März 06, 2008

DVD: À L'INTÈRIEUR [INSIDE]

Am Anfang war der Crash. Brennende Karosserieteile liegen auf dem Asphalt, der Regen strömt auf die ineinander verzahnten Wracks. Tief liegend nähert sich die Kamera eines der beiden Autos, durchfährt die zersplitterte, blutver- schmierte Windschutzscheibe. Eine junge Frau kommt zu sich, sie hat überlebt – doch ihr Erwachen ist der Beginn eines Alptraums: Sie schaut hinüber zu ihrem regungslosen Freund auf den Beifahrersitz, dann ebnet sich der Blick der Kamera und das einleitende Bild eines ungeborenen Kindes im Mutterleib erhält einen Sinn: Die Frau ist schwanger, der Titel Programm.

"Inside" beginnt viel versprechend. In kargen Bildern kündigt die Geschichte unmittelbar Tod und Verlust an, schon die ersten blutroten Einstellungen verheißen so viel Schmerz und Leid, dass man gar nicht wissen möchte, mit was das Regiegespann Alexandre Bustillo und Julien Maury hier noch so alles aufwarten wird. Dass der Film genau diese Haltung forciert und sich dadurch von der ersten Minute an eine ungeheuer beklemmende Spannung zu formen scheint, lässt auf Großes hoffen. Immerhin entwerfen die Regisseure ein so tristes Bild, dass sich jede Sympathie zur jungen Frau, Sarah ihr Name, von selbst ergibt, und sei sie noch so uninteressant – über ein derartiges Schicksal eingeführt, möchte man dieser Figur unbedingt die Treue halten.

Ehe der Film seine Handlung vier Monate später fortsetzt, steht Sarah kurz vor der Entbindung und wird den Heiligabend allein in ihrem Haus verbringen. Hier zeichnet sich schnell ab, welche Richtung "Inside" einschlagen wird: Schutzbedürftige, unschuldige Frau allein zu Haus, bedroht von einem wahnsinnigen Irren. Und so klingelt’s hier und raschelt’s da, bis der Fremde sich Zugang verschafft hat – überraschen- derweise eine Frau. Der Film ist immer noch spannend und atmosphärisch, obwohl er aussieht wie eine TV-Produktion, etwas plastisch, raumlos und irgendwie unfilmisch. Mit der Subtilität der beiden Regisseure hört es dagegen auch schon bei der Wahl der Kostüme wieder auf: Die böse Wahnsinnige trägt schwarz, die gute Gepeinigte strahlendes weiß. Ein besonders ausgeklügeltes Konzept offenbar, wenn auch unnötig, waten die beiden doch schon kurze Zeit später knöcheltief im Blut. Sarahs Schicksal ist einem dabei alsbald ebenso unwichtig wie das ihrer Folterherrin – der einen kann der Tod gern als Erlösung erscheinen, der anderen, um den Zuschauer von ihrem gequälten Schauspiel zu befreien.

Was sich hier also als fesselnder Thriller der herberen Sorte ankündigte, und als französischer Genrebeitrag zunächst nicht von ungefähr an den viel beachteten "High Tension" denken lässt, gerinnt spätestens nach einem Drittel zu einem einfallslosen und öden Katz-und-Maus-Spiel im Villenambiente. Da wird ein Klischee nach dem anderen verbraten, um das dünne Geschichtchen irgendwie auszufüllen. Da steckt nicht etwa eine Idee hinter, wenigstens ein origineller Versuch, das ist lediglich ein simples Rachefilmchen, in seinem vermein- tlichen Twist so vorhersehbar wie plump, und mindestens so unlogisch wie abstoßend. Denn dass es fast keine Szene gibt, bei der irgendeine Figur mal das täte, was Genrefiguren in Genrefilmen und Genresituationen nicht tun würden (es erstaunt indes immer wieder, für wie inkompetent der Horrorfilm den Beruf des Polizisten doch halten muss), gerät immer wieder ins Vergessen angesichts brutalster Splattereinlagen.

Immer dann nämlich, wenn "Inside" selbst zu wissen scheint, dass er gerade wieder völlig in seiner Bedeutungs- und Sinnlosigkeit zu verschwinden droht, poltert er mit blutigen Effekten herum. Aber das sichert ihm zumindest die Aufmerksamkeit eines durchschnittlichen Gorehounds, der bei all dem Psycho- und Körperterror ohne doppelten Boden, ohne ersichtlichen Grund bestens versorgt sein dürfte. Da werden alle erdenklichen spitzen Gegenstände auf alle erdenklichen Arten ins menschliche Fleisch gedrückt, da wird geschlitzt, gemurkst und geschrieen, dass man den Lautstärkeregler nur noch gen Null stellen möchte. Selten kamen Goreeffekte in letzter Zeit so sehr als Surrogat für eine stimmige Inszenierung zum Einsatz, wurden so ausgiebig und maßlos wie hier zelebriert. Doch man sollte bei einem ernstzu- nehmenden Horrorfilm nicht die Konstruktion eines psychologischen Fundaments, die Bindung des Zuschauers ans dramatische Geschehen unterschätzen, denn so explizit Bustillo und Maury ihre Figuren auch mit Blut und Innereien herummatschen lassen, es entbehrt nie einer unfreiwilligen Komik. Spätestens im grotesken Metzelfinale dann muss die Frage erlaubt sein, wie viel tumbe Gewalt der gesunde Zuschauerverstand verträgt – vor allem, wenn ein Film sich in seiner vermeintlich Tabu brechenden Pose so sehr gefällt wie "Inside".


20%

Kommentare:

  1. Hmm, dass er aber immerhin als Splattervehikel taugt, ist ja schon mal was - werde den auf den FFF NIghts sicher nicht auslassen. ;-)

    AntwortenLöschen
  2. also ich habe INSIDE total anders wahrgenommen als du. Nämlich als krude Mischung aus Melancholie und Horror, beider Maßen gleich stark. Die ersten 25 Minuten sind so bedrückend, ja fast schon traurig. Und auch sonst hielt ich den Film für sehr nachvollziehbar. Das es da einige logische Löcher gibt ist klar und auch richtig, aber insgesamt hat mir das alles recht gut gefallen. Weiß eben nur nicht, mit was der Film seine grenzwertige Gewalt rechtfertigt. und so viele klischees er deiner meinung auch zu bedienen scheint: er bricht auch genau so welche. Das unversöhnliche ende beispielsweise, in dem der schwangere engel am ende nicht triumpfiert. auch das ist das leben: Manchmal gewinnen die Bösen, wie fies das auch sein mag. mehr gibts wohl endlich nachher im blog.

    AntwortenLöschen
  3. Manchmal gewinnen die Bösen, wie fies das auch sein mag.

    Diese banale Erkenntnis haben mir auch schon zig andere Filme geliefert ohne derart viel abstoßende, dumme Gewalt.

    Ich weiß ehrlich nicht, wie man so einem Schrott etwas abgewinnen kann.

    AntwortenLöschen
  4. Interessant wie hier die Meinungen auseinander gehen. "abstoßende, dumme Gewalt"? Ist nicht jede Form der Gewalt letztendlich abstoßend und was macht denn die Gewalt in Inside denn nun "dumm"?! Es ist ja schließlich nicht so, dass Inside jemals vorgibt ein zweiter "Sweeney Todd" zu sein...
    Dass der Film angeblich "unfilmisch" aussieht ist ein höchst subjektiver Eindruck, dem ich mich überhaupt nicht anschließen kann. Ganz im Gegenteil - hätte Ittenbach jemals einen so atmosphärischen Gorealptraum abgeliefert, wäre vielleicht doch noch etwas aus der Regiekarriere geworden. Der werte Herr Kritiker kritisiert zwar ausgiebig die Klischees, vergisst dabei aber ganz zu erwähnen, dass der Terror praktisch auf zwei Ebenen wahr genommen wird - von der werdenden Mutter in der Außenwelt und dann von ihrem ungeborenen Kind. Kann mich nicht erinnern so etwas in anderen Filmen all zu oft gesehen zu haben. Die Splatterbilder gehen hier weit über die üblichen Metzelspässchen hinaus und haben eine alptraumhafte Qualität von der ALLE in letzter Zeit produzierten US Horrorfilmchen nur träumen können.

    AntwortenLöschen
  5. Frau Rieger31/5/08 12:53

    10 Prozent zu viel gegeben, davon abgesehen kann ich diese Kritik aber unterschreiben.

    AntwortenLöschen
  6. Das einzige Lob das man hier aussprechen kann gilt den FX Leuten. Leider vergaß man alles andere was zumindest einen halbwegs guten Film ausmacht. Ich war ja schon von Dir und Rudi gewarnt, jedoch habe ich mir den Film wirklich nicht so dumm vorgestellt. Bitte nicht mit Haute Tension vergleichen, der soviele ausgezeichnete Spannungsmomente enthält. Hat Haute Tension einfach nicht verdient. Inside ist dagegen einfach der untalentierteste Beitrag im Horrorgenre seit langem. Widerlich aber nicht schockierend.

    AntwortenLöschen
  7. lol - so wie das aussieht, wurde diese kritik im indizierungsverfahren gegen den film als argument für die indizierung herangezogen.

    siehe:
    http://www.heise.de/tp/r4/artikel/31/31299/1.html

    AntwortenLöschen