Februar 20, 2011

Berlinale 2011: TWENTY CIGARETTES

Nach Zügen, Seen oder Industriegebieten beobachtet James Benning, Meister der einen Einstellung, nun Menschen. 20 Raucher, 20 Zigaretten, 20 Schnitte, vor statischer Kamera, die stets auf nah gestellt ist. Quer durch alle Bevölkerungsschichten hat der Regisseur seine Protagonisten ausgewählt, Frauen und Männer jeden Alters und jeder Hautfarbe. Eine Einstellung dauert in der Regel eine Zigarettenlänge, mal zwanzig kommt der Film damit auf ca. 90 Minuten Laufzeit. "Twenty Cigarettes" ist Reduktion auf hohem Niveau, aber leider ohne besondere Konsequenz. In der unglaublichen Ruhe der gefilmten Situationen – kein Off-Kommentar, keine Musik, nur das stille Brennen der Zigarettenglut und diffuse Hintergrundgeräusche sind zu hören – kann man sich schön verlieren, einmal ganz für sich sein und illustre Zusammenhänge darüber spinnen, was einem die Bilder geben oder nicht geben, in welcher Beziehung sie zueinander stehen und was sie einem so über das Rauchen, Menschen, Individualität oder filmische Einheiten erzählen.

Konsequenz geht dem Film ab, weil Benning nicht auf Einmischungen verzichtet. "Twenty Cigarettes" ist sehr langweilig und sehr interessant, aber noch interessanter hätte er sein können, wenn sich die Personen (Probanden) freier vor der Kamera bewegen würden. Es gibt keine wirkliche Distanz und dadurch auch keinen wirklichen Beobachtungsraum. Einige Menschen rauchen angesichts der Kamera vor ihnen derart verunsichert und andere wiederum so kontrolliert, dass die Situationen zu Versuchen verkommen, in denen das Dokumentarische dem Inszenierten zu weichen droht. Das ist weder avantgardistisch noch experimentell, sondern nur halblauter Rock 'n' Roll. So spannend es sein kann, ein Ereignis minutenlang aus einer einzigen unbeweglichen Einstellung heraus zu ergründen: Der Blick sollte möglichst ungetrübt und unverfälscht, oder eben wiederum deutlich verfremdet und inszeniert sein. Sonst hält das Interesse gerade mal eine halbe Zigarettenschachtel lang.


50% - erschienen bei den: 5 Filmfreunden

Kommentare:

  1. Sorry, dass ich das hier reinschreibe, aber danke für Dein Zitat des Monats vom guten Puni/Stefan/wasweißich. So spontan musste ich schon lange nicht mehr über etwas lachen. Wie jemand seine anankastischen Tendenzen derart zur Schau stellt nötigt allerdings auch schon wieder einen gewissen Respekt ab.

    (Übrigens meine ich das nicht im übertragenen Sinne. Ich lache tatsächlich gerade laut vor dem Monitor.)

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  2. Mit dieser engstirnigen und kurioserweise auch noch stolz vorgetragenen Meinungsausstellung hat er sich gewiss keinen Gefallen getan, aber ich glaube, das weiß er mittlerweile auch selbst. Hoffe ich zumindest.

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  3. Wenn dein Zitat des Monats dazu beigetragen hat, dass er das jetzt auch selber weiss, dann kann man mit Recht behaupten, dass dein Blog mittlerweile, naja nicht die Welt, aber auch Menschen verbessert.

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  4. Ja, ich hätte mich anders ausdrücken sollen in einigen Formulierungen, das stimmt - aber Rajko und mich als Menschen verbessern? Nee, davor geht die Welt 2x unter! :D

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  5. Ich bin jetzt frustriert ob meines Interpretationsvermögens; die ganzen Tage habe ich diesen sagenumwobenen Berlin-Post auf Equilibrium stets als ironisches Pamphlet rezipiert - und jetzt muss ich hier erfahren, dass das anscheinend ernst gemeint war. Das verunsichert mich. Menno.

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  6. Erinnert mich jetzt irgendwie an Guttenberg... ratz fatz Stellung nehmen und häppchenweise seine Fehler zugeben. ^^

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  7. Ist nur etwas unglaubwürdig, da er sich auf seinem Blog ja verteidigt. Nichts von Fehler zugeben, er hat noch nichtmal erkannt, worum es eigentlich geht.

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  8. Kinder, nur weil einer Berlin nicht mag - gibt's in der Blogosphäre grad sonst kein Knochen? Ich stehe nach wie vor zu jedem Aspekt, nur die Worte hätte ich besser - sprich less offensive - wählen können, ja. Period. :)

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  9. Hast Recht Mephisto... ;-)

    Sieg Heil

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  10. Das ist doch das Problem, du tust jede Kritik mit 'nur weil einer Berlin nicht mag' ab. Dabei geht es doch gar nicht um Berlin, sondern um deine verallgemeinernde und Vorurteil-schürende Darstellung.
    In der Bahn gibt es NUR Assis, NUR die osteuropäischen Journalisten sind nervig, und zwar nur in Berlin, nicht in Baden-Württemberg. Dabei ist keinerlei Ironie zu erkennen.

    Wo ist dein Problem, wenn ein Obdachloser in der Bahn seine Zeitung verkaufen will? Die sind in den wenigsten Fällen aufdringlich und wenn du dir die Zeitung mal gekauft hättest, würdest du vielleicht mehr Verständnis dafür haben.
    Da ist ein Geschäftsmann, der lauthals in sein Handy brüllt, genauso aufdringlich.

    Ich bin mir sicher, wenn man lange genug sucht, findet man in Baden-Württemberg ebenso Assi-Dörfer. Sollen sich die Obdachlosen alle in ein Loch verkriechen, nur damit die feinen Herren nen schönen Ausblick in der Bahn haben? Ich sehe das als Vorteil, dass sie in Berlin wenigstens geduldet werden, während sie in anderen Städten sofort verrecken oder verjagt werden.

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