Mai 12, 2007

Kino: THE HISTORY BOYS

York 1983: Sie glauben einfach schon alles zu wissen, drum machen sich die Schüler einer Geschichtsklasse aus Theorie nicht viel und spielen im Unterricht viel lieber große Literaturklassiker oder Bette Davis-Filme in verteilten Rollen praktisch nach. Ihrem Lehrer Mr. Hector (Richard Griffiths) kommt das nur zugegen, so lange er seine Jungs auf dem Nachhauseweg ein wenig betatschen darf. Doch der strenge Direktor (Clive Merrison) möchte seine Schüler disziplinieren für die Aufnahmeprüfungen der verschiedenen Elite-Univer- sitäten und stellt einen neuen Lehrer ein, den jungen Mr. Irwin (Stephen Campbell Moore). Dieser krempelt den Lehrplan kräftig um und bekommt die widerspenstige Truppe allmählich in den Griff. Einziges Problem: So wie auch der schüchterne Posner (Samuel Barnett), der Irwin in einem Schüler-Lehrer-Gespräch seine Homosexualität beichtet, entwickelt der Neuling Gefühle für den umschwärmten Dakin (Dominic Cooper).

So eine Schule möchte man als junger Schwuler doch nur zu gern besuchen: Die Mitschüler allesamt knackig und mindestens bi-, wenn nicht sowieso homosexuell, die Lehrer tuntig, der Lehrstoff erst recht, und die Schultage bestehend aus lebensklugem Schwadronieren und geschwätzigem Anstoßen auf das eigene Dasein. Man muss sich das nun alles ganz einfach wie in einer großen Seifenblase vorstellen – “The History Boys“ ist eine fleischgewordene Homofantasie, die keinen einzigen Ton trifft. Anfänglich noch atmet Nicholas Hytners Film den pubertären Geist einer gewöhnlichen College-Komödie, nimmt dann alsbald seltsame Züge eines pompösen Melodrams an, nur um sich schließlich noch zum Coming of Age-Drama zu mausern. Das ist mal sehr gefühlvoll und sensibel erzählt, zumeist allerdings reichlich naiv. Vor allem krankt die Bühnenadaption bei dem Versuch einer filmischen Umsetzung an ihrer theatralischen Überzogenheit: Große Gesten und noch größere Dialoge bestimmen das dick aufgetragene Geschehen.

Ganz unabhängig davon, dass der Film angesichts seiner Unausgegorenheit eine gewisse Ernsthaftigkeit ebenso wie nötigen Witz vermissen lässt, ärgert in “The History Boys“ und seinem Umgang mit dem Thema manch leichtfertig aufgestellte These. Wie der Epilog vermittelt, wird die zentrale Figur Posner später selbst zum Lehrer reifen und beständig damit zu kämpfen haben, seinen Schülern nicht an die Wäsche zu wollen. Damit tritt er als Klischee des schwulen Lehrers in die verklemmte Tradition von Hector und Irwin, obwohl er sein inneres wie äußeres Coming Out im Gegensatz zu diesen erfolgreich bestritten hat. Zum einen bestätigt das Drehbuch hier fatalerweise jenes Vorurteil, schwule Lehrer könnten keinerlei unsexuelles Hierarchie- verhältnis zu ihren männlichen Schülern pflegen. Vor allem aber erklärt der Film die homosexuelle Selbstfindung durch diesen Umstand für vergeblich: Zwar ist sich Posner seiner schwulen Orientierung bewusst, er wird aber dennoch ohnehin nur als verklemmter, von Trieben angeführter Lehrer enden.

So bleibt vieles in “The History Boys“ nur bonbonfarbene Konstruktion, die nicht selten an eine rosarote Variante der “Dead Poets Society“ erinnert. Die tatsächliche Tragik der Geschichte, genannt sei nur die bittere Erkenntnis Hectors, ein ganzes Leben nicht gelebt zu haben, wird in ihrem Potential weniger ausgeschöpft denn vielmehr zwischen Albernheiten und Melodramatik schwankender Selbstge- fälligkeit herunterinszeniert. Das ist dann manches Mal gar so weit bis Anschlag, dass man daran durchaus auch Gefallen finden mag. Doch insgesamt bewegt sich Hytner zu sehr am Rande prätentiöser Unverhältnismäßigkeiten – das ist selbst oder vielleicht auch gerade für schwule Zuschauer weit drüber.

45%

Kino: SHOOTING DOGS

Das Versagen der westlichen Machtapparate und deren grundsätzliche Annahme, die politischen und gesellschaft- lichen Prozesse in Afrika steuern zu können, sind ein zentrales Thema in Michael Caton-Jones’ Film "Shooting Dogs", der sich nach dem in jüngster Vergangenheit produzierten "Hotel Ruanda" und dem weniger bekannten "Sometimes in April" ebenfalls mit dem Genozid in Ruanda auseinandersetzt. Zumindest auf den ersten Blick. Erzählt wird die Geschichte vom Versagen der Vereinten Nationen: Nachdem im April 1994 der ruandische Präsident Habyarimana ermordet wurde, erreichen die Unruhen ihren Höhepunkt. Die Hutus rufen zum Massenmord an der Minderheit der Tutsi auf, während eine kleine Schule unter Leitung eines britischen Paters (überzeugend: John Hurt) sich um Bedürftige kümmert. Doch die brutale Präsenz der Hutu-Meute führt zu immer folgenschwereren Ausschreitungen – und die UN-Truppen ziehen sich allmählich zurück.

In seinem Ton ist dieser Film wesentlich schärfer als die genannten Arbeiten ähnlichen Sujets, das äußert sich sowohl in der unpräzisen, dämonischen Darstellung der UN-Soldaten (hier in Vertretung eines macht- aber scheinbar auch interessenlosen Befehlshabers, der von Dominique Horwitz gespielt wird), als auch dem Verzicht, die erzählten Gräuel in einen politischen Kontext einzubinden. "Shooting Dogs" nämlich ist ein äußerst spartanisch in Szene gesetztes Drama, dem der geneigte Zuschauer jene Aussparung historischer Bezugs- und Erklärungspunkte verzeihen wird, in dem der Film potentielles Grundwissen ganz einfach voraussetze. Es ließe sich allerdings ebenso ausmachen, dass Caton-Jones nicht unähnlich seinem Kollegen Edward Zwick, der sich mit "Blood Diamond" ebenfalls einer brisanten Problematik auf dem schwarzen Kontinent annahm, hier vielmehr Bilder abendlicher Nachrichten reproduziert, die einzig und allein dem Zwecke dienen, Elendstourismus kinokompatibel aufzubereiten.

Genau deshalb erweist es sich als ärgerlich, dass "Shooting Dogs" keinerlei Raum für eine fachliche Auseinandersetzung bietet und weder geschichtlichen Hintergrund, noch Motivation der handelnden Akteure beleuchtet. Dass der Genozid in Ruanda als womöglich größtes Versagen in der Geschichte der Vereinten Nationen (und ebenso des Völkerrechts) diskutiert werden muss – und ihr ausbleibender Hilfseinsatz filmisch entsprechend drastisch formuliert wird – erscheint verständlich, jedoch lässt der Film nicht nur in dieser Hinsicht jegliche Differenzierung vermissen. Die inhaltsleeren Dialoge werden mit spekulativen und auf die Produktion reiner effekthascherischer Spannung ausge- richteten Tötungsszenarios verbunden, ohne dass der Zuschauer mehr über die Zustände des Landes erfahren würde als dem Umstand, dass hier des nachts laute Sirenen ertönen und viel Blut fließt.

Die Entscheidung, sich dem Thema in gewisser Hinsicht aus einer westlichen Perspektive zu nähern, wirkt vor diesem Hintergrund fast schon geschmacklos. So meint man wird hier kaum mehr noch die Geschichte eines Massakers dokumentiert (oder interpretiert), sondern mit leichter Altherrenromantik vielmehr das Portrait eines greisen Priesters und dessen Nachzüglers (niedlich, aber doof: Hugh Dancy) entworfen. Dieser appelliert beständig an Gottes Vernunft und belegt sein Umfeld mit einem christlichen Schleier, was wie im Falle der ‚Abendmahlszene’ teilweise zu unfreiwilliger Komik führt und dem ganzen somit, besonders auch weil es mit den gängigen Musikmustern unterlegt ist, einen Hauch von Ethnokitsch verleiht. Da gaukelt "Shooting Dogs" dann sogar noch Authentizität vor, weil an seiner Entstehung zahlreiche Überlebende mitgewirkt haben. Dieser Widerspruch hingegen ist dem Film ebenso wenig bewusst wie die Tatsache, dass im April 1994 jede göttliche Institution ihre Augen von Ruanda abgewendet haben muss.

40%

TV: Fernsehtipps 12.05. - 18.05.07

Samstag, 12.05.

20:15 Uhr – „Hulk“ (RTL)

Völlig unter Wert gehandelte, meisterlich in Szene gesetzte und hochkomplexe Comicverfilmung, die Ang Lee zum stillen Drama über Familie und Ethos gestaltet. Ungekürzte Fassung um 0:40 Uhr.

20:15 Uhr – „Spiel mir das Lied vom Tod“ (K1)

Genre-Meilenstein mit faszinierender Musik - brillant gefilmt, aber auch ätzend in seinem Chauvinismus. Läuft gekürzt.

23:00 Uhr – „Jennifer Eight“ (ZDF)

Durchschnittlicher Thriller mit stilbildender Musik von Chris- topher Young.

23:35 Uhr – „Avanti, Avanti“ (RBB)

Spätwerk von Billy Wilder: Amüsante und doppelbödige Hommage an die italienische Vita.

Sonntag, 13.05.

13:00 Uhr – „Meerjungfrauen küssen besser“ (K1)

Nostalgische Tragödie mit tollem Ensemble und noch tolleren Songs.

20:15 Uhr – „Star Wars: Episode II – Angriff der Klonkrieger“ (Pro7)

Mit viel Theatralik und extrovertiertem Design inszenierte Sci-Fi-Romanze, die manch Schwäche des Vorgängers ausbügelt, die sich aber gelegentlich zu sehr an der Ästhetik von Computerspielen orientiert, die ihre Vorgänger wiederum selbst geprägt haben. Dem mit selbstzweckhaften Effekten versehenen Finale in der Arena stehen erstaunlich tief- gründige Charaktere gegenüber.

20:45 Uhr – „Haben und Nichthaben“ (Arte)

Einer der wunderbarsten Filme von Howard Hawks, absolut phänomenal gespielt.

23:55 Uhr – „Warlock – Satans Sohn“ (VOX)

Hervorragender, überaus spannender Fantasyhorror mit einem herrlich diabolischen Julian Sands.

Montag, 14.05.

20:15 Uhr – „Pretty Woman“ (SAT.1)

Altert mehr schlecht als recht – der Lack ist ab.

20:40 Uhr – „Elephant“ (Arte)

Banales, völlig überflüssiges und mitunter fatal inter- pretierendes Gus van Sant-Debakel. Grausam.

23:00 Uhr – „Der Mann ohne Vergangenheit“ (RBB)

Dienstag, 15.05.

23:00 Uhr – „Die Frau, von der man spricht“ (RBB)

Zum 100. Geburtstag von Katherine Hepburn. Liebenswerte Screwball-Comedy von George Cukor. Nur mit Spencer Tracy werde ich mich wohl nie anfreunden können.

Mittwoch, 16.05.

22:15 Uhr – „Jack“ (S-RTL)

Francis Ford Coppola von allen guten Geistern verlassen.

22:30 Uhr – „Gerry“ (Arte)

Arte widmet sich offenbar gleich mehreren Van Sant-Fiaskos – die Sendezeit könnte man sinnvoller nutzen. John Waters liebt den Film ja…

Donnerstag, 17.05.

22:10 Uhr – „Roter Drache“ (RTL)

Mäßig, aber zumindest eleganter als die Michael Mann- Version. Danny Elfmans Main Title ist großartig.

22:30 Uhr – „Wir waren Helden“ (SAT.1)

Unerträglich verlogener, ideologisch zutiefst verwerflicher Dreck. Einer der schrecklichsten Prokriegsfilme aller Zeiten.

23:15 Uhr – „Was nützt die Liebe in Gedanken?“ (ZDF)

Bemühtes, schwerfälliges und verklemmt gespieltes Schwulen-Drama, das sich sehr ernst nimmt und dabei an seinem bedeutungschwangeren Kitsch erstickt.

01:35 Uhr – „Der Fall Paradin“ (BR)

Bis auf einige Momente und originelle Einfälle kein besonders nennenswerter Hitchcock.

Freitag, 18.05.

20:15 Uhr – „Krieg der Sterne“ (Pro7)

Einer meiner absoluten Lieblingsfilme: Visionäre, gleichzeitig naive und unverhohlen kitschige Weltraumoper, die die Filmgeschichte umschreiben sollte.

22:25 Uhr – „Lost Highway“ (3SAT)

Dezent überschätzter, aber nichtsdestotrotz faszinierender Seelenstrip David Lynchs. Allerdings weitaus simpel konstruierter als gemeinhin behauptet.

23:55 Uhr – „Mad Max 2 – Der Vollstrecker“ (RTL2)

Furioses Sequel mit bahnbrechenden Stunts und irrem Tempo. Leider gekürzt und vermutlich aufgezoomt.

Mai 08, 2007

Kino: HOT FUZZ

Jungs auf dem Spielplatz kennen kein Erbarmen, da wird sich getreten, übereinander geworfen, imaginär erschossen wie simultan zersäbelt und jener Energie freien Lauf gelassen, die sich beim heimischen Konsum von Trick- und Actionserien so angestaut haben dürfte. Drückte man den Kindern dann eine Kamera in die Hand, es würde wohl ganz sicher ein Film wie "Hot Fuzz" dabei herumkommen. Hier dürfen große Jungs, echte englische Vorstadt-Slacker – also richtige ‚Bad Boys’ sozusagen – einmal ungehemmt auf den Putz hauen und sich in genau jene Posen schmeißen, die sie einst ehrfürchtig bewundert haben, heute allerdings nur kaum mehr noch ohne hysterisches Grinsen wahrnehmen können. Der Film zum Spielplatz lässt sich gleichermaßen als unernste Verneigung vor dem Actiongenre samt seinem verbissen coolen Selbst- verständnis und dem dazugehörigen Potential unfreiwilligen Humors wie auch als deftige Parodie auf eben jene Videojunkieware werten.

"Hot Fuzz" erscheint im Oeuvre von Regisseur Edgar Wright nur konsequent. Nicht nur widmete sich schon dessen mit zarten 18 Jahren produzierter No Budget-Kurzfilm "Dead Right" augenzwinkernd dem Polizeifilmgenre, sondern war es nur eine Frage der Zeit, bis der überaus spezifische und höchst britische Buddy-Humor der beiden Couch Potatoes Simon Pegg und Nick Frost eine angemessene Kino- Entsprechung erfahren würde. Bereits in der kongenialen Channel 4-Britcom "Spaced", die das Team Wright-Pegg- Frost erstmals vereinte (diverse Gastauftritte jener Cast-Members, darunter Julia ‚Marsha’ Deakin und Bill ‚Bilbo’ Bailey, dürfen auch in "Hot Fuzz" nicht fehlen), wurden unzählige Große Jungs-Klassiker von "Die Hard" bis zu "Terminator 2" mit Referenzen bedacht, ganz zu schweigen von der grundsätzlichen Figurenkonstellation – drei meist arbeitslose Loser, die in einer kleinen schäbigen Wohnung im Norden Londons abhängen –, die ausreichend Raum für Buddy-Film taugliche Gags bot.

Der erste Kinofilm der Truppe, die an originellem Esprit kaum mehr steigerbare Zombiepersiflage "Shaun of the Dead", rettete jenen nüchternen Humor aus "Spaced" auf die große Leinwand. Die Vereinbarung unzähliger Reminiszenzen mit einer im Kern streng liebenswerten Arbeiterviertelgeschichte begeisterte insbesondere durch das enorme Gespür für Timing, die Platzierung wunderbarer Ideen und Zitate innerhalb einer nichtsdestotrotz höchst souverän ausgear- beiteten Handlung und nicht zuletzt ungebremster Spielfreude – die Lust an der Sache ist dann genau jenes Energie stiftende Element, das auch "Hot Fuzz" erst zum Leben erweckt. Und bis auf die Tatsache, dass sich die Jungs hier manches Mal zu sehr darin gefallen, Gestus und Sprache der Vorbilder durch den Kakao zu ziehen, was zu leichten Dehnungen in der Dramaturgie führt, gelingt dem einge- spielten Team die Reproduktion dieses Konzepts ein weiteres Mal auf höchstem Niveau – "Hot Fuzz" ist eine schier unglaublich pointierte Comedy-Revue.

Schon die zahlreichen Teaser-Plakate ließen vermuten, dass die Autoren Wright und Pegg die Ästhetik des späten 80er-/frühen 90er-Jahre-Actionfilms mit den Testosteron beladenen und von glühender Asphaltsonne gebleichten Hochglanzbildern der Bay/Bruckheimer-Stilistik kombinieren würden. Das äußert sich vor allem in den zwei besonders häufig auf den Plan gerufenen Vorbildern "Point Break" und dem ungleich schlechteren "Bad Boys II", die im Film mehrfach direkt benannt und sogar in die Handlung eingebunden werden. Abgesehen davon, dass man hier qualitativ grundsätzlich schärfer hätte separieren müssen – während Kathryn Bigelows stilbildender Surf-Thriller durch dessen elegante Inszenierung zu Recht der Ruf des Klassikers nacheilt, kann man die menschenverachtende und hand- werklich weitgehend primitive Drogenjagd Michael Bays tatsächlich nur mit vorgehaltener Hand ertragen – gelingt dem Film die amüsante Vorführung banaler Genreklischees geradezu vorzüglich. Dass den Albernheiten von "Hot Fuzz" dabei auch ein zumindest auf die (De)Konstruktion genre- spezifischer Merkmale subversiver Kern innewohnt, versteht sich von selbst.

So sorgt das Aufeinandertreffen actionästhetischer Elemente – coole Posen, wilde Verfolgungsjagden, schwere Knarren – mit den Bildern einer verschlafenen Kleinstadtidylle, die direkt aus dem Kosmos eines "Wicker Man" entstammen könnten (kurz: hier meint man stößt Michael Bay auf Agatha Christie), nicht nur ganz eigene visuelle Reize, es führt insbesondere die viel zu oft verbitterte Ernsthaftigkeit des klassischen Actionfilms vor: Wenn im anarchischen Finale gigantische Waffengeschütze aufgefahren werden, nur um sich dann in einem Supermarkt mit Einkaufswagen zu bekämpfen oder sich in einer kleinen Modellstadt auf die Rübe zu hauen, ist das durchaus als bissiger Kommentar zum ausgeprägten und nicht selten höchst albernen Größenwahn der Vorbilder lesenswert. Indem "Hot Fuzz" sich also selbst großspurig behauptet und damit die Tradition des Genres bedient, seinen Gegenstand letztlich aber antithetisch und selbstreflexiv als großen (und natürlich dadurch minimalistischen) Kinderspielplatz präsen- tiert, trifft er einen ironischen Ton, der weitaus schärfer als jener aus "Shaun of the Dead" erscheint. Und da sich die Jungs mit heftigen Goreeskapaden immer mal wieder in die Sphären des Splatterfilms verirren (Billie Whitelaw sei Dank inklusive einem spektakulären, beinahe unglaublichen "Omen"-Zitat), darf man vielleicht doch vorsichtig mut- maßen, wo hier die wahren Sympathien begraben liegen.


80% - erschienen bei: Wicked-Vision.de

Mai 05, 2007

Kino: THE INVISIBLE

Unschuldig ins Jenseits befördert zu werden ist ja schon eine Misere für sich. Dann allerdings auf der Schwelle von Leben und Tod einen Zwischenstopp einlegen zu müssen, um als Geist auf Erden wandeln und den eigentlich nur so halbtot vor sich her vegetierenden Körper doch noch erretten zu können, gestaltet die Lage schon weitaus problematischer. Der lethargische Schüler Nick Powell (Justin Chatwin, zuletzt an der Seite von Tom Cruise in "War of the Worlds") bleibt davon nicht verschont. Eine Verwechslung ist der Grund, weshalb ihn die draufgängerische Annie (Margarita Levieva) kaltblütig ermordet. Doch der vermeintlich tote wandelt fortan "zwischen zwei Welten", wie es der deutsche Verleihtitel schon andeutet – und möchte nichts lieber, als dass sein Körper gefunden, ehe ihm das Lebenslicht gänzlich ausgeblasen wird. Einziges Problem: Er ist unsichtbar und kann weder gehört noch gesehen werden.

Regisseur David S. Goyer ("Blade Trinity") bewegt sich mit dem Remake des schwedischen Thrillers "Den Osynlige" auf neuem Terrain. Große Gefühle und theatralischer Gestus bestimmen ein Mystery-Drama, das sich gern mit exis- tenzialistischen Fragen nach Leben und Tod, Schuld und Sühne oder schicksalhafter Vorherbestimmung auseinander- setzen würde. Leider aber ist "The Invisible" nicht viel mehr als die Teenvariante von Jerry Zuckers "Ghost" – beliebig ausstaffiert, zäh wie Kaugummi und vor allem gänzlich ziel- und ideenlos spult Goyer eine wahllose Abfolge zusammen- hangsloser Szenen herunter, ohne jegliche Motivation in der Erzählung. Von Sinn und Unsinn des Konzepts einmal abgesehen (Fragen nach der Logik bitte hinten anstellen), trifft der Film nie einen konstanten Ton: Meist gefühlsduselig und wesentlich zu dick aufgetragen, dann wieder mit Krimi- und Gruselelementen bis zum Anschlag überzogen. Was also wie ein Ausflug in die "Twilight Zone" beginnt, das wandelt sich schnell zum steifen Teenie-Drama mit besonders süßlichem Finale. Wenn hier dann jedermann um Vergebung bittet, wünscht man sich als Zuschauer nur noch eines: Wann wird’s mal wieder richtig unsichtbar?


30%
- erscheint bei: DEADLINE 03/07

Mai 03, 2007

Radio: FILM-BLUE MOON 04/07

Heute ab 22Uhr heißt es wieder drei Stunden mitstreiten beim Film-Blue Moon auf Radio Fritz (Berlin/Branendburg). Durch die Sendung führen wie immer Mc Lücke und Ronald Bluhm, anrufen und sich aktiv an hitzigen Diskussionen zu aktuellen Kinofilmen (Schwerpunkt: "Spider-Man 3") beteiligen kann jeder - und einen Griff in die Fritz-Film-Geschenkekiste gibt es dann auch noch. Per Livestream oder direkt im Radio.

Mai 02, 2007

Kino: SHOPPEN

Schon die verkrampfte Neudeutsch-Komödie "Das merkwür- dige Verhalten geschlechtsreifer Großstädter zur Paa- rungszeit" versuchte mit lakonischem Humor einen über- höhten Blick auf die angebliche Verzweiflung der Single- Städter zu werfen. Mit verhaltenen technischen Mitteln setzt nun auch Regisseur Ralf Westhoff das Dilemma in Szene. Schauplatz: München. Handelnde: 18 frustrierte, partnerlose Frauen und Männer. Was tun sie? Sich beim Speed-Dating gegenseitig erkunden, anpöbeln, Komplimente machen und die eigene Lebenskrise verbal bewältigen. Ja, diesen Menschen geht es schlecht. Und sie lassen den Zuschauer daran teilhaben. Sie haben keinen Sex und keine Geborgenheit, aber dafür reichlich Eloquenz im Umgang mit dem anderen Geschlecht.

"Shoppen" heißt diese geschwätzige Komödie, die zum größten Teil in einer Turnhalle spielt. Dort findet besagter Schlagabtausch statt – fünf Minuten Redezeit, dann ist der nächste Date-Partner an der Reihe. Mit Schnitt und Einstellungsvariationen erzielt Westhoff trotz der statischen Inszenierung im festen Raum eine gewisse Dynamik, die das dialoglastige Geschehen nicht allzu langatmig erscheinen lässt. Mehr gutes gibt es über diesen studentisch altklugen Film allerdings nicht zu berichten. Die herben und pointierten Dialoge haben Witz, kennzeichnen aber auch das Grund- problem in "Shoppen": Man fühlt sich hier wie in einer 90minütigen Sketchshow, wo ein Gag hastig den nächsten jagt. Das regt zum Schmunzeln an, verhindert aber auch jeglichen Zugang zu den Figuren. Aufgrund seiner episodischen Struktur bewegt sich der Film ausschließlich auf oberflächlichem Terrain.

Das ist insofern problematisch, als Westhoff von substan- tiellen Großstadtphänomenen berichtet. Die urbane Verein- samung als Grundmotiv für ausbleibendes Lebens- und Liebesglück anzuführen, mag seine Berechtigung haben. Aber der Umgang mit diesem Thema geht leider nie über das Niveau einer US-Vorabendserie hinaus – wir erfahren trotz permanentem Dialoggewitter nur wenig über die Figuren, stattdessen geben diese dauerhaft sinnentleerte und meist zynische Floskeln von sich. Da lacht das Publikum zwar reichlich, aber auf wahren Speed-Dating-Börsen – deren grundsätzliche Kuriosität der Film ebenfalls nur bedingt einzufangen versteht – dürfte sich derlei mundstarke Meute kaum zusammenfinden. "Shoppen" ist also überaus manieriert in seiner Art und wirkt durch die Aneinanderreihung der Gags wie das Best-Of einer mitgeschnittenen Theater- improvisation.

Das verstärkt sich negativ, in dem Westhoff den Film mit zahlreichen Bühnendarstellern besetzt. Diese verleihen dem unrealistischen Ambiente zusätzlich eine Aura nerviger Affektiertheit. Da bekommt man als Zuschauer durchaus schon einmal Platzangst, fühlt es sich doch an, als sei man hier unfreiwillig in die Übungsstunde an einer Schauspielschule geraten. "Shoppen" lebt von der Darstellung seiner Figuren – und scheitert an den überzogenen, theatralischen Leistungen der Schauspieler. Das führt dann auch zu der Frage, was einem hier eigentlich erzählt werden soll. So eklatant wie der Regisseur es wohl meint sind die Probleme der Menschen nicht unbedingt. Oder anders: Wen eigentlich interessiert das selbstmitleidige Geschwätz dieser 30-plus- Singles?

40%

Mai 01, 2007

DVD: APOCALYPTO

„Eine große Zivilisation kann erst von außen erobert werden, wenn sie sich von innen bereits selbst zerstört hat.“, heißt es zu Beginn von "Apocalypto", der sich dem Untergang der Maya-Kultur verschrieben hat. Es geht um einen Mann, der Frau und Kind verteidigt: Diese sitzen in einem Erdloch fest, während Papa Jäger auf der Flucht vor barbarischen Kriegern den Dschungel zu seinem Kampfgebiet erklärt. Mel Gibsons in Originalsprache gedrehter Film erzählt eine archaische Geschichte, in der das behütete, klar hierarchisierte Familien- leben der Waldmenschen von zivilisierten, aber dennoch unbarmherzig-wilden Großstädtern bedroht wird. Dieser in kongenialen und vor allem ultrabrutalen Bildern umgesetzte Survivalhorror mit Ethno-Einschlag ärgert und begeistert zugleich: Gibson arbeitet zwar auf handwerklich aller- höchstem Niveau, doch bewegt sich mit reaktionären Botschaften nahe am Fanatismus. Denn bei aller Primitivität des Dargestellten kann selbst die elegante Kameraarbeit nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Hohelied auf Familie und Patriarchat manische Dimensionen annimmt. Und wenn Gibson dem Zuschauer mit der eingangs zitierten Weisheit dann noch suggeriert, die Maya seien zum Zeitpunkt ihrer Eroberung durch die Spanier im Innern ohnehin bereits einem Zer- setzungsprozess erlegen gewesen, legitimiert er damit sogleich noch die koloniale Unterwerfung. "Apocalypto" also ist brillant in Szene gesetztes, aber ideologisch durch und durch fragwürdiges Autorenkino.

40%