Oktober 07, 2010

Kino: THE SOCIAL NETWORK

Endlich ein Film über Arschlochstudenten. Verwöhnte, schnöselige, karrieregeile Arschlochstudenten. Schmierige Rich Kids in schlecht sitzenden Designeranzügen, Absolventen von Elite-Unis, die jede Statistik zerbröseln, aber keine vernünftige Unterhaltung führen können. Und David Fincher mag sie nicht. Aber das lässt er sich nicht anmerken, sein Film blickt nicht herab auf den Größenwahn der Jungunternehmer und Superverdiener von morgen, er begibt sich in ihr Milieu, untersucht, beobachtet, seziert es, bis es gänzlich entkleidet vor sich selbst zurückschreckt. "The Social Network" ist, wider Erwarten, kein Film über das Phänomen Facebook, er ergründet vielmehr das gesellschaftspolitische Phänomen eines Anfangzwanzigjährigen, der es mit einer einzigen Idee zum Multimilliardär schafft. Paradox, und letztlich selbst dem Film nicht ganz begreiflich, ist dies der zweistündige (Rekonstruktions-)Versuch, die unglaubliche und trügerische Erfolgsgeschichte des Harvardstudenten Mark Zuckerberg nachzuvollziehen.

Trotzdem "The Social Network", wie schon erwähnt, kein Film ist, der am Massenphänomen sozialer Netzwerke sonderliches Interesse bekundet, ja, diese nicht einmal verhöhnt, lässt er es sich nicht nehmen, seine symbolträchtige Aufsteigerstory in einen kritischen Bezug zum Erfolgsobjekt der Begierde zu setzen: Im Grunde ist es nicht relevant, welches konkrete Unternehmen die Unverhältnismäßigkeiten der freien (oder sozialen?) Marktwirtschaft antreibt (dieser Film funktioniert auch gänzlich allegorisch), und doch besteht Fincher darauf, den Widerspruch eines globalen Netzwerks, das soziale Kontakte intensivieren, vergrößern oder überhaupt erst produzieren soll, ausgerechnet als Erfindung eines sozial weitgehend inkompetenten Egozentrikers herauszuarbeiten. Insofern geht es hier vor allem um die Machtkämpfe der Harvardstudenten, um finanzielle und kreative Beteiligungen, um Plagiatsbeschuldungen, um den unerbittlichen Konkurrenzkampf in der Mensa. Auf dem Weg nach oben gilt es schließlich einige Hürden zu überwinden. Oder, wie es die Tagline des Films so treffend formuliert: "You don't get to 500 million friends without making a few enemies."

Und natürlich amüsiert sich der Film über das, was er zu ergründen versucht. Das ist zum Teil Verzweiflung, weil ihm die hochstaplerischen Eliteheinis suspekt sind, aber auch seine Interpretation der kuriosen Vorstellung, dass man mit einem anfänglichen Universitätsnetzwerk zum weltweiten Erfolgsgiganten mutieren kann. Wenn der Trailer seine Bilder mit den Lyrics einer Coverversion des Radiohead-Songs "Creep" unterlegt, verrät er auch, dass er diese ständig vor sich her faselnden Kids zwischen Größenwahn und raffinierter Strategiewut nur als weirdos begreifen kann. Insofern bezieht "The Social Network" Stellung, bleibt aber größtenteils dennoch – ganz wie Finchers meisterlicher "Zodiac" – ein Film, der sich mittels seines sorgfältigen Drehbuchs höchst konzentriert auf das Faktische beschränkt. In einer unfassbaren Fülle an cleveren Dialogen, mit einer detailgetreuen und präzisen Beobachtungsgabe.

Auch wenn das letztlich kein Film sein mag, der die Herzen seiner Zuschauer erobern wird, so ist es doch zumindest Finchers bisher reifste Regiearbeit. Formal auf das Wesentliche beschränkt, im völligen Verzicht ausgestellter Inszenierungskniffe und ganz ohne die ästhetische Verliebtheit in blumige Ausschmückungen. Keine durch Türschlitze gleitenden Kamerabewegungen, keine visuellen Verspieltheiten, keine erschöpfenden Legitimierungsversuche der eigenen (einstigen) Disziplinlosigkeit. Diese Geschichte ist so spannend und stark, dass auch Fincher sie mit aller Konzentriertheit erzählen möchte. Nach seinem klebrigen Regierausch mit "Benjamin Button" ist "The Social Network" die unerwartete, erfreuliche Selbstbesinnung eines Regisseurs, der vom Budenzauber Hollywoods und seiner eigenen Videoclipvergangenheit rehabilitiert scheint. Und es ist ein inspirierender Film. Ich empfehle Christopher Nolan, ihn sich genau anzusehen.


80% - erschienen bei den: 5 FILMFREUNDEN

Kommentare:

  1. Ja, Ja und Ja! Insbesondere deine Einschätzung Finchers bringt es auf den Punkt. Das ist nicht Mainstream, das ist künstlerische Reife, das ist ein Regisseur, der endlich weiß, wann er sich zurückhalten muss. Ein hervorragender Antipode zu Nolan in Sachen visueller Erzählkunst. Das ist Kino.

    AntwortenLöschen
  2. Sieh an, Rajkos Film des Jahres (neben Herzog's LIEUTENANT). Aber dieses Nolan-Bashing am Ende...etwas arg bemüht.

    AntwortenLöschen
  3. So, jetzt konntest auch endlich mal über die "Arschlochstudenten" herziehen, wundert mich nicht. ^^ Ach ja, biste morgen bei der Verbindungsparty dabei? War letzten Freitag schon hammer! ;-)

    AntwortenLöschen
  4. @jenny:

    Danke! :)

    @Flo:

    Nee, das ist nicht mein Film des Jahres. Der Herzog auch nicht.

    @Stefan:

    Bei diesen Zeilen habe ich auch an dich gedacht. :P

    AntwortenLöschen
  5. Danke, fühle ich mich fast geehrt, wirklich! ^^ Die Party morgen wird so oder so geil - attraktive Damen en masse und endlich gut gekleidete Kommilitonen. Das hat Fincher wirklich gut eingefangen, diese Atmo - also ich kann sie (tw.) nur bestätigen. Und wir sprechen hier von Tübingen, nicht von Harvard. ;-)

    AntwortenLöschen
  6. Du studierst ja nicht mal BWL, also bist du nur ein halbcooler Arschlochstudent.

    AntwortenLöschen
  7. Fincher?
    Künstlerische Reife?
    Keine erschöpfenden Legitimierungsversuche der eigenen Disziplinlosigkeit?
    Keine ästhetische Selbstverliebtheit?
    Er weiß, wann er sich zurückhalten muss?

    Mr.VV schreibt es, jenny sekundiert?

    Ich glaube, ich muss mich erstmal setzen. Mir wird schwummerig. Da droht ja eine ganz alte und vielfach von mir beerdigte Regieleiche mit Wiederauferstehung vom Friedhof der erledigten Fälle.

    Solch geballte Umschichtungen im Geschmackshaushalt verkrafte ich nicht mehr an einem Tag. Aber gut, ich werde gegen meine jahrelange Antipathie ankämpfen und auch Fincher eine neue Chance geben.
    Wer immer strebend sich bemüht, den können wir...

    AntwortenLöschen
  8. Deine rigorose Komplettabstrafung des Fincher-Werks ist mir bis heute ein Rätsel. Ich bin zwar kein Fan seiner Filme, fand THE GAME oder PANIC ROOM gar außerordentlich peinlich missglückt, aber spätestens seit ZODIAC muss man mit dem Mann rechnen.

    AntwortenLöschen
  9. Die Komplettabstrafung war keinesfalls von Anfang an da und wurde blind fortgesetzt, sondern hat sich erst im Laufe der Jahre eingestellt.

    Leider ist es so, dass gerade seine völlig missglückten Filme auch ein bedenkliches Licht auf die Strukturen seiner vielfach höhergeschätzten Werke werfen. Ich weiß, es ist unfair, einen Regisseur und sein Werk vom Schwachpunkt her zu betrachten (von John Carpenter würde da z.B. wenig übrigbleiben), aber es ist doch ein Gegengift gegen allzu optimistische Lesarten.

    "Sieben" funktionierte als Genrefilm damals für sich allein sicher gut, aber schon "The Game" löste mehr als nur Unbehagen aus, das sich bei "Fight Club" verstärkte.

    Seit "Zodiac" hat Fincher sein Halbstarkentum gemäßigt, ganz recht, aber "Benjamin Button" wirst du doch nicht allen Ernstes als reife Regieleistung bewerten? Und "Zodiac" wird überschätzt, da er formal zwar gelungener, aber von der Grundkonzeption her verfumfeit ist.

    Wie gesagt, ich lese hier eure positiven Urteile und will auch an eine positive Entwicklung Finchers glauben. Zumindestens rief der Trailer von "Social Network" bei mir keinen Brechreiz hervor, wie etwa der zu "Inception". Also: Faire Chance für Fincher :-)

    AntwortenLöschen
  10. @Sieben Berge: Ich stimme dir in vielerlei Hinsicht zu, was Fincher angeht. "Sieben" ist ein guter Genrefilm. Mit seinen anderen Arbeiten bis (nicht einschließlich) "Zodiac" kann ich jedoch nicht viel anfangen. "Benjamin Button" ist ein Zeugnis schrecklicher Selbstverliebtheit. In "The Social Network" hat er sich zumindest zeitweise besonnen. Fraglich ist nur, wie lang das dauert. Insofern: Er könnte dir gefallen.

    AntwortenLöschen
  11. @Sieben Berge:

    Nun gut, das ist jetzt auch kein komplett ausgewechselter Fincher hier, insofern wirst du vielleicht auch diesem Film nichts abgewinnen können.

    BENNY KNÖPFCHEN war furchtbar, ja. Eigentlich der absolute Tiefpunkt in seinem Werk, und das ausgerechnet nach dem absoluten Höhepunkt (vielleicht ist das auch schlüssig?).

    FIGHT CLUB ist natürlich ein ausgezeichneter und wichtiger Film, da gibt's nichts. :D

    AntwortenLöschen
  12. @Rajko: "Fight Club" wurde mir endgültig bei einem Filmabend versaut, bei dem ein männliches Twentysomething den gesamten Film "parallelzitiert" hat. ;)

    AntwortenLöschen
  13. In deinem letzten Absatz klingt es fast so, als dass du Fincher unterstellst, dass er sich das erste Mal aufs Wesentliche reduziert, anstatt sich in narzistischen Inszenierungsfinessen zu verlieren. Dabei bewies er bereits in "Zodiac", dass er sich seines virtuosen Handwerks durchaus bewusst ist und nichts mehr ausstellen muss um des Austellens Willen. Vielleich trübt das nur, weil das er ausgerechnet bei seinem nächsten Film völlig über Bord geworfen hat.

    AntwortenLöschen
  14. Da bin ich ja jetzt schon gespannt, welches Werk mit 85-90% am Fincher-Herzog vorbeirauscht *eagerface*

    AntwortenLöschen
  15. Fight Club ist ein Meisterwerk. <---Punkt

    AntwortenLöschen
  16. OT: Der Sirk heute auf ARTE, lohnt der?

    AntwortenLöschen
  17. Welcher läuft denn? Hab von Fernsehen keine Ahnung. :)

    AntwortenLöschen
  18. IN DEN WIND GESCHRIBEN (OT: Written on the Wind) mit Rocky.

    AntwortenLöschen
  19. Seh grad (erst), dass du ja ein Review dazu hast. Danach hätt ich auch gleich schauen können *g*

    AntwortenLöschen
  20. Jau, der ist sehr gut, siehe Kritik rechts. :)

    AntwortenLöschen
  21. Klingt sehr gut. Da werd ich dann wohl doch noch den Schritt ins Kino wagen und 2 Stunden Abstand von Facebook nehmen!

    AntwortenLöschen
  22. ist eigentlich jemanden aufgefallen, dass die ruder szenen in "the social network" 1 zu 1 aus leni riefenstahls "olympia" übernommen wurden?

    AntwortenLöschen
  23. @jean: Völlig korrekte Beobachtung, fiel mir auch auf. Die Frage ist, ob da neben der Referenzierung des wohl stilbildendsten Sportfilms in rein technischer Hinsicht tatsächlich eine weitergehende und tragfähige Aussageabsicht erkennbar wird. Da bin ich mir nicht 100% sicher.

    Ansonsten...Luftholen:

    @Rajko: Deine 80% minus 10% und Amen, abgesehen vom letzten Absatz. Erfreuliche Weiterentwicklung: ja, durchgehend gut: nein. In der Tat eine boshafte, aber durchaus um Differenzierung bemühte Beleuchtung eines Männermilieus. Dass dich Finchers auch hier fortgesetzte Unfähigkeit zur ernsthaften Schilderung heterosexueller Mann/Frau Verhältnisse (tw. bedenkliche Verzerrungen) nicht stört, wo du sonst so hellwach jeden faulen Apfel witterst, wundert mich.

    Verglichen mit Benjamin Blümchen aber sehr viel besser.

    AntwortenLöschen
  24. Fincher ist ein Männerregisseur, ich kann mich daran nicht reiben, sonst würde ich vor lauter Reibung irgendwann implodieren. Immerhin hat er, im Gegensatz zu vielen anderen Kollegen, das schon einmal ganz konkret zum Thema gemacht. FIGHT CLUB ist ja schließlich u.a. auch ein wunderbares Auseinandernehmen von Männlichkeit (über die letztliche Wieder-Zusammensetzung kann man streiten). Auch SEVEN demonstriert im grandiosen Schlussakt eine Auslieferung des männlichen Ideals (wenn auch nicht konsequent, da auf Kosten der Frau). Somit nehme ich lieber diese Versuche wohlwollend zur Kenntnis, als mich darüber zu echauffieren. Dass Fincher lieber Männergeschichten erzählt, ist eben einfach so (und wenn man z.B. das Meisterwerk ZODIAC betrachtet, malt er dort sogar sein konsequentestes Bild vom männlichen Scheitern) - zudem er mir in der Abhandlung weiblicher Nebenfiguren ungelenk, aber nicht bedenklich erscheint. Fincher Milieus lassen tiefergehende Mann-Frau-Verhältnisse auch gar nicht zu, insofern konnte mich bsp. die Nebenhandlung zwischen Andrew Garfield und seiner Freundin in THE SOCIAL NETWORK auch gar nicht mal im eigentlichen Sinne stören, sie war höchstens überflüssig. :)

    AntwortenLöschen
  25. Nicht ganz unbefangen, nach so eben erfolgter Sichtung:

    Meisterhafter Film, meisterhafte Kritik!

    . PUNKT

    Alles andere ist nur überflüssiges Bla, bla! :)

    AntwortenLöschen