Juli 19, 2011

Zuletzt gesehen: IL GATTO A NOVE CODE [The Cat o' Nine Tails / Die neunschwänzige Katze]

Zweite Regiearbeit und italienisch-deutsche Koproduktion Dario Argentos, die den Mittelteil einer lediglich durch ihre Titel verbundenen Giallo-Trilogie bildet. Bereits die ersten zwei, drei Einstellungen nehmen einen Großteil des Films vorweg, zumindest aber seines Handlungsverlaufes und seiner beunruhigenden, eigentümlichen Stimmung. Trotzdem sich der Plot aus zahlreichen Unwahrscheinlichkeiten zusammensetzt, vermittelt Argento, von einigen ins Leere laufenden Nebensträngen abgesehen, eine gradlinige Kriminalgeschichte, in der sich die amateurhafte Detektion zweier Journalisten gegen einen korrumpierten Wissenschaftsapparat durchsetzen muss. In nur wenigen Filmen bewies Argento, vielfach reduziert auf starke Bilder und schwache Handlungen, ein so sicheres Gespür für Drehbuchkonstruktion wie hier – nicht zuletzt, weil die leicht wirren Plotelemente schnell vergessen lassen, dass der Film von der Figur eines blinden Ex-Reporters gerahmt wird, der seine Zeit mit dem Lösen von Kreuzworträtseln (!) vertreibt. Dass "The Cat o' Nine Tails" zudem, ähnlich wie der Vorgänger, durch überragend inszenierte Suspense-Momente und Mordsequenzen besticht, die überraschenderweise auch noch mit viel Humor unterbunden werden, bedürfe womöglich schon gar keiner gesonderten Erwähnung mehr, wenn nicht das Schlussbild selbst diese noch einmal ausstechen würde.


70%

Kommentare:

  1. "...nicht zuletzt, weil die leicht wirren Plotelemente schnell vergessen lassen, dass der Film von der Figur eines blinden Ex-Reporters gerahmt wird, der seine Zeit mit dem Lösen von Kreuzworträtseln (!) vertreibt."

    Tatsächlich vergesse ich selbst jedes Mal aufs Neue all diese eigentlich ziemlich bizarren Plot-Details (oder diese referenziell anmutenden Gags wie die Szene beim Barbier), die du da nennst. Die erfolgreiche Sublimierung dieser Elemente und der etwas fantastischen Handlung spricht letztlich vielleicht doch für den Film (den ich sonst nicht allzu sehr mag, definitiv mein least favourite unter den frühen Argentos, vielleicht gerade WEIL er so ökonomisch strukturiert ist), der tatsächlich trotz vergleichsweise zurückhaltender Inszenierung über einen sehr seltsamen Schleier atmosphärischer Spannungen verfügt und als eine der wenigen ausdrücklich in seiner Zeit verwurzelten Filme einen interessanten Bogen zu seinen 90iger-Filmen und dem sicherlich ziemlich banalen, aber zumindest unter auteurroristischen Gesichtspunkten und mit Sicht auf Argentos eigene Aussagen dazu doch einigermaßen interessanten IL CARTAIO, laut Argento "der einzige meiner Filme, in dem ich mich an einer streng realistischen Inszenierung versucht habe".

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  2. Aber: UCCELLO und GATTO beide gleich bewertet? Das geht eigentlich wirklich GAR NICHT.
    Darüber müssen wir uns bei Gelegenheit noch ein wenig unterhalten.;-)

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  3. Ich bin verwundert, dass Du und Argento (:D) diesen Film am Wenigsten mögen. Ich finde ihn gerade so interessant, weil er eher in Richtung gewöhnlicher Thriller geht (in Deinem Review schriebst Du, dass die Entfernung vom klassischen Giallo bedauerlich sei) und außerdem einige sehr reizvolle Genredehnungen vornimmt (angereichert sogar mit Westernelementen). Ferner ist der wirklich ungewöhnlich stark betonte Humor (der mich *massivst* an Hitchcock erinnerte) zu nennen, den es so offensichtlich doch auch in keinem anderen Argento gibt (=positiv), wobei ich zwei Filme ja noch überhaupt nicht kenne bis jetzt (nämlich die darauf folgenden).

    Ich glaube ich könnte sehr ausufernd erzählen, was ich an CAT besonders mochte, weil es stilistisch m.E. einer der reichhaltigsten Argentos ist (jedoch nicht einer der allerbesten).

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  4. Das schafft doch gleich etwas mehr Übersicht. Doch, ich kann das schon sehr gut nachvollziehen und auch ich schätze an dem Film gerade, dass Argento vieles ausprobiert, was er später so nie wieder aufgegriffen hat (In meinem steinalten und unsäglichen Review, dass ich schon komplett vergessen hatte und an das du mich nun leider erinnert hast, schrieb ich, glaube ich, auch etwas von dem dezent futuristischen / modernistischen Touch - oder so). Gleichzeitig kann ich mir damit aber nicht von dem Gefühl weghelfen, dass die Disziplin, die er sich hier auferlegt, ihn nicht so schön "entgleisen" hat lassen wie sonst und auch einen leichten Leidenschafts-Dämpfer hinterlassen hat. Was ich an dem Film besonders mag, sind tatsächlich seine puren Genremomente und seine Suspense-Szenen. Die haben sogar gewirkt, als ich den Film vor Jahren zum ersten Mal von einer Art Videotheken-Fassung in erbarmungswürdiger Bildqualität sah. D'accord übrigens auch, was den Humor angeht - nicht umsonst habe ich diese Szene beim Barbier erwähnt (oder übrigens auch die sleazigen Schlababtäusche zwischen Franciscus und Spaak - a là Grace Kelly und James Steward) die sicherlich ein Versuch von Hitchcockeskem Humor war, wenn auch ein eher wunderlich-düsterer.

    Trotzdem: Sowohl als Argento-Film als auch als Genrefilm funktioniert er m. E. bei weitem nicht so gut und scheint längst nicht so souverän und frisch wie UCCELLO, dabei bin ich auch nach den letzten beiden Sichtungen der Filme geblieben, auch wenn mir GATTO im Lauf der Zeit mehr ans Herz gewachsen ist. Er hat etwas Eisiges und Trockenes an sich, was ich mich beim letzten in wohlige Unruhe versetzte.

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  5. Doch, ich kann das schon sehr gut nachvollziehen und auch ich schätze an dem Film gerade, dass Argento vieles ausprobiert, was er später so nie wieder aufgegriffen hat (In meinem steinalten und unsäglichen Review, dass ich schon komplett vergessen hatte und an das du mich nun leider erinnert hast, schrieb ich, glaube ich, auch etwas von dem dezent futuristischen / modernistischen Touch - oder so)

    Das allerdings hat Argento doch aber noch mal wiederholt und sogar ausgebaut in TENEBRE, der ja ein vollkommen hermetisches Setdesign hat, das wie ein Zukunftsentwurf wirkt, findest Du nicht?

    Die Szenen mit Franciscus und Spaak sind in der DF wahrscheinlich noch sleaziger, in der englischen Version sind sie lediglich ein bisschen unschicklich. Der Moment, in dem sie sich entblößt, ist aber wirklich großes Kino (seriously). Wenn ich da an De Palma denke...

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  6. Natürlich hat TENEBRE das auch, nur dann wieder viele Nuancen anders und auch viel extremer. Tatsächlich halte ich den für einen einigermaßen gelungenen Science-Fiction-Entwurf.

    Die englische und die deutsche Fassung unterscheiden sich in diesen Kabbeleien interessanterweise gar nicht so sehr (die "duften Sprüche" wurden eher woanders platziert, nämlich da, wo sie erst recht nicht hinpassen^^). Englisch: "Now you really gave it to me!", Deutsch: "Donnerwetter, jetzt haben Sie's mir aber gegeben!".
    Ach ja, die Sexszene durch das Wiskeyglas (oder?) ist auch toll. Je länger ich darüber nachdenke, an desto mehr interessante Einzelszenen erinnere ich mich (z. B. auch der bizarre Subplot um Horst Frank oder der Überfall auf den Nachtwächter, die Friedhofsszene, die rasende Fahrt von Spaak und Franciscus durch Rom). Ich glaube, der wird demnächst mal wieder geguckt.

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