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November 24, 2010

Kino: SAW 3D

Wenn einem schon nach wenigen Minuten allerlei Blut und Gekröse, Körperteil und Gedärm um die Ohren fliegt, weiß man wieder zügig, woran man ist. "Saw", die beständige Folterserie, das derzeit zuverlässigste Horrorunternehmen des Kinos und der einzige wirkliche Franchise-Riese im Genre, beglückt jedes Jahr aufs Neue mit hübschen Fallen, konstruierten Hintertürchen und ideenreichen Blutschüben. Ob’s nun gefällt oder nicht: Die Reihe liefert regelmäßig ab, was sie verspricht, und das auf durchaus akzeptablem Niveau, seit nunmehr sieben Filmen. Jetzt aber soll zum letzten Mal gesägt werden.

Der Jigsaw-Killer ist also bislang nicht totzukriegen. Was eine gewisse Ironie mit sich bringt, denn eigentlich ist er schon in Film Nummer drei abgetreten. Tobin Bell, der Star der Serie, geistert seither in Rückblenden durch die Handlung und steuert das Geschehen quasi aus dem Jenseits. Obwohl Jigsaw keine wirkliche Rolle mehr spielt, bleibt er das Cover-Zugpferd der Reihe. Seine Nachkommen sind ihm hörig, sie führen die tüfteligen Mordfallen munter fort und das, zugegeben, aus keinem wirklich ersichtlichen Grund. Es scheint vielmehr, als verberge sich hinter den nicht enden wollenden Jigsaw-Erben ein gewisser Kodex: Eine Ideologie des Tötens.

Darin lag schon immer der Kern der "Saw"-Filme, die ihre Splatter-Ergüsse stets mit einer Prise banalisierter Gesellschaftskritik zu legitimieren versuchten. Jigsaw, der seinen Opfern ausgerechnet mit Tod bringenden Fallen den moralischen Wert des Lebens vor Augen führen möchte, sinniert als todkranker Psychopath über Moralvorstellungen und entscheidet willkürlich, wer ein guter und wer ein schlechter Mensch zu sein hat. Bis zu einem gewissen Punkt musste sich die Serie deshalb zu Recht den Vorwurf gefallen lassen, sadistischen Hardcore-Horror mit Nazilogik anzureichern und fürs Multiplexkino salonfähig zu machen.

Mit immer abstruseren Storykonstrukten und einem deutlichen Rückgang der fragwürdigen Jigsaw-Monologe hat sich die Reihe allerdings schnell zum verlässlichen Folterspaß gemausert, der nicht anders als die zahllosen Slasher-Filmserien der 80er Jahre strukturiert ist. Kreatives Töten heißt die Formel, der Rest wird irgendwie so gebogen, dass es passt: Zweckerfüllung. Die "Saw"-Serie ist immerhin redlich bemüht, das Drumherum mit verschiedenen Erzählebenen, wechselnden Protagonisten und verschachtelten Rückblenden verhältnismäßig komplex zu gestalten. Tatsächlich bilden alle sieben Filme ein zusammenhängendes Gewebe, aus dem man ein Stück nicht ohne weiteres heraustrennen kann.

Deshalb geht es auch in "Saw 3D – Vollendung", so hat man den siebten Film hierzulande genannt, genauso verschachtelt zu wie bisher. Detective Mark Hoffman (Costas Mandylor) hängt die Backe schief, nachdem Jigsaws Witwe (Betsy Russell) ihm am Ende von "Saw VI" den berüchtigten Folteraufsatz übers Gesicht stülpte. Hoffman allerdings überlebt und setzt sein blutiges Treiben fort, während Frau Jigsaw bei der Polizei um Immunität bittet, um dafür mit exklusiven Informationen zur Stellung des Killers beizutragen. Das übliche Katz-und-Maus-Spiel nimmt seinen Lauf, während zwischenzeitlich diverse Menschen in diversen Todesfallen ihre Leben lassen müssen.

Wenn eine Horrorserie sich auf dem Höhepunkt ihres Erfolges als Finale oder letztes Kapitel ankündigt, dann weiß man als geneigter Fan in der Regel, dass es jetzt erst richtig losgeht. Unwahrscheinlich zumindest, dass "Saw 3D" bei Einspielergebnissen von weltweit bereits knapp 100 Millionen US-Dollar wirklich die „Vollendung“ besiegelt. Zwar schließt sich der Kreis zum Schluss abermals, als der Bogen bis zum ersten Film von James Wan gespannt wird, aber das kann’s ja nun trotzdem noch nicht gewesen ein. So lange Jigsaw Milch gibt, wird er auch gemolken. Das war bei Freddy, Jason und Konsorten nicht anders.

Immerhin fällt den "Saw"-Produzenten immer noch was Neues ein. Der siebte Film nun eröffnet wie gewohnt mit einer obligatorischen Mordfalle, die allerdings in einem Schaufenster platziert ist. Vor den Augen der Öffentlichkeit bluten zwei Männer um die Gunst ihrer Flamme, bis irgendwann haufenweise Innereien umher fliegen. Der Beginn von "Saw 3D" dürfte sicherlich zu den bisher originellsten der Serie gehören, was ja auch nicht mehr selbstverständlich ist.

Gastauftritte mehr oder weniger bekannter Größen wie hier Linkin-Park-Sänger Chester Bennington gehören inzwischen genauso zum Programm wie die stärkere Ausgestaltung des "Saw"-Universums. Die Handlung der Filme scheint nunmehr schließlich eine derart tragfähige Plotmythologie gebildet zu haben, dass Jigsaw als gesellschaftlicher Boogey Man bereits zum Medienphänomen aufgestiegen ist. Immerhin haben sich mittlerweile Selbsthilfegruppen von Jigsaw-Überlebenden versammelt, während man in TV-Shows als Opfer kuriose Berühmtheit erlangen kann. Das "Saw"-Netz lässt sich munter weiter spinnen.

Was also soll man jetzt groß über "Saw 3D" sagen, außer, dass er völlig okay ist, dass er die Franchise-Erwartungen erfüllt und die im Prinzip eher Thriller-orientierte Handlung der Vorgänger fleißig weiterführt. Besonders ambitioniert ist das alles zwar nicht, aber das gehört zum Prinzip. Die besten Ideen stecken wie immer in kreativen Foltermethoden, die schlechtesten in der Entwicklung der Figuren. Das Billig-3D hat’s nicht gebraucht, sonst aber ist der Film nicht anders, nicht besser oder schlechter als die bisherigen Kapitel der Serie. Alle wie aus einem Guss – zielgenau produziert, ganz auf die Bedürfnisse der Fans zugeschnitten. "Saw"-Business as usual, im guten Sinne.


50% - erschienen bei: gamona

Dezember 02, 2009

Kino: SAW VI

Es ist das derzeit einzige wirkliche Horror-Franchise: Auf einen neuen "Saw"-Film ist jedes Jahr Verlass, und gewiss, die beständigen Folter-Sequels um den Jigsaw-Killer stehen damit in einer nostalgischen Genretradition, die von Slasher-Vorgängern wie der einst endlos erscheinenden "Freitag, der 13."-Reihe ambitioniert begründet wurden. Die schwankende Qualität der jeweiligen Episoden liegt dabei in der Natur der Sache – nach einem gar nicht so uncleveren fünften ist der sechste "Saw" -Teil nun wieder Business as usual: Vertrackt erzähltes, sich selbst wiederholendes, ausgestelltes Metzel- kino.

Interessant an den schnell heruntergekurbelten und unverschämt erfolgreichen Filmen der Serie ist der Umstand, dass sie sich ihres meuchelnden Helden bereits im dritten Teil entledigt hatte. Das Markenzeichen der "Saw"-Fortsetzungen also, der greise Jigsaw-Mörder, spielt faktisch nur noch eine untergeordnete Rolle. Die Autoren hat das im vierten der stets schlicht ohne Zusatz nummerierten Filme zu einem neuen Konzept angeregt, nach dem der Killer seine Aufträge quasi aus dem Jenseits weit über seinen Tod hinaus erteilt.

So stellte uns "Saw IV" einen Jigsaw-Nachfolger vor, der mit Ton- und Videobändern des längst verstorbenen Serienmörders operiert und dessen Gräueltaten nun munter fortsetzt – eine logistische Meisterleistung! Tobin Bell, der Star der "Saw"-Filme, tauchte seither jedoch immer wieder in Rückblenden (und hier auch Visionen) auf, die schließlich bis zum ersten Film der Serie reichten und alles noch einmal in einem anderen Licht erscheinen ließen.

"Saw V" stellte dann innerhalb der Vorgänger gänzlich neue Bezüge her und schaffte in eindrucksvoll verwobenen Parallelplots weitere konfuse Zusammenhänge, die sich angesichts zahlreicher neuer Figuren und Gesichter wohl nur Hardcore-Fans der Serie gänzlich erschlossen haben dürften. Mit der Logik durfte man es dabei nie so genau nehmen, immerhin erscheinen die sorgfältig durchgeplanten Rätsel und Fallen des vor seinem Tod schwer krebskranken Jigsaws geradezu absurd.

Regisseur Kevin Greutert, bisher als Cutter in der "Saw"-Familie tätig, knüpft nun erwartungsgemäß genau dort an, wo der fünfte Film endete: Detective Hoffman setzt die Arbeit des Jigsaw-Killers im Geheimen weiter fort, während ihm seine Kollegen allmählich auf die Spur kommen. Ein weiterer Erzählstrang widmet sich abermals diversen Flashbacks, die die Vergangenheit seines toten Auftraggebers beleuchten, auch wenn es da nunmehr nicht allzu viel zu beleuchten gibt – die Geschichte des Jigsaws ist längst zu Ende erzählt, erstmals wirkt er hier vollkommen deplatziert und handlungsirrelevant.

Da natürlich auch saftige Foltereinlagen nicht fehlen dürfen, verschreibt sich der dritte Plotteil des Films einem egoistischen Direktor einer Krankenversicherung, der sich mühsam durch (allmählich wenig originelle) Fallen und Todesapparate kämpfen muss, die ihm diverse Entscheidungen über Leben und Tod abverlangen. Und weil auch die "Saw"-Serie die Wirtschaftskrise offenbar nicht unkommentiert lassen möchte, dürfen in der obligatorischen Exposition dieses Mal zwei Kredithaie um ihr Leben kämpfen: Wer sich das meiste Fleisch selbst abschneidet und in eine Waagschale wirft, erhält des Mörders Gnade. Prost.

Glücklicherweise ging mit dem Ableben des Jigsaw-Killers im dritten Film der Reihe auch der fragwürdige moralische Tonfall zurück: Die permanenten Ethik-Weisheiten über Leben und Tod oder Schuld und Unschuld verhüllten nicht nur scheinheilig die exploitative Absicht der auf sadistisch-fröhliche Splatter-Unterhaltung abzielenden Serie, sondern sorgten insbesondere in "Saw III" für einen unangenehm menschenverachtenden Beigeschmack. Genau genommen also haben die Filme durch den Verlust ihres Helden nur gewonnen.

"Saw VI" schließlich hat den Jigsaw-Nachfolger erfolgreich etabliert, der charismatische Hoffman ist kein Mann vieler Worte und tatsächlich auch bedrohlicher und undurchsichtiger als sein Vorgänger. Doch wie man schon in der letzten Fortsetzung vermuten durfte, ist auch er vielleicht nur ein Teil des großen ausgetüftelten Jigsaw-Plans. Und was dieser seiner Frau in der fünften "Saw"-Schlachtpalette in einer Box vermachte, wird jetzt ebenso enthüllt wie diverse Geheimnisse der eigentlich ebenfalls längst abgetretenen Amanda – sozusagen der weiblichen Konstante in der Serie.

Ansonsten bleibt alles beim Alten: Große Veränderungen sind bekanntlich Franchise-Killer, und die Variation des ewig Gleichen ist ein Grundprinzip postmoderner Horrorserien. Insofern wechseln sich auch in "Saw VI" bluttriefende Goreeinlagen, die in der deutschen Kinofassung zumindest noch unberührt blieben, wirr konstruierte Rückblenden und sinnfrei erklärte Handlungsmotive beliebig ab. Das ist trotz des Erfolges noch immer erstaunlich minderwertig produziert und inszeniert, aber nach wie vor leidlich unterhaltsam.


45% - erschienen bei: gamona