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November 15, 2011

Kino: THE THING

Gesichter, die sich auf bizarre Weise verformen. Arme, die zu riesigen um sich her schlagenden Tentakeln mutieren. Bäuche, die unvermittelt aufreißen und platzen. Schleimige Metamorphosen, groteske Auswucherungen, das Innere nach außen gezwängt – wenn menschliche Körper bis zur Unkenntlichkeit entstellt und biologische Wahrscheinlichkeiten außer Kraft gesetzt scheinen, dann hat die Leinwand eines ihrer grauenhaftesten Monster zurück: Das Ding aus einer anderen Welt.

1951, 1982, 2011 – geradezu zyklisch wird es stets aufs Neue kinotauglich adaptiert, das von John W. Campbell Jr. in der Kurzgeschichte "Who goes there?" beschriebene Wesen. Die erste, von Howard Hawks produzierte und teilgedrehte, Filmfassung interpretierte den Formwandler noch als radioaktives Zwei-Meter-Ungestüm, das wie die meisten Science-Fiction-Filme der 50er Jahre zeitgenössische Ängste kanalisierte, mit der Vorlage jedoch kaum mehr etwas gemein hatte.

Hawks-Schüler John Carpenter entfernte sich 30 Jahre später in seiner Neuverfilmung des Stoffes von den ulkigen Figuren der ersten Kinoadaption und ersetzte das tapsige Gemüsemonster vorlagentreu durch eine höchst bedrohliche Gestalt, die Menschen wie Tiere assimilieren und sich beliebig verwandeln konnte. Die hiermit entfachten Spannungen zwischen den Arbeitern einer antarktischen Eisstation führten zu Misstrauen und Paranoia, ein jeder konnte bereits vom Alien vereinnahmt worden sein.

Durch seine Schwerpunktverlagerung und der sowohl den effektiven Horror der Kurzgeschichte, als auch eine ausweglose Atmosphäre heraufbeschwörenden Inszenierung adaptierte Carpenter den Stoff zu einem verstörenden Genremeisterwerk, das heute zu den besten Horrorfilmen der 80er zählt. Kaum verwunderlich also, dass die neue und mittlerweile dritte Fassung von "The Thing" sich weniger an der Vorlage und deren erster Interpretation orientieren, als vielmehr eine Vorgeschichte zum Carpenter erzählen möchte – inklusiver konkreter Anknüpfungspunkte.

Wir erinnern uns: Zu Beginn des vorherigen Films werden Kurt Russell und Co. von den Überlebenden einer nahe gelegenen norwegischen Station überrascht, bevor sich das Monstrum in Form eines Schlittenhundes bei ihnen einnistet. Jetzt erzählt Debütregisseur Matthijs van Heijningen Jr., wie jene Norweger kurz zuvor auf das Ufo und dessen Piloten stießen, um schließlich sukzessive infiziert und dezimiert zu werden. Lediglich eine US-Wissenschaftlerin (Mary Elizabeth Winstead) nimmt es mit der Bedrohung auf, doch dass ihr das letztlich nicht gelingen kann, weiß man natürlich schon von vornherein.

Mit ihr erweitert der Film den Stoff um eine weibliche Perspektive, wie sie in der 51er-Version nur ganz am Rande und bei Carpenter überhaupt nicht vorkam. Dass hier allerdings eine Frau den Testosteronladen vor seinem Untergang zu bewahren versucht, bleibt erzählerisch vollkommen ungenutzt. Stattdessen muss sich die Winstead-Figur damit begnügen, als Ellen-Ripley-Zitat auf zwei Beinen an Sigourney Weaver zu gemahnen, während Marco Beltrami auf der Tonspur fleißig die berühmten "Alien(s)"-Motive über seinen Score klatscht.

Das aber ist gar nicht das Problem mit diesem neuen "The Thing"-Ding. Dass Problem ist vielmehr, dass kein Mensch diesen überflüssigen Ergänzungsversuch eines bereits makellosen Films gebraucht hat. Wer möchte ausbuchstabiert wissen, was man sich im Carpenter noch auf schaurige Weise zusammenreimen musste. Was dort beklemmend angedeutet wurde, wenn wir die verschneiten Reste der norwegischen Eisstation zu Gesicht bekommen, oder in das Antlitz zweier auf unerklärliche Weise verschmolzener Gesichter blicken müssen. In Carpenters Film begannen die Schrecken einst unvermittelt, nun werden sie akkurat ausgewalzt.

Und weil die Neuauflage auch keine Gelegenheit auslassen kann, konkrete Verbindungen zur 82er-Version zu schaffen (ja, schließlich sogar deren erste Einstellungen in den Abspann übernimmt), stellt sie sich gezielt dem Vergleich mit Carpenters Version. Dass es ihr dabei zu keiner Zeit gelingt, an die atmosphärische Dichte, erlesene Kameraarbeit oder konzentrierte Handlung des Vorbildes anzuknüpfen, ebenso wie die austauschbaren CGI-Splattereinlagen nicht annähernd den Eindruck der überragenden Make-Up-Effekte Rob Bottins hinterlassen, dürfte da eigentlich kaum jemanden wirklich überraschen.

In ihrem Versuch, sich als aufgehübschtes Ergänzungsstück zur vorherigen Adaption der Kurzgeschichte zu behaupten, versagt die jetzige Neufassung von "The Thing" bereits konzeptionell. Statt eine wirkliche Vorgeschichte zu erzählen, ungeachtet des Bedarfs einer solchen, begnügt sich der Film im Wesentlichen mit ausgeschmückten Plot-Details, die rudimentär allesamt schon in Carpenters Version angelegt sind. Wenn dann sogar noch ganze Momente der "Fortsetzung" nachgespielt und somit vorweggenommen werden (der Bluttest, hier zum Zahnersatztest ummodelliert), verabschiedet sich der Film grandios von seiner eigenen Sinnhaftigkeit und mutiert unweigerlich zum schnöden Premake (Prequel + Remake).


30% - erschienen bei: gamona

März 24, 2011

Kino: SEASON OF THE WITCH

Zu Gottes Freunden zu zählen sei kein Zuckerschlecken, beklagt sich Tempelritter Behmen (Nicolas Cage), während er in den Kreuzzügen munter die Gegner des Herrn dahinmeuchelt. Nach über einem Jahrzehnt wüster Schlachtpalette bemerkt er inmitten eines heroischen Schwertduells ganz plötzlich, dass in diesem Kampf auch unschuldige Frauen und Kinder ihr Leben lassen müssen. Mit dieser gnadenlosen Einsicht beginnt "Der letzte Tempelritter", ein Film, dessen ganz auf Cages Disney-Erfolgsfilme abzielende und hanebüchene deutsche Titelübersetzung noch das geringste Problem ist.

Weder handelt dieses kuriose Genregemisch von einem oder gar dem letzten Tempelritter, noch geht es hier wirklich um die "Jahreszeit der Hexe", wie es wiederum der Originaltitel verlautbaren möchte. Der Film vermengt Fantasy-Hokuspokus und Geschichtsumschreibung zu rundherum dümmlichem Mittelalter-Trash, dem allerdings jede Vergnüglichkeit abgeht. "Season of the Witch" ist nicht so schlecht, dass er Spaß machen könnte, er ist einfach nur ganz normal schlecht. Und damit ohne Belang selbst noch für Cage-Fans, die von ihrem Schulden abtragenden Lieblingsschauspieler mit großer Konsequenz zu Jüngern des Camps konditioniert werden.

Nachdem Behmen also ganz unverhofft vom schlechten Gewissen heimgesucht wird, kehrt er der Kirche gemeinsam mit seinem Freund Felson (Ron Perlman) den Rücken und zieht reumütig durch die Lande. Widerwillig übernehmen die kriegsmüden Ritter den Auftrag eines todkranken Kardinals (unwürdig: Christopher Lee), ein als Hexe bezichtigtes Mädchen (Claire Foy) zu einem entlegenen Kloster zu bringen. Dort, so erhoffen es sich die Geistlichen, wird ihr Bann gebrochen und die ihr zugeschriebene unheilvolle Pest ein Ende finden. Auf dem steinigen Weg jedoch warten einige Gefahren auf die Gruppe: Keine Ausschilderungen, karge Landschaften und eine Handvoll doofer Sprüche. Von dämonischen Killerwölfen oder irren Zombiemönchen gar nicht erst zu sprechen.

Der Film bringt zweifelsfrei die eine oder andere amüsante Anlage mit sich, aber aus irgendeinem Grund möchte Regisseur Dominic Sena ("Gone in 60 Seconds") die hanebüchene Geschichte mit erzählerischem Ernst und weitgehend konventioneller Inszenierung aufziehen. Er mag seine heldenhaften Figuren nicht für Ulk ausgestellt wissen und scheint den ganzen drögen Fantasy-Mumpitz offenbar spannend zu finden. Das allerdings lässt sich schwerlich vereinbaren mit einem Plot, in dem zwei Ritter, deren Alter die Lebenserwartung im 14. Jahrhundert mindestens verdoppelt, eine aus unerfindlichen Gründen zur Verursacherin der Pest erklärten Frau den Teufel austreiben sollen. Und dabei dann Sätze zum Besten geben wie: "Wir brauchen mehr Weihwasser!".

"Season of the Witch" ist in erster Linie ein enorm träger und auch enorm unausgegorener Film. Mit antiklerikalen Witzchen, aber einer ausgedehnten finalen Glaubensbeschwörung, dem eingangs beschriebenen Storyaufhänger und der wie immer faszinierenden Perückenpracht von Nicolas Cage (diesmal inklusive blonder Strähnchen) bewegt er sich nahe am Trash-Vehikel. Die ausgelutschten Kampfszenen, lausigen CGI-Tricks und überwiegend schnarchigen Dialoge hingegen rücken ihn eher in Richtung gewollt, aber nicht gekonnt. Und dann sollte nicht unerwähnt bleiben, dass der Film über längere Zeit wie ein Remake von Ingmar Bergmans "Das siebente Siegel" in "Monty Python and the Holy Grail"-Montur daherkommt – nur gänzlich ohne Charme.

An historischen Diskursen oder der eigentlich gar nicht so reizlosen Prämisse – Hexenverbrennung als tatsächlicher Exorzismus – ist Sena natürlich ebenfalls nicht im Geringsten interessiert. Aber selbst noch am spaßigen Spektakel, an halbwegs ruppiger Action oder ernsthaftem Grusel zeigt er kein Interesse. Die wenigen Schlachtszenen werden allesamt für die Exposition zusammenmontiert, und als besonders unabenteuerlicher Höhepunkt des Films muss doch tatsächlich die unspektakuläre Überquerung einer Hängebrücke herhalten – eine Szene, die bemüht zum großen Spannungsmoment aufgeblasen noch nicht einmal für einen halbwegs anständigen Schauwert zu gebrauchen ist.

Das klobige Resultat von "Season of the Witch" erklärt sich letztlich wohl nur aus der katastrophalen Produktions- geschichte. Gedreht bereits in 2008, sollte der Film ursprünglich vor über einem Jahr in die Kinos kommen. Nachdem im Herbst 2009 bereits Teaser und Trailer lanciert wurden, aus denen es zahlreiche Szenen nun gar nicht mehr in den fertigen Film geschafft haben, lag das Projekt erst einmal eine ganze zeitlang auf Halde. Nachdrehs und massive Umschnitte folgten, ehe der Verleih den ursprünglich für ein erwachsenes Publikum konzipierten Fantasy-Horror als jugendfreies PG-13-Abenteuer doch noch veröffentlichte. Vielleicht also versteckt sich in "Season of the Witch" irgendwo ein eigentlich sehenswerter Film. Vielleicht.


25% - erschienen bei: gamona