April 23, 2008

Retro: UNE FEMME EST UNE FEMME (1961)

Ein Mann und eine Frau unterhalten sich. Und was man während des gesamten Dialogs ausnahmslos zu sehen bekommt, sind auf der Straße flanierende Menschen. Man meint, Bild und Ton laufen aneinander vorbei. Vorher und nachher verwirrt ein sich küssendes Pärchen, das jeden Tag, um jede Uhrzeit und unverändert am selben Hauseingang steht. Jenem Haus, in dem Angela wohnt. Die will ein Kind. Doch Émile nicht. Und deshalb hat sie was mit Alfred, soll er sie doch schwängern. Angelas Gesicht ist dann mal rot, dann wieder blau angeleuchtet, und ständig spricht sie in die Kamera oder tut anderes seltsames Zeug, verneigt sich vor dem Zuschauer zum Beispiel. Oder ihr Freund, der fährt Fahrrad in der Wohnung, der fragt in die Kamera blickend, ob dieser Film nun "eine Tragödie oder Komödie" sei. "Aber auf jeden Fall ist es ein starkes Stück.", heißt es dann. So, so. Und der Belmondo redet auch wirr daher, geht zum Cafébesitzer und sagt: "Darf ich ihnen eine Frage stellen? Wenn sie mit ‚ja’ antworten, schulde sich ihnen 100 Francs, wenn sie mit ‚nein’ antworten, schulden sie mir 100, in Ordnung?" – "In Ordnung." – "Gut, hier ist die Frage: Können sie mir 100 Francs borgen?".

Ja, so läuft das hier. "Une femme est une femme" von Jean-Luc Godard ist eine fragmentarische Komödie über Frau und Mann, die sich jedoch mehr für ihr Medium als ihre Figuren interessiert. Ständige Brüche, Aussetzer und unerwartete Stilmittel bestimmen den kurzweiligen Spaß, der sich mit zahlreichen optischen und akustischen Einfällen, heiterem Wortwitz und lakonischer Einfältigkeit experimentell dem Kino widmet: Was sind Genres, was ist der filmische Raum, wie füllt man ihn mit Zeichen und Bedeutung, hat er überhaupt eine Bedeutung, Semantik, Syntaktik, und welche Anordnung benötigen filmische Gestaltungsmittel. Dies ist eine freie, unbeschwerte, verspielte Übung, die sich selbst beobachtet und beobachten lässt. Die augenzwinkernde Seitenhiebe austeilt, gegen klassische Hollywoodfilme, seien es all die Romanzen, Screwball Comedies oder im Besonderen Musicals, deren Wesen dieser Film bewusst aufgreift, oder auch gegen die eigenen Mitspieler der Nouvelle Vague. Ein Lustspiel fast, aber hinter seiner reflexiven Pose überaus ambitioniert. Godard vermengt hier Selbstzitate (ganz konkret wird sein "À bout de souffle" erwähnt) und Storyfetzen in einer Versuchsanordnung, die nicht möchte, dass man hinter der Versuchung auch eine Anordnung ausmachen kann.

Der Film sprudelt dabei geradezu über vor Ideen und absurden Dialogen: "Alfred, bist du schon lange da?" – "Aber nein, 27 Jahre. " – "Und was willst du?". Jump-Cuts wechseln sich mit Musiksprüngen ab, immer wieder wird jegliche musikalische Begleitung abgewürgt, so dass man auch ja nicht erst auf die Idee käme, einer Illusion auf den Leim zu gehen. Lampen werden als Scheinwerfer durch den Raum getragen, Buchtitel dienen der Gefühlswiedergabe. Und zwischendurch werden Textzeilen eingeblendet, die alles kommentieren und zu hinterfragen scheinen, so wie es die Anfangstitel taten. Im Prinzip bricht der Film Regeln, um Nicht-Regeln zu befolgen. Nicht uninteressant, aber er macht es sich denkbar einfach damit. Was eine Eigenparodie, eine unernste Selbstreflexion sein könnte, ist nur eitles Gehabe, kaltherziges, abgeklärtes Gehabe.

Ganz konkret: "Une femme est une femme" ist Godard-Kino in nervigster Ausprägung. Eine einzige Aneinanderreihung scheinbarer Willkürlichkeiten, die nur dazu dienen sollen, ihren Regisseur als denkendes Ingenium auszuweisen. Ein selbstverliebter Film ist das, der sich ausstellt und dabei gehörig gefällt, der aber nicht einladend oder amüsant daherkommt, sondern nur unangenehm wirkt, aufdringlich, mit sich selbst beschäftigt. Das ist fast so etwas wie spätpubertäres Akademikergeplänkel, typisches Filmstu- dentenzeugs, Cineastenmasturbation, Technokratengetue, Egofutter, das sich selbst prostituiert. Eine Klamotte, die sich clever glaubt, aber nur aus lauter Zotteligkeiten und Phrasen besteht über Frauen und Männer und deren Verhältnis, zumindest so wie es sich Godard vorstellt. Und die Frau ist ’ne Stripperin, eine bessere Nutte, Spielzeug für die Männer, bei aller vermeintlichen Selbstbestimmtheit. Ein Film, beschränkt trotz seiner Möchtegern-Weitsichtigkeit, trotz seines Intellekts, seines Willens, mehr über das Kino zu erfahren. Kino spürbar und transparent zu gestalten, aber doch nur zu verhüllen. "Was ist so was wie du? " – "Was? Das ist doch ganz einfach! Eine Frau ist eine Frau." – so viel auf sich selbst aufmerksam machende Trivialität ist doch arg verdächtig. Das ist ebenso undezent wie kein Selbst- bekenntnis, sondern nur ödes Kokettieren.


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Kommentare:

  1. Oje, der Text humpelt ja mehr als Dein [Rec]-Beitrag. Mal abgesehen davon, daß der erste Teil die richtigen Fragen nach dem Vorgehen Godards stellt, um dann am Ende diese Überlegungen vollkommen außer acht zu lassen und der persönlichen Abneigung gegen Godards metafilmischen Ansatz freien Auslauf zu lassen.
    Aber sicherlich ist es nicht die Frage, ob der Film gefallen kann oder soll. Diese Überlegung ist genauso müßig wie die Frage nach der motivationalen Verfaßtheit Godards. Woher die Überzeugung kommt, das filmische Konstrukt sei nur auf egozentrische Selbstdarstellungsneigung des Regisseurs zurückzuführen, braucht natürlich in seiner rabiaten Absolutheit auch keinerlei Beweis jenseits der Behauptung.
    Diesen Textmängeln liegt der Kardinalfehler zugrunde, den Film nicht im Rahmen seiner Entstehungszeit zu betrachten. Gerade bei den französischen Filmemachern, die das Kino revolutioniert haben, ist dies unabdingbar. Zum Glück wissen den Einfluß von 68 aufs Kino und umgekehrt andere besser zu würdigen: http://www.1968.org.uk/cinema.html

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  2. Vambo Schmierer7/12/10 14:35

    Ein Film, der sich gekonnt über das lustig macht, worüber man sich bis dahin seinerzeit in Filmen lustig zu machen pflegte.

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