April 15, 2008

Kino: THE SAVAGES

Telefonieren nur im Notfall. Und Treffen höchstens, wenn der gemeinsame Vater die Wände seiner Toilette mit Kot beschmiert hat und deshalb in ein Altersheim abgeschoben werden soll: Die Geschwister Savage haben kaum Kontakt, leben weit auseinander und werden erst durch einen Schicksalsschlag wieder zusammengeführt. Weil sie ein Pflegeheim für Lenny Savage (Philip Bosco) finden müssen, reisen Wendy (Laura Linney) und Jon (Philip Seymour Hoffman) gemeinsam nach Sun City, wo sie nach vielen Jahren das erste Mal auf ihren demenzkranken Vater treffen. Die Vergangenheit liegt wie ein Schatten über ihren Bemühungen, sich dem eigenen verkorksten Leben zu stellen, während für Lenny das sichere Ende hereinbricht.

Was "The Savages" erzählt, ist nicht neu. Und wie er es erzählt, erst recht nicht. Eine intakte Familie, eine, bei der wohl einiges schief lief, die zwei mehr oder weniger gestörte Kinder hervorbrachte – und die zum Ende doch wieder zusammengebracht werden, sich den Dingen stellen muss. Das ist das Reststück vom Bogen des Lebens, das Tamara Jenkins hier geschrieben und inszeniert hat. Die Ironie bleibt dabei immer dieselbe: Erst ziehen uns die Eltern zu einigermaßen lebensfähigen Individuen heran, bauen uns Brücken, spenden Fürsorge, ermöglichen uns den Raum der Entwicklung, und dann verkehrt sich das Verhältnis, werden unsere Väter und Mütter alt und träge, hilflos und schutzbedürftig. Hier sind nun die Kinder gefragt, werden sie es ihnen danken und Liebe zurückgeben, oder erst an diesem Punkt begreifen, dass ihre Erziehung eine Selbstver- ständlichkeit war – und sie keineswegs Frieden mit jenen schließen müssen, die sie einfach in diese schwere Welt gesetzt und "macht mal" gesagt haben.

Leider versagt Jenkins, wenn es darum geht, die notwendigen Hintergründe ihrer Figuren auszuleuchten. Zwar ist sie darum bemüht, die mehr oder weniger völlig aus dem Lot geratenen Leben der Savages mit subtilen Details zu versehen, aber mehr als zwei, drei sich immer wiederholende Informationen zu Wendys und Jons gestörter Beziehungsunfähigkeit oder ihren Berufsproblemen kommen dabei nicht herum. Als Kardinalsfehler muss sicherlich der nahezu völlige Verzicht, auf deren Vergangenheit einzugehen gewertet werden. Was diese Geschwister im hier und jetzt ausmacht, was sie zu ihrer distanzierten und doch irgendwie eng vertrauten Situation geführt hat, wie ihre unterschiedliche und doch gleichsam fremde Beziehung zum Vater entstanden ist, das alles lässt sich nur erahnen und wird immer wieder sporadisch angerissen, ohne weiter verfolgt zu werden (sogar noch kurz vor Schluss, als es auch nichts mehr zur Sache tut). Insofern kann es schwer fallen, dem ganzen Geschehen zu folgen, wenn jedwede Motivation, jede Erklärung ausbleibt, wenn man über die Figuren eigentlich so gar nichts erfährt.

Dennoch folgt man "The Savages" bereitwillig, weil er profane, grundsätzliche Lebenswahrheiten thematisiert. Durch seine unkonkrete Modellierung bleiben Identifikationsangebote zwar aus, die geschilderten Szenarien sind in ihrer Allgemeinheit aber vertraut, weil der Film auch darauf abzielt, dass sich jeder Zuschauer mehr oder weniger in die Problematik der Elternpflege wird einfühlen können. So überzeugt zumindest Jenkins' ungeschönter und doch recht humorvoller Blick auf diese völlig vermurksten Figuren, die sich selbst im Wege stehen und doch die an sie gestellten Erwartungen erfüllen wollen. Nur weil die großartige Laura Linney, deren zerbrechliche Unscheinbarkeit selbst die blasseste Rolle aufwertet, und der beständig glaubwürdig abgewrackte Philip Seymour Hoffman hier die Hauptrollen übernommen haben, wird man sich in die Hände dieses dünn geschriebenen Geschichtchens begeben und nicht allzu enttäuscht das Kino verlassen ob seiner Grobheit. Immerhin durchzieht "The Savages" ein gewisses Verständnis für seine Helden, eine sehr menschliche Grundhaltung. Familie ist eben etwas sehr Kompliziertes, da ist es nun einmal ebenso schwierig, auch einen wirklich guten Film über sie hinzubekommen.


60% - erschienen bei: DAS MANIFEST

Kommentare:

  1. Erst ziehen uns die Eltern zu einigermaßen lebensfähigen Individuen heran, (...) und dann verkehrt sich das Verhältnis, werden unsere Väter und Mütter alt und träge, hilflos und schutzbedürftig.

    Ist hier ja aber nicht wirklich der Fall, es handelt sich schließlich um einen Vater, der seine Kinder misshandelt hat, sich eben nicht um sie kümmerte, was sich am Ende in ihre gestörten Charaktere niederschlug. Gebe dir jedoch in dem Punkt Recht, dass man den Film hauptsächlich an Hoffman und Linney festmachen kann - bei mir kam er dennoch besser weg.

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  2. Ist hier ja aber nicht wirklich der Fall, es handelt sich schließlich um einen Vater, der seine Kinder misshandelt hat, sich eben nicht um sie kümmerte, was sich am Ende in ihre gestörten Charaktere niederschlug.

    Dennoch hat Lenny sie ja "zu einigermaßen lebensfähigen Individuen" herangezogen, und dass er sie missbraucht hat, wird im Film ja gar nicht thematisiert, es bleibt schemenhaft und nur zu vermuten. Aber selbst wenn, so geht es im Film imo schon sehr um dieses Umkehrverhältnis.

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  3. Aber selbst wenn, so geht es im Film imo schon sehr um dieses Umkehrverhältnis.

    Klar, wollte ich auch überhaupt nicht verleugnen. Was der Film versucht ins Zentrum zu rücken sind aber ja die beiden Kinder, die selbst nie richtig Fürsorge erfahren haben von ihrem Vater und diesem diese nun schenken müssen. Wobei das ein Problem ist, mit dem sich fast jeder von uns eines Tages auseinandersetzen muss.

    Will den Film ja auch nicht als Stein der Weisen verkaufen, er ist recht langsam und im Grunde ließe sich die gesamte Geschichte in einem Musikvideo zusammenfassen. Wahrscheinlich lag es doch nur an den beiden Leads, dass er mir so zusagte (trotz depperter Synchro).

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  4. Oh ja, die Synchro, wenn man dann mal eine ertragen muss, ist sie auch noch besonders schlecht.

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