Januar 26, 2011

Zuletzt gesehen: THE CLASS OF 1984

Mit psychologischem Geschick gestrickter Selbstjustizfilm über unkontrollierbare Jugendliche, Gewalt an Schulen und den Machtverlust von hilflosen Autoritäten, der seinen reißerischen Vigilantismus rückwirkend als prophetische Sozialkritik verstanden wissen will. Mark L. Lesters Qualitäten als Anstifter eines ernsthaften Diskurses über Jugendgewalt erweisen sich jedoch kaum überraschend als wenig glaubwürdig, vielmehr liegen seine Stärken in der kompletten Ausschlachtung des Themas, das er als wütende Exploitation mit klaren Gut-Böse-Trennlinien aufzieht. Ironischerweise zeichnet "The Class of 1984" trotz seiner völlig überzogenen und indifferenten Darstellung der albernen Schulpunks und klischeehaft anmutenden Dystopie verrohender Kinder insgesamt ein Bild von Jugendkriminalität, das heute zwangsläufig weitaus weniger fiktiv erscheinen muss als 1982. Unterm Strich funktioniert der Film in erster Linie als gradliniger Actionthriller, dessen größte Ambition sich im effektivem Ausverkauf, statt tiefsinnigen sozialen Visionen spiegelt.


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Kommentare:

  1. Ungewöhnlich entspannter Kommentar, finde ich. Bei einem Film wie diesem hätte ich früher von mir sofort mit einem ideologisch durchtränkten Totalverriss gerechnet.

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  2. Finde den übrigens auch ideologisch, aber da ich ihn eindeutig bei Exploitation und eben nicht, wie Lester das mittlerweile gern auf DVD-Extras kolportiert, als visionäres Stück Sozialkritik verorten würde, wäre es witzlos, ihn darauf festzunageln. Unbedenkliche Exploitation ist irgendwie keine Exploitation, deshalb sage ich auch, dass der Film "funktioniert".

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  3. Holst Du gerade die Krekels Marketing-Scheiben nach, oder wie kommt's dazu? :D

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  4. Verstehe ich nicht. Hab die US-DVD von Anchor Bay.

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  5. Der Film ist auch in weiten Teilen ein Stimmungsfilm. Vor allem in der europäischen Version, mit ihrer Synthiemusik. Als Kinder und Jugendliche damals haben wir den Film vollkommen anders wahrgenommen, als es durch die Filmkritik oder Erwachsene geschah. Der Amoklauf des Lehrers erschien wie nervtötende retributive Konvention. Tatsächlich waren wir von der Tristesse, den damals gar nicht so klischeehaft gewesenen Punks, der No-Future-Stimmung und vor allem dem intensiven Glauben beseelt, dass dieses System vor die Hunde geht und wir dreckig lachend auf die Gräber und die Trümmer der Wohlstandsgesellschaft pissen können. Der Wunsch der Adoleszenz das Alte zu vernichten und etwas Neues zu schaffen, auch wenn man nicht die geringste Ahnung hatte was das sein sollte. Hauptsache erst mal vernichten. Futter genug gab der Film dafür und hat meine Generation damit die ganzen 80er durch begleitet. Wohl auch einer der Gründe, warum er von Personen in den 30er und 40er Lebensjahren heute als sozialkritisch verklärt wird. Da besteht kein wirklich emotionaler Bezug mehr zu solcherlei Vernichtungsgedanken, also verrationalisiert man. Tja, aber statt Zusammenbruch der Welt kamen Ende des Kalten Krieges, Globalisierung, Neokonservatismus und das I-Phone. Aber das ist eine andere Geschichte.

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  6. Was du beschreibst, klingt für mich eher nach späte 60er oder frühe 70er, aber jede Generation hat wohl ihren ganz indivuell gefühlten Aufbruch. Ansonsten interessant zu lesen. Den Zeitgeist-Bonus hat der Film bei mir natürlich in der Form nicht, obwohl er für mich zumindest zu erahnen bzw. zu spüren war.

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  7. "Den Zeitgeist-Bonus hat der Film bei mir natürlich in der Form nicht, obwohl er für mich zumindest zu erahnen bzw. zu spüren war."

    Dass ist vielleicht der größte Verdienst, den der Film heute noch bieten kann.

    Ansonsten waren die 60er/70er noch stärker politisch geprägt. Selbst so unpolitische Menschen wie meine Mutter haben gegen den Vietnamkrieg demonstriert, weil das eben dazugehörte und sich die Gegenbewegung so ein Stück weit definierte. Im Verlauf der 70er fiel das weg. Da wurde meine Mutter auch punkiger und das bedeutete, dass man seinen Hass und seine Ablehnung jetzt einfach so gegen das System und jeden sonst loslassen konnte, ohne große Botschaft. Kann man auch schön an der Entwicklung bzw. dem Zusammenschluss von Punk- und Heroinszene in der Künstlerszene New Yorks erkennen. Muss spontan an Ferreras period piece THE DRILLER KILLER denken. Diesbezüglich war KLASSE dann natürlich viel kommerzialisierter. Aber Mitte der 80er, als die 80er durch MIAMI VICE & Co. dann auch tatsächlich zu jenem Jahrzehnt wurden, das heute viele in Erinnerung haben bzw. welches von den Medien heutzutage kolportiert wird, konnte man sogar anfangen die Apokalypse zu verkommerzialisieren. Da fällt mir der dritte MAD MAX ein oder HARDWARE. Plötzlich war auch die Erde nach der nuklearen Vernichtung von einem "strahlenden" Chic durchzogen.

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  8. Nicht jedoch in CLASS OF 1999. :D

    Eine so intensiv gesellschaftlich-politische Periode gab es wohl erst wieder nach 9/11 - leider mit entsprechenden Filmen, die alle ums eigene Trauma kreisen und nur mit sich beschäftigt sind. Da knickten dann selbst die Revoluzzer von einst (oliver Stone) gnadenlos ein.

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  9. CLASS OF 1999 habe ich vor 17/18 Jahren einmalig gesehen. Ich kann mich nur noch an eine beschleunigte Arsch-Versohlungssituation mit John P. Ryan (King of Overacting) erinnern, die mich auch jetzt gerade wieder zum Lachen bringt. Auf jeden Fall vielen Dank für eine Inspiration. Meine Frau und ich machen Freitags immer einen Bahnhofskinogedenkabend. Da würde der Streifen gut reinpassen.

    Stone als Revoluzzer? Das habe ich eigentlich immer mehr als ein in den 90ern gepushtes Phänomen wahrgenommen. Mit PLATOON war er ja '86/'87 erst mal der Mann, der das Vietnamtrauma konsensfähig für den gängigen amerikanischen Kinozuschauer gemacht hatte. Da waren mir die Rescue-Movies der Zeit immer lieber, spiegelten sie in ihrer einfachen Ehrlichkeit viel eher die Psyche des Durchschnitts-Amis wieder und konnten auch viel eher polarisieren. Dass man sie heute mehr unter Trash oder Exploitation abstempelt macht es natürlich einfacher. Man entschärft sie dadurch, muss sie nicht mehr so ernst nehmen, dabei sind sie ein sowohl erhellender als auch erschreckender Zeitspiegel einer verwirrten Weltmacht.

    Schämen muss ich mich, da ich bei Stone bei U-TURN stehen geblieben bin. Du bist mir da also um einiges voraus ihn beurteilen zu können.

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  10. Dann tausche ich Revoluzzer gegen zornigen Politbeobachter/-kommentator. Auf jeden Fall haben Stones Filme mit seinem jüngstes Werk enorm an Glaubwürdigkeit eingebüßt, war er doch in den 80ern einmal der politischste Filmemacher des US-Mainstreams. Aber darum soll's ja eigentlich nicht gehen. Ich kann dir nur empfehlen WORLD TRADE CENTER zu schauen, nur so, um das Unglaubliche zu glauben. :)

    Besagte Szene aus CLASS OF 1999 ist übrigens in der Tat ein Highlight. Und Ryan grimassiert sich auch sonst auf höchst amüsante Weise durch den Film.

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