Juli 18, 2011

Zuletzt gesehen: L'UCCELLO DALLE PIUME DI CRISTALLO [The Bird with the Crystal Plumage]

Visuell prägnantes, anmutiges und stilsicheres Regiedebüt von Meister Dario, inszeniert als Reigen einzigartig filmischer und experimentierfreudiger Thrills. Offensichtliche Unstimmigkeiten im Handlungsgeflecht zeichnen sich bereits in diesem seinem ersten Film ab, an vordergründiger erzählerischer Kohärenz im gewöhnlichen Sinne aber ist Argento glücklicherweise genauso wenig interessiert wie an so genannten glaubhaften Figuren – die Logik des Giallos scheint erst einmal eine ästhetische zu sein. Doch bereits "The Bird with the Crystal Plumage" gibt als erster einer Fülle unterschiedlich interessanter, reizvoller und albtraumhafter Filme Einblick in die genuine Bilderwelt Argentos, die nur grobe Anknüpfungspunkte zu der unseren zulässt, nicht selten mit Spuren von Nihilismus, unmöglicher Liebe und menschlicher Abgründe angereichert ist, und eben vor allem einer ganz eigenen Anschauung entspringt. "This young Italian guy is starting to worry me.", musste dann auch prompt Alfred Hitchcock nach Sichtung dieses viel versprechenden Genreeinstands zugeben.


70%

Kommentare:

  1. Dial-0 Giall0! Und jetzt gleich DEEP RED gucken! Die Releases vom englischen ARROW VIDEO Label sind übrigens kongenial! So toll das man sie am liebsten gar nicht anfassen will! Geile Sache!

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  2. Also BIRD ist in der Arrow-Ausgabe beispielsweise geschnitten, und auch sonst bevorzuge ich eher die Blue-Underground-VÖs, so auch bei DEEP RED.

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  3. Die Arrow-Releases sind eigentlich alle totaler Müll, zu tode gefiltert und farblich manipuliert.
    Ich habe von denen bisher nur eine ihrer neueren Italo-DVD (HOUSE BY THE CEMETERY) und das reicht auch schon.

    Bei Argento sollte man sicher anderswo umsehen, entweder bei Blue Underground (aber auch nicht immer) oder in Italien.

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  4. Ich bin da vorsichtig, da ich bislang keine allzu große Kenntnis im Argento-Œuvre für mich beanspruchen könnte, aber mein größtes Problem mit seinem Debüt (und auch dem direkten Nachfolger) ist für mich noch nicht einmal seine teilweise schon wirklich abenteuerliche Logik und Plotkonstruktion, sondern die Tatsache, dass es -zumindest für mich, deinem Einleitungssatz entnehme ich, dass du es anders sehen wirst- noch nicht einmal sonderlich gut als das funktioniert, was es eigentlich sein will: Ich finde BIRD weder sonderlich spannend, noch konnte er mich auf irgendeine Art und Weise fernab seiner technischen Ebene (die aber auch keineswegs mit späteren Filmen von Argento konkurrieren kann) großartig faszinieren. Irgendwie erinnert mich das alles tatsächlich erschreckend an die mittelmäßigen Edgar-Wallace-Werke plus X, wobei dieses "X" hier eher klein ausfällt.
    Aber gut, alleine für SUSPIRIA hat der gute Dario noch ein paar Chancen bei mir verdient...:)

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  5. Mich würde interessieren, woher Du weißt, "was es eigentlich sein will" - gibt es da eine gute Quelle für? :D

    Spannend fand ich BIRD übrigens schon, bis auf die konventionellen Elemente, die sich in CAT noch einmal ausweiten, was tatsächlich zu einer gewissen Zähheit führt (und mein Interesse am "straighten" Thriller-Gestus dieses Films dennoch nicht schmälert). Langeweile hinsichtlich der Handlung ist ja sowieso keine Seltenheit in Argentos Arbeiten, ich denke da nur an die verlaberten Dialogszenen in DEEP RED oder TENEBRE (auch nicht schlimm, auf jede Durststrecke folgt ein Kübel filmischer Energie). Das Interessanteste in meiner jetzigen Argento-Wieder- und Neusichtung (die auch eine Revision mit sich bringt, ganz eindeutig), ist eigentlich, dass er sowohl klar strukturiertes Drehbuchhandwerk beherrscht (was mir bei seinem Talent eher etwas unnötig erscheint), als natürlich auch die völlige Hingabe zur reinen filmischen Ekstase, die überhaupt nur noch grob fassbar und am Besten gleich synästhetisch ist.

    Mit anderen Worten: Ich halte ihn dann doch für ein ziemliches Genie. O.o

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  6. Darüber, wie ich mit Argento in Berührung kam, ihn erst großartig und dann irgendwann uninteressant fand, ehe ich seine Meisterschaft jetzt schließlich doch anerkennen muss, kann ich ja dann noch mal am Ende der Werkschau etwas schreiben.

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  7. Das Interessanteste in meiner jetzigen Argento-Wieder- und Neusichtung (die auch eine Revision mit sich bringt, ganz eindeutig), ist eigentlich, dass er sowohl klar strukturiertes Drehbuchhandwerk beherrscht (was mir bei seinem Talent eher etwas unnötig erscheint), als natürlich auch die völlige Hingabe zur reinen filmischen Ekstase, die überhaupt nur noch grob fassbar und am Besten gleich synästhetisch ist.

    Mit anderen Worten: Ich halte ihn dann doch für ein ziemliches Genie. O.o


    Ooooooooh....!

    Ist das schööön, Balsam für die geschundene Bärenseele!
    Du wirst jetzt bestimmt gleich wieder zickig werden wenn ich das schreibe, aber damit hätte ich nun wirklich überhaupt nicht mehr gerechnet. Was, wenn du dich an unseren Argento-Zank vor ca. einem Jahr erinnerst, auch nicht wirklich erstaunlich ist.

    @ Hitmanski:

    Kein Suspense, kein Horror? Die Eröffnungssequenz in der Galerie? Der Mord mit der "Galgen-Zigarette" und die Sequenz, in der der Mörder sein Opfer durch die Bäume im Park beobachtet? Die Überblendung von der Fotokopie des Gemäldes in Tony Musantes Wohnung auf das Original im Versteck des Killers und die daraufhin zurückfahrende Kamera? Die Verfolgungsjagd durch die Hinterhöfe und Gassen bei Nacht? Der Mord im Treppenhaus? Der Anschlag auf Suzy Kendall im Apartment (bei der Szene bin ich beim ersten Mal fast gestorben)? Das Finale, in dem Musante die Spur des Killers quer durch Rom aufnimmt? Und überhaupt alleine schon die nervenaufreibende Musik von Morricone, die einen wirklich an sich schon das Fürchten lehren kann?

    Nein, tut mir leid. Ich kann schlicht nicht nachvollziehen oder mir auch nur vorstellen, wie man solche Szenen nicht packend, beunruhigend, irritierend oder unheimlich finden kann. Ich dachte immer, es gäbe einige Bilder in dem Film, die sich wirklich jedem einbrennen müssten. Aber da habe ich mich wohl getäuscht. Anyway: total unterbewertet, der Film - vor allem von Argento-Fans (die ich regelmäßig fast alle auf den Mond schießen möchte), die meistens eh keinen Plan haben und sofort zu Heulen anfangen, wenn sie keine akrobatischen Style-Orgien und Gore bekommen.

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  8. "Drehbuchhandwerk beherrscht"... "ziemliches Genie"... "Meisterschaft"...

    Ich fasse es immer noch nicht ganz. Hast du Fieber, Rajko?

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  9. Mich würde interessieren, woher Du weißt, "was es eigentlich sein will" - gibt es da eine gute Quelle für? :D

    Ich bin ja gemeinhin auch kein Freund dieser Phrasen, aber irgendwie erschien es mir hier eben doch passend: Klar wird man die genauen Hintergründe, die in einem Regisseur vorgehen, niemals vollständig erfassen können, aber es spricht ja sowohl bei BIRD als auch CAT schon einiges dafür, dass sie nicht nur als härtere Variante hiesiger Wallace & Co-Streifen vermarktet worden sind, sondern zumindest in erster Linie wohl schon auch tatsächlich als solche funktionieren sollten (was freilich nur eine Vermutung meinerseits ist, die sich so nicht unbedingt verifizieren lässt :P), immerhin dreht Argento ja konsequent und offensichtlich an der Schock-Schraube des damaligen Publikums.

    Das ging für mich nur bedingt auf, weil ich eben sogar die eigentlich interessanten Szenen, bspw. die Morde, zumindest aus heutiger Perspektive, überraschend konventionell und somit zumindest hinsichtlich des Thrill-Gefühls unspektakulär empfand. Gerade die „filmische Extase“, die du oben nennst, finde ich hier viel zu selten vor.

    Darüber, wie ich mit Argento in Berührung kam, ihn erst großartig und dann irgendwann uninteressant fand, ehe ich seine Meisterschaft jetzt schließlich doch anerkennen muss, kann ich ja dann noch mal am Ende der Werkschau etwas schreiben.

    Sehr gut! :)

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  10. Das ging für mich nur bedingt auf, weil ich eben sogar die eigentlich interessanten Szenen, bspw. die Morde, zumindest aus heutiger Perspektive, überraschend konventionell und somit zumindest hinsichtlich des Thrill-Gefühls unspektakulär empfand. Gerade die „filmische Extase“, die du oben nennst, finde ich hier viel zu selten vor.

    Das liegt u. U. daran, dass Argento einfach weit öfter kopiert worden ist, bzw. andere Filmemacher, auch amerikanische, inspiriert hat. Ich gehe davon aus, dass du beispielsweise vor Argento schon längst einen erklecklichen Anteil der Filmographien von John Carpenter oder Brian De Palma gesehen hattest.

    Trotzdem wirkt es bei Argento oft schlicht wesentlich organischer und im Kontext des gesamten Films effektiver als bei seinen Epigonen, Verehrern oder wie auch immer man es nennen möchte.

    Deine Vermutung hinsichtlich der Wallace-Vermarktung der ersten drei Argenti ist leider auch nicht zutreffend, da es sich dabei ausschließlich um eine Vermarktungsstrategie des dahingehend sehr kreativen Artur Brauner handelte und Argento selbst anfangs noch nicht einmal davon wusste. Darüber hinaus kann ich wirklich nicht erkennen, worin die Nähe zwischen den braven, vorwiegend kriminalistischen und auch im exploitativeren Endstadium 1967/68 immer noch ziemlich naiven bundesdeutschen Wallace-Filmen und den vorwiegend "psychologischen" (nicht im klassischen Sinne), fetischistisch-erotisch-elliptisch-pervers durchströmten, bisweilen auch experimentellen Argento-Gialli bestehen soll. Die einen sind unschuldig, die anderen sind befleckt. Auf der Plot-Ebene mögen sich zwar einige Parallelen finden, aber dann könnte man auch ohne weiteres gleich Parallelen zwischen den Wallace-Filmen und der schwarzen Serie ziehen. Im Übrigen mag ich die Wallace-Filme aber immer noch und bin erst dadurch in meinen Jugendjahren auf das GEHEIMNIS DER SCHWARZEN HANDSCHUHE aufmerksam geworden. Meine frühe Liebe zu ausgefallenen visuellen Ideen fußte letztlich schon auf mancher elaboraten Scope-Komposition in einigen der frühen Wallace-Filme oder einer Munddusche aus der Perspektive der Zunge in DIE TOTEN AUGEN VON LONDON. Die Sequenz in der Kunstgalerie zu Beginn von BIRD war ein cineastischer Erweckungsmoment. Damals dachte ich mir: SOWAS kann man in Filmen bewerkstelligen? Und meinte natürlich die unmittelbare, suggestive Wirkung von Raum (bzw. Räumlichkeit), Bewegung, Perspektive, Licht, Kulisse und Montage in dieser Sequenz, für mich nach wie vor einer von Argentos größten Momenten, den ich irgendwann nicht mehr wegen seiner Wirkung (die mit der Zeit freilich verflog) anhimmelte, sondern wegen seiner außerordentlichen Bildmelodie.

    Und von seinen berühmten Filmen zwischen DEEP RED und OPERA hast du wohl auch noch keinen gesehen? Wenn DEEP RED, die beiden "Mütter"-Filme oder OPERA keine filmischen Ekstasen sind, dann würde mich ehrlich interessieren, welche Filme du als Beispiele für derartige Ekstasen anführen würdest.

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  11. @ McKenzie
    Ich habe mich in meinem Eingangspost ja bewusst vage ausgedrückt, und gleich voran geschoben, dass ich von Argento (bislang) nicht allzu viel kenne, bzw. mich aktiv daran erinnern könnte (eigentlich nur BIRD, CAT, PHENOMENA, SUSPIRIA und PHANTOM). Und darin liegt vielleicht auch mein Problem (was eher ein persönliches, denn eines der Filme ist, sicherlich) mit CAT und BIRD: Verglichen mit einem Rauscherlebnis wie SUSPIRIA, der den Namen Argento für mich nun einmal geprägt hat, und dem ich dieses etwas unpräzise Prädikat "filmische Extase" ohne weiteres verleihen würde, empfand ich die beiden ersten Filme relativ betrachtet (!) eben schon nahezu konventionell.
    Das schließt nicht aus, dass dieser "Einbrenn-Effekt" bei gewissen Bilder und Szenen, den du oben beschreibst, nicht auch bei mir das eine oder andere Mal eingesetzt hätte - aber mehr als ein Anerkenntnis der filmischen Technik dahinter konnte mir es trotzallem nur selten abringen; der "Thrill" fehlte.

    Aber ich werde -schon gezwungenermaßen, wenn ich meinen Stapel ungesehener Filme hier ansehe- ein paar Monate verstreichen lassen, und mich dann intensiver und vollständig mit Argento und seinem Schaffenswerk auseinandersetzen; und ich schließe dabei auch überhaupt nicht aus, dass einzelne Filme im Gesamtkontext und der internen Entwicklung betrachtet, dann eine andere Wertschätzung erfahren könnten.

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  12. Nur schon mal als Vorabinfo: Alles unter 8 Punkten für OPERA führt dann direkt zur Entfreundung. :)

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  13. "Alles unter 8 Punkten für OPERA führt dann direkt zur Entfreundung. :)"

    Tztztz, was sind denn das schon wieder für Methoden, Menschen zu kategorisieren und in Schubladen zu stecken...

    :o) :D

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  14. So'n Quatsch, das ist lediglich "cinemenschliche" Auslese. :D

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  15. Praktisch, dass "Auslese" so ein schöner, ganz und gar nicht kategorisierender Vorgang ist... :D

    Gute Nacht bzw. viel Spaß mit den Samt-Fliegen! :-)

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  16. Die pack' ich heute doch nicht mehr, glaube ich. :(

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  17. "Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe" war mein erster Argento. Chronologisch bin ich in der Folge nicht vorgegangen. Erst als arte "Suspiria" gezeigt hat, wurde ich wieder für sein Werk interessiert. Dieser Film bedarf unbedingt einer neuerlichen Sichtung. Davon haben sich lediglich Einzelszenen in meinem Kopf eingebrannt: Die Galerie-Szene sticht natürlich heraus, aber ich fand auch den Anschlag auf Suzy wahnsinnig aufregend. Irgendwie hat sich da auch bei mir der Gedanke verfestigt, dieser Film sei eher konventionell (das ist auch schon einige Jährchen her, seitdem steht er bei 6/10), aber McKenzie schafft es in seiner beeindruckenden Begeisterung für Argento und der Aufzählung all dieser Szenen, einem den Mund wäßrig zu machen. :-D

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