September 22, 2011

Zuletzt gesehen: HWANGHAE [THE YELLOW SEA]

Überaus einnehmendes Actiondrama, das auf verschiedenen Ebenen Grenzsituationen verhandelt, sowohl geographisch-räumlich (Nordkorea – China – Russland) als auch in Hinblick auf vor dem Abgrund stehende, sich an emotionalen Klippen entlang hangelnde Figuren, für die das Leben zwischen Grenzen zur eigenen psychischen und körperlichen Grenz- erfahrung wird. Mit einer recht vordergründig gestalteten Geschichte über soziale Milieus und zwischenstaatlich organisiertem Verbrechen thematisiert "The Yellow Sea" einerseits Existenzialismus im Allgemeinen und Heimatlosigkeit im Besonderen, bewegt sich jedoch mit deutlich ausgespielten Motiven des Actionthrillers (Vergeltung, Verschwörung, Verfolgung) auch stets in einem weitgehend konventionellen Genrekontext. Der in der ersten Hälfte ganz dem Blick seines zentralen Antihelden verpflichtete Film bedient damit beides, ein auf die Authentizität der Milieus gebürstetes Drama ebenso wie spannendes, vom Plot vorangetriebenes Actionkino. Wenn sich im zweiten Teil der Fokus vom individuellen "Erlebnisbericht" zur überladenen Ensemble-Geschichte verlegt, büßt "The Yellow Sea" leider einiges an Intensität ein und enttäuscht nach seinen nahezu grandiosen ersten beiden Kapiteln mit einer gerade auf den letzten Metern unnötig verschachtelten Handlung und doch recht übermäßig zelebrierter Brutalität. Ein sehr guter, aber kein herausragender Film.


60%

Kommentare:

  1. Mal wieder ein Film, bei dem ich dir zumindest halbwegs zustimmen würde^^. Gegenüber dem Vorgänger The Chaser baut The Yellow Sea ein wenig ab. Wie viele koreanische Thriller der letzten Jahre gerät leider auch TYS allzu überladen und "bedeutungsvoll" gegen Ende. Narrativ hätte dem Film etwas Reduziertheit nicht geschadet und was ist eigentlich so schlimm daran, mal einen 90-Minüter zu drehen? Setze in Na Hong-jin trotzdem mehr Hoffnungen als in den protzigeren Kollegen Kim Ji-woon.

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  2. Mit Kim Ji-woon ist in der Tat nicht mehr viel los. Von A BITTERSWEET LIFE über THE GOOD, THE BAD, THE WEIRD bis I SAW THE DEVIL zieht sich eine regelrechte Kurve, entlang derer die Filme immer noch (auch hinsichtlich der Laufzeit) aufgeblähter, aufgebauschter, plump manipulativer und eben protziger wurden. Das Versprechen, das man in einem A TALE OF TWO SISTERS sehen kann, konnte da jedenfalls m.E. keiner der Nachfolger bislang einlösen.

    Ohne THE CHASER zu kennen, hat mir THE YELLOW SEA trotz gewisser Skepsis (es ist wirklich ein Jammer, dass sich offenbar - gerade im Action/Gangster/Thriller-Bereich - kaum jemand mehr auf die Kunst besinnen mag, einen Film auch einfach mal knackig auf 70 oder 80 Minuten zu verdichten) doch sehr gut gefallen. Die tollen Schlussminuten haben mich dann auch weitgehend für die zwischenzeitliche narrative Überladenheit entschädigt. Und die Rückführung der (sicherlich ziemlich aus dem Ruder laufenden) Gewalt vom anonymisierten, distanzierten Schusswaffengebrauch zum physischen, fast archaischen Stechen, Hacken, Schlachten, Zerstückeln, fand ich eigentlich auch eher im positiven Sinne bemerkenswert.

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