Juli 28, 2008

Kino: SCIENCE OF HORROR

Dass sich der Horrorfilm leicht als Ventil für sexuelle Unterdrückung, als Ergänzungsstück, als Surrogat rezipieren und letztlich natürlich auch konsumieren lässt – es ist wahrlich keine neue Lesart. Die Gewaltakzente, gesetzt wie Höhepunkte in einem Pornofilm, und das feucht-fröhliche Staken in Blut und Gedärm als eben schönes Korrelat zur Sperma-Sauerei beim Cum-Shot. Die sozialwissenschaftliche Filmanalyse hat das so ausgiebig und voller Elan immer wieder untersucht, belegt und an Geschlechter-Diskursen abge- glichen, dass selbst dem durchschnittlichen Gorehound von nebenan derweil klar sein sollte, dass der Genuss eines Horrorfilms auch oder vielleicht vor allem ein delegierter ist. Sublimierte (Lust-)Empfindungen via Hackefälleraxt und Machete, oder noch ein wenig banaler: "Science of Horror: If the chainsaw is a penis".

Die Dokumentation von Katharina Klewinghaus ist in gewisser Hinsicht eine filmische Übersetzung des bekannten Carol J. Clovers-Buches "Men, Women, & Chain Saws: Gender in Modern Horror Film" und legt ihren Schwerpunkt auf die feministische Filmkritik- und –Rezeption, und lässt zahlreiche Genregrößen von Bruce Campbell über Tom Savini bis zu Wes Craven, sowie Film- und Sozialwissenschaftler zu Wort kommen – deckt also Praxis und Theorie gleichermaßen ab und garniert die Interviewschnipsel zudem mit Filmaus- schnitten und Zwischenanimationen.

Der Film jedoch hat leider arge Probleme einen Fokus zu finden. Weil Klewinghaus sich nicht entscheiden kann, ob sie ein Fachpublikum, Genrefans oder Einsteiger adressieren möchte, bewegt sich "Science of Horror" immer irgendwo zwischen reizvollem Ansatz und hohler Phrasendrescherei. Die Hinleitung zum Thema misslingt gänzlich, ehe der Film auf genreübliche gender construction zu sprechen kommt, hält er sich mit hinlänglichem Geplapper von kathartischen Effekten und dem Horrorfilm als Amüsement auf. In der einen Minute geht es dabei dann noch um Rating-Ungleichheiten bei Studio- und Independentproduktionen, in der nächsten wird plötzlich über die latente Homosexualität in "Dracula’s Daughter" und "Rebecca" spekuliert. Der Film windet sich dabei nicht nur unbeholfen um diverse Themenkomplexe, sondern kratzt auch lediglich an deren Oberfläche: Der Informationsgehalt zu ersterem schließlich ist selbst in der ihrerseits zwiespältigen Kirby Dick-Doku "This Film Is Not Yet Rated" höher, und letzteres wird ausgiebig in der kongenialen Epstein/Friedman-Arbeit "The Celluloid Closet" untersucht (mit deckungsgleichen Beispielen).

Irgendwann ist dann die Rede von der Kettensäge als Penisersatz, aber so unmotiviert der Film damit schließlich zu Potte kommt, so wenig Essentielles fällt ihm auch ein. Die wenigen wirklich einigermaßen handfesten und interessanten Beiträge kommen allesamt von Judith Halberstam, ansonsten reden die Beteiligten (oder schneidet die Filmemacherin) auch gern mal am Thema vorbei. Denn abgesehen davon, dass "Science of Horror" für Fachkundige nur Altbekanntes aufbereitet und leidlich Interessierte mit absoluten Aussagen und Spoilern überrollt, also keiner Zielgruppe wirklich gerecht wird, stolpert er letztlich vor allem über seine eigene Produktionsgeschichte: Da passen die vor vielen Jahren unter anderen Gesichtspunkten von Hasko Baumann gedrehten Interviews eigentlich auch gar nicht mit dem jetzigen Ansatz zusammen, lässt sich hübsches Archivmaterial nicht einfach problemlos – mehr oder weniger – zweckentfremden. Somit bleibt dieses Doku-Vorhaben irgendwie nur eine indifferente und leider auch kontextlose Ambition.


40% - erschienen bei: DAS MANIFEST

Kommentare:

  1. Das ist sehr schade. Ich hatte mich nämlich für die Doku interessiert ohne aber schon nach einem Kino Ausschau zu halten, das sie zeigt:(

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  2. Ich glaub die läuft nur mit sehr wenigen Kopien. Hatwohl auch keine FSK-Freigabe bekommen.

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  3. Das ist in der Tat schade, wenn auch nachvollziehbar: Richtet sich eine solche Doku an Leute mit Vorwissen, dann werden alle anderen automatisch ausgeschlossen. Möchte man sich an so viele Zuschauer wie möglich wenden, gibt's nicht viel Neues für die Freaks. Adam Rockoffs GOING TO PIECES kämpft mit ähnlichen Schwierigkeiten.

    Was ich allerdings für mittlerweile etwas erbärmlich halte, ist die Tatsache, dass der Film offenbar auf Clovers angestaubtem und mittlerweile auch bereits heftig kritisiertem Klassiker rumreitet, während solch brillante (und mittlerweile auch nicht mehr bahnbrechend neue) Abhandlungen wie William Pauls "Laughing Screaming" in der öffentlichen Wahrnehmung keine Rolle spielen. Dieses ewige Wiedergekaue der über zwanzig Jahre alten Gender-Analysen ist wahrlich öde. Es wird Zeit, dass die Doku-Macher auch mal über den Tellerrand der Gender Studies blicken...

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  4. Die Premiere ist am 5. August im Moviemento, soweit ich weiß... checkt mal scienceofhorror.de!!! Es gibt sehr unterschiedliche Kritiken. Manche total positiv, andere zereißen den Film. Gerade deswegen werde ich mir mein eigenes Bild davon machen. Finde die Idee nämlich wirklich interessant. Und den Untertitel lustig.
    Auf Intro.de gibts ne positive Rezension...

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  5. Dorkheimer1/8/08 22:41

    eine letztlich der unterhaltung und der versicherung der peer group (horror-fans, zu denen ich mich ja durchaus auch zähle) geschuldete okkupierung der praxis durch die theorie (habermasens wort von der "szientifizierung der lebenswelt" scheint mir nicht fern), zumal wenn diese theorie recht halbgar ist, muß ja notwendigerweise scheitern. der "queere blick" (um mal im apodiktischen sprech der "gender studies" zu bleiben :fall:)ist eben einer des begehrens, nicht der analyse.
    wie auch immer: die prämisse hört sich wirklich scheußlich an. anschauen werd ich ihn mir aber natürlich trotzdem. als horror-fan selbstverständlich. ;)

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