ist selbst von den provokanten Hülsen des Films nicht mehr viel übrig. Unverhüllte Bilder hemmungslos fickender Teenager mögen vielleicht den Rahmen des US-amerikani- schen Independentfilms ausgedehnt haben, das europäische Kino hingegen ging und geht mit ihnen ganz selbst- verständlich um. Deshalb vertieft sich der Blick auf Clarks Generationsstudie: Wenn die Vordergründigkeit der nackten Ausbeutung kaum mehr interessiert, beginnt im Dahinter eine Suche nach Thesen. Nur allzu viel Gehaltvolles wird man dabei leider nicht finden: Skandalös ist an "Ken Park", dem Abschluss von Clarks Teenage Trilogy, bestenfalls dessen banale Prüderie.

Schon nach wenigen Minuten sucht der Film nach Ausdruck. Die Titelfigur schießt sich in den Kopf, das kommt so unvermittelt wie grundlos und ist der erste große Effekt eines Werks, das sich mit illustren Mitteln von der Hand seines Zuschauers immer wieder wird losreißen wollen. Dieses erste Statement möchte "Ken Park" womöglich als radikale Studie positionieren – der frühe und hässliche Tod der Titelfigur ist ein Kommentar, einer gegen das Kino. Und trotzdem befindet Clark sich hier in seinem adäquatesten Bewegungsraum, von der Welt der Galerien hat sich der Photograph abgekehrt, um seine Auffassung von Gesellschaft als Filmemacher bebildern zu können. Die Unterstützung durch den Kameramann Edward Lachman ("Far from Heaven") als Co-Regisseur verleiht dem Projekt eine filmische Visualität und widerspricht damit gleichzeitig dem Realismusanspruch: Clarks Film ist ein Produkt kompletter Verfremdung, das dem Irrglauben untersteht, es wahre ähnlich wie "Kids" eine Identität als schonungslose Generationsstudie.

Der inhaltliche Unterschied zu dessen erster Regiearbeit von 1995 liegt in der Betrachtung nicht mehr nur jugendlichen Verhaltens, sondern auch das der fürsorgepflichtigen Eltern. Diese sind zumeist sexuell frustriert und schlafen entweder mit den Freunden oder Freundinnen ihrer Kinder, vergehen sich des Nachts gleich selbst an ihnen oder binden sie in inzestuösen Eheschließungen symbolisch an sich selbst. Das alles geschieht in "Ken Park" und soll Rückschlüsse auf die Kids in "Kids" zulassen: Diese sind demnach die schuldlose Ausgeburt einer üblen Masse aus Päderasten und Geistes- gestörten. Sie erscheinen deshalb als brutale und rücksichtslose Teenager, weil sie sich eigentlich nur nach ein wenig unbeflecktem Kindsein sehnen: In einer Episode tritt der Junge Tate, der sich beim Masturbieren selbst strangu- liert, seine liebenswerten Großeltern regelmäßig beschimpft und ein isoliertes Leben in seinem Zimmer führt, vor die Tür des Hauses und möchte lediglich mit den kleinen Springseil- Mädchen spielen.

Das ist nur ein kleiner Teil aus der Welt der Jugendlichen, wie sie sich ein 60jähriger Larry Clark vorstellt. Doch er zeigt, welche Widersprüchlichkeit sich aus dieser Altherrenphantasie ergibt. Dass Clark nämlich die Frustriertheit der Eltern und damit ihren Missbrauch an den Kindern anklagt, ausgerechnet jedoch diese Figur zum kaltblütigen Mörder am Vormund werden lässt, erscheint rätselhaft. Selbst wenn der Tod der sorgenvollen Großeltern nur der Demonstration dient, dass auch die unschuldigen Eltern Opfer einer vom Wertezerfall und an sich selbst erkrankten Gesellschaft werden können. Hier liegt aber auch das grundsätzliche Problem von "Ken Park": Er erklärt vermeintlich negative oder zerstörerische Werte als Stein des Anstoßes eines gesellschaftlichen Verfalls. Dabei konstituiert sich eine sozial funktionale Interaktion von Menschen, also ein System namens (Mittelstands)Gesellschaft, wie es im Zentrum dieses Films steht, doch gerade aus den hier so bieder angeprangerten Zuständen. Nicht etwa weil die Eltern eine monströse Normativität formen, ist die hier geschilderte Welt ein Hort bizarrer Unebenheiten, sondern im Gegenteil, ihre – sicher fragwürdigen, aber dennoch ersetzlichen und vor allem überwindbaren – Verhaltens- und Erziehungsmuster tragen zum stabilen Gerüst genau dieser Gesellschaft bei.

Dass die Kinder sich aus den Fängen ihrer Eltern deshalb mit ach so subversivem Sex befreien (der freizügige Dreier zum Ende soll es beweisen), ist nur plumpe Romantisierung, hinter deren mit allerlei Bedeutung geschwängerter Offenheit eine seltsame Verklemmung ruht. Clark hat nämlich nicht wirklich einen Grund für das fatalistische Unverhältnismäßige seiner Figuren – da wirkt die Dämonisierung gänzlich üblicher Familienprozedere, deren ein Teil der pädophile Vater ebenso wie die untreue Ehefrau und Mutter sind, nur wie ein fadenscheiniger Vorwand, um Jugendliche im Fetischlook abzulichten. Clark ist nicht nur ein Voyeur, der seinen Figuren grundlos auf die Pelle rückt, sondern letztlich vor allem ein puritanischer Hysteriker: Da stellt sich weder die Frage nach Moral oder Unmoral, noch hat das irgendetwas mit Provo- kation zu tun. "Ken Park" begreift nur ganz einfach nicht, dass die Muster seiner mittelständlerischen Akteure die normalsten der Welt sind.

30%

April 01, 2007

News: HOT FUZZ - WHAT THE FUCK?

Wer dachte, UIP hätte seinerzeit schon mit "Ein Zombie kommt selten allein" den Vogel abgeschossen (so sollte "Shaun of the Dead" in die deutschen Kinos kommen!), der wird eines Besseren belehrt: "Hot Fuzz" wurde hierzulande um den Untertitel "Zwei abgewichste Profis" erweitert. Das kommentiert sich von selbst...

Kino: 300

Das hört sich nach einer Menge Spaß an: Rund 300 gestählte Spartaner wandern zur See, um sich einem mehrere Zehntausend Mann starken persischen Heer zu stellen. Zumindest in der Comic-Miniserie von Frank Miller, die hierzulande Ende der 90er Jahre erschienen ist, konnte das mächtig Eindruck schinden. Obwohl es der Graphic Novel-Autor mit seinen archaischen Heldenfiguren, Ruhm und Ehre-Parolen und klar definierten Gut-Böse-Schemata bereits in der Vorlage etwas zu gut meinte. Wie man derartige Lakonie allerdings dennoch in ein vielschichtiges Kinoerlebnis transzendieren kann, zeigte Robert Rodriguez mit seiner dicht inszenierten Adaption des Miller-Comics "Sin City", wo sich kauzige Machos und vollbusige Striptease-Tänzerinnen ein selbstironisches Stelldichein gaben.

In "300" geht es um nicht weniger - allerdings auch nicht viel mehr - als den aussichtlosen, für die weitere griechische Kriegsgeschichte jedoch maßgeblichen Kampf einer spartanischen Minderheit unter Führung König Leonidas' (Gerard Butler) gegen die von Xerxes I (Rodrigo Santoro) befehligte Übermacht der Perser. Das hat sich 480 vor Christus bei den Thermopylen so oder wohl eher so ähnlich tatsächlich ereignet, bildet aber nur die sehr grobe Grundlage für ein kunterbuntes Kriegsspektakel. Regisseur Zack Snyder zeigte sich deshalb bereits bei den Internationalen Filmfestspielen in Berlin, wo der Film seine Weltpremiere feierte, zornig über die Presse entrüstet, seine Comicadaption würde unnötig intellektualisiert.

Worum es dem Mann primär ginge sei nämlich ganz einfach. Entweder es werde ordentlich gemetzelt. Oder eben so richtig schön gefickt (am besten natürlich beides). Und siehe da, in "300" kommt der Snyder-Fan auch ganz auf seine Kosten: Schöne Frauen mit prallen Titten, vollbärtige Muskelmänner in engen Schlüpfern und ein besonders hohes Maß roter Suppe dürfen erwartet werden. Für den Job empfohlen hat sich der Regisseur übrigens durch seine Neuinterpretation von George A. Romeros "Dawn of the Dead", bei der sich nunmehr Yuppies und Mittelstandsbonzen eine zynisch-banale Action-Hatz mit unkontrollierten LSD- Zombies lieferten - das Remake für ADS-kranke MTV-Kids war laut und schnell und ganz besonders schwer angesagt. Deshalb gleich zum Mitschreiben: Das Snydersche Kasperltheater geht in die zweite Runde.

Denn viel gelernt hat der Bubi nicht. "300" ist ebenso langweilig wie auch infantil inszeniert. Zwar gefällt manch einfallsreich choreographierter Kampf, wenn die Ge- schwindigkeit jeweils verringert oder erhöht wird (besonders originell: zur Abwechslung gibt es mal wieder ein wenig Bullet Time-Gedöns), doch insgesamt fällt der Film visuell trotz übersättigter Sepiafarben konventionell aus und lässt comicartige Überzeichnungen vermissen. Nicht selten fühlt man sich deshalb an die CGI-geschwängerten Epen von "Gladiator" bis "Troja" erinnert, was durch den grässlich nervtötenden Ethno-Soundtrack von Tyler Bates noch verstärkt wird: Wann nur endlich haben die Hans Zimmer-Klagegesänge ein Ende?

Doch der Film überrascht in anderer Hinsicht umso mehr. Ein Hauch sanfter Melodramatik durchzieht seine Bilder: 300 Männer stehen im sonnigen Felde, kurz vor ihrem Aufbruch in eine unerbittliche Schlacht. Die Frauen werden liebevoll verabschiedet, die Greise vermitteln prophetische Weisheiten. Dann ziehen die stählernen Kämpfer von dannen und dürfen einmal ganz unter sich sein, um sich mit ihren langen spitzen Speeren zu vergnügen. Was folgt ist eine orgiastische Rammelei ohnegleichen - so derart farbenfroh, ausgefeilt, majestätisch und effektvoll durfte bislang noch kein Gayporno aussehen. Und mit rund 60 Millionen US-Dollar ist diese ölig-geile Männerschau auch noch äußerst großzügig in Szene gesetzt: Schwulitäten im digital-backlot-Verfahren, das gibt es nicht alle Tage zu sehen!

Verständlich, dass dem Film das unfreiwillige Coming-Out reichlich schwer fällt. Deshalb begegnet "300" seiner sublimierten Sexualität ganz offensiv mit hartnäckiger Homophobie. Die persischen Krieger nämlich erscheinen ungleich weniger maskulin als ihre spartanischen Gegner. Im Grunde sind sie entweder durch Verstümmelungen und Behinderungen, oder aber durch übersteigerte Tunten- merkmale gekennzeichnet: Der Feind ist schwarz, barbarisch, unzivilisiert. Und er trägt Piercings, Ketten und Fummel. Ungewollt oder nicht: "300" schildert mit seinem Kampf vom spartanischen gegen das persische Heer auch den Krieg des Westens gegen den rückständigen Osten, um die Grundsteine für die künftige athenische Demokratie zu legen. Als politischer Kommentar liest sich Snyders Film unabhängig jedweder intendierten Stellung oder Nichtstellung ganz einfach reichlich reaktionär. Und wenn dieser Hampelmann sich demnächst an den legendären "Watchmen" versuchen wird, dann sind alle Zweifel mehr als berechtigt.


0% - erschienen bei: DAS MANIFEST