Februar 17, 2010

Kino: THE LOVELY BONES

Nirgends ist es so schön wie – im Himmel. Dort segeln gigantische Flaschenschiffe über meterhohe Wellen, verwandeln sich malerische Kornfelder in wallende Seen und lässt es sich auf munter umher fliegenden Luftbällen nach Lust und Laune gut gehen. Bei all dem Spaß, den die 14jährige Susie in diesem Film zwischen Himmel und Erde via Vorstellungskraft generiert, bleibt die Frage zweitrangig, warum Regisseur Peter Jackson uns den Tod als Paradies erklären oder überhaupt zwei Stunden mit klebrigen Digitalwelten unterhalten möchte. Denn: Was auch immer er sich beim Schreiben und Drehen eingeworfen haben sollte – "In meinem Himmel" ist das rare Beispiel eines Films, bei dem ganz und gar nichts stimmt.

An welchem Punkt nun hat es der selbsternannte Erzähler Jackson eigentlich verlernt, seine ganze Energie nicht nur ans große teure Spektakel zu verschwenden, sondern auch starke Charaktere in kraftvollen Geschichten zum Leben zu erwecken? Sollte dem neuseeländischen Regisseur tatsächlich durch seine einrucksvoll auf die große Leinwand adaptierte "Herr der Ringe"-Trilogie der Blick fürs Wesentliche verloren gegangen sein? Oder ist "In meinem Himmel" schlicht nur zufällig als böser Ausrutscher und vorläufiger Tiefpunkt in Jacksons Karriere zu begreifen?

Es ist, ganz zunächst einmal, ein Film über ein ermordetes Mädchen. Das wandelt kurz vor ihrer Erlösung schon nach wenigen Filmminuten leidvoll durch ein farbenprächtiges Zwischenreich, von dem aus es verzweifelt Kontakt zu ihren (leider) noch lebendigen Liebsten aufzunehmen versucht. Obwohl das freilich nie gelingen mag, lässt Jackson die verschiedene Susie dennoch die gesamte Handlung per Voice-over moderieren: Mal sehen wir sie gackernd mit anderen toten Mädchen herumalbern, mal wehleidig in ständigen Close-Ups grundlos erstarren. In jedem Fall trägt ihre großzügige Screentime zum eigentlichen Plot schon einmal sage und schreibe nichts bei.

Dieser dümpelt nicht in träumerischen LSD-Gefilden vor sich hin, sondern ist bemüht darum, das elterliche Drama des Kindverlusts in einem 70er-Jahre-Setup mit einer kriminalistischen Thriller-Dramaturgie zu vereinbaren. Die Handlung von "In meinem Himmel" also lässt sich wie folgt zusammenfassen: Ein um die verschwundene Tochter trauerndes Ehepaar (Mark Wahlberg & Rachel Weisz) versucht den zwei Türen weiter wohnenden Kindermörder (Stanley Tucci) ausfindig zu machen, während das tote Mädchen (Saoirse Ronan) im Jenseits – mal lachend, mal weinend – einen Vollrausch nach dem anderen durchlebt.

Das ist, in wahrlich jeder Hinsicht, eine große Belastungsprobe für den Zuschauer. Jackson sind subtile Töne, feine Nuancen und dezente Regieeinfälle – sofern er sie jemals beherrscht haben sollte – unwiederbringlich abhanden gekommen. Seine Interpretation eines schrecklichen Sexualmordes und dessen tragischer Verarbeitung gerinnt zur grotesk überinszenierten CGI-Seifenoper. In permanenten Schwenks, Zooms, Zeitlupen- und Freeze-Effekten gibt er dem Zuschauer einen aufdringlichen emotionalen Leitfaden durch seine Geschichte, Groschenheft-taugliche Kitschbilder wechseln sich mit geschmacklosen, absurd überzeichneten Klischeevorstellungen ab.

So ist der von Stanley Tucci (kurioserweise oscarnominiert) bemüht gespielte Kindermörder nicht weniger als die groteske Kinoreinkarnation eines Serienkillerstereotyps auf zwei Beinen, das "Psychopath" auf die Stirn geschrieben und dennoch ganz der unauffällige Nachbar von nebenan. Als Mark Wahlberg – selten so unglaubwürdig und verkrampft wie in der Rolle eines verzweifelten Familienvaters – ihm dann schließlich aus heiterem Himmel (sprichwörtlich) auf die Schliche kommt, fällt dem Film dafür bezeichnenderweise kein triftigerer Grund als eine quasi jenseitige Intervention seiner verstorbenen Tochter ein.

Der Titel gebende Himmel (bzw. das Zwischenreich, in dem sich Susie aufhält) fungiert dabei als roter Faden durch eine alle Genres abgrasende Handlungsstruktur, die nur über ihren Hang zum Süßlichen eine konsistente Form zu finden glaubt. Die Bilder von bunten Schmetterlingen und anderer pastellfarbener Infantilität spiegeln allerdings weniger das Seelenleben eines 14jährigen Mädchens, als sie die banale Vorstellungskraft eines Kleinkindes abbilden. Richtig bekloppt wird es aber erst, wenn Susie sich im Nimmerland von anderen Opfern des Mörders erklären lässt, dass man nicht zurück-, sondern nach vorn blicken müsse: "Of course it’s beautiful, it’s heeeeeeaven!".

Alles in diesem Film klotzt und kleckert. Es ist ein Manifest an plakativen erzählerischen und visuellen Effekten. Was in der Vorlage vermutlich als stilles meditatives Drama über die beklemmende Verarbeitung eines Todes oder den schmerzhaften Abschiedsprozess funktioniert, wird bei Jackson zur lautstarken Pixel-Melange aus schwelgerischer Fantasy und reißerischem Thriller aufgeblasen. Akzente setzt der Film keine, er schwankt unentschlossen zwischen Erzählabsichten und verfängt sich doch nur wieder in der Green-Screen-Endlosschleife. Über die Message, dass es sich tot womöglich besser lebt, mag man angesichts dieses gigantischen formalen Kauderwelschs gar nicht erst nachdenken.

"In meinem Himmel" ist schlicht das komplett missglückte Gegenstück zu Jacksons eigenem "Heavenly Creatures". Die Erschaffung einer eskapistischen Traumwelt zweier Mädchen entwarf er da noch schlüssig und weitgehend zurückhaltend als Fluchtpunkt innerhalb eines ebenso tragischen wie grausamen Kriminalfalls. Nunmehr scheint seine Filmsprache indes von megalomanischem Kitsch regiert, dem Erzählung und Figuren hoffnungslos aufgeliefert sind. Der brutale Tod eines 14jährigen Mädchens auf der Leinwand geht nicht automatisch unter die Haut, an die Nieren oder aufs Gemüt, nur weil der Film das Bild unentwegt mit Gefühlsduseleien zukleistert. Irgendwann sieht man hier nichts mehr und will es auch gar nicht mehr sehen – Peter Jacksons Himmel ist die reine Hölle!


20% - erschienen bei: gamona

Kommentare:

  1. Der Film kriegt ja scheinbar überall auf die Fresse.

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  2. Mr. Hankey18/2/10 00:37

    So, nachdem ich deine Kritik gelesen habe, frage ich mich gerade, welche Kritik nun die "löchrigere" ist und welche die Kritik mit dem höhen "eigenen Gefühlsbezug zur Thematik" ist. Deine oder meine! ;)

    Deine Vorwürfe gegenüber Jacksons Art der Inszenierung sind IMO unhaltbar und Tucci mag zwar der Inbegriff des Klischeehaften pädophilen Killer sein, aber, wie schon an anderer Stelle erwähnt, würde seine Umgebung nur auf ihn als Killer kommen, wenn sie selbst in eben jenen Schubladen denken. Und das tun sie nunmal anscheinend nicht. Daher ist sicher die Figur von Tucci angreifbar, aber nicht unbedingt das Handeln der Personen um ihn herum. Jedenfalls nicht von Anfang an!

    Und das die Bildsprache dem eines Kleinkind entsprechen mag ich auch arg bezweifeln. Nicht jeder der aus dem Kinderschuhen entstiegen ist, sieht gleich alles automatisch schwarz. Und gerade die Kids im Alter der Susie dürften sehr wohl noch ihre Gefühle in dieser Art von "Kitsch" innerlich ausleben.


    Alles in allem sehe ich in Deiner Kritik jedenfalls genauso wenig haltbare Punkte, wie Du anscheinend in meiner. Tja Shit Happens... ;)

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  3. @Flo:

    Und das völlig zu Recht.

    @Hankey:

    Schwacher Beleidigte-Leberwurst-Konter!

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  4. Mr. Hankey18/2/10 01:17

    Nö! Warum sollte ich beleidigt sein? Aber Du scheinst mir ganz schön eingebildet zu sein! Warum soll deine (ja anscheinend nicht nur aus meiner Sicht) teils unhaltbare Kritik an meiner Review hinnehmen und nicht Kritik an deiner Review üben dürfen? Das hat nichts mit beleidigter Leberwurst zu tun. Wenn ich wöllte könnte ich Deine Review sogar als schnell zusammengeklöppelte Antwort auf meine Review bezeichnen (was für ein Zufall dass diese nahezu zeitgleich mit Deinem Posting im Forum erschienen ist), aber das tu ich ja nicht. (Weil ich ja auch weiß das dem nicht so ist)

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  5. Natürlich ist dem nicht so, ich habe das Review vor einer Woche geschrieben und vor drei Tagen meinem Redakteur geschickt.

    Ganz so weit ist es dann doch noch nicht, tut mir leid. :)

    Den Rest gibt es in deinem Autorenthread.

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  6. @ Mr. Hankey

    In welchem Forum/Blog ist deine Kritik denn zu lesen?


    Hat meine Interesse geweckt.....

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  7. Ich liebe ja die Filme von Peter Jackson, aber der hier klingt ja einfach nur furchtbar. O_O

    BTW: Bist du dieses Jahr gar nicht bei der Berlinale?

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  8. Dein Review liest sich sehr unterhaltsam. Jackson hat offenbar fatalerweise dort weitergemacht, wo er bei den schei* Elben im Herrn der Ringe aufgehört hat...

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  9. @Kwyjibo:

    Nein, die fällt dieses Jahr für mich aus, was verschiedene Gründe hat, u.a. das schreckliche Programm.

    @Jochen:

    Sagen wir es so: Was im Herrn der Ringe noch ein sentimentaler Ansatz war, wird hier zur übergroßen Kitsch- und Schniefparade.

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  10. Wenn das selbst von nem Jackson-Fanboy kommt, dann kann das nichts Gutes verheißen^^

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  11. Haha unterschiedlicher können 2 Kritiken nicht sein. ^^ Aber nun lasst mal die Leberwurst im Kühlschrank (ich mag eh lieber Zwiebelmett).

    Themenwechsel: Habe neulich "up in the air" gesehn, hat mir ganz gut gefallen.

    Ne Kritik von dir gibts aber nicht oder Rajko?

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  12. Nope, da habe ich nichts zu geschrieben. Fand den ehrlich gesagt arg nichtssagend - gucken und wieder vergessen.

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  13. Dir fehlt also die Message? Ich fand ihn recht unterhaltsam und kurzweilig. :)

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  14. OT: Ich weiß, dein Favorit ist Bridges, aber wie fandest du die Leistung von Firth bzw. räumst du ihm Chancen ein bei den Oscars?

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  15. Firth ist überragend in A SINGLE MAN, aber chancenlos.

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  16. @Rajko: Ich weiß gar nicht was du hast, das Berlinale Programm war doch gar nicht so übel ;) *lol* *ggg*
    Bin über den goldenen Bären überrascht, mehr sage ich erst einmal nicht dazu.

    Mal zum Film In meinem Himmel, es gibt nur eine Szene im Film dir mir gefallen hat, dass war die im Badezimmer nach der Tat, ansonsten kann ich nichts positives an diesem Film finden.

    P.S.: Firth for Oscar :)

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  17. Das war auch die einzige Szene, die ich gut fand btw!

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