Dezember 21, 2010

Zuletzt gesehen: DER RÄUBER

Die "wahre Geschichte" eines österreichischen Bankräubers und Mörders, der in den 80er-Jahren als "Pumpgun-Ronnie" für Schlagzeilen sorgte und bereits Kinofilme wie Kathryn Bigelows Heist-Romanze "Point Break" inspirierte. "Der Räuber" ist die trostlose, karge und mitunter auch schwerfällige Drama- tisierung des Stoffes nach dem Roman von Martin Prinz. Rund 100 Minuten mit dem kaltschnäuzigen Protagonisten verbringen zu müssen, ist dabei angesichts der subjektiven Erzählhaltung eine reizvolle Herausforderung, zumal der Film, trotzdem er von Bewegung und Dynamik lebt, zu großen Teilen eher still steht. Dieser Widerspruch, wenn man ihn als solchen bezeichnen möchte, mag sich daraus ergeben, dass Benjamin Heisenbergs Film zwar Merkmale des Biopics und auch klassischer Caper-Movies trägt, durch die ausgeprägten Manierismen der "Berliner Schule" – in Anführungszeichen, weil es ja doch nur ein diffuser Begriff zur Einordnung ist – aber auch kaum als reines Genrekino verstanden werden kann. In den extravaganten Fluchtszenen brilliert "Der Räuber" mit beeindruckend gefilmten Verfolgungsjagden, die in der Inszenierung von Tempo und Kinetik an die beiden "Bourne"-Sequels von Paul Greengrass erinnern, durch ihren vergleichsweise reduzierten, makellosen Schnitt jedoch eine eigenständige Faszination entwickeln. Insgesamt ein etwas unentschlossener, aber einfach bemerkenswert inszenierter Film.


70%

Kommentare:

  1. Tatsächlich 70% - die sind aus deiner Hand für meinen persönlichen Jahres-Favoriten ja geradezu erleichternd.^^ Wie du weißt, hatte ich schon mit einem prätentophoben Verriss gerechnet. Leider kann ich dich likewise (noch) nicht mit einer Einschätzung deines persönlichen Jahresfavoriten beglücken, da mir die Technik Ärger bereitete und ich zu müde war.

    Erwartungsgemäß;-) hat sich dir der spirituelle Aspekt des Films, für mich auch der zentrale, nicht erschlossen, aber das macht nichts - dein Text wiederum entdeckt in dem Film auf eigene Art so etwas wie eine Schizophrenie (Berliner Schule vs. und mit Genrekino) und das ist auch sehr interessant. Wer sonst würde schon hinsichtlich dieses Films Parallelen zu den Bourne-Filmen ziehen? Ich wäre zwar nie auf den Gedanken gekommen, den Film als "schwerfällig" oder "unentschlossen" zu sehen (für mich ist er die total aufgeladene, atemraubende, determinierte Ultrakunst), noch nicht einmal so sehr trostlos, aber egal.:-)

    Was die Idee der "Berliner Schule" angeht, bin ich inzwischen auch immer skeptischer, da mehrere Regisseure, die zu selbiger offiziell als führend gezählt werden, mit ihren letzten Filmen alle irgendwie ziemlich abdriften vom eigenen Klischee (Hochhäusler mit UNTER DIR DIE STADT, Arslan mit IM SCHATTEN, Schanelec mit Orly, Petzold mit YELLA und JERICHOW) und sich dem Genrekino öffnen - was auch daran liegen mag, dass sie die eigene Schubladisierung ärgert und sie es den Kritikern so richtig zeigen wollen. Umso besser. Vielleicht sollte man sie noch ein bischen mehr ärgern, dann gibt es vielleicht eines Tages doch noch einen "richtigen" Berliner Schule-Action- oder Splatterfilm (eine famose Vorstellung, wie ich finde).

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  2. Ach ja, der "Protagonist" ist kaltschnäuzig?!

    Hm, ich sehe schon, das gibt noch ein interessantes, schangeliges Telefongespräch.

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  3. "Unentschlossen"? Das, was du so nennst, dürfte wohl eher gezieltes Konzept sein.

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  4. Deshalb schrieb ich ja, dass ich mir gar nicht so sicher bin, ob man da überhaupt von einem Widerspruch sprechen kann. Ich hatte aber definitiv das Gefühl, dass der Film diesbezüglich einen indifferenten Ton anschlägt. Ob das intendiert war oder nicht, ist ja erst einmal egal, und wie man das bewertet, ist jedem selbst überlassen.

    "Kaltschnäuzig" ist vermutlich auch nicht die treffendste Beschreibung für die Figur von Andreas Lust, aber ich empfand ihn als misanthrop, abgebrüht, gefühlskalt, leer, statisch... zumindest als einen schwierigen Charakter, mit dem ich diesen Film nur ungern teilen wollte.

    ORLY und IM SCHATTEN möchte ich ja nun allein deshalb schon schauen, weil Vorschneider dort auch die Kamera führt. DER RÄUBER ist ja wirklich enorm beeindruckend photographiert, zumindest für einen deutschen Film. Hihi.

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  5. "Ob das intendiert war oder nicht, ist ja erst einmal egal"

    Denke ich nicht. Für mich macht der gesamte Film einen bis ins letzte Detail genau geplanten, ultra-kalkulierten Eindruck..also ähnlich gefühlskalt wie der Räuber selbst. ;)

    Wie diese Arbeitsweise ankommt, kommt natürlich auf den einzelnen an, aber eine persönliche, eventuell einfach daneben liegende Lesart (in dem Falle eine unterstellte "Unentschlossenheit") grundsätzlich über die Intention und den Plan des Filmemachers zu stellen, was ja bei vielen sehr beliebt scheint, halte ich ja für eher daneben.

    Aber ich kann natürlich auch nur stark vermuten und von daher kann ich auch nicht mehr Recht haben als du. ;D

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  6. Ihr habt beide den Arsch offen. Zum einen ist der Räuber (Johann Rettenberger, wie er im Film heißt - vergisst man aber schnell) ganz sicher nicht gefühlskalt sondern ein beschädigter Mensch, der sich in sich selbst zurückgezogen hat und seine Gefühle für sich behält (und ich ging eigentlich davon aus, dass das offensichtlich sei), und zum anderen ist es keinesfalls daneben, eine persönliche Lesart über die "Intention und den Plan" des Filmemachers zu stellen, da man diesen als Rezipient unmöglich kennen und erfassen, höchstens erahnen (bzw. daran glauben;-) kann (Interviews? Drauf geschissen.) und dem Filmemacher gegenüber keinerlei Verantwortung besitzt, abgesehen vielleicht davon, dass man versuchen sollte, sich auf ihn und seinen Film einzulassen. Mit "Intention und Plan" zu argumentieren, hieße ja, mit "objektiven Argumenten" zu arbeiten und diese existieren generell, gerade aber in der Rezeption von Kunst, schlichtweg nicht. Was sind denn das hier schon wieder für Selbstherrlichkeiten. Tsss.

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  7. Sehe ich im Prinzip auch so, hatte aber keine Lust auf diese langweiligen Intentionsdiskussionen, deshalb habe ich es unkommentiert gelassen.

    Was den Protagonisten betrifft: Das ist wohl ebenso Auslegungssache. :)

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