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März 01, 2017

3D-Kino ist gescheitert (schon wieder)

Abgeflautes Zuschauerinteresse, verschenkte Möglichkeiten und eine nur noch geringe Anzahl tatsächlich in 3D gedrehter Filme haben die einstige Zukunft des Kinos zur tristen Gegenwart werden lassen. 3D ist gescheitert – und das leider zu Recht.

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Oktober 24, 2013

Kino: JACKASS PRESENTS BAD GRANDPA

Wieder einmal schlüpft Johnny Knoxville zum Entsetzen ahnungsloser Passanten in das Alters-Make-up des 86-jährigen Lustmolchs Irving Zisman und lässt Seele wie Hodensack baumeln. Mit "Bad Grandpa" folgt der glorreichen "Jackass"-Trilogie ein vierter Kinofilm um den kindlich-anarchistischen Jungstrupp von MTV – ohne eingespielte Stammbelegschaft zwar, aber doch weitgehend im Geiste jener lustvollen Destruktivität, die sowohl TV- als auch Filmserie zu einem hemmungslosen Vergnügen machte. [...]

Oktober 26, 2010

Kino: JACKASS 3D

Aus einer MTV-Serie, in der es in erster Linie um schwachsinnige Stunts und möglichst schmerzhafte Aktionen, um Knochenbrüche, Frakturen, Prellungen, Blessuren und alle nur erdenklichen Körperflüssigkeiten, also schlicht um den ganz großen Spaß großer kleiner Jungs ging, ist eine stattliche Kinotrilogie geworden. Das Prinzip Infantilität fügt sich sogar dem neuesten Trend zur Zukunft des Films. Johnny Knoxville und Freunde malträtieren ihre Körper mittlerweile in 3D – ein Gimmick ist also konsequenterweise da angekommen, wo es hingehört: Im totalen Schwachsinn. Dank "Jackass 3D" darf man jetzt mittendrin sein, wenn einem Kacke, Pisse, Kotze und wie immer allerlei Pimmel um die Ohren fliegen. Ein Fest.

Der Film bricht das 3D-Format, ähnlich wie jüngst das "Piranha"-Remake, auf den kleinsten gemeinsamen Nenner herunter. Es geht um den Gimmick zur Intensivierung des Happenings, und das möglichst geschmacklos. Dildos, die bis ins Publikum schießen, das ist der adäquate Umgang mit 3D. Natürlich braucht "Jackass" das eigentlich gar nicht, immerhin gibt es letztlich nur einige Zwischensequenzen, in denen wirklich Dreidimensionalität generiert wird, während der Film oft sogar in ganz gewöhnliches 2D umspringt. Aber genau darum geht es wohl auch: Um die Vorführung eines Effekts, der eigentlich ganz und gar verzichtbar ist.
Insofern erweitert "Jackass" seine bisherigen subversiven Qualitäten sogar noch um einen Kommentar zur 3D-Welle, ohne es sich selbstredend nehmen zu lassen, ordentlich vom Trend zu profitieren. Die US-Einspielergebnisse von über 50 Millionen US-Dollar allein am ersten Wochenende sprechen zumindest für sich. Dabei gibt es aber ohnehin keinen Zweifel daran, dass die sinnfreien Anarchoaktionen der Blödeltruppe immer noch eine willkommene und notwendige Abwechslung im Mainstream-Kino bilden.

Der völlige Verzicht auf konventionelle Mittel zur Filmgestaltung, die Verweigerung, der bloßen Montage stupider freiwilliger Körperverletzungen zumindest einen behaupteten Sinn zu verleihen, und die ökonomische Ausbeutung des Kinoformats mit Quatsch auf Reality-TV-Niveau geben "Jackass" noch immer jede Daseinsberechtigung. Im besten Falle zwingen Knoxville und Co. damit die 3D-Konkurrenz, auf dem Boden der Tatsachen zu bleiben. Und behaupten sich mit konsequent unfilmischen Geschmacklosigkeiten als Kinolieblinge, feiern quasi Erfolge mit Schmuddelkram in – letztlich – bester John-Waters-Tradition.

Zu den Highlights des dritten Films zählen, wie erwartet, die besonders tief unter die Gürtellinie abzielenden Nonsensnummern. Chris Pontius darf erneut überwiegend mit dem Schwanz wedeln und bekommt dabei buchstäblich unentwegt auf die Nüsse, Ehren McGhehey wird außerordentlich schmerzhaft ein Zahn mit einem Lamborghini gezogen und Steve-O, mittlerweile auf Alkoholentzug und deshalb bei allen Stunts nüchtern, darf in einem Dixiklo festgebunden in die Luft geschleudert und mit Scheiße überschüttet werden. In Erinnerung bleibt aber insbesondere der "Sweatsuit Cocktail", ein Getränk aus dem gesammelten Schweiß von Preston Lacy, das erwartungsgemäß Kotzanfälle mit sich bringt.
Auch wenn die besonders denkwürdigen Einfälle dieses Mal ausbleiben, vermutlich weil auch die "Jackass"-Jungs irgendwann einmal erwachsen werden, man also auf Evergreens wie das Papierschneiden oder Pferdesperma trinken der Vorgänger verzichten muss, hat auch dieser Film noch einen enorm schadenfreudigen Unterhaltungswert. Und man lacht auch immer noch mit den Jungs, statt über sie, weil in erster Linie sie selbst die größte Freude am eigenen Blödsinn haben. Wie Trophäen präsentieren sie sich gegenseitig ihre klaffenden Wunden, demonstrieren Männlichkeit und führen sie doch nur als reine Albernheit vor. Der häufigste Kommentar vor oder nach einer erneuten Aktion lautet nicht von ungefähr: "Why am I doing this?".

Mehr noch als die Fernsehserie und vorherigen beiden Kinofilme setzt "Jackass 3D" dabei auf den zelebrierten Effekt. Durch das 3D-Verfahren sind die Aufnahmen überwiegend ruhig gehalten und werden deutlicher als bisher in Slow-Motion wiederholt und ausgekostet. Und ebenfalls mehr als zuvor – sofern das überhaupt möglich ist – scheinen die Aktionen der Jungs auf den Genital- und Analbereich fixiert. Wenn sie nicht gerade ihre Schwänze zeigen oder sich gegenseitig anpissen, stopfen sie sich irgendwelche Gegenstände in den Hintern oder fuchteln mit Gummidildos herum. Frauen spielen dabei natürlich wie immer keine Rolle, die Jungs bleiben ganz bei sich. Wahre Liebe gibt’s schließlich nur unter Männern.

70% - erschienen bei: gamona

März 02, 2008

Zuletzt gesehen: JACKASS 2.5

Leider fast nur Restverwertung aus überschüssigem Material des zweiten Kinofilms "Jackass Number Two". Darum macht der Appetizer fürs dritte Abenteuer zwar auch kein Geheimnis (in Zwischeninterviews werden Erklärungen für die geschnittenen Szenen geliefert), die übrig gebliebenen Gags und Stunts erreichen aber nicht das Niveau (irgendetwas sagt mir, dass dies das falsche Wort ist) der beiden Kinofilme. In den rund 60 Minuten, die "Jackass 2.5" dauert, gibt es wie gewohnt besonders viele Kack- und Pupsaktionen, hem- mungsloses Kotzen und Pissen, sowie einige harmlose Verkleidungsnummern und Parodien auf "King Kong" oder "Patton" zu sehen. Höhepunkt ist dabei zweifellos der Mann mit den längsten Fingernägeln der Welt, was Steve-O gleich dazu animiert, diese als – sagen wir – verlängerte Strohhalme zu benutzen. Problematisch wie immer die vielen Tierszenen, ansonsten werden Freunde der Chaostruppe (und zu denen zähle ich mich seit der Erstausstrahlung auf MTV) auch an der Lightversion der Große-Jungen-Spielchen ihre Freude haben, wenngleich die kommerzielle Erwägung des ganzen mittlerweile selbst den letzten Rest Subversion ausgemerzt haben dürfte.

50%

Oktober 19, 2006

Kino: JACKASS NUMBER TWO

Da sind sie wieder, die üblichen Verdächtigen - Johnny Knoxville (Chef und Rekordhalter im Ohnmächtigwerden bei den Dreharbeiten), Steve-O (der, der immer kotzt), Bam Margera (der, der immer seine Eltern quält), Ryan Dunn (der mit dem Bart), Chris Pontius (der, der sich bei pulsierenden Technobeats gern auszieht), Dave England (der, der ziemlich gewagte Skateboardakrobatik vollführt), Jason "Wee Man" Acuña (kleiner Mann ganz groß), Preston Lacy (die Kampfwurst) und Ehren McGhehey (der mit den angeklebten Schamhaaren im Gesicht). Und mit ihnen kommen die neusten Ergüsse sadomasochistischer Selbstmalträtierung, als da wären: Angelhaken durchs Wangenfleisch bohren („I can't believe I'm fishing with Steve-o as my bait!“), Pferdesperma trinken, Pferdekot kauen, Stierkampf mit blindem Matador, Bier in den Analbereich einflößen, sich als freizügige, will heißen mit herauspurzelndem Hodensack präsentierende Rentner verkleiden und die Hip-Hop-Voroorte unsicher machen, und viele, viele irrsinnige Stunts, Experimente und anarchistische Selbstversuche, ganz nach dem Motto: "Because it was funny."!

Da gibt es nichts zu diskutieren. "Jackass", das ist für manch einen der bebilderte Untergang abendländischer Kultur, ein grauenvolles Exempel menschlicher Fehlentwicklung und eine fragwürdige Aushebelung von Wert und Sitte, die alle in den Verfall treiben wird. Nicht umsonst entspringt 'Party-Boy' Chris Pontius im Luziferkostüm einer zur sinnbildlichen Hölle umfunktionierten Baustelle und wedelt vor den Augen entsetzter Passanten groß mit der Aufforderung: "Keep God out of California!", hier gibt es höchstens Platz für blasphemische Chaosexzesse. Normal sein ist schon lange uncool. Sich normal verhalten erst recht. Und was überhaupt ist schon normal? Etwa in Anbetracht all dessen, was die Jungs dort zu unserem vermeintlichen Entsetzen fabrizieren, den Blick abzuwenden? Dann sind Millionen Menschen streng genommen unnormal. Wobei das ja nun eigentlich auch wieder kein Geheimnis ist.

Es lässt sich lange drehen und wenden, am Ende gibt es die, die das Kino stürmen, und die, die es vorzeitig wieder verlassen oder gar nicht betreten, und in jedem Falle werden Zugehörige erster Kategorie mit abermals die Grenzen der Grenzen durchbrechenden Nonstopattacken auf die Lachmuskeln belohnt, Zeuge einer so radikal wie konsequent unfilmischen Kinofassung (in nunmehr zweiter Runde) all der bereits in der MTV-Serie von 1999 etablierten Beispiele eigentlich beispielloser Destruktion am eigenen Leibe. So abstoßend, so unanständig das auch sein mag, es ist pure Transparenz, eine ungeformte Abbildung von Chaos und street behaviour, von Jungenstreichen und postpubertärem Unfug, wie ihn ein jeder in uns kribbeln spürt, wie man ihn in der ein oder anderen Form auch schon herausgelassen hat, und wie man es eben deshalb so urkomisch findet, was die Jungs da ob der Geschmacklosigkeit treiben.

Dabei ergäbe großes Rätseln, wie diese bizarre Form von Sadismus zu erklären sei, weniger Sinn als die Frage, warum es angesichts des überwältigenden Erfolges der Serie und Filme so legitim scheint. Mutmaßungen führen schnell zur allgemeinen Lust am – im Kontext alberner Späße und der eigenen Freiwilligkeit der Betreffenden – Leid anderer, der Schadenfreude, dem hemmungslosen Voyeurismus, den wir da bedienen. Aber wesentlich ausschlaggebender für die Wirkung dieser mehr oder weniger wahllos montierten Stunts, die sich zumeist aus einem nicht unterdrückbaren Drang der gedanklichen Partizipation am Gezeigten äußert, ist das Gemeinschaftsgefühl, das dieses mit Videokamera festgehaltene Blödelgebräu hervorruft. Nicht nur lacht der Zuschauer über diese gegenseitige Penetration, er lacht vor allem auch mit den Jungs, die sie betreiben. Und dass diese zwar offenbar nur relativ wenig respektvoll miteinander umgehen, ist dabei kein Widerspruch: In genau den Momenten, in denen sie sich alle auf dem Boden biegen vor Lachen, da sind sie so eng und gemeinsam, wie wahre Freunde vermutlich überhaupt nur sein können.

Denn diese ganzen Sauereien erwecken nicht zufällig immer auch ein wenig den Anschein von versuchten Selbstfindungsexperimenten, die Malträtierung des eigenen Körpers, um sich selbst - und um anderen - näher zu kommen. Jegliche sich aufdrängende sexuelle Konnotationen werden zumindest nicht dadurch entkräftigt, dass Trash- und Schwulenikone John Waters als Lehrmeister mit Dirigierstab auftritt. Und nicht zuletzt steht "Jackass" mit seiner Geschmacklosigkeit und bewussten Provokation überdeutlich in genau dieser Tradition des Tacky Cinema, und setzt die feierlichen Orgien der Grenzüberschreitung aus Waters' "Pink Flamingos" (1972) fort: Wo Drag Queen Divine einst frischen Hundekot verspeiste, da wird derweil eben Pferdesperma verzehrt - so lange es dem Initiationsritus dienlich ist, sei es den Probanden doch vergönnt. Diese Bilder mögen abstoßend sein, in ihrer unbefleckten Reinheit sind sie dennoch umso ehrlicher. Von wie vielen Filmen kann man das denn schon noch behaupten?

70%
Review erschienen bei: Wicked-Vision.de