November 07, 2006

DVD: THE PROPOSITION

Die Sonne blendet, die Luft steht, nur mühsam erblickt man die scheinbar unendlich weiten australischen Outbacks – noch leicht beirrt über den Einstieg des Films: Eine wilde Schießerei, die Kugeln fliegen, das Blech biegt sich, es fließt Blut, Schweiß und Tränen. Durch die löchrigen Wände schimmern helle Strahlen der Mittagshitze, der Seelenzustand dieser Menschen ließe sich vermutlich ähnlich bebildern. Hier geht es um nicht weniger als den Kampf zwischen Abtrünnigen und dem Gesetz vor dem Hintergrund der britischen Kolonisation im 19. Jahrhundert. Drei verbrecherische Brüder gegen die Polizei – einer muss leben, einer muss sterben, einer muss sich entscheiden…

Es ist ein überschaubares Spektrum an Handlungsorten und Charakteren, das Sänger und Songschreiber Nick Cave für sein Drehbuch entwirft. Ihnen gleich ist die innere Leere, die bedrückende Stille: Die Ausstattung ist spärlich, Gebäude und Häuser erscheinen in ihrer kahlen Ungemütlichkeit kaum als Orte der Zuflucht, und ähnlich ist es um die Kämpfer in diesem Schauspiel bestellt, sie reden selten, blicken ernst und konzentriert, handeln schnell, unberechenbar, kompromisslos. Diese Welt der Männer ist durch eine unbändige Brutalität gekennzeichnet, die durch die spirituellen Klänge des Soundtracks nur zeitweise durchbrochen werden kann.

Dieser schwer zugängliche Film erscheint weder als ein bitterer Abgesang noch als kühler Neo-Western, das verrät bereits die Eingangssequenz. Das Shoot-Out-Gewitter im Stil genreüblicher Finalszenarios wird radikal umgekehrt, gleich in den ersten Minuten abgehandelt und nicht wieder aufgegriffen, es bleibt der einzig wirkliche Kugelhagel in „The Proposition“. Die folgende erste Hälfte zeichnet sich durch eine erdrückende Schwerfälligkeit aus. Die einfache Handlung scheint sekundär, vielmehr konzentriert sich Regisseur John Hillcoat auf die Darstellung seiner Pro- und Antagonisten, dem abgemagerten Outlaw Guy Pierce, der sich der Entscheidung gegenüber sieht, seinen Bruder auszuliefern, und dem Briten Ray Winstone, der sein Eintreten für das Gesetz der Führsorge der Ehefrau (eindrucksvoll: Emily Watson) überordnet.

Dass die Aborigines diesem Terror der Kolonisten still beiwohnen, immer nur am Rande auftauchen und das Geschehen beobachten, wird intelligent angedeutet, aber kaum weiter verfolgt. Weniger eine Auseinandersetzung mit dem historischen Rahmen des Stoffes, denn eine Ballade über menschliche Abgründe mag Cave im Sinn gehabt haben, ohne eine Rechtfertigung für den im besetzten Australien angesiedelten Zusammenhang liefern zu wollen.

Die dieser Darstellung menschlicher Härte innewohnenden Gewaltexzesse stehen dabei jedoch im Konflikt zwischen dem Anliegen, diese der im Western zumeist romantisierten und zwangsläufig verharmlosten Gewalt gegenüberzustellen, durch die Überstilisierung jedoch wie ein Paradigma erscheinen. Deshalb faszinieren und wirken die Bilder dieser meditativen Odyssee nur in dem Maße, wie sie den Zuschauer leider auch langweilen: Wenn die endlos wirkende Selbstzerstörung den eindrucksvollen Höhepunkt markiert, hat dieser sein Interesse womöglich längst aufgegeben.

6/10 - erschienen bei ofdb.de

November 04, 2006

TV: Fernsehtipps 04.11. - 10.11.06

Samstag, 04.10.

22:20 Uhr – „Virus“ (RTL)

Feiner Edel-Trash mit einer peinlichen Jamie Lee Curtis und einem noch peinlicheren Donald Sutherland.

0:40 Uhr – „Der Hauch des Todes“ (ARD)

Timothy Dalton ist der meistunterschätzte Bond, sein Einstieg eines der Highlights der Serie.

Sonntag, 05.11.

15:20 Uhr – „Top Secret“ (K1)

Sehr originelle Agenten-Parodie mit einigen Durchhängern, nicht wirklich gut gealtert, aber eben doch sehr amüsant.

20:15 Uhr – „(T)raumschiff Surprise – Periode 1“ (Pro7)

Der Bodensatz deutscher – so genannter – Comedy. Primitiver Humor von Bully und Co. für Zuschauer, die sich auch gern Ottos Zwerge anschauen. Ich hatte das Vergnügen mit diesem Film bislang nicht, kenne nur den Manitu-Schuh (wirklich wahnsinnig komisch … Achtung Ironie), werde als „Star Wars“-Fan vielleicht einen Blick riskieren. Es wird mir trotzdem wohl immer ein Rätsel bleiben, warum sich fast 10 Mio. Zuschauer so etwas im Kino ansehen wollten.

23:50 Uhr – „The Faculty“ (Pro7)

Mitunter treffsichere „Body Snatchers“-Variation, vom Herrn Williamson darf man aber dennoch mehr erwarten.

Dienstag, 07.11.

20:15 Uhr – „Gattaca“ (K1)

Unheimlich eindrucksvoll gestaltete Negativ-Utopie, brillant gespielt, aber zuweilen leider etwas oberflächlich und gekünstelt.

23:00 Uhr – „Der Pianist“ (RBB)

23:30 Uhr – „OldBoy“ (HR)

Absolut einzigartige Charakterstudie, die in ihrer nihilistischen wie romantisch verklärten Stimmung niemanden kalt lassen dürfte.

Mittwoch, 08.11.

1:05 Uhr – „Amores Perros“ (ARD)

Freitag, 10.11.

20:15 Uhr – „Psycho“ (Das 4.)

Das 1998 inszenierte Remake darf sich damit rühmen, die wohl unnötigste und schlechteste Neuverfilmung innerhalb des Genres zu sein. Was nur hat Gus van Sant hier geritten? – Zumal er bei seiner Nachstellung einen handwerklichen Fehler nach dem nächsten begeht.

23:15 Uhr – „Der Cop“ (Arte)

Zwiespältige Verfilmung eines Ellroy-Romans. Vor allem der mürrische James Woods scheint überfordert.

1:55 Uhr – „Needful Things“ (RTL2)

Sehr beklemmende, atmosphärisch inszenierte King-Adaption aus dem Castle Rock-Zyklus.

November 03, 2006

Kino: IDLEWILD

Der amerikanische Süden zur Prohibitionszeit: Nachdem sein Vorgänger brutal ermordet wurde, nimmt Rooster (Antwan „Big Boi“ Patton), zwar verheiratet, aber trotzdem stets von Frauen umgarnt, den Platz des Besitzers eines lebendigen Nachtclubs ein. Doch auch er muss sich mit den Gangstern der Unterwelt umher schlagen, ebenso unfreiwillig wie sein Pianospieler Percival (André „3000“ Benjamin), der eigentlich in einem Bestattungsinstitut arbeitet. Der schüchterne Musiker verliebt sich unerwartet in die Sängerin Angel (Paula Patton), als sich die Lage zuspitzt.

Die Idee ist spätestens seit Baz Luhrmanns „Moulin Rouge“ oder Rob Marshalls „Chicago“ nicht mehr neu, kann aber durchaus immer wieder nett aufbereitet sein. Nach dem einfallsreichen Vorspann kommt die Ernüchterung jedoch schneller als gedacht. Das Hip-Hop-Duo Outkast hat sich mit „Idlewild“ ein mehr als unzulängliches Denkmal setzen wollen, doch zumindest in die Annalen der Filmgeschichte werden die Grammy-Preisträger mit diesem unausgegorenen Experiment, das alles andere als einem Musical gleichkommt, nicht eingehen. Der Film ist bis in sein Mark konzept- wie orientierungslos, schwach besetzt, lustlos inszeniert, und ihm fehlt all das, was einen schwungvollen Musikfilm auszeichnen sollte – Drive, Stil, Eleganz, eine wenigstens versucht ausstaffierte Geschichte. Und vor allem: Musik. Denn ausgerechnet letzteres ist Mangelware in diesem Genrekomplott!

Das Geschehen orientiert sich fleißig am Look und Gestus des Gangsterfilms, ohne jedoch tiefere Erkenntnisse gewinnen zu wollen: Da stellen sich Männer, den Hut tief ins Gesicht gezogen, in düstere Ecken auf, lungern Prostituierte auf den kalten, nassen Straßen der Nacht umher – und schon sind sie fertig, die postmodernen Noir-Bilder, ergänzt durch Posen, deren Ursprung wohl im Habitus des Hip Hops zu liegen scheint, und einige kurze Momente voller Schwung und Leben. Denn wenn der Nachtclub seine Pforten spärlich auch dem Publikum zu öffnen bereit ist, dann tritt auch das Potential des Films zum Vorschein – hier wird in Bullet-Time getanzt, dass die Bretter knarren. Mitreißen können die verhältnismäßig starren Kamerabewegungen den Zuschauer aber dennoch nicht.

In einem Musikfilm muss offenbar mehr geschossen und gestorben, denn fleißig musiziert werden. Originellerweise gibt es im letzten Drittel der Geschichte, die bis dato nicht mehr als eine verklemmte Variante der ewig unmöglichen Liebe sein kann, zahlreiche Shoot Out-Sequenzen in Bullet-Time, wilde Verfolgungsjagden und tatsächlich auch ein wenig Musik – zumindest in dem Geschehen unterlegter Form. Regisseur Bryan Barber steuert hierbei einen großen Haufen an Figuren, der ebenso unübersichtlich wie interesselos in die Szenerie gestanzt scheint. Weder Percival noch Rooster nähern sich dem Zuschauer, jeder bleibt auf Distanz in diesem zweistündigen Rätsel, das ungefähr so attraktiv wie eine zusammengeschusterte Produktion mit Gütesiegel „Directed by Alan Smithee“ daherkommt.

So wirkt „Idlewild“ wie ein großer Fremdkörper, der sich selbst nicht wohl zu fühlen scheint, und dennoch konsequent auf seiner elegischen wie langatmigen Erzählweise beharrt. Selbst der etwaige Vorwurf, nur einem überlangen Videoclip beizuwohnen, scheint haltlos – weder die fehlende musikalische Dichte, noch die mangelnde Präsenz der Künstler ließe das zu. Hinter dem Film steckt das gut gemeinte Vorhaben, einen atmosphärisch in längst vergangene Zeiten transferierten Film über das Leben – und Musik als Leben selbst – zu gestalten, doch am wahren Kontext der 30er-Jahre ist das alles ebenso wenig interessiert wie an den Menschen, die ihn ausfüllen. Erst im Abspann kommt sie plötzlich, die lebendig visualisierte Musik. Zu spät.

4/10 - erschienen bei ofdb.de

November 02, 2006

Kino: A GOOD YEAR

Für den Genuss eines guten Weins reist man in die französische Provence, das wissen nicht nur Kenner und Liebhaber der Vitis vinifera, sondern auch der Londoner Finanzhai Max Skinner. Dieser verfolgt allerdings andere Interessen, als er in das sonnige Südfrankreich reist: Sein Onkel, zu dem er viele Jahre keinen Kontakt mehr hatte, ist verstorben – und als einziger noch lebender Blutsverwandter erbt Max das gesamte Anwesen des alten Mannes. Doch der Charme des brüchigen Hauses kann Max ebenso wenig begeistern wie der große Weinberg im Garten, obwohl er als Kind eine beträchtliche Zeit an diesem Platz verbrachte. Mit dem Verkauf des Grundstücks kann es dem Investment-Banker also nicht schnell genug gehen, käme da nicht die bezaubernde Cafébesitzerin Fanny des Weges, um dem selbst verliebten Reibeisen allmählich die wahren Dinge des Lebens zu offenbaren.

In der Tat, dieses Gefühl, das schon der grobe Inhalt von Ridley Scotts Literaturadaption "A Good Year" verrät, das hat seine Berechtigung: Es ist eine dieser leichten Geschichten vom Leben, die hier erzählt wird, ein wenig komisch, ein wenig tragisch, und möglichst alle zufrieden stellend. Mit 68 Jahren wird Regisseur Scott seine mittlere Lebenskrise wohl lange hinter sich haben, es ist also anzunehmen, dass er auf seine alten Tage nun einfach ein wenig bedächtigere, nachdenklicher stimmende Filmbilder entwirft. Da Scott selbst Besitzer eines französischen Weinguts ist, wird die Geschichte wohl oder übel persönliche Züge tragen, nicht zuletzt da er mit Peter Mayle, dem Autor der Vorlage "Ein guter Jahrgang" (der weitaus treffendere Titel), befreundet sein soll. Die Zielgruppe dieses Films scheint damit auch schon einigermaßen ausgemacht.

Natürlich wird hier nicht Halt gewährt vor den großen Themen des Lebens, "A Good Year" erzählt von Liebe und Hass, Sehnsucht und Schmerz, Selbstfindung und Ich-Gewinn, vor allem aber handelt er von der Leichtigkeit der Dinge. Max Skinner, das ist ein abgebrühter Geldmacher, wie man sich abgebrühte Geldmacher auch vorstellt: Dunkel gekleidet, leger, eben gut aussehend, aber mit zynischen Weisheiten um sich werfend, abgeklärt und realistisch. Manch einer würde sagen: verbittert. So jemand kann wohlhabend sein, aber sich kaum an einfachen Dingen erfreuen. Deshalb erscheint die Meldung des verstorbenen Onkels wie eine Fügung des Schicksals – Max weiß noch nicht, dass der Aufenthalt in der Provence sein Leben verändern wird. Der Zuschauer hingegen vermutet da schon eher, dass das von Scott düster und regnerisch inszenierte London keine Alternative zur Pastellfarbenen Schönheit Südfrankreichs sein kann.

Nein, er weiß es sogar. Der Zuschauer würde doch vermutlich verrückt, wenn es der charmanten Marion Cottilard ("Mathilde – Eine große Liebe") nicht gelänge, das Herz des pragmatischen Russel Crowe ("A Beautiful Mind") zu erobern. An Überraschungen fehlt es diesem ambivalenzlosen Film also ein wenig, was offenbar noch immer kein Grund sein muss, diese Lebensfabel in weniger als 120 Minuten zu erzählen. Und so nimmt sich Scott die Zeit, die er für nötig hält, um Max Skinner durch die Provence zu führen. Hier wird nicht mit Eindrücken gegeizt: Strahlend schöne Bilder erblicken das Licht der Leinwand, raffinierte Einstellungen charakterisieren diese Orte von Wärme und Herzhaftigkeit. Und das ist es auch schon wieder, dieses Gefühl. Max weiß noch nicht, dass dieser Schauplatz Erinnerungen an seine Kindheit zurückbringen wird, unweigerlich Szenen der Vergangenheit reproduziert. Der Zuschauer ist ihm dagegen erneut voraus, wenn Kameraführung und sorgfältige Details der Ausstattung auf die Verbindungen von Gegenwart und Vergangenem verweisen.

Um die Erwartungen, die bei so viel Fatalismus schnell gedämpft werden, dennoch beständig zu halten, spart Scott keineswegs mit weiteren Kontrastierungen. Die böse Welt (London) besteht aus anrüchigen Sekretärinnen, halsabschneiderischen Kollegen, tristem Design. Die gute Welt (Provence) ist dagegen eine ganz und gar lebendige, hier dominieren warme Eindrücke, französische Gelassenheit – und natürlich hübsche Frauen. Wenn ein Ort überhaupt geeignet ist, um seine Tugenden zu entdecken, dann ist es wohl dieser. Nicht nur Max, sondern auch seine Verkörperung Russell Crowe fühlt sich sichtbar wohl in diesem Ambiente, in dem man sein Bad-Boy-Image ablegen und sich als gesetzter Schauspieler präsentieren kann. "Dafür möchte ich aber mindestens den zweiten Oscar haben", denkt sich der Australier vielleicht, ungeachtet seiner formlosen Darstellung. Crowe hat den Hundeblick zwar abgelegt, doch er scheint ernster als jemals zuvor – und hat seine Figur augenscheinlich nicht begriffen.

Die inhaltliche Trivialität rückt dabei in den Hintergrund, wenn die Stimmung dieses Films eben doch eine wunderbar sentimentale sein kann. Das allerdings scheint Vor- und Nachteil zugleich: "A Good Year" adelt die Einfachheit von Glück, die Selbsterkenntnis, ein besserer Mensch zu werden. Er betont die Schönheit des Natürlichen. Und so leicht diese Altherrenromantik auch sein mag, sie kokettiert mit einem Luxus, der für viele nicht greifbar ist.


30%

November 01, 2006

News: THE HILLS HAVE EYES II Video

Fox Atomic geben erste Einblicke in das Sequel zu Alexandre Ajas „The Hills Have Eyes“, zu dem Wes Craven das Drehbuch schrieb. Ehrlich gesagt habe ich mich auf den Film gefreut, bis ich erfuhr, dass Martin Weisz – Regisseur von „Rohtenburg“ – dafür verantwortlich zeichnet.

Oktober 27, 2006

TV: Fernsehtipps 28.10. - 03.11.06

Samstag, 28.10.

22:15 Uhr – „Dracula 2000“ (Pro7)

Inhaltlich mau und unoriginell, aber wenigstens überaus hübsch verpackt. Ich fand es in Ordnung.

0:00 Uhr – „Friedhof der Kuscheltiere“ (Pro7)

In Bezug auf seine Vorlage zwiespältiges Vergnügen, unabhängig von Kings Roman betrachtet allerdings einer der besten Genrefilme der 80er, atmosphärisch unheimlich dicht.

2:40 Uhr – „Poltergeist 3“ (ARD)

Verdammt gruselig in Szene gesetztes, sehr stimmiges Sequel, das zwar in keiner Hinsicht an das großartige Original anknüpfen, mit vielen Spielereien (Spiegeltricks!) aber sehr wohl unterhalten kann.

Sonntag, 29.10.

20:40 Uhr – „One,. Two, Three“ (Arte)

Zählt wohl zu den 10 besten Komödien, die je gedreht wurden. Hier stimmt einfach alles, absolutes Pflichtprogramm! Wenn doch nur heute noch jemand so wunderbare Drehbücher schreiben würde…

22:20 Uhr „Echoes“ (K1)

Frech zusammengeklauter, aber deshalb nicht minder gruseliger Horrorthriller, der lediglich durch seine Auflösung enttäuscht.

1:15 Uhr – „The Purchase Price“ (ARD)

Liebeskomödie aus dem Jahre 1932 - Allein Barbara Stanwyck ist Grund genug, einen Blick zu riskieren!

1:20 Uhr – „King Kong“ (ZDF)

Fesselndes Relikt einer Filmära, wie es sie so produktiv nie wieder gab.

Montag, 30.10.

23:05 Uhr – „Der Pianist“ (MDR)

Individualisiertes Holocaustdrama, das einen emotionalen Effekt nach dem anderen sucht. Diskussionswürdig.

Dienstag, 31.10.

2:25 Uhr – „Halloween“ (Pro7)

Carpenters gelungene Schlitzermär, die ihren latent reaktionären Grundtenor mit suggestiven Mitteln überspielen kann. Dennoch lange nicht so gut, wie jeder 08/15-Filmkenner zu wissen scheint.

22:45 Uhr – „Suspiria“ (Arte)

Und noch ein Film von einem ähnlich überbewerteten Regisseur. „Suspiria“ allerdings ist eine große Leistung, mit visueller Brillanz lädt Argento zu einem okkulten Alptraum aus Gewalt und Terror, ein Muss! Läuft im Rahmen eines interessant anmutenden Themenabends, die Fassung könnte aber stark geschnitten sein.

Mittwoch, 01.11.

10:55 Uhr – „Jason und die Argonauten“ (K1)

Diese Spezialeffekte erstaunen mich noch heute, wen interessieren da narrative Engpässe!?

22:20 Uhr – „Final Destination“ (Pro7)

Einer der wenigen guten Vertreter aus dem großen Strudel der Post-„Scream“-Ableger. Spielt gekonnt mit den Erwartungen, kann das anfänglich geäußerte Interesse an seinen Figuren aber leider nicht einhalten.

Donnerstag, 02.11.

22:25 Uhr – „Tod in Venedig“ (3SAT)

Adaption der Mann-Novelle von Visconti. Bislang eine Lücke bei mir, die geschlossen gehört!

Freitag, 03.11.

23:10 Uhr – „Roter Drache: Blutmond“ (Pro7)

Hannibal Lecters erster Leinwandauftritt. Leider aber verhunzt Michael Mann seine Bebilderung der großartigen Vorlage mit stilloser Ausstattung und gelangweilter Regie. Nur William Peterson kann überzeugen. Insgesamt dennoch besser als die zweite Verfilmung des Stoffes 2002.

Kino: BORAT

„Jagshemash!“ grüßt Borat Sagdiyev, ein Dokumentarfilmer aus dem idyllischen Kasachstan, wo Frauen verkauft, Schwule gehängt und Juden verfolgt werden. „Mein Beruf: Fernsehreporter. Ich zweit meist erfolgreich in ganz Kasachstan. Ich auch habe Arbeit in Vergangenheit als Zigeunerfänger, Eismacher und in Computerwartung. Ich strich die Außenseiten und entfernte tote Vögel aus den Röhren.“ – In seiner Heimat ein gefeierter TV-Star, möchte Borat deshalb nun durch die USA, nein, die US of A, reisen, um ein wenig die amerikanische Kultur, die Lebensart, die Einwohner kennen zu lernen. Die von Rassismus, Antisemitismus und Misogynie bestimmten Ansichten des Moderators stoßen bei den US-Landsleuten, denen er auf seiner Reise begegnet, allerdings auf weniger Widerstand als erwartet: Auf Anfragen, welche Waffen besonders geeignet seien, um Juden zu erschießen, oder wo es Autos zu erwerben gäbe, mit denen man am besten unbeschadet Zigeuner überfahren könne, erhält er ebenso hilfreiche wie ehrlich gemeinte Antworten. Sein Ziel ist jedoch ein ganz anderes: Borat hat sich in Pamela Anderson verguckt – und diese soll in Kalifornien seine Frau werden.

Mittlerweile ist Sascha Baron Cohen kein Geheimtipp mehr. Als englische Comedy-Galionsfigur Ali G. feierte er seinen Durchbruch, bewies als Schauspieler zunächst im Madonna-Clip "Music" und später in Box Office-Hits wie "Talladega Nights: The Ballad of Ricky Bobby" sowie als Moderator verschiedener Awards sein vielseitiges, stets berstend komisches Talent. Die "Ali G. Show" war es auch, in der die Figur Borat regelmäßig auftauchte: Ein kasachischer Journalist, der auszog, um die westliche Welt zu erforschen. Gemeinsam mit dem "Seinfeld" und "Curb Your Enthusiasm"-Produzenten Larry Charles und Jay Roach ("Meet the Parents") bringt Cohen das Konzept unter dem Namen "Borat - Kulturelle Lehrung von Amerika um Benefiz zu machen für glorreiche Nation von Kasachstan" nun unverändert auf die große Leinwand – in einer Real-Satire, die weit über den komödiantischen Duktus, nichts ahnende Passanten zu verschaukeln, hinaus geht: Die Kameras sind hier unter dem Deckmantel einer vermeintlichen Dokumentation sichtbar, dokumentieren als Ironie des Prinzips das Geschehen aber dennoch. Ein durch und durch subversives Unterfangen, das nicht nur blankes Entblößen bereithält, sondern dem bei allem Humor als Zeugnis von Zwischenmenschlichkeit der tiefe Wille nach dem kulturellen Dialog inhärent ist.

Denn zumeist tut Borat nichts anderes als reden. Er ist hyperkommunikativ, exaltiert, zappelig. Wie er da als unbeholfener, lang gewachsener und schnurrbärtiger Moderator durch das Geschehen hüpft, bescheiden, aber auch neugierig, das allein ist schon mindestens so urkomisch wie liebenswert zugleich. Die zynischen Fragen, die er Waffenhändlern, Studenten oder auch Politikern stellt, sind überraschenderweise nichts gegen die Antworten, die er bekommt. Hier ist freilich nicht alles ernst gemeint. Und doch einiges, das hat wohl schon einen gewissen Hintergrund: Wenn Borat als Zeichen freundschaftlicher Begrüßung gegenüber einem texanischen Rodeoreiter zum Wangenkuss ausholt, dann wird ihm mit überzeugter Mine entgegnet, dass ohnehin alle Schwulen an den Galgen gehörten. Diesem Abschnitt folgt auch der bissigste Teil des Films, der Cohen auch ernsthaft in Gefahr brachte: Vor dem Rodeo-Publikum verunglimpft Borat die US-Nationalhymne und singt von Kasachstan, dem schönsten Land der Welt, und George W. Bush, der das Blut der Kinder und Frauen im Irak trinke. Die anfänglichen Jubelschreie wandeln sich zu heftigen Buh-Rufen – diese Sequenz ist exemplarisch für die forcierte und doch unerwartete Reaktion der Beteiligten. Hier stellt sich nur das bloß, was auch bloßgestellt gehört.

„Ich hoffe ihr Amerikaner seht meine Film, aber bitte sein gewarnt, da es enthält schmutzige Flüche, sinnlose Gewalt und eine Nahaufnahme des Bishkek von einem Mann, es hat bekommen sehr strenge Beschränkung in Kasachstan, heißt niemand unter 3 Jahre wird es sehen können.“


Das alles schreit natürlich förmlich nach Skandal. Die Regierung des Staates Kasachstan fühlt sich diskriminiert, das Europäische Antiziganismuszentrum hat bereits rechtliche Schritte eingeleitet. Die Aufregung ist unnötig, Cohen bedient zwar jedes nur erdenkliche Klischee, er lässt diese aber auch konsequent als solche erkennbar. Da ist es auch eher unwesentlich, dass der Brite selbst jüdisch ist, denn "Borat" macht Gesetz seiner satirischeren Equilibristik weder Halt vor überzogenen Verunglimpfungen von Sinti, Roma oder Juden, noch vor Kasachen, Russen oder Amerikanern. Tatsächlich beruht ein Großteil der aberwitzigen Wirkung des Films auf den Reaktionen der konfrontierten Interviewpartner – und diese gehen nur sekundär auf Cohens Konto. Letztlich sorgt nicht der naive Hinterwäldler Borat für den Kulturschock beim Zuschauer, sondern vielmehr Bilder wie die einer ferngesteuerten Menge, die im Zuge eines zur Event-Show umfunktionierten Gottesdienstes wild gestikulierend ihren Superstar Jesus feiert. Borat kann da nur noch entsetzt dreinschauen, hier wird wohl selbst sein Brachialhumor keine Abhilfe mehr schaffen können: Ein Umfeld, das sich selbst denunziert.

Und so ist "Borat" zwar unglaublich komisch (in der Originalfassung!), aber doch auch ein bisschen ernst. Die Geschmacklosigkeiten, in die sich Cohen gern einmal verliert, können nicht den Dienst dieses Films mildern. Seine Figur ist erschreckend liebenswürdig und hilflos auf der Suche nach Verständnis, nach zwischenmenschlichem Austausch. Dass Borat seinem Gegenüber mitunter so unverhüllt die Masken abnimmt, das hat nicht nur etwas von Michael Moore – dessen Dokumentationsstil bekanntlich ähnlich diskutiert wird – das hat vor allem etwas Dankenswertes. Bei all dem Zweifel eifriger Kulturverfechter ist es genau diese Form der vermeintlichen Polemik, die die Filmlandschaft benötigt. Vielleicht muss einem da auch erst das Lachen im Halse stecken bleiben.

80%


Review erschienen bei: Wicked-Vision.de

Oktober 24, 2006

News: DAY OF THE DEAD Trailer

Der erste Trailer zur Neuverfilmung des Genreklassikers „Day of the Dead“ (hierzulande unsinnigerweise auch bekannt unter „Zombie 2: Das letzte Kapitel“) ist erschienen. Mir fehlen eigentlich die Worte angesichts dieser Augenkrebs verursachenden DTV-Bilder, der Film wird wohl sicher eine noch größere Frechheit als das „Dawn of the Dead“-Remake. Aber ruhig bleiben, George. Früher oder später kommen die Toten auf die Erde zurück und werden diesen Stümpern den Garaus machen. Und den Remake- Kiddies gleich mit.