Dezember 02, 2009

Kino: SAW VI

Es ist das derzeit einzige wirkliche Horror-Franchise: Auf einen neuen "Saw"-Film ist jedes Jahr Verlass, und gewiss, die beständigen Folter-Sequels um den Jigsaw-Killer stehen damit in einer nostalgischen Genretradition, die von Slasher-Vorgängern wie der einst endlos erscheinenden "Freitag, der 13."-Reihe ambitioniert begründet wurden. Die schwankende Qualität der jeweiligen Episoden liegt dabei in der Natur der Sache – nach einem gar nicht so uncleveren fünften ist der sechste "Saw" -Teil nun wieder Business as usual: Vertrackt erzähltes, sich selbst wiederholendes, ausgestelltes Metzel- kino.

Interessant an den schnell heruntergekurbelten und unverschämt erfolgreichen Filmen der Serie ist der Umstand, dass sie sich ihres meuchelnden Helden bereits im dritten Teil entledigt hatte. Das Markenzeichen der "Saw"-Fortsetzungen also, der greise Jigsaw-Mörder, spielt faktisch nur noch eine untergeordnete Rolle. Die Autoren hat das im vierten der stets schlicht ohne Zusatz nummerierten Filme zu einem neuen Konzept angeregt, nach dem der Killer seine Aufträge quasi aus dem Jenseits weit über seinen Tod hinaus erteilt.

So stellte uns "Saw IV" einen Jigsaw-Nachfolger vor, der mit Ton- und Videobändern des längst verstorbenen Serienmörders operiert und dessen Gräueltaten nun munter fortsetzt – eine logistische Meisterleistung! Tobin Bell, der Star der "Saw"-Filme, tauchte seither jedoch immer wieder in Rückblenden (und hier auch Visionen) auf, die schließlich bis zum ersten Film der Serie reichten und alles noch einmal in einem anderen Licht erscheinen ließen.

"Saw V" stellte dann innerhalb der Vorgänger gänzlich neue Bezüge her und schaffte in eindrucksvoll verwobenen Parallelplots weitere konfuse Zusammenhänge, die sich angesichts zahlreicher neuer Figuren und Gesichter wohl nur Hardcore-Fans der Serie gänzlich erschlossen haben dürften. Mit der Logik durfte man es dabei nie so genau nehmen, immerhin erscheinen die sorgfältig durchgeplanten Rätsel und Fallen des vor seinem Tod schwer krebskranken Jigsaws geradezu absurd.

Regisseur Kevin Greutert, bisher als Cutter in der "Saw"-Familie tätig, knüpft nun erwartungsgemäß genau dort an, wo der fünfte Film endete: Detective Hoffman setzt die Arbeit des Jigsaw-Killers im Geheimen weiter fort, während ihm seine Kollegen allmählich auf die Spur kommen. Ein weiterer Erzählstrang widmet sich abermals diversen Flashbacks, die die Vergangenheit seines toten Auftraggebers beleuchten, auch wenn es da nunmehr nicht allzu viel zu beleuchten gibt – die Geschichte des Jigsaws ist längst zu Ende erzählt, erstmals wirkt er hier vollkommen deplatziert und handlungsirrelevant.

Da natürlich auch saftige Foltereinlagen nicht fehlen dürfen, verschreibt sich der dritte Plotteil des Films einem egoistischen Direktor einer Krankenversicherung, der sich mühsam durch (allmählich wenig originelle) Fallen und Todesapparate kämpfen muss, die ihm diverse Entscheidungen über Leben und Tod abverlangen. Und weil auch die "Saw"-Serie die Wirtschaftskrise offenbar nicht unkommentiert lassen möchte, dürfen in der obligatorischen Exposition dieses Mal zwei Kredithaie um ihr Leben kämpfen: Wer sich das meiste Fleisch selbst abschneidet und in eine Waagschale wirft, erhält des Mörders Gnade. Prost.

Glücklicherweise ging mit dem Ableben des Jigsaw-Killers im dritten Film der Reihe auch der fragwürdige moralische Tonfall zurück: Die permanenten Ethik-Weisheiten über Leben und Tod oder Schuld und Unschuld verhüllten nicht nur scheinheilig die exploitative Absicht der auf sadistisch-fröhliche Splatter-Unterhaltung abzielenden Serie, sondern sorgten insbesondere in "Saw III" für einen unangenehm menschenverachtenden Beigeschmack. Genau genommen also haben die Filme durch den Verlust ihres Helden nur gewonnen.

"Saw VI" schließlich hat den Jigsaw-Nachfolger erfolgreich etabliert, der charismatische Hoffman ist kein Mann vieler Worte und tatsächlich auch bedrohlicher und undurchsichtiger als sein Vorgänger. Doch wie man schon in der letzten Fortsetzung vermuten durfte, ist auch er vielleicht nur ein Teil des großen ausgetüftelten Jigsaw-Plans. Und was dieser seiner Frau in der fünften "Saw"-Schlachtpalette in einer Box vermachte, wird jetzt ebenso enthüllt wie diverse Geheimnisse der eigentlich ebenfalls längst abgetretenen Amanda – sozusagen der weiblichen Konstante in der Serie.

Ansonsten bleibt alles beim Alten: Große Veränderungen sind bekanntlich Franchise-Killer, und die Variation des ewig Gleichen ist ein Grundprinzip postmoderner Horrorserien. Insofern wechseln sich auch in "Saw VI" bluttriefende Goreeinlagen, die in der deutschen Kinofassung zumindest noch unberührt blieben, wirr konstruierte Rückblenden und sinnfrei erklärte Handlungsmotive beliebig ab. Das ist trotz des Erfolges noch immer erstaunlich minderwertig produziert und inszeniert, aber nach wie vor leidlich unterhaltsam.


45% - erschienen bei: gamona

Kommentare:

  1. Ich meine ja im letzten Teil auch eine nette Steigerung zu den vorherigen Teilen entdeckt zu haben und hoffte, daß dies auch für Teil VI gelten könnte. Schade. Was soll's, wird so oder so konsumiert. Schon allein aus der Tradition der Neugierde heraus.^^

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  2. Der fünfte gefiel mir von allen Sequels bisher am Besten.

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  3. Schon der Zweite war ganz, ganz schlimm. Der dritte erst recht. Für mich bedient das Franchise nicht mehr als sadistischen Voyeurismus. Das ist gestört.

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  4. Mr. Hankey4/12/09 02:13

    @ tumulder

    Da brauchst Du dir keine Sorgen machen. Die Steigerung zwischen Teil V und Teil VI ist IMO deutlich zu spüren! Vor allem ist dieser Teil endlich mal wieder so etwas wie spannend und Tobin Bell hat deutlich bessere Chancen, seine Figur durch Rückblenden noch zu formen, als in den direkten Vorgängern. Kann Saw VI, Leuten, die am Saw-Franchise noch nicht ermüdet sind, empfehlen. Nach Teil 1 und 2 IMO der beste Teil!

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  5. @hankey
    Nur so viel, war gestern im Kino und kann mit ziemlicher Sicherheit behaupten, daß SAW VI so ziemlich die größte Grütze seit Teil III und IV ist.^^

    @rajko
    Kannst ruhig noch einen Punkt abziehen.;)

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  6. Was ist den mit unserem Rajko los???? *eek*

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  7. Mr. Hankey6/12/09 00:54

    @ tumulder

    Gott sei Dank entspricht nicht allem, was Du gerne behauptest, der Wahrheit! ;-)

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  8. @hankey

    Okay, ich habe gelogen. SAW VI ist gar nicht die größte Grütze. Habe ja total vergessen, daß Grütze, z.B. die rote, auch ganz okay sein kann. Also nichts für ungut, aber ich wollte halt nicht Rajkos Blog mit Fäkaliensprache zumüllen.^^

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  9. Bitte, bitte Reviews zu WATCHMEN und ZWEIOHRKÜKEN. Oder zumindest Kurzkommentare. Wäre echt super!

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  10. Wie Zweiohrküken? Gehörtest du also zu den 5 von Schweiger gekauften Kritikern, die den Film Exklusiv in einer privaten Special-PV sehen durften?

    Oder hast du etwa dafür Geld ausgegeben???

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