Januar 14, 2007

Retro: HSI YEN (1993)

"Hsi yen" oder "The Wedding Banquet" ist nach "Pushing Hands" die zweite Arbeit des taiwanesischen Regisseurs Ang Lee, der auch das Drehbuch für die Geschichte eines schwulen Chinesen aus traditioneller Familie im New York der 90er-Jahre schrieb, und bildet den Mittelteil der „Fathers knows best“-Trilogie, die mit "Eat Drink Man Woman" ihren Abschluss erfährt. Der bilingual gedrehte Film leitete die internationale Karriere Lees ein, wurde in Berlin mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet, sowie als „Bester nicht englischsprachiger Film“ für den Golden Globe und Academy Award nominiert. Er vereint mit bemerkenswerter Leichtigkeit zwei Kulturen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, und zeichnet sich bereits durch jenen feinen, sensiblen Ton aus, der auch die folgenden Werke des Kinopoeten bestimmen sollte, für die dieser schließlich den Grundstein legte.

Den Film durchzieht eine innere Spannung, die sich aus dem Widerspruch zwischen fernöstlicher Mentalität und westlichen US-Sitten ableiten lässt. Vom Leben des jungen Wei-Tung und seinem Freund Simon im modernen, aufgeklärten New York wissen die Eltern nichts, sie erhoffen sich daheim, dass ihr Sprössling eine wohl gesonnene Frau finden und alsbald für Nachwuchs sorgen wird. Der angekündigte Besuch kompliziert einiges, sodass sich das Paar gezwungen sieht, ein umfangreiches Lügenkonstrukt zu entwerfen: Eine Freundin Wei-Tungs soll als Ehefrau in spe fungieren, so lange bis die Eltern wieder ihre Heimreise antreten werden. Das sorgt für einige Probleme und droht im totalen Familienchaos zu kulminieren, doch Ang Lee ist nicht der Mann für turbulente, überdrehte Geschichten, sondern porträtiert leise und überaus sorgfältig, mit sanftem Humor und feinfühliger Tragik die Eigenheiten des chinesischen Kulturverständnisses.

Es ist der persönlichste Film des Regisseurs, der sich selbst zwischen zwei Welten zurechtfinden musste und stets mit der Aufgabe zu kämpfen hatte, Traditionen mit Neuerschaffungen zu vereinbaren. Dieser ständige Dialog des Lebens als Hintergrund verhilft "The Wedding Banquet" zu seiner warmherzigen Lebendigkeit. Die westlichen Klischees, die in Zusammenhang mit der chinesischen Kultur geäußert werden, sind zumeist Essen und Familie – als Element und Thema bestimmen sie auch diesen Film, doch nicht ohne gründlich untersucht zu werden. Denn das Kochen erscheint bei Lee als Motiv für eine Art Ersatz-Kommunikation zwischen den Figuren. Entweder verständigen sie sich über die Zubereitung des Essens wie im Falle von Simon und Wei-Tungs Mutter, reden zu Tisch über Nahrung und Nichtigkeiten, oder ziehen sich einfach stillschweigend zurück – und kochen, in sich gekehrt.

Dadurch wird, ganz nebenbei, mit kleinen Nuancen in alltäglichen Situationen das Bild dieser Familie gezeichnet. In dem chinesischen Emigranten Wei-Tung mag sich Ang Lee gewiss wieder finden: Das Leben in den USA wird durch die eigene Identität eingeholt, und das entnervte Auftreten des Mannes ist Ausdruck einer schweren Erkenntnis – dem schleichenden Verlust kultureller und familiärer Wurzeln, dem unauflösbaren Widerspruch zwischen individuellem und familiärem Glück. Der innere und äußere Druck, dass alles der chinesischen Ordnung und Harmonie entsprechen muss, droht den jungen Mann zu zerreißen. Als jemand, der seine Sexualität frei ausleben und dennoch nicht mit den kulturellen konfuzianischen Traditionen brechen möchte, ist Wei-Tung die typische Lee-Figur, die den Kampf des Individuums gegen normative Regeln und Strukturen und auferlegte Kodexe ausfechten muss.

Dabei ergibt der Blick unter die harmonische Oberfläche ein ernüchterndes Bild. Zuletzt ist es der Vater, das patriarchalische Oberhaupt, das seinen Führungsverlust längst eingestanden hat, der das Geheimnis seines Sohnes bereits kannte, und die Ehefrau (die ihn vor der Wahrheit wiederum „schützen“ will) in dem Glauben lässt, er wüsste es nicht. Das erwünschte Enkelkind wird Wei-Tung seinen Eltern durch einen unverhofften Zwischenfall – die vorgetäuschte Liebesnacht mit der Scheingattin hat einen unerwarteten, versehentlichen Ausgang – schenken können, das ist alles, was für sie zählt. Sie wissen, ihr Sohn lebt nach einem anderen Modell als dem ihrigen, doch sie sprechen nicht darüber – sie kochen. Am Ende von "The Wedding Banquet" steht die bittere Erkenntnis über die Beschaffenheit der Ideologie von Familie: Sie kann intakt und harmonisch sein, doch ausschließlich deshalb, weil sie auf Lebenslügen basiert.


80%

Januar 13, 2007

TV: Fernsehtipps 13.01. - 19.01.06

Samstag, 13.01.

20:15 Uhr – „Meine teuflischen Nachbarn“ (Das Vierte)

Meine persönliche Lieblingskomödie, eine mit schrillen Figuren, irre komischen Dialogen und fantastischem Slapstick angereicherte Satire auf die US-Suburbs, die angefangen bei Jerry Goldsmiths brillanter Musik bis hin zu dem bestens aufgelegten Ensemble alles richtig macht. Könnte jedoch geschnitten laufen.

22:20 Uhr – „Carlito’s Way“ (Das Vierte)

Empfand ich „Scarface“ schon immer haushoch überlegen. Pacino brilliert eindrucksvoller denn je in einem Film über die Unmöglichkeit rühmlichen Gangstertums, ob in Bezug auf den Ein – oder Ausstieg – De Palmas Abgesang aufs Genre beschert einen Gänsehautmoment nach dem anderen, bis sein poetisches Drama in einem bahnbrechenden Finale kulminiert.

22:55 Uhr – „James Bond 007 – Der Spion der mich liebte“ (ARD)

Unglaubliche Stunts und feine Selbstironie machen den gelungensten Moore-Bond aus.

1:05 Uhr – „Octalus – Deep Rising“ (ARD)

Edel-Trash, der durchaus amüsant ist.

Sonntag, 14.01.

20:15 Uhr – „Gilbert Grape“ (K1)

Ein wunderbarerer, elegischer Film, toll gespielt, ergreifend inszeniert.

20:15 Uhr – „Die Bourne Identität“ (RTL)

Spannendes James Bond-Plagiat.

22:20 Uhr – „Mann unter Feuer“ (Pro 7)

Unfassbarer Schrott, der fast schmerzt. Tony Scott ist einfach derart untalentiert und beschränkt, dass er womöglich gar nicht merkt, was für einen Käse er da eigentlich fabriziert.

23:30 Uhr – „Casablanca“ (ARD)

Perspektivisch unkonventioneller Kriegsfilm, dem eindrucksvoll der Spagat zwischen schwerfälligem Liebesdrama mit Noir-Elementen und der Darstellung entmenschlichender Auswirkungen des Krieges, der die Individuen zu Jägern und Gejagten macht, gelingt. Meisterlich gespielt und großartig vertont – völlig berechtigt ein Klassiker.

23:30 Uhr – „Außer Atem“ (SWR)

Godards Aushängeschild der Nouvelle Vague hat nichts von seiner Intensität verloren. Ein bemerkenswerter, innovativer Film.

1:00 Uhr – „Terminator 3“ (Pro 7)

Überraschend bodenständiger Nachzügler mit spektakulärer Action und großartigem Ende. Von der Visualität eines James Cameron ist das aber natürlich meilenweit entfernt.

Montag, 15.01.

2:00 Uhr – „Golden Globe Awards 2007“ (Pro 7)

Das wird spannend!

Dienstag, 16.01.

20:15 Uhr – “Der Legionär” (K1)

Den Film habe ich nie gesehen, aber als er seinerzeit im Kino lief, geriet ich zufällig in das Gerangel um die „große“ Ankunft von Van Damme, nachdem ich aus „Die Mumie“ kam. Wo ich schon mal da war, habe ich mir sogleich ein Autogramm besorgt und war doch recht erstaunt, wie klein dieser Herr tatsächlich ist. Ende der Anekdote.

0:20 Uhr – “Demolition Man” (ZDF)

Nett.

0:20 Uhr – “Opfer einer großen Liebe” (ARD)

Gut besetztes Melodram von Edmund Goulding im großen Stil.

Mittwoch, 17.01.

20:15 Uhr – „Auf der Jagd nach dem Juwil vom Nil“ (K1)

Steht dem temporeichen Vorgänger in nichts nach.

0:35 Uhr – „Brotherhood“ (ARD)

Der kommt jetzt schon im Fernsehen?

Freitag, 19.01.

20:15 Uhr – „Der erste Ritter“ (Pro7)

Billig ausgestattet, lieblos und nichts sagend inszeniert.

20:15 Uhr – „Mars Attacks!“ (RTL2)

Einfach völlig überdrehte und ebenso kongeniale Sci-Fi-Satire, die genüsslich Genre-Klischees ad absurdum führt.

22:25 Uhr – „Very Bad Things“ (Das Vierte)

Hat seine Momente, ansonsten ziemlich hölzern.

0:10 Uhr – „Leprechaun“ (RTL2)

Ich muss gestehen, ich mag den Zwerg ja irgendwie.

2:10 Uhr – „Leprechaun 2“ (RTL2)

…was auch für die Fortsetzung gilt.

3:30 Uhr – „Der große Gangster“ (ARD)

Charmanter Film-Noir, in dem Bogey gewohnt souverän den Lonesomer mimt.

Januar 12, 2007

Kino: TCM - THE BEGINNING

Nach über 30 Jahren sollte dann auch der Midnight-Klassiker "The Texas Chainsaw Massacre" nicht mehr davor sicher sein, umgeformt und überlackiert zu werden. Doch von der Kraft der Subversion, die Tobe Hoopers Film einst durchzog, war in Marcus Nispels Remake des Stoffes nicht mehr viel zu spüren. Die postmoderne Neuauflage eines stilbildenden Horrorfilms war so verseucht durch ihre Filter und Hochglanzästhetik, deren grobkörnige Schale nur ein lächerliches Vortäuschmanöver bedeutete, dass Bewunderer des Originals sich nur mit Schrecken abwenden konnten. Der omnipräsenten Brutalität des 74er-Films, die aus dem Grauen des verrohten Alltäglichen entwuchs, wich im Jahre 2003 kühle und blutige Gewalt, die sich selbst verliebt ausstellte. Immerhin wurde der Film vom seelenlosesten aller Regisseure Michael Bay produziert – und wo die Kamera in "Pearl Harbour" einer japanischen Bombe bis zum Einschlag folgte, durchfährt sie hier das übergroße, matschige Loch eines Kopfes. Die Menschenverachtung dieser plakativen Effekte wird vom zahlenden Publikum lautstark mit „cool“ und „geil“ und „heftig“ geadelt, nur die Bewunderer von einst, die schütteln weiterhin ihren gesenkten Kopf.

Das wird sich gewiss auch in der Fortsetzung nicht ändern, dem Sequel zum Remake, gleichzeitig Prequel zum Original und eigentlich aber doch nur Remake des Remakes, "The Texas Chainsaw Massacre – The Beginning". Das klingt verheißungsvoll und verspricht nicht weniger als hinter die Geschichte der obskursten Filmfamilie des Genres zu blicken. Doch die Frage drängt sich auf: Will man das überhaupt? Möchte man wirklich wissen, woher das im doppelten Sinne gesichtslose Grauen jenes Films entwuchs, der verborgene und eben unergründete Urängste in uns weckte? Wo genau nun die Ursprünge des Schreckens, die Hooper einst so reizvoll und nicht unbeabsichtigt lediglich nur anschnitt, liegen? Unwahrscheinlich! Denn diese Horrorvorstellung vor hinterwäldlerischen Eigengesetzen, diese Metapher für die Umkehrung des amerikanischen Modells der Kernfamilie benötigt kaum erläuternder Klärung – das werden auch Puristen der Michael Bay-Anhängerschaft zugeben. Spätestens dann, wenn sich das Vorhaben auch noch als übler Etikettenschwindel herausstellt.

Denn die angekündigte Vorgeschichte, der Titel gebende Beginn des Terrors, erstreckt sich über geschätzte 10 Minuten Spielzeit, bevor bereits die ersten blutjungen Teenager die weite Einöde durchkreuzen. Diese sehen wie gewohnt blendend aus, haben außer Drogen und Sex nicht viel im Kopf und sind nur schwer bis gar nicht zu unterscheiden von ihren schlüpfrigen Vorgängern aus Nispels Film. Abgesehen also von Leatherface’ Geburt – einem schleimigen, in atmosphärisch gelungenen Bildern festgehaltenem Akt – und manch kleineren Details, die wiederum noch kleinere Details beleuchten sollen/wollen/können, verläuft alles nach dem bewährten Schema: Geile Teens werden von der Saw-Family malträtiert, gefoltert, zersägt, erhängt, geschlagen, bespuckt und was sonst noch auf der Tagesordnung steht. Weniger noch als im Remake, und erst recht ganz weit entfernt von den Sequels Tobe Hoopers und Jeff Burrs, geschieht das ohne Dramaturgie, ohne jegliche Handlung oder irgendwie harmonisch konstruierte Geschichte, sondern einfach frei nach sadistischem Treiben, der Lust am orgiastischen Gorefest und der endgültigen Überführung brachialer Sicko-Elemente in den kommerziellen Hollywoodfilm.

Das hat natürlich immer den Effekt von sublimierter Sexualität, da werden Bilder zersägter Leiber und gehäuteter Jugendliche mit immer kürzerer Folge kreiert, um den Lustgewinn zu garantieren. In Nispels Neufassung wurde ein Großteil des Ekels durch effektvolle Einzelheiten und triefendes Setdesign evoziert, trotz einiger herber Einlagen sah man verhältnismäßig selten – nicht unähnlich dem Original – wie Leatherface und seine Sippschaft tatsächlich die Körper ihrer Opfer mit allerlei Gerätschaften bearbeiteten. Obwohl auch Jonathan Liebesman ("Darkness Falls") seinen Film in grau-braune, von der Sonne gefärbte Töne wirft, und dadurch abermals nicht die rohe, naturalisierte Stimmung der Hooperschen Vorlage trifft, überbietet er den Härtegrad der Serie durch exzessiven Splatter. Das erfreut die hungrigen Fans, denn jeder Mord, jedes Todesritual markiert einen Höhepunkt, mit dem die wahllosen Szenen des Films einigermaßen geordnet scheinen. Somit funktioniert "The Texas Chainsaw Massacre – The Beginning" wie ein waschechter Gewaltporno – und das im Übrigen äußerst effektiv.

Um die Halbwertszeit des Films dürfte es dennoch erstaunlich kurz bestellt sein, denn wesentlich mehr als graphische Härte kann nicht geboten werden. Und da die Regeln des Genres unerbittlich sind, dürfte in absehbarer Zeit wohl ein Nachfolger generiert sein, der den Pegel diesbezüglich noch weiter – oder besser: noch kreativer – wird ausschlagen lassen. Anders als Hoopers 74er-Beginn des Franchise’ und auch dessen ironische Fortsetzung wird Liebesmanns Gewinngarant die Zeit ohne nennenswerten Einfluss kaum überstehen, er bietet keinerlei eigenständige Option zur Diskussion, verzichtet gänzlich auf den doppelten Boden und ist viel zu sehr als rein spekulatives Slasherkino verpönt. Regisseur Alexandre Aja hat mit "The Hills Have Eyes" gezeigt, wie die Mechanismen des Genres zugleich reproduziert und auch neu formuliert werden können, indem er sich zwar auch mit blutigem Sadismus zu überbieten versuchte, diesen jedoch gleichzeitig an einen traditionellen Genresubtext zu koppeln verstand und die in diesem Fall durch Wes Craven demonstrierte Artikulation und Überführung gegenwartskritischer Themen in den Horrorfilm wiederholte. An Derartigem sind Michael Bay und seine Newcomer-Schar nicht interessiert.

40%

Review erschienen bei: Wicked-Vision.de / filmzentrale

Januar 11, 2007

Vorschau: Upcoming Reviews

Demnächst Filmbesprechungen zu: "The Texas Chainsaw Massacre: The Beginning" (Jonathan Liebesman), "Paris, je t'aime" (Diverse), "Saw III" (Darren Lynn Bousman) und "Alpha Dog" (Nick Cassavetes).

Januar 10, 2007

News: HOT FUZZ - Trailer No. 2!

Manche werden es nicht mehr hören können, aber ja, ich freue mich wahnsinnig auf den neuen Film von Edgar Wright. Das wird der Wahnsinn! Teaser etc. siehe auch hier. Wer nicht von allein errät, welche Filme die Poster aufs Korn nehmen, der klicke hier.

Kino: ROCKY BALBOA

Nicht nur Axel Schulz wollte es 2006 noch einmal wissen, auch Sylvester Stallone und sein Alter Ego Rocky Balboa steigen nach rund 15 Jahren Abstinenz erneut in den Ring, der die Welt bedeutet. Das Pendant der Realität erlitt dabei einige heftige Schläge, bei denen von einer Niederlage zu sprechen arg untertrieben wäre. Zu leicht ist die Vorlage und zu groß die Verlockung, Vergleiche ziehen zu wollen, doch ganz ähnlich ergeht es auch dem einstigen Actionhelden des 80er-Kinos: „Rocky Balboa“ erzählt noch einmal die betuliche Geschichte vom Träumen und Hoffen, wie man es von ganz unten nach ganz oben schafft, wenn man nur daran glaubt, mit Disziplin und Ehrgeiz, Mut und Stärke. Das erscheint zunächst nunmehr unter anderen Vorzeichen – Rocky ist der gesetzte Held der Vergangenheit, eine Ikone seines armen Viertels –, doch ist letztlich nichts anderes als eine Wiederholung des Originals und dabei vor allem eines: mächtig langweilig.

Für die bemühte Milieustudie nimmt auch dieser Film rund 80 Minuten Zeit in Anspruch, da werden bedeutungsschwangere Bilder kreiert, Verweise zu vergangenen Teilen der Serie gelegt und allerlei rührselige Dialoge aufgesagt. Rocky zieht dabei durch die Straßen, vorbei an alten Plätzen, schwelgt in Erinnerungen und verbringt Zeit am Grab seiner verstorbenen Frau – Talia Shires Figur war im Gegensatz zu der des Boxers dann offenbar doch bereits von vorgestern, und tot macht sie sich eigentlich ohnehin besser, so darf Stallone gleich noch einige Versuche anstellen, sich mimisch am Geschehen zu beteiligen. Leider wirken diese Anstrengungen, einen abgeschriebenen, zur Ruhe gesetzten Schwergewichtler mit Emotionen ausstatten zu können, meist unfreiwillig komisch. Stallone kann seinen Gegnern ansehnlich eins auf die Mütze geben, aber mit der Schauspielerei wird das einfach nichts mehr.

Bedauerlicherweise ist das 1975 gar für den Oscar nominierte Semi-Kraftpaket auch ein ziemlich schwacher Drehbuchautor, denn vielmehr als den Plot des Originals aufzusagen schafft Stallone nicht. Besonders die Initialidee – ein virtueller Kampf ähnlich dem Celebrity Deathmatch auf MTV dient als Auslöser für Rockys Rückkehr in den Ring – erscheint grotesk albern und funktioniert auch als Metapher nicht, denn schlüssige Gründe oder wahre Einblicke in das Gefühlsleben seiner Figur liefert er keine. Deshalb benötigt es einiges an Sitzfleisch, bis Bill Contis euphorische Musik erneut ertönen darf und die Kampfesvorbereitungen untermalt: Rocky dreht im Jogginganzug wieder seine Runden, darauf hat man dann ja irgendwie doch gewartet – und den Fans geht womöglich kurzzeitig das Herz auf.

Aber die Scheinambitionen sind schnell entlarvt, im Finale darf dann wieder geprügelt und gekloppt werden, was das Zeug hält. Stallone macht keine gute Figur dabei. Verhinderten die gelifteten Backen- und Stirnbereiche zuvor jeglichen Gesichtsausdruck, so erzeugt wiederum der Anblick dieser versuchten Dehnung lappiger Muskeln am Oberkörper dezenten Schrecken – durch seine zahllosen Operationen wirkt Stallone gar noch älter als 60 und erinnert an Kollegin Sharon Stone, die ihre verführerische Rolle in „Basic Instinct 2“ in überarbeiteter Erscheinung ähnlich verzweifelt wiederholte. Das bizarre Ausmaß künstlicher Verjüngung ist jedoch mitnichten der Grund dafür, dass auch dieser finale Kampf den vorherigen zwei Dritteln bezüglich seiner Langweile in nichts nachsteht.

Denn das alles ist unspektakulär und uninspiriert inszeniert, die Kamera wirkt ineffizient choreographiert und kann nicht verbergen, dass die Darsteller lediglich Luftschläge absorbieren. Mit aufdringlichen Schwarzweiß-Einschüben und dabei heraus stechendem Blut wird sich auch noch mehr oder weniger peinlich daran versucht, diese Rentnershow stilistisch aufzuwerten, ohne dem ganzen jedoch nicht die schlichte Konventionalität nehmen zu können. Dieser neue, 30 Jahre nach dem Original einberufene Film wird den Franchise wohl ganz bestimmt reanimieren, sicherlich wirft er ordentliche Gewinne ab und ganz wie Schulz wird auch Stallone, wenn schon nicht aus künstlerischer, dann zumindest aus kommerzieller Sicht siegreich die Arena verlassen. Doch ist „Rocky Balboa“ nichtsdestotrotz die ganz fürchterlich öde, etwas verzweifelt anmutende Wiederbelebung eines Kinohelden, den man eigentlich nicht wirklich vermisst hat.

45%

Januar 08, 2007

Kino: RUNNING WITH SCISSORS

Die psychedelischen 70er-Jahre bilden den zeitlichen Rahmen für die Tragikomödie „Running with Scissors“, hierzulande eher hanebüchen mit „Krass“ betitelt, der Verfilmung von Augusten Burroughs Autobiographie. Als kleiner Junge hin- und hergerissen zwischen den Fronten seiner verzweifelten Mutter und dem alkoholsüchtigen Vater, landete Burroughs schließlich in der Familie eines Psychotherapeuten und deren verrückt-sympathischen Anhängern. Seiner Homosexualität ist sich der junge Mann schnell sicher, nur die Selbstverwirklichung und Loslösung von seiner paranoiden Mutter fällt ihm ungleich schwerer. Der Film entstand in enger Zusammenarbeit mit Burroughs, obwohl ganze Figuren gestrichen oder hinzugefügt wurden, und ist die erste große Kinoarbeit für Ryan Murphy, der sich durch seine bizarr-zynische Serie „Nip/Tuck“ als Spezialist für schrullige Typen empfahl.

Doch ganz ähnlich wie andere (vermeintliche) Abgesänge auf Familie und Tradition, genannt sei beispielsweise Todd Solondz’ „Happiness“, gelingt die Balance zwischen ehrlich-rührseliger und beißend exzentrischer Generationsstudie zu keiner Zeit. Selbst als skurrile Coming-Of-Age-Geschichte scheitert „Running with Scissors“ durch seinen maßlos überzogenen Entwurf von Welt und Mensch, forciert mit beharrlicher Penetranz die Emotionen der Zuschauer. Und wie eben im obigen Beispiel verrät er dabei jede seiner Figuren, verkauft sie an plumpen Zynismus, um zu schocken, zu amüsieren oder irgendwie anders auf sich aufmerksam machen zu wollen, und geht dabei vor allem ganz mächtig auf die Nerven.

Denn so quirlig und gern auch charmant manch einer dieser Charaktere daherkommen mag, sie werden nur benutzt für übertriebene Effekte: Die Familiendramen dieses Films, die sich mitunter jenseits der Grenzen zum unfreiwilligen Humor abspielen, wo alle schreien, weinen, mit Dingen um sich werfen und sich möglichst ausgeflippt aufführen, die sollen Zerrissenheit und Verzweiflung dieser Figuren demonstrieren, doch stellen nur deren Innenleben zur Schau, um an den denkbar unpassenden Stellen makabere Lacher ernten zu können. Das funktioniert vielleicht bei den spießigen Monstern in „Nip/Tuck“, doch hat hier denselben faden Beigeschmack wie in „American Beauty“, der es ebenfalls verstand, die eigentliche Tragik seiner Gesellschaft durch pietätlose Komik zu verzerren. Und wieder spielt Annette Benning die frustrierte Ehefrau, doch anders als in ihrer feinen, sehr nuancierten Rolle in Sam Mendez’ Film verschreibt sie sich hier unkontrolliertem Over-Acting. Als neurotische Mutter Burroughs’ gelingt es ihr leider nie, die Gespaltenheit ihres Charakters zu verdeutlichen.

Dabei pendelt Murphy mit sicherlich besten Absichten, aber allzu unentschlossen zwischen alberner Überspitzung und mehrdimensionalem Tiefgang hin und her, seine mal liebevollen, mal sehr anstrengenden Figuren erscheinen darin insgesamt nur wie bloßes Mittel zum Zweck und werden regelrecht verscherbelt. Mitunter wirkt „Running with Scissors“ wie eine Farce, die unkonzentriert und ziellos inszeniert ist. Die Bebilderung des Zeitgeistes hat sogar äußerst unangenehme Konsequenzen: All die schrulligen, aber unterschiedlich gescheiterten Existenzen werden als Opfer ihrer eigenen sexuellen Revolution gezeichnet. Der Befreiung aus autoritären, patriarchalischen Strukturen muss offenbar ungehemmter Drogenkonsum und lautstarke Selbstzerstörung folgen. Die verniedlichenden Jukebox-Songs sollten da nicht trügen – Murphys Film ist überaus fragwürdig geraten.

4/10

Januar 06, 2007

TV: Fernsehtipps 06.01. - 12.01.06

Samstag, 06.01.

20:15 Uhr – „Schindler’s Liste“ (RTL2)

Man kann sicherlich geteilter Meinung darüber sein, ob sich die ideologische, naive und vor allem: genreartige Sichtweise Spielbergs eignet, um einen derartigen Film adäquat umsetzen zu können. Ich halte das Unterfangen dennoch für geglückt, erreicht er mit inszenatorischer Brillanz doch ein weitestgehend authentisches, überaus sensibles Drama.

20:15 Uhr – „Twins – Zwillinge“ (VOX)

Doof, aber nett.

20:15 Uhr – „Der Untergang (2)“ (WDR)

Halte ich noch immer für einen der furchtbarsten deutschen Filme aller Zeiten, absoluter Bodensatz, verlogen bis Anschlag!

23:20 Uhr – „Femme Fatale“ (Pro7)

Ich bin ja ehrlich gesagt kein De Palma-Fan, dieser hier ging sogar komplett an mir vorbei. Sichtung lohnenswert?

23:40 Uhr – „No Way Out“ (ARD)

Bemühtes Noir-Remake, das nicht besonders gut altert.

0:30 Uhr – „Graf Zaroff – Genie des Bösen“ (MDR)

Endlich kommt dieser Horrorklassiker mal wieder im Fernsehen!

1:30 Uhr – „Die Spur des Falken“ (ARD)

Der olle Malteser Falken geistert immer mal wieder im Nachtprogramm umher. Der populärste, sicherlich auch der beste Film seines Stils.

Sonntag, 07.01.

20:15 Uhr – „Pearl Harbor“ (RTL)

Meine schlimmen Befürchtungen wurden seinerzeit nicht vollends bestätigt, dennoch ist Michael Bays Patriotenoper ganz schön misslungen.

20:15 – „Men in Black 2“ (Pro7)

Das Sequel enttäuscht als zerfetztes Überbleibsel katastrophaler Produktionsumstände. Der rechte Witz des Vorgängers fehlt.

20:40 Uhr – „Alle sagen: I love You“ (Arte)

Ach na ja, Woody Allen macht halt immer das gleiche. Wer’s mag.

22:00 Uhr – „The Crow: Die Rache der Krähe“ (VOX)

Stilistisch nicht uninteressant, können Geschichte und Umsetzung trotzdem nicht mit dem Original mithalten.

22:15 Uhr – „Chucky und seine Braut“ (K1)

Rabiate Fortsetzung, die die Vorgänger an Originalität und herbem Witz bei weitem überbietet. Leider gekürzt.

Montag, 08.01.

22:00 Uhr – „Twin Paks – Der Film“ (Tele5)

Eine herbe Enttäuschung.

0:00 Uhr – „Dead End“ (VOX)

Warum nur gilt dieser Film als Grusel-Geheimtipp? Ich habe mich fast zu Tode gelangweilt. Wahnsinnig konstruiert und ziellos das ganze.

Dienstag, 09.01.

20:15 Uhr – „Backdraft… (K1)

….Zuschauer, die durchs Feuer gehen.

22:20 Uhr – „Teufelskreis Alpha“ (Das Vierte)

Solide inszeniert, mäßig spannend. Ich bevorzuge „Scanners“.

Mittwoch, 10.01.

20:15 Uhr – „Auf der Jagd nach dem grünenDiamanten“ (K1)

Ach was ein wunderbarer Gute Laune-Film, hier stimmt einfach alles: Pointierte Dialoge, schwungvolle Inszenierung, bestens aufgelegte Hauptdarsteller.

0:35 Uhr – „Spun“ (ARD)

Und wieder ein Drogenfilm. Mickey Rourke lohnt das Ansehen allemal.

Donnerstag, 11.01.

23:50 Uhr – „Darkman“ (Das Vierte)

Sam Raimis irre Comic-Achterbahnfahrt, optisch toll umgesetzt und wunderbar untermalt von Danny Elfman.

0:25 Uhr – „Der Teuflische“ (Arte)

Auftakt der arte-Trash-Reihe.

Freitag, 12.01.

20:15 Uhr – „Das Schloss im Himmel“ (S-RTL)

Passt mir gut, dass die Miyazaki-Filme jetzt ausgestrahlt werden, da ich sie gerade für mich entdecke.

20:15 Uhr – „Das fünfte Element“ (Pro7)

Der Film ist in Bezug auf seine schrillen Figuren und kindlichen Humor merklich zu überladen, da helfen auch die tollen Kostüme und die prachtvolle Ausstattung nicht weiter.