Mai 25, 2011

Zuletzt gesehen: DAS DRITTE GESCHLECHT

Ein Schlüsselfilm in der langen kinogeschichtlichen Auffassung und Darstellung von Homosexualität, den Veit Harlan ursprünglich zur Differenzierung des im Nationalsozialismus noch einmal verschärften § 175 drehen wollte, weil nämlich Schwule, "an denen die Natur etwas verbrochen" habe, "unser ganzes Mitgefühl" verdienten. Das Ergebnis wurde 1957 von der FSK als unsittlich (sprich: zu "schwulenfreundlich") empfunden und nicht freigegeben, erst in einer veränderten Fassung kam "Das Dritte Geschlecht" unter dem Titel "Anders als du und ich" in die bundesdeutschen Kinos. Der Film ist, typisch für seinen Regisseur, ebenso raffiniert erzählt, kurzweilig und schnörkellos wie auch grobschlächtig, menschenverachtend und durch und durch ideologisch (vermutlich postfaschistisch).

Selbst noch in der vermeintlich milderen Ursprungsversion gerinnt die schmähliche "Unterscheidung" bzw. Kate- gorisierung schwuler Typen in bekehrbare Junge und gemeingefährliche (pädophile) Alte zur grotesken Scheinkritik am berüchtigten Paragraphen. Harlan inszeniert Homosexuelle vielmehr exakt so, wie er auch ("den") Juden in seinem bekanntesten Film, "Jud Süß" (1940), inszenierte: Fratzenhaft, durchtrieben und hinterlistig. Nicht ohne noch einmal alle Klischees vom Homosexuellen als künstlerischem Freigeist zu unterstreichen, verurteilt der Film in bemerkenswert verrückter Weise auch gleich noch experimentelle Kunst sowie Lyrik und Prosa im Allgemeinen. "Das Dritte Geschlecht" funktioniert, um ehrlich zu sein, großteils vorzüglich als unmessbarer Trash, aber ob und wie man darüber lachen kann, bleibt eine Ermessensfrage. Noch unglaublicher als dieser Film ist eigentlich nur die Tatsache, dass der § 175 erst 1994 abgeschafft wurde.


30%

Kommentare:

  1. William Friedkin hat Interesse an einem Remake mit Udo Kier in der Joloff-Rolle bekundet.

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  2. Du bis ja spendabel; das Review klingt trotz anscheinend möglicher Vertrashung never ever nach 30%.

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  3. Wurde gemeinerweise fantastisch unterhalten. Als Zeitdokument außerdem von einem gewissen Interesse und, anders als JUD SUESS, durchaus "sehenswert".

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  4. Hehe, dann muss Thilo Sarrazin (den Friedkin, glaube ich, für den deutschen Bundespräsidenten hält) nur noch die Rolle von Paul Dahlke übernehmen. Wenn Helge Schneider dann noch die Musik macht, wird's schon jetzt ein Werk, das in meine Annalen einfährt, ähh, eingeht.

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  5. "Noch unglaublicher als dieser Film ist eigentlich nur die Tatsache, dass der § 175 erst 1994 abgeschafft wurde." - Was uns Basler Schwulen eigentlich jahrelang Vorteile und jede Menge Deutsche brachte...

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  6. Wobei die zweite Reform 1973 doch nur noch den homosexuellen Sex unter Strafe stellte, wenn ein über 21-Jähriger ihn mit einem unter 18-Jährigen praktizierte, weil dies der Verführung Minderjähriger gleichkam. Die zweite Reform des § 175 war bisher wohl der bedeutendste Schritt in der Egalisierung homosexueller Lebensgemeinschaften. Die endgültige Tilgung 1994 eine überfällige, aber reine Formsache. Jetzt benötigen wir nur noch die Tilgung in den Köpfen der Menschen, aber ob ich das noch erleben werde. :(

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  7. Theoretisch vielleicht, praktisch wurden Schwule selbst noch in den 80ern kriminalisiert, siehe den Hamburger Klappenskandal, wo Polizisten jahrzehntelang Toilettenbesucher hinter Spiegeln observierten.

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  8. Wenn ich mich recht entsinne, gab's sowas doch auch 2003 in Düsseldorf. Aber stimmt natürlich. Es ist noch ein langer Weg und jetzt liegt schon ein gutes Stück hinter uns und nicht mehr vor uns, wie noch vor 30/40 Jahren.

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  9. Das ist natürlich Gott sei Dank wahr.

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  10. Wir haben gar keine Klappen mehr, da wir ja mittlerweile "integriert" sind. Aber was kümmert das einen alten Mann wie mich?

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  11. Sehr schön, es hat also doch noch für einen Kommentar gereicht. Und gleich einen so ambivalenten. Ich bin begeistert und amüsiert darüber, dass mir der Film letztlich wesentlich unangenehmer aufgestoßen ist als dir.;-) Allerdings würde ich Harlan seine Trashqualitäten nie abstreiten. Die sind ungeheuer, besonders auch in HANNA AMON (und nochmal der Tipp: http://www.youtube.com/watch?v=WOQQ707DUGE)

    Je länger ich darüber nachdenke, desto unfassbarer erscheint es mir, das von allen "alteingesessenen" Regisseuren ausgerechnet Harlan diesen Film gedreht hat. Es böten sich unter Umständen wilde Spekulationen darüber an, inwiefern die meisten alteingesessenen ebenso wie jungen, aufstrebenden Regisseure sich an einem so unsittlichen Film nicht die Finger beschmieren wollten und schließlich nur noch Harlan, zurecht aus der deutschen Filmschickeria ausgeschlossen und verzweifelt auf der Suche nach einem neuen Auftrag, der letzte war, der übrigblieb.

    Ein sehr schöner Film wäre es sicherlich geworden, wenn der schwule Alfred Vohrer mit seiner Vorliebe für extralüsternen, campigen Gleaze (= Gay-Sleaze) ihn gedreht hätte. Ich gehe stark davon aus, dass die Szenen im Haus des Dr. Winkler mit einem obszön burlesken Touch versehen worden wären, während die Darstellung der "jungen Liebe" zwischen Christian Wolff und dem Hausmädchen wahrscheinlich ein Gral des Grotesken gewesen wäre. Wundersame Spekulation... Ein interessanter deutscher Vergleichsfilm zum Thema wäre dabei auch Helmut Käutners DIE ROTE, dessen von Giorgio Albertazzi gespielter, psychotischer männlicher Protagonist (der sich übrigens im Film an einem Naziverbrecher rächen will!) sicherlich auf keine enorme Schwulenverstehung seitens Käutner schließen lässt, jedoch geradezu progressiv wirkt im direkten Vergleich mit Harlans degenerierten Kunst-, Bordell- und Gossenschwulen.

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  12. während die Darstellung der "jungen Liebe" zwischen Christian Wolff und dem Hausmädchen wahrscheinlich ein Gral des Grotesken gewesen wäre.

    Auch wenn das gewiss nicht intendiert war, so fand ich die Beziehung der beiden im Film bereits grotesk genug. Diese forcierten heterosexuellen Albernheiten (ganz schlimm: das Aktzeichnen), die elaborierte Leichtigkeit, die im völligen Gegensatz steht zu den bizarren Handstreicheleien der beiden Jungs ("Aber Klaus, ich wollte dir doch noch meine Novelle vorlesen." LOL), das fand ich schon ausreichend grotesk. :)

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  13. Ich wollte auch nicht implizieren, dass es bei Harlan nicht schon grotesk genug wäre - du hast selbstverständlich vollkommen recht und einige der "romantischen" Szenen schießen mit ihrer geradezu surrealen Biederfröhlichkeit die Trash-Vögel schwärmeweise ab ("Aber Klaus - du kannst ja doch richtig zeichnen!"^^) - genauso wie übrigens die Tatsache, dass in einem so wichtigen Mahnmal gegen die "sittliche Verwahrlosung" plötzlich sogar eine für das deutsche 50iger-Kino wahrlich "drastische" (Hetero-)Sexszene gestattet war und somit die sittliche Absicht der größtmöglichen Unsittlichkeit den Weg ebnete - nämlich einer der wenigen Gelegenheiten des deutschen Biedermeiers, einmal im Kino einen Blick auf nackte Mädchenbrüste zu erhaschen.^^

    Ich liebe es: "unsittlich". Kein anderes Wort verkörpert den Beaze (Biederkeits-Sleaze) vollständiger.;-) Und Harlans anderer großer 50iger-Sittenfilm LIEBE KANN WIE GIFT SEIN ist auf jeden Fall der Ultra-Beaze, ein Genuss - da ich mich von dem Thema (sittliche Verwahrlosung einer Tochter aus gutem Hause) nicht persönlich diffamiert fühlte, konnte ich den auch noch mehr genießen als DAS DRITTE GESCHLECHT.

    PS: Super ist natürlich auch die Szene, in der Friedrich Joloff seinen ungeouteten Anwalt konsultiert, der ihm zu einer "anständigen" Auslebung seiner Homosexualität, nämlich Enthaltsamkeit, rät. Den gleichen Ratschlag habe ich vor zwei Jahren auch einmal von einem jungen, britischen Christen-Pärchen erhalten. Sittliche 50iger-Nostalgie ist derzeit ohnehin sehr angesagt - Prüderie in Hotpants.

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