Januar 20, 2009

Kino: CHANGELING

Im Kalifornien der End-20er schickt Clint Eastwood die verzweifelte Angelina Jolie auf eine unerbittliche Suche nach ihrem verschwundenen Sohn. Der wohl nimmer müde Regisseur streift bei seiner Rekonstruktion der - gemäß Vorspann - "true story" eine Vielzahl an Themenkomplexen und erzählt nach "Million Dollar Baby" noch einmal die große Emanzipationsgeschichte vom Widerstand einer kämpfe- rischen Frau gegen hartnäckige Altmännersysteme. Für Eastwood ist "Der fremde Sohn" ein weiterer souveräner, starker und klassisch inszenierter Film, für Jolie die erste schauspielerische Herausforderung ihrer Karriere.

Es ist der Alptraum einer jeden Mutter: Als Christine Collins eines Tages von der Arbeit nach Hause zurückkehrt, ist ihr neunjähriger Sohn Walter spurlos verschwunden. Monatelang ist die Polizei von Los Angeles auf der Suche nach dem Jungen, ehe Christine eines Tages die erlösende Nachricht erhält - ihr Sohn wurde unversehrt gefunden. Sie könne ihn am Bahnhof abholen, Presse und Polizei würden den Fahndungserfolg gebührend feiern. Doch nun erst beginnt der eigentliche Leidensweg der hilflosen Mutter.

Denn der Junge ist nicht der gesuchte Sohn, sondern ein von den Behörden instrumentalisiertes Kind, das nur behauptet Walter zu sein. Ehe sich Christine versieht, befindet sie sich inmitten einer handfesten Verschwörung machtgieriger Lokal- politiker und des korrupten LAPD. Als sie sich der Presse zuwenden und die Suche nach ihrem wirklichen Sohn weiter vorantreiben möchte, wird sie für unzurechnungsfähig erklärt und in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen. Einzig der beliebte Radioprediger Gustav Briegleb schlägt sich auf ihre Seite im Kampf gegen die staatliche Gewalt.

Bis hierhin ein Konglomerat aus Familienmelodram und Thriller, wird die Geschichte in der zweiten Hälfte schließlich noch durch einen mit Horrorelementen angereicherten Handlungs- strang ergänzt. Vom Mutter-Sohn-Drama zum Serienkillerfilm und Gerichts-Thriller, erzählt Eastwood dann alles auf einmal. Doch die Stofffülle ist bei ihm stets logisch angeordnet - fast organisch entwickeln sich die einzelnen Plot-Teile in- und auseinander.

In erster Linie ist "Der fremde Sohn" aber natürlich ein sorgfältiges Period Piece. Der auf einem aktenkundigen Kriminalfall von 1928 basierende Film ist als faktische Nachstellung konzipiert, bei der Eastwood erstaunlich nüchtern und unsentimental im Recherchestil eine nahezu unglaubliche Geschichte bebildert. So unglaublich gar, dass sie in Filmform nicht selten konstruiert erscheint, und es deshalb eines starken Erzählers bedarf, um sie in zweieinhalb Stunden glaubwürdig auf die Leinwand zu bringen.

Eastwood hat sich mehrfach als solcher bewährt. Seine Inszenierungen sind formal stilisiert, aber dennoch schmucklos und minimalistisch vorgetragen, sein Casting stets überlegt und seine Geschichten immer von einer deutlich moralischen Haltung gekennzeichnet. Spätestens seit "Erbarmungslos" ist Eastwoods konventionelles und ebenso konservatives Erzähl- kino auch das Kino einer unerbittlichen Selbstreflexion: Das anfängliche Misstrauen, das dieser Film beispielsweise rechtsstaatlichen Prinzipien entgegenbringt, schlägt nicht in Dirty-Harry-Polemik um, wird gleichzeitig aber auch nie für liberale Bekenntnisse zerstreut.

In gewisser Hinsicht ist "Der fremde Sohn" natürlich durchaus eine sehr altertümliche Geschichte über die Korrumpierbarkeit staatlicher Systeme und die vermeintliche Notwendigkeit von Selbstjustiz. John Malkovich darf hier sogar den geistlichen Erretter und damit Vertreter einer über alle Widerstände der Ordnung triumphierenden Kirche geben. Doch sind das selbstverständlich (auch) Zugeständnisse an die zeitliche Verortung des Films während der Großen Depression und seiner Nähe zur wahren Beschaffenheit des Stoffes.

So klassisch Eastwood inszeniert, und so fremdkörperartig sich seine Filme dementsprechend im heutigen Kinogeschehen anfühlen, so sehr ist er mittlerweile auch daran interessiert, nicht die ideologischen Muster seiner Generation nachzu- zeichnen. "Der fremde Sohn" erscheint somit als melo- dramatisches Stimmungsbild von Los Angeles irgendwo zwischen "Chinatown" und "L.A. Confidential", das Fragen nach Machtmissbrauch jedweder Art und zuletzt selbst dem Sinn der Todesstrafe verhandelt - mit einer fast übermodernen, für ihre Bürgerrechte kämpfenden Frauenfigur im Zentrum.

Angelina Jolie gibt sich in permanenten Close-Ups viel Mühe, den Erwartungen ihres Regisseurs gerecht zu werden. Mit starkem Ausdruck, prägnantem Make-Up und stilvoller Kostümierung schlüpft sie in die Rolle einer klassischen Hollywood-Diva und schultert den thematisch ja durchaus ein wenig überfrachteten Film mit Bravour: Selbst die aufge- setzten Szenen in der Psychiatrie - hier denkt man natürlich an Jolies Oscar-Part in "Durchgeknallt" - wirken dank ihres konzentrierten Spiels weniger klischeehaft, als sie es eigentlich müssten.

Was als fast banale zeitgenössische Familiengeschichte beginnt, beansprucht mit zunehmender Laufzeit immer mehr Größe für sich. Eastwood hat viel zu erzählen und will es auch erzählen: Elegant und mit sicherer Hand bringt er verschiedene Handlungsstränge, moralische Fragen und Genreelemente zusammen. "Der fremde Sohn" ist packend, spannend und bewegend, aber in letzter Konsequenz doch ein wenig zu überambitioniert, um an Eastwoods jüngste Meisterwerke heranreichen zu können.


60% - erschienen bei: gamona

Kommentare:

  1. Große Zustimmung, in der Tat ein sehr vielschichtiges, erstaunlich wenig konservativer Film. Emotional hat es Eastwood perfekt verstanden, mich einzubinden, weshalb ich den Film noch etwas besser sehe als Du. Ich hätte vorallem nie damit gerechnet, dass der Film jene Richtung einschlägt, die er in der zweiten Hälfte einschlägt, was mich sehr erfreut hat. Mein einziger Kritikpunkt wäre in der Tat nur das RETURN-OF-THEKING-Problem, nämlich das der zig Enden.

    Für mich nach THE WRESTLER der bisher beste Film des Jahres.

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  2. Konservativ finde ich den schon sehr, aber das ist ja nicht per se schlecht und bei Eastwood nichts ungewöhnliches.

    Fand übrigens auch, dass er ab einer bestimmten Stelle nicht recht ein Ende finden mag, aber es hielt sich noch im Rahmen.

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  3. Bitte? So bald Du das Wort "konservativ" hörst gehen bei Dir doch die Alarmglocken an, oder? ;-)

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  4. Konservativ ist nicht gleich konservativ. Da muss man ja doch noch mal differenzieren. Die Filme von Eastwood, auch die seit UNFORGIVEN, lassen zwar immer wieder eine wertkonservative Haltung erkennen, aber a) wäre es sinnfällig, ihm das ankreiden zu wollen und b) lässt sich da ja immer auch ein Gedankenspiel über eben solche Werte ausmachen.

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  5. alos bitte, nur weil er schon seit Jahren ein konservatives Arschloch ist, kann man ihm das nicht mehr zum Vorwurf machen, bzw. wäre die KRitik an dem Punkt hinfällig?
    Lieber Herr Rajko, sie machen es sich zu einfach. Ich kann eh nicht verstehen, warum Eastwood nun als grosser Filmemacher geschätzt wird, zählen seine Werke doch zu dem mit abstand langweiligsten was Hollywood abliefert.
    Denk ich nur an Mitternacht im mystischen Fluß. Das ist nicht nur formal, auch inhaltlich stockkonservativ.

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  6. MYSTIC RIVER finde ich auch bedenklich.

    Aber sonst, och ja, keine Ahnung. Ideologiekritik ist nicht mehr en vogue. ;)

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  7. Ich kann eh nicht verstehen, warum Eastwood nun als grosser Filmemacher geschätzt wird

    Nun, weil insbesondere "Million Dollar Baby", "Flags of our Fathers" und "Letters from Iwo Jima" für sich selber sprechen.

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  8. tun sie das?
    Filme die in den Top 250 der imdb stehen sind eh mit Vorsicht zu geniessen :-)

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  9. tun sie das?

    Imho schon, gerade hinsichtlich des von dir a priori vorgebrachten Vorwurfs des "konservativen Arschlochs" Man wird wohl kaum bezweifeln können, dass vom konservativ-reaktionären "Dirty Harry" bis zu den drei von mir genannten Filmen in der Intention schon eine Entwicklung stattgefunden hat:

    Das (ziemlich) klare Plädoyer für Sterbehilfe ("Million Dollar Baby"), die klare Entlarvung eines amerikanischen Mythos des "Glorious War" als Fälschung (Flags of our Fathers"), das Zeigen von amerikanischen GIs, die gefangene Japaner einfach so erschiessen, weil diese als Ballast empfunden werden ("Letters from Iwo Jima") - All dies sind wohl Aspekte mit denen sich Eastwood (bewusst) bei den Stockkonservativen im eigenen Land unbeliebt gemacht hat.

    Damit möchte ich natürlich nicht bestreiten, dass Eastwood für einen eher konservativen Wertehorizont steht, aber wie Rajko so treffend sagte: "Konservativ ist nicht gleich konservativ." ;-)

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  10. Ach ja, Eastwoods Kriegsdoppel ist echt ganz, ganz groß.

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  11. Da hast du echt wirklich, wirklich Recht. ;-) Schon schade, dass das amerikanische Publikum dies nicht erkannt hat.

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  12. ich habe die beiden Kriegs Epen nicht gesehen, will mich da auch gar nicht festlegen und hole die Sichtung bestimmt noch nach. Auch zugegeben, dass seine Filme vom reaktionären sich zum konservativen wandelten. Dennoch sehe ich, um das mal auszuweiten, wenig Unterschied zwischen dem privaten und künstlerischen Eastwood.

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