Oktober 08, 2008

Kino: KRABAT

Nachdem seine Mutter an den Folgen der Pest starb, irrt der 14jährige Krabat (David Kross) bettelnd durch die Lausitz. Von einer inneren Stimme angetrieben, landet der junge Knabe schließlich in einer alten Mühle, die von einem mürrischen Müllermeister (Christian Redl) betrieben wird. Dieser bietet Krabat an, wie die anderen Gehilfen bei ihm in die Lehre gehen und dafür ein Dach über dem Kopf haben zu können. Unter den gleichaltrigen Jungen sorgt der Neuankömmling allerdings erst einmal für Misstrauen – ehe Krabat in das düstere Geheimnis der Mühle eingeweiht wird: Dort nämlich werden die Gesellen in Schwarzer Magie unterricht. Sie können sich in Raben verwandeln und unsichtbar machen, doch dürfen ihre Zauberkräfte nur für die Dienste des Lehrmeisters einsetzen. Bald schon bekommt Krabat jedoch die Schattenseiten seines neuen Lebens spüren: Jedes Jahr muss einer der Schüler für den großen "Herrn Gevatter" geopfert werden, ehe ein neuer Geselle nachrückt. Dieser Teufelskreis kann nicht durchbrochen werden – es sei denn durch die Freibitte eines geliebten Mädchens.

Bald müssten sie ja nun alle einmal durch sein, die Sagen und Geschichtchen, die nicht schon hübsch adaptiert wurden, um noch ein wenig von der Ringe- und Potter-Begeisterung mitnehmen zu können. Allerdings ist "Krabat" jetzt immerhin der deutsche Versuch, am Genre-Kuchen mitknabbern zu dürfen – und überhaupt: Ottfried Preußlers sorbisch inspirierte Erzählung ist ja sowieso ein teutonischer Klassiker, dessen Konvertierung zum Kinospektakel man eigentlich auch schon früher hätte erwarten dürfen. Nur: Angesichts des fertigen Films von Marco Kreuzpaintner ("Sommersturm"), der nach einem kurzen erfolglosen Hollywood-Exkurs wieder an die Türen der heimeligen Filmförderungsanstalten geklopft hat, wäre es besser bei der Erwartung geblieben, denn "Krabat" ist zwar ein amüsanter, herrlich doofer Rohrkrepierer, aber alles andere als eine schöne Verfilmung der adoleszenten Initiationsgeschichte.

Denn wie das nun einmal so ist, versucht der Film als mal pompöses, mal still sentimentales Fantasy-Happening Ein- drücke zu erwecken, denen visuell und natürlich auch von der erzählerischen Struktur her etwas archetypisches und episches innewohnt, und die letztlich Rückschlüsse auf eine hochwertige und für deutsche Verhältnisse ja auch großzügig budgetierte Produktion schließen lassen (sollen). Wenngleich die Geschichte auch nichts mit ihnen zu tun haben mag oder sich nur durch Übereinstimmungen in herkömmlichen Coming-of-Age-Themen und Gut-Böse-Typen ähnelt, erinnert das, was Kreuzpaintner da letztlich aus dem 1971er Jugendbuch herausfischt, doch sehr an den Herrn der Ringe oder den Potter-Harry. Die haben zuletzt nun einmal einen gewissen Vorrat an Bildern, an Impressionen zusammen- gestellt, und der Krabat-Film greift dankbar darauf zurück. Schlimmer noch, wie er die Sehkonventionen seiner US-amerikanischern Vorbildern nachzustellen versucht, wie er visuell an diese anknüpfen, aber trotzdem auch eine eigene, eine intime, eine kleine ländliche Sage sein möchte – das alles vereint sich zu einem unangenehm unausgegorenen, ja leider typisch deutschen Mainstream-Film.

Da trifft Regisseur Christoph Hochhäusler gegenüber Kreuzpaintner mit seiner eigennützigen Blog-Polemik im Parallelfilm-Notizbuch nur zu sehr ins Schwarze: "Wider eine echte wirtschaftliche Logik setzt man, ganz "amerikanisch", auf Formelkino. Nazi und RAF und Bestseller und Fort- setzungen und Merchandising. So entstehen ungenießbare Bastarde, die den Schauwerten Hollywoods hoffnungslos hinterherhinken und zugleich panische Angst vor dem künstlerischen Risiko haben - schließlich haben sie so viel gekostet. Sie sind der "Mittelweg", vor dem Alexander Kluge uns immer gewarnt hat.". Das veranschaulicht sich ganz von selbst: Allein die Hobbit-Kostüme, die penetrant und frech von Howard Shore abgekupferte The Shire-Musik, ja sogar ganz konkrete Einstellungen scheinen straight from Peter Jackson herbeiinspiriert. Und natürlich sind die kurzen Actioneinlagen mit Stroboskopeffekten überinszeniert, könnte ja sonst noch originell sein, das ganze.

Doch selbst auf seinen uneigenständigen Füßlein wackelt und kippt dieser "Krabat" zwei volle müde Stunden hin und her – da wird nicht nur schlecht geklaut, sondern auch schlecht erfunden. Ungelenk, staksig in Szene gesetzt, bebildert Kreuzpaintner die an und für sich schöne Erzählung einfalls- und regungslos, ohne Gespür fürs Magische, fürs Phantastische. Der junge Regisseur hat den Stoff zu keiner Zeit im Griff, weiß nicht, wie er die Mischung aus düsterer Fantasy und Teenager-Drama visuell erzählen oder wo er überhaupt Schwerpunkte setzen soll. Und es ist gar nicht einmal besonders lustig, sondern eher zum Fremdschämen, wenn er dabei schon simple Set-Up-Basics verhaut, so geschehen bei der unglücklichen Einführung der Gesellen, die alle der Reihe nach vom Bett hüpfen und sich brav mit Namen vorstellen. Immer wenn dann selbst die zahlreichen Dialoge nicht mehr genügen, um die Geschichte voranzutreiben, muss auch noch der Off-Erzähler zur Hilfe eilen. Und Otto Sander hat schon so oft und so viel und überhaupt alles irgendwie irgendwo aus dem Off kommentiert, dass man sich doch wahrlich nach weniger Type Casting gesehnt hätte.

Immerhin: "Krabat" ist vorübergehend wunderbar unfreiwillig komisch. Die als Jungstars angepriesenen – zumeist aber genauso gekünstelt wie in ihren anderen Filmen aufgelegten – Darstellerchen von Stadlober bis Brühl sehen in ihren Sackleinen und mit Schmutz verschmierten Gesichtsaus- drücken wahrlich wie die Helden eines osteuropäischen Mittelalterfilmes aus. Und der aus dem Ghetto-Debakel "Knallhart" bekannte Krabat-Darsteller David Kross bekommt nicht einen Satz geradeaus gesprochen, weiß in seiner Unbeholfenheit offenbar überhaupt nicht, was er mit der Kamera anfangen soll. Witzig-bizarr wird’s dann schließlich, wenn der Film ihm auch noch ein wandelbares Kunstbärtchen über die Oberlippe heftet. Währenddessen haben die beiden weiblichen Figuren rein gar nichts zu tun, immerhin ist das ja auch ein Film, der eine Geschichte vom Ausschluss aller Frauen erzählt, aber der fast völlige Verzicht auf die romantische Liebe zwischen Krabat und seinem Mädchen – immerhin zentrale Auflösung des Stoffes – ist schon bemerkenswert. Das legt dann zumindest den Blick frei für einen nicht minder komischen schwulen Subtext, der sich bei dieser Geschichte natürlich ohnehin anbietet – den Kreuzpaintner aber besonders unterfüttert. Wenigstens etwas.

"Krabat" hat dabei ungefähr zehn Millionen Euro gekostet. Die Filmbewertungsstelle spricht von einem besonders wertvollen "Meisterwerk" und zieht Vergleiche zu Fritz Lang (!). Die Fördergelder sind reichlich geflossen. Und bei der Presse- vorführung mussten Sperrfristen unterzeichnet werden. Aber derlei Verneblungseffekte können nicht den Eindruck verwehren, dass dieser Film sich lediglich wie eines der besseren Fernsehspiele anfühlt, die während der Feiertage Sonntagmorgens im MDR laufen.


20% - (so ähnlich) erschienen bei: Die Fünf Filmfreunde

Kommentare:

  1. gut, dass ich den ausgelassen habe. wobei, den "knallhart" mochte ich ;)

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  2. chili aus der mühle8/10/08 20:15

    Hatte gerade vor kurzem das Buch wieder hervorgekramt und gestern in guter Hoffnung für die Verfilmung beendet. Die Lektüre deines Reviews spare ich mir deshalb für später auf, auch wenn ich die Bewertung natürlich nicht aus meinem Blickfeld bekam - UM HIMMELS WILLEN, ACH DU SCHEISSE!

    Naja, die Hoffnung lacht zuletzt, oder wie das heißt. ;)

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  3. Mr. Hankey8/10/08 20:28

    Bin langsam hin und her gerissen. Denn unsere Tageszeitung, die ähnloch oft punktierte Verrisse bringt wie SZ oder Rajko Burchardt ;) hat den Film in der Tat als "Meisterwerk" bezeichnet, mit vielen stichhaltigen Argumenten. Aber auch Deine Review ließt sich glaubwürdig sieht man mal von den "schwulen Kontexten" ab, die du ja irgendwie in jedem Film zu glauben siehst! ;) Ich weiß einfach nicht, wass ich machen soll!

    Dann guck ich jetzt doch erst einmal was anderes schwules: "Hairspray" auf BD! Dürfte ein Traum werden! :-)

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  4. @marcus:

    Den fand ich höchstens in Ansätzen interessant, die Umsetzung war ein einziger Klischee-Bottich,in dem irgendwann alles versunken ist.

    SCARFACE in Neukölln.

    @chili:

    Buch-Fans werden da mitunter zweifellos die Hände über den Kopf schlagen.

    @Hankey:

    Rein mit dir, du wirst ihn lieben. ;)

    Und ja: Ich lese auch nur gutes, BESONDERS in der Tagespresse. Aber die sind alle gekauft, so wie die FBW.

    HAIRSPRAY ... hach, den müsste ich auch mal wieder gucken. So zum 10. Mal. ;)

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  5. der mehlgebleichte chili8/10/08 20:41

    "Hairspray" aufm Bidet?

    Klingt gemütlich, Hankey. ;)

    Und beim schwulen Subtext muss ich Rajko jetzt schon mal in Schutz nehmen, denn: 'ne ganze Mühle voller Kerle, da braucht man nun wahrlich keine interpretative Kraftanstrengung.

    Außerdem läuft da ja 'ne Else durchs Gehölz, alles wird gut.

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  6. Mr. Hankey9/10/08 00:05

    Und ja: Ich lese auch nur gutes, BESONDERS in der Tagespresse. Aber die sind alle gekauft, so wie die FBW.

    Sind das gute Kritiken nicht eigentlich immer. Ich erinnere mich mit Grauen an die furchtbar übertriebene, überschwenglich gute Kritik zu "Spiderman 3". Die konnte nur gekauft sein! ;) ;) ;)

    Ich könnte allerdings auch noch auf Udos Meinung warten, der will da ja mit seiner Tochter rein. Und sobald ich weiss, was er dazu sagt, werde ich mich entscheiden ob ichs mache oder lasse. Soll zwar eigentlich nicht so sein, aber bei "Krabat" lass ich das mal zu! Das ich den lieben werde halte ich aber schon jetzt für ein Gerücht! ;)

    Ach ja: "Hairspray" auf Blu-ray: Ein Traum. Gleich noch ein bisschen vom Boni-Material reinziehen. Die BD hat das ja Gott sei Dank alles drauf! :-)

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  7. Die Extras waren auch auf der UK-Doppel - und die steht seit einenm Jahr in meinem Regal. Aber gut, du brauchst ja auch bei Musicals selbst noch die deutschen Versionen. ;)

    SPIDER-MAN 3 hast du leider, wie so viele, nicht verstanden.^^

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  8. Hübsches neues Banner *lob*

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  9. Hey,

    ich habe leider keine Mail-Adresse gefunden, deswegen als Kommentar (kannst du ja gleich wieder löschen):

    Ich habe dir unbemerkt und unaufgefordert ein Stöckchen zugeworfen. Mehr dazu auf meiner Seite. :-)

    Gruß
    Sven

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  10. @Rudi:

    Das Lob geht wie imme rnicht an mich, sondern "meine" persönliche Grafikerin. ;)

    @CineKie:

    Oh, danke. Schlimm, wenn ich das dennoch nicht selbst mache? ;-)

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  11. Ich denke, ich und die Blogosphäre werden es überleben ... ;-)

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  12. Mr. Hankey10/10/08 00:11

    Aber gut, du brauchst ja auch bei Musicals selbst noch die deutschen Versionen.

    Ich will nun mal John Travoltas deutsche Stimme haben, wenn er spricht! Das ist fast schon Nostalgie. ;)

    SPIDER-MAN 3 hast du leider, wie so viele, nicht verstanden.

    An diesem kitschigen Möchtegern-Intellektuell-sein-Blockbuster gibt es auch nicht viel zu verstehen. Aber na bei 5-6 Punkten bleibe ich ja trotzdem und die BD ist einfach nur spitze! ;)

    Aber was das verstehen angeht: Ich will nicht wissen wieviel Filme du nicht verstanden hast.^^ (Scheint auch immer Dein einziges Argument gegen mich zu sein)

    Aktuell wohl den Baader-Meinhof-Komplex, dessen Wertung von Dir pures Kalkühl ist. Ich bin da mit meinen 7 Punkten ja wenigstens kritischer als man es vielleicht von mir erwartet hätte. ;-)

    Aber ich hatte auch einen guten Begleiter, der die RAF-Zeit, ähnlich wie Udo, miterlebt hat und völlig anderer Meinung als er ist. Der hat mich ziemlich überzeugt, sonst hätte ich vielleicht sogar nur 6 Punkte gegeben. Aber ich schweife ab... ;-)

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  13. der bidet-lose chili10/10/08 16:17

    "diesem kitschigen Möchtegern-Intellektuell-sein-Blockbuster"...

    ...so langsam verstehe ich, weshalb euch "Die Letzte Legion" überfordert hat, Hankey.

    ;)

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  14. Ich hab zwar nach der Vorstellung der Gesellen ausgeschaltet (die unheilvolle Musik bei der Vorstellung Lyschkos war einfach zu viel .. und ich musste außerdem weg), aber "Krabat" mit den Filmen, die Sonntag morgens während der Feiertage auf MDR kommen zu vergleichen - ich finde, du tust den tschechischen Märchenfilmen damit Unrecht (wobei ich da nur auf meine Kindheitserinnerungen zurück greifen kann ...)

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