Dezember 19, 2007

Retro: ORDINARY PEOPLE (1980)

Der Titel verlautet es: Gewöhnliche Leute stehen im Mittel- punkt von Robert Redfords Regiedebüt "Ordinary People". Der Film gewann 1981 vier Oscars, darunter für seinen Regisseur, das Drehbuch und auch für den Besten Film. Und das in jenem Jahr, als Martin Scorsese einen wilden Stier und David Lynch gar den Elefantenmenschen auf die Leinwand losließ. Nur, ein wenig hat man das Gefühl, als spräche heute kein Mensch mehr über Redfords insgesamt sehr stilles Familiendrama, das eine Brücke zwischen den ausschwei- fenden, im gleichen Moment aber auch bedrückend leisen Melodramen eines Douglas Sirk und den abgeklärten, desillusionierten und zynischen Filmen über innerfamiliäre Krisen der letzten Jahre schlägt.

Das könnte daran liegen, dass Redfords Bild einer all-american-family, einer gehobenen Mittelstandsfamilie, deren nur allzu natürliche und menschliche Probleme eine gesellschaftlich konstituierte Fassade zum bröckeln bringen, dass dieses zwar nicht subversive, weil in jeder Hinsicht mit offenen Karten spielende Drama nicht viel neues zu berichten weiß. Es ist einfach, sehr didaktisch und gesetzt inszeniert, konzentriert und behutsam erzählt. Es wirkt beschränkt in der Reichweite seiner Wirkung, als würde Redford nur Spießbürger adressieren wollen, wohlhabende Vorstadtmenschen mit großen Häusern und noch größeren Gärten, die sich zwar einem vorgehaltenen Spiegel ausgesetzt sehen, die behandelte Problematik aber als einzige wirklich nach- vollziehen können. "Ordinary People" wurde schon bei seiner Veröffentlichung als zu brav gewertet, als gut gemeint, aber an den Zeiten des Aufbruchs vorbei denkend. "Raging Bull", "Gloria", "Tess" und "The Elephant Man" hießen die Filme, die den amerikanischen Mainstream 1980 von innen unterliefen.

In der Tat weist Redfords Film Schwächen auf, er ist nicht immer so subtil wie in seinen stärksten Momenten, widersteht nicht immer der Versuchung, seinen Figuren die Selbsterkenntnisse in den Mund zu legen und den Zuschauern somit das Denken zu erleichtern, ebenso wie die durchweg brillanten Darsteller in einigen Szenen zu Over-Acting neigen, obwohl sich ihr Regisseur noch als großartiger Schauspiel- führer erweisen wird. Aber dennoch: Das Schauspiel. "Ordinary People" darf schon deshalb nicht übersehen werden, da in ihm einer der talentiertesten, der faszinierendsten und meistbegabten Schauspieler der 80er Jahre sein Leinwanddebüt gibt. Timothy Hutton heißt er, und zweifellos gehört sein Oscar zu den weisesten Entscheidungen, die die Academy je getroffen hat. Die Leistung des seinerzeit erst 19jährigen Jungen zeichnet sich durch eine enorme Präsenz aus. Wie Hutton den selbstmordgefährdeten, an psychosomatischen Störungen leidenden High School-Schüler mit unsicherer Körpersprache, reflexartigen Bewegungen und ungemein einfühlsamer Introvertiertheit spielt, das scheint selbst gestandene Mimen wie Donald Sutherland und Mary Tyler Moore als besorgte Eltern in zurückhaltendes Erstaunen zu versetzen.

Die Geschichte selbst ist überschaubar, sie bebildert den allmählichen Verfall eines bürgerlichen Ideals, wie ein gut situiertes Ehepaar an der Kälte ihrer Beziehung scheitert, wie ein Ehemann und Vater nicht den patriarchalischen Erwartungen gerecht werden und dadurch die Ansprüche seiner Gesellschaft nicht erfüllen kann, wie ein Sohn die Schuldkomplexe am Unfalltod seines Bruders zu bewältigen sucht. Redford zeigt gewöhnliche Probleme in mehr oder weniger gewöhnlichen räumlichen Situationen. "Ordinary People" wirkt immer ein wenig gestellt in dem was er darstellen soll, doch gerade diese gewisse Künstlichkeit, die überhöhte Sicht verleiht ihm auch eine besondere Note – ein hinsichtlich seiner standardisierten, klassischen, beinahe archetypischen Settings sowohl ästhetisches, als auch inhaltliches Prinzip, das später vor allem Alan Ball aufgriff. Redford kreiert einfache Rahmen und Grundmuster für umso komplexere Figuren und Konflikte. Er schöpft das nicht immer unbedingt aus, liefert aber ein formales Modell, auf das zahlreiche thematisch ähnliche Filme zurückgriffen, aus jüngerer Vergangenheit besonders "Imaginary Heroes".

Von außerordentlicher Kraft sind die Szenen, in denen Huttons Figur seinem (idealisierten, aber von Judd Hirsch überaus eindrucksvoll gespieltem) Psychotherapeuten gegenübersitzt. Die Dialoge sind in diesen Momenten von besonderer, emotionaler Intelligenz, und der gesamte szenische Aufbau, die Musik und der Fokus sind schlicht, zurückhaltend und auf das wesentliche abgestimmt. Keinesfalls selbstverständlich ist auch die im zeitlichen Kontext zu betrachtende Heran- gehensweise an das Thema Suizid und eine gänzlich normale Auseinandersetzung mit Psychotherapie, die hier als legitimer Weg zur Lösung vorgeschlagen wird. Unverkennbar haben diesbezüglich Ben Affleck und Matt Damon für ihr Drehbuch zu "Good Will Hunting" abgeschaut, mit erschreckenden Unterschieden indes: Die Therapieszenen in "Ordinary People" besitzen jene glaubwürdige Schlichtheit, die dem hysterischen bis unangenehm peinlichen Gus van Sant-Film gänzlich fehlt. Während Robin Williams’ Figur den Patienten dort regelrecht penetrierte und der Film das in naiver Kurzsichtigkeit auch noch für richtig verklärte, geht der von Hirsch gespielte Arzt behutsam mit dem Schüler um – selbst als dieser kurz vor einem Anfall steht.

Redford hat seine erste Regiearbeit einmal als Melodram bezeichnet, in dem eine Familie mehr daran interessiert sei, wie sie wahrgenommen wird – nicht wie sie wirklich ist. Nachdem der Film inhaltlich fast alle vier Jahreszeiten durchstanden hat, kann da nur ein ernüchterndes, ein zu erwartendes und doch hoffnungsvolles, weil realistisches Schlussbild zurückbleiben. Jeder Figur wird hier der nötige Platz eingeräumt, sie alle werden vom Film respektiert, ohne dass ihnen Schmerz erspart bliebe. Es ist fast erstaunlich, wie sehr "Ordinary People" auf forcierte Konflikte, Emotionen und Höhepunkte verzichtet. In seiner intimen Inszenierung ist der Film ganz sicher eines der besten Familiendramen. Irgendwo zwischen "All That Heaven Allows" und "American Beauty".


80%

Kommentare:

  1. Wow, das ist wohl eine weitere Lücke, die ich tunlichst füllen muss.

    Habe vor kurzem erneut GOOD WILL HUNTING gesehen (bei dieser Zweitsichtung hat er mir bedeutend besser gefallen!) und kann deine Psychiater-Kritik nicht ganz nachvollziehen. Das kannst du mir ja dann demnächst mal genauer erläutern ;-)

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  2. Hab ich noch nie gesehen, da er nie im TV gezeigt wird. In deinen Augen nun eigentlich zu Recht der Oscarpreisträger des Besten Filmes?

    Timothy Hutton ist auch den Weg vieler Preisträger ins schauspielerische Nirgendwo hin gegangen...

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  3. @Jochen:

    Kann ich gerne machen. ;)

    @Rudi:

    Nein, der bessere Film ist für mich ganz klar RAGING BULL. Der Oscar für Hutton hingegen ist zweifellos mehr als verdient - im Übrigen hat der noch viel gute Sachen gemacht, DANIEL, STEPHEN KING'S STARK (THE DARK HALF) oder BEAUTIFUL GIRLS, alles herausragende Filme. Hutton ist immer noch gut dabei.

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  4. Spielte damit eher auf die letzten zehn Jahre an ;)

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  5. Ok, aber selbst da hat er mir in guten Nebenrollen (THE GOOD SHEPHERD) oder überzeugenden TV-Parts (5IVE DAYS TO MIDNIGHT) gefallen. ;)

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  6. schliesse mich da Hr. Vegas Meinung vorbehaltlos an. Sowohl was Ordinary People, als auch Huttons Lobhudelei. Toller Mann und Darsteller.
    Klar hat der auch viele B-Movie TV Ware gedreht, dann überzeugt er aber wieder in Kleinrollen wie in Kinsey.

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  7. So, nun habe ich ihn endlich gesehen - und bin nicht ganz so begeistert wie du. Sicherlich: Großartiges Schauspiel, Vorbild für all das, was du nennst, und auch die Douglas Sirk Verbindung stimmt. ABER: Ordinary People fehlt eine wesentliche Ingredienz, um wirklich einer großer Film zu sein: Humor. Ich kann verstehen, wenn auf eine kontinuierliche musikalische Begleitung verzichtet wird: mutige Entscheidung. Den Film vollkommen humorfrei zu gestalten, den Zuschauern nicht eine Minute die Gelegenheit zu geben, all die negative Energie, die von den durchweg erstklassigen Schauspielern auf die Leinwand gebracht wird, in einem Lachen zu entladen, ist unverzeihlich! Vor allem deshalb spielt American Beauty in einer anderen Liga, ist diesem Film weit überlegen.

    Fazit: Sehenswertes Kammerspiel. Insbesondere für Leute mit einer leicht masochistischen Ader ;-)

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  8. Ehrlich gesagt verstehe ich nicht, warum der Film unbedingt Humor benötigte. Ich bin zwar generell auch der Meinung, dass die schönsten traurigen Filme deshalb so berühren, weil sie eine feine Balance aus Humor und Tragik herstellen (siehe EDWARD SCISSORHANDS *g*), aber irgendwie hätte ich Humor bei ORDINARY PEOPLE, der ja viel zu gesetzt und ernsthaft in Szene gesetzt ist, falsch gefunden. Zumindest habe ich es nicht vermisst.

    AMERICAN BEAUTY finde ich ja eh kritisch, gerade was den Humor betrifft. Für mich verhökert der Film seine Figuren und damit den Ernst ja für Zynismus und schaut-mal-wie-heftig-Witz, richtig warm konnte ich nie mit dem werden, obwohl ich Alan Ball verehre. Bei LITTLE CHILDREN hat es geklappt, der hatte Biss und satirische Züge, aber verallgemeinern würde ich deine Humor-Forderung nicht wollen. Siehe THE ICE STORM, für mich das unangefochtene Familienmelodram schlechthin. Ist der lustig?

    Fazit: Sehenswertes Kammerspiel. Insbesondere für Leute mit einer leicht masochistischen Ader ;-)

    Jetzt weiß ich, warum ich ihn mag. ;)

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  9. Ehrlich gesagt verstehe ich nicht, warum der Film unbedingt Humor benötigte.

    Du beantwortest diese Frage doch selbst. Über 120 Minuten schweres Psychodrama geht auf keine Kuhhaut ;-) Die Schwermut erdrückt diesen Film - ich habe deshalb nach einer guten Stunde eine halbstündige Pause eingelegt (etwas, das ich normalerweise nicht mache).

    Warum es im Ice Storm funktioniert, kann ich nicht ad hoc beantworten, dafür müsste ich ihn noch einmal sehen. Jedenfalls hat es mich bei Ang Lee nicht gestört, bin ich erst gar nicht in eine Verfassung gekommen, die mich anregte, den Film zu unterbrechen (im Gegenteil!)...

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  10. Du alter Pauseneinleger.

    Aber ich kenne dieses Phänomen, geht mir bei De Palma-Filmen immer so. ;)

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  11. Heute auch gesehen. Daher also deine Animosität gegenüber GWH. Kann ich aber nicht nachvollziehen, immerhin verkörpern Hutton und Damon zwei unterschiedliche Jugendliche, weshalb für mich die unterschiedliche Herangehensweise ihrer Therapeuten in Ordnung geht. Aber ich glaube mit Robin Williams hast du es (wie mit vielen anderen) ja auch nicht so. Von daher wahrscheinlich verständlich, dass du so reagierst.

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  12. Und wie fandest du ihn?

    Ich hoffe nicht "ganz gut". Sondern entweder großartig oder beschissen.

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  13. Ich halte es da ähnlich wie Jochen. Der war ziemlich schwermütig. Mir hat die musikalische Untermalung nich so gefallen. Zwar war die Einleitung gut, aber Pachelbel fand ich dann gerade in der zweiten Hälfte des Filmes, allen voran die finale Einstellung doch etwas deplatziert. Mir hat Redford zu sehr versucht die Gefühlswelt der Figuren mit dem Holzhammer rüber zu bringen. Stichwort Sutherland beim Joggen.

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  14. Ja, hier und da mag man manch plumpen Regieeinfall einräumen müssen. Habe ich ja auch angedeutet.

    Trotzdem extrem toller und einflussreicher Film.

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  15. Einflußreich ja, wenn man sich u.a. GWH anschaut.

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  16. Ich glaube die zeitgenössischen Familienmelodramen, die ich gesehen und die mich nicht an ORDINARY PEOPLE erinnert haben, kann ich an einer Hand abzählen.

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