Oktober 11, 2010

Zuletzt gesehen: HARRY BROWN

Weder bloßer reaktionärer Vigilantenreißer, noch 'britische Antwort' auf Clint Eastwoods "Gran Torino", sondern gerissen inszeniertes, rechtsradikales Affektkino zwischen fröhlicher Sozialpornographie und kläglichem Gesellschaftspessimismus, das von Beginn an entsprechende Manipulationshebel bedient, um die unterstellte und plakativ, um nicht zu sagen: primitiv, bebilderte Machtlosigkeit von Staat und Justiz, sowie die zur totalen weltfremden Dystopie übersteigerte Verrohung der kollektiven Jugend in so genannten Problemvierteln gegen einen armseligen Rentner (clever besetzt mit einem crowd-pleaser wie Michael Caine) zu positionieren. Dieser macht sich mit Waffengeschütz und Foltergepäck auf, um seine Gegend von Mördern, Drogendealern oder Homosexuellen – und was aus Sicht des Films sonst noch so unter "Abschaum" firmiert – zu befreien (Kinderschänder habe ich sträflich vermisst!). Ein Polizeiermittler kommentiert dies damit, dass Mr. Brown ihm letztlich einen Gefallen tue, ehe er selbstredend ermordet und die Liste der zu rächenden Gewaltakte Harrys wieder etwas länger wird. Chapeau.

"Harry Brown" formuliert nie den Hauch eines Zweifels am perfide und geschickt motivierten Selbstjustizakt seines autoritären Helden, er bejubelt die pathetischen Taten des Amok laufenden Witwers mit heiterer Genugtuung und fragwürdig symbolträchtigen Bildern unter versuchter Einbeziehung seines Publikums, während er die Titelfigur munter glorifizierend über bessere Zeiten im Krieg sinnieren lässt, weil dort schließlich noch sinnvoll gemordet worden sei. Regisseur Daniel Barber mag hier ja auf umständliche Art wichtige Fragen anreißen, seine Antworten aber sind die denkbar simpelsten. Dank seiner effektiven propagan- distischen Inszenierung, seines starken Hauptdarstellers und milde diskursiven Potenzials ist das immerhin ein unterhaltsamer Scheißfilm, der in seiner teils grotesken Überzogenheit und lachhaften Weltanschauung schon fast Comiccharakter besitzt. Unterm Strich aber ein gefährlich dummer Aufmerksamkeitserreger, verkleidet als makelloser Thriller für ideologische Analphabeten, geistige Hinterwäldler und die Thilo Sarrazins von morgen.


20%

Kommentare:

  1. Ist eine der wenigen Kritiken zu dem Film, die ich bisher nachvollziehen kann. Optisch hat er mir teilweise ganz gut gefallen, obwohl sich die Spielereien dann auch größtenteils auf bereits mehrfach gesehene Stilmittel begrenzt haben.

    Ideologisch besonders schön fand ich die Tatsache, dass Harry das abgezogene Drogengeld in der Kirche deponiert, da schließt sich dann der Kreis aus verlogener "White (and old) Man's Burden"-Philosophie.

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  2. Ja, sehr treffsichere Einstellung, eine von vielen, bei denen sich der Film nicht zu schade ist, in plumpeste Offensichtlichkeiten und Visuals zu flüchten. Allein die "Charakterisierung" Browns nach Baukastenprinzip (einsamer Mann = Totale, in der er allein am Essenstisch sitzt oder nach dem leeren Kissen im Ehebett greift, Antriebslosigkeit = tropfender Wasserhahn etc.pp.) sorgte bei mir für einige Kopfschüttler, aber allerspätestens das Ende schießt den Vogel komplett ab.

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  3. Halte diese Vorwürfe immer noch für übertrieben und den Film ganz einfach für 'nen guten Vengeancekracher. Hab das Ding aber auch völlig anders erlebt, als alle, die dem Kleinod Rechtsradikalismus und sonstwas vorwerfen - der Gedanke ist mir während der Sichtung nie gekommen. Genausowenig wünsch ich mir einen Harry Brown, der die lokalen Straßen hier säubert, noch kann ich mit "Deutschland schafft sich ab" was anfangen - das Ding und ihre Schwärmer gehören meiner Meinung nach praktisch auf den Scheiterhaufen. Also muss ich wohl - da mir der Film ausgezeichnet gefällt - ein geister Hinterwäldler sein, da ich nicht merke, was für'n Schund das ist. Aber eigentlich mag ich nur gute Filme.

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  4. Lüge. SWEENEY TODD fandest du z.B. scheiße. Geh' mal lieber bei Harry.

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  5. Ich geh mal davon aus, dass Charlie Bronson als Paul Kersey bei dir auch keinen Stein im Brett hat, was?

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  6. Oh, Herr Osteried! Nun ja, ich müsste lügen, wenn ich behauptete, ein Freund der DEATH-WISH-Filme und Konsorten zu sein, wobei ich diese im zeitlichen Zusammenhang zumindest nachvollziehen und auch nicht ganz ohne Reiz sehen kann, immerhin funktionierten sie gut als Spiegelungen oder Zerrbilder, auch wenn mich ihr oft reaktionärer Duktus noch heute verärgert, sofern sie nicht mittlerweile wie Relikte oder reine Trash-Überrreste erscheinen (wie z.B. RED DAWN vom Anzugträgerfaschisten John Milius). Diese Filme allerdings berichteten oft von Einzelgängern, die an der Gesellschaft verzweifeln oder die Exekutive für sich beanspruchen, weil sie Politik nur noch als (Macht)Instrument des Scheiterns wahrnehmen (Watergate etc.), als Ausdruck von Kulturpessimismus, während HARRY BROWN hier ja gleich ein ganzes Legitimationsnetz spinnt, in das er Selbstjustiz systematisiert (natürlicher Tod der Frau, gewaltsamer Tod des Freundes, hilflose und verzweifelte Polizei, Aufstand der Jugend) und damit tatsächlich eine rechtsgerichtete Fantasie von der totalen Auslöschung allen Übels wider Rechtsstaatlichkeit als einzige Möglichkeit bedient. Irgendwie stecken die neuerlichen Vigilantenfilme einen viel größeren, universellen Rahmen ab, während sie sich gleichzeitig in behaupteter Differenzierung wähnen, was letztlich einem Irrglauben entspringt (siehe bsp. Neil Jordans unsäglichen THE BRAVE ONE – habe das in der Kritik dort auch angesprochen). Na ja, komplexes Thema, bin da auch kein Experte und, um die Frage zu beantworten, kein Freund.

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  7. Sweeney Todd hätte ich vielleicht ohne das Gesinge (was einfach furchtbar ist in dem Film - und ich steh auf Musicals - mocht auch Mamma Mia! und sowas) ganz gut gefunden!

    Zu Harry: Mag das Genre ganz einfach (Death Wish halte ich für eines der zehn Meisterwerke) - mit den Argumentationen (die ja teilweise auch durchaus nachvollziehbar sind), die hier gegen Harry angewandt werden, kannste ja jedes Machwerk der Schublade kaputtreden. ABER The Brave One fand ich auch scheiße - oder zumindest nicht gut.

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  8. Kann ich Dir absolut nicht widersprechen, Rajko, auch wenn ich ihn toll fand. Hätte nicht gedacht, dass 2010 noch so etwas ideologisches gemacht werden kann - und dabei so viel Zuspruch bekommt. Inszenatorisch bin ich jedoch der Meinung, dass das SO simpel konstruiert ist, dass man eigentlich bemerken sollte, wie manipulativ der Film ist - auch wenn er das alles BIERERNST meint, was ich nie erwartet hätte. Dass Caine bei so was mitmacht, wundert mich auch ein Stück weit. Der ist ja schließlich nicht als reaktionär bekannt (oder?).

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  9. Immerhin eine schöne Kritik. Macht Spaß beim Lesen. Ich seh zwar einiges anders (und frage mich, ob ich bei der von Wasserzeichen verseuchten Screener-DVD von Ascot übersehen habe, wie Harry Homosexuelle jagt...), aber HB ist eben die Art Film, die gutes Diskussionspotenzial bietet. Hauptgrund, warum solche Filme funktionieren, sind m.E. nach Phantasien eine Direktjustiz betreffend. In Zeiten, in denen die Medien die Menschen ängstigen, in der U-Bahn baldigst das Opfer von Schlägern zu werden, stellt man sich doch gerne vor, mal den Bernhard Goetz zum Besten zu geben ;-)

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  10. @Cleric:

    Keine Ahnung, eigentlich auch egal, Caine ist nur ausführendes Organ (=Schauspielvieh^^), verantwortlich sind andere dafür. Als Beweggrund vermute ich ganz simpel: Der Mann ist kein Hauptrollenschauspieler mehr, deshalb wird er froh sein, als Coverstar mal wieder eine Titelfigur spielen zu können.

    @Pete:

    Dieser Aspekt ist etwas polemisch überzogen, aber die Szene, in der der Gangster unmittelbar nach dem Blow-Job des Jungen einen symbolhaltigen Kopfschuss verpasst bekommt, stößt mir schon übel auf. Ansonsten Zustimmung, deshalb funktionieren diese Filme momentan wieder mehr denn je.

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  11. Na, aber der Gangster hat's ja wohl verdient. Der hat den armen Burschen praktisch zum BJ gezwungen. Die Szene fand ich an sich aber überraschend. Eigentlich hatte Harry mit dem pösen Purschen ja kein Hühnchen zu rupfen.

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  12. Er hat einen Teenager zum Oralverkehr genötigt = Grund genug. So in etwa funktioniert doch das fragwürdige Prinzip des Films.

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  13. Das geht noch weiter. Der Typ ist ja nicht nur ein Oral-Vergewaltiger. Nein, er ist ja wohl auch noch der Ober-Gangster des Viertels (auch wenn das nicht so ganz genau beleuchtet wird, aber er macht ja den bösen Teenager, auf den Harry es besonders abgesehen hat zur Schnecke).

    Zu gute halten muss man dem ollen dirty Harry aber auch, dass er noch die Drogenfrau gerettet hat...

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  14. Ja, an der Stelle menschelt der sonst völlig misanthropische Film mal wieder und ist versucht uns Harry näher zu bringen - wie er ja überhaupt allzu deutliche, einfache Gut-Böse-Fronten generiert. Ganz schlimm: Emily Mortimer.

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  15. Harry is halt doch ein netter Kerl :D

    Gibt's hier auf der Site irgendwo eine Punisher-Kritik? Stell ich mir auch recht launig vor.

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  16. Nee, den fand ich aber gar nicht so schlimm und den letzten (WAR ZONE) sogar richtig geil. :)

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  17. Wie kommt's? Von der Geisteshaltung sind ein Frank Castle, ein Paul Kersey und ein Harry Brown doch fast wie Brüder.

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  18. Finde ich nicht, PUNISHER ist comic und Movie-Movie-World, HARRY BROWN ist thematisch relevant, tagesaktuell, politisch - der hat was zu erzählen und auch einen Grund, warum er es macht. Bei PUNISHER ist das Selbstjustiz-Sujet so ausgeprägt ernstzunehmen wie bei allen Comicfilmen, von BATMAN bis zu SPIDER-MAN. Obwohl Slavoj Žižek ja gerade die jüngeren Comicverfilmungen höchst ideologisch findet.

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  19. Gehört The Crow auch zu solchen Filmen? Der hat zwar auch einen Comic-Hintergrund, aber der würde auch alleinstehend funktionieren.

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  20. Klar, ist natürlich auch so ein Film, wobei man hier wohl deutlicher differenzieren muss. Ein Rache- ist nicht unbedingt ein Selbstjustizfilm, außerdem gibt es da Abstufungen und Kontext-Unterschiede.

    Der Film ist aber auch nicht besonders toll, finde ich. *duck*

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  21. Naja, und der Film ist durch den Fantasieanteil ja auch nicht sehr realistisch.

    Dass du den Film nicht besonders toll findest, ist eine Schande. Er gehört noch immer zu einem meiner absoluten Lieblingsfilme. Gerade dadurch, dass er eigentlich ja gar nichts Besonderes macht, kommt er umso intensiver rüber. Es geht eben nur darum, worum es geht, ohne viel Schnörkel und Ablenkung.

    Dass der Film dabei trotzdem nicht verflacht, liegt meiner Ansicht nach an dem grandiosen Spiel von Brandon Lee. Ich bin zwar eigentlich nicht schwul, aber das haut mich jedesmal wieder um, wie er mit kleinen Gesten mehr Tiefe verleiht, als das die meisten Drehbücher können.

    Da steh ich ungefähr so zu, wie du wahrscheinlich zu Jake in Donnie Darko. Dazu kommt natürlich noch, dass ich den Comic unglaublich wichtig finde, der zwar recht anders ist, aber zusammen ergeben Comic und Film eine gute Symbiose.

    Einzig den Oberbösewicht finde ich im Film ausbaufähig. Erfüllt zwar seinen Zweck, aber da wäre mehr drin gewesen.

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  22. Also da musste ich jetzt wirklich schmunzeln! Was hat denn die Tatsache, dass du Lees Spiel grandios findest, mit der Frage zu tun, ob du schwul bist oder nicht? :P

    Und was heißt "eigentlich" nicht schwul? Gibt es eine Restchance? :D

    Mit Jake und DONNIE DARKO liegst du natürlich goldrichtig. Haha.

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  23. Nun, er spielt irgendwie...bezaubernd, gefühlvoll, warm, impusliv. Das ist bei männlichen Schauspielern eher ungewöhnlich ^^

    Eine Chance auf schwul gibt es bei mir nicht mehr, aber auf bi aufgrund meiner bedingungslosen Offenheit natürlich immer ;)

    Donnie Darko hat wohl den Vorteil gegenüber The Crow, dass er auch von den schauspielerischen Leistungen abgesehen ein verdammt guter Film ist.

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  24. Finde das überhaupt nicht ungewöhnlich, im besten Fall trifft das bei guten Schauspielern immer zu.

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  25. Will auch nochmal bemerken, dass ich das immer noch unverständlich finde, dem Film diese Anti-Homosexuellen-Schiene vorzuwerfen und zwar nur aufgrund dieser BJ-Szene. Wer in der Szene das Gefühl bekommt, dass es hier beim Abschuss des Drogenjunkies echt umd die zuvor einhergegangene Sexualpraktik geht, ignoriert doch völlig die (von mir aus manipulative - aber in welchem Film ist sie das nicht) Atmosphäre der Szene. Da gehts doch nie und nimmer um schwule Gangster, sondern um lieb- und seelenlose Bastarde, die in einem Teufelskreis aus Zwang und Sucht gefangen sind und da sowieso nie wieder rauskommen - das sind Arschlöcher, die in ihrer eigenen, völlig dystopischen Unterwelt gefangen sind. Da gehts nicht um einen BJ, sondern um die Art, wie der da vollzogen wird. Wäre ich einer von den Typen, würde ich mir geradezu wünschen erchossen zu werden - das 'Leben' der Beiden Opfer in der Szene ist doch schon lange zuvor vorbei gewesen.

    Natürlich ist der Film trotzdem einfachste Vigilante-Fantasy, "relativ" reaktionär, aber seh das Ganze doch als bierernsten, düsteren Comicfilm ohne die übliche Überdrehtheit á la WarZone. Wer Harry Brown nämlich trotz seiner Exzellenz ernst nimmt und dannach auf den Straßen raidet, der hat doch nicht verstanden, dass das letztendlich nur eine Filmfiktion ist, die vorallem als wohltuendes Ventil dienen kann, aber nicht als Vorbild. Deswegen ist die Rollenwahl von Caine ja so gut - niemand ist wie Caine - der ist unerreicht, alt, erfahren und erhaben und funktioniert somit allerhöchstens als Identifikationsfigur für altgeworden WWII-Veterane; Bei jüngeren Leuten verhindert Verschlossenheit und Alter des Protagonisten doch gefühlsmäßig jegliche Identifikationsversuche. So kommt es nach dem Film auch nicht zu seltsamen Copycat-Aktionen.

    Die Idee, dass Michael Caine den Film nur gedreht hat, weil er endlich mal wieder ne Hauptrolle spielen darf, will mir auch nicht kommen.

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  26. Jaaaa, aber es springt eben nicht immer der Funke über.

    Wieso bist du eigentlich um 3:41 Uhr noch wach?

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  27. @Yuki:
    Full Ack.

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