Dezember 14, 2010

Kino: THE TOURIST

Was ist eigentlich schlimmer – Florian Henckel von Donnersmarck oder die Filme, die er macht? Der Größenwahn eines Mediengespensts oder die Zelluloidverwurstungen eines Wenigkönners? Das elitäre Geschwafel über die Adelshoheit oder die klebrige Filmhochschulsülze? Erinnerung: Das bayrische Wunderkind Florian gewann den Oscar für seinen Hollywoodanbiederungs- und Uni-Abschlussfilm "Das Leben der Anderen". Anschließend hat er öffentlich Henry Hübchen verunglimpft und sich an die Poperze von Tom Cruise gekuschelt. Dann organisierte er schnurstracks einen Umzug nach Los Angeles und verschwendete 100 Millionen US-Dollar für "The Tourist", den ödesten Starfilm seit der Erfindung von Starfilmen. Und nun macht er Promotion für dieses Vehikel, z.B. in der Süddeutschen, wo er über den glorreichen Hitler-Widerstand der Adelsklasse und seinen Cousin "KT" zu Guttenberg sinniert. "Die Donnersmarcks sind ja die Erben von Goethe.", sagt er. Und: "Vielleicht hat es noch nie in der Geschichte der Menschheit irgendjemand besser gehabt als ich."

Florian ist also der Auserwählte. Er hat einen kulturellen Bildungsauftrag und er hat sich mit zwei Filmen sowohl als politischer Filmemacher wie auch Unterhaltungsregisseur beweisen wollen. Neo-Flo, the One, ist ein viel beschäftigter Mann zwischen Goethe-Erbe, Oscarjunge und gesellschaftlicher Selbstaufgabe. Und den Hollywood Dream muss er auch noch träumen. "You'll never get over this", soll ihm Steven Spielberg nach der Oscarverleihung zugeflüstert haben – Flo hat lange über diesen Satz gerätselt, ist aber zu dem bequemlichen Schluss gekommen, dass Spielberg Filmpreise wahrscheinlich viel wichtiger als er nehme. Und sowieso habe F. H. v. D. den Oscar ja nicht für sich, sondern für uns gewonnen: "Da ist 'Germany' eingraviert." – Adel verpflichtet, die Mission eben. Nächster Halt: Bundes- ministerium für Bildung. Dann kann Flo seinem KT mal von Minister zu Minister die Hand schütteln.

Drei Jahre Zeit nun hat er sich nach seinem Stasi-Siegeszug genommen, um Drehbücher zu wälzen, Projekte zu sortieren, Kontakte zu knüpfen. Und dann fiel seine Wahl ausgerechnet auf ein US-Remake des französischen Films "Anthony Zimmer" von Jérôme Salle, einer seichten Spionagekomödie mit Urlaubsflair. In den Hauptrollen zwei der bestbezahlten Hollywoodstars, erstmals gemeinsam vor der Kamera. Alles streng auf Kurs, Kino nach Plan. Möglichst früh an der eigenen Vielseitigkeit werkeln, um es auch als großer Auteur zu schaffen. An denen hat sich Flo schließlich schon immer orientiert: "Das Leben der Anderen" adaptierte Prämisse und Ästhetik von Coppolas "The Conversation" auf Schmal- spurniveau, "The Tourist" bemüht sich um die komplexe Leichtigkeit eines "To Catch a Thief" oder "Charade". Hitchcock und Donen, die massakrierten Paten.

"The Tourist" ist letztlich ein reines Branchenerzeugnis, eine formschöne gewollte Visitenkarte fürs Ego seines Regisseurs und ein so derart irrelevanter Film, dass eigentlich jede Zeile über ihn eine Zeile zu viel wäre. Aalglattes Starkino gut und schön, doch was Angelina Jolie und Johnny Depp hier zwischen gelangweilter Möchtegern-Laszivität und aufgedunsener Unansehnlichkeit an komatösen Dialogen aufsagen, das grenzt an vollständige Arbeitsverweigerung. Der Film ist in einem derartigen Schneckentempo erzählt, mies geschrieben und einfallslos in Szene gesetzt, dass die Academy besser auf der Stelle ihren Goldjungen zurückordern sollte.

Diese einschläfernde, dröge, lahmarschige Krimikomödie tut mit ihren dilettantischen Actionszenen und dem hundsmiserablen Schnitt nicht nur physisch weh, sie leistet sich in ihrer nicht gekonnten Laissez-faire-Attitüde auch noch eine widerwärtige Selbstgefälligkeit, die man wohl nur auf ihren Regisseur zurückführen kann. Dieses Nichts an Story, dieses hoch hinaus wollen und ganz unten landen, diese streberhafte, aber durch und durch ungenügende Nullnummer von einem Film ist nichts anderes als das ganz große Scheitern – und wird die erschlichene Karriere unseres Auserwählten, wenn es ihn schon nicht auf den Boden der Tatsachen bringen sollte, mit ein wenig Glück ins vorschnelle Aus befördern.


15% - erschienen bei den: 5 FILMFREUNDEN

Interviewquellen: SZ /FAZ


Kommentare:

  1. haha Goethe und Donnersfuzzi. Sehr schön.

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  2. Krimikomödie? Also ich halte den Film ja für komplett unlustig, uninspiriert sowieso, hab mich aber wohl etwas zu sehr von Johnny Depps "Ich spiele immer dieselben Typen, die man irgendwie cool findet"-Attitüde und den hübschen Bildchen nebst Jolie Popo blenden lassen. Auf jeden Fall ein großartiger Veriss!

    Bezeichnend übrigens auch, dass "Florian" regelrecht stolz ist auf seine Herkunft, während es Herrmann Otto Solms vermeidet. Und das, obwohl er von der bedeutungssüchtigen FDP ist ;-).

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  3. "Florian ist also der Auserwählte"

    Super!!!

    Ach was Kalkofe, ach was Ranicky... RAJKO!!!

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  4. Vielen Dank. :)

    Ist eigentlich nichts anderes als runtergeschriebene Wut, aber wahrscheinlich braucht's das ab und an mal.

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  5. Was ist eigentlich besser? Über den schlechten Film oder über die Review zu lachen, die den schlechten Film wunderbar runtermacht?

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  6. Mr. Hankey14/12/10 20:37

    Schon witzig. Bei den 5 Filmfreunden scheint wohl keiner die Kritik zu mögen (ist aber auch wirklich ein wenig arg persönlich geworden) und hier scheinen Sie Dir dafür fast nen Oscar geben zu wollen. :) (Irgendwie bin ich hier anscheinend immer der Einzige, der nicht in den "Loben wir den Rajko"-Lobesgesang einsteigen will ;) ;) ;))

    Aber nun gut, hier bin ich auf Deiner Seite. Der Donnersmark ist ein derart arogantes Arschloch, das geht echt gar nicht. Auch wenn Depp und Jolie eigentlich immer ein Grund sind, sich einen Film anzuschauen, der Flo verhagelt mir dann doch das Vergnügen! ;(

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  7. Hey, immerhin ein dreifacher Globe-Globe-Nominee

    :D :D :D

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  8. Sehr schöner Veriss, der gerade wegen der Wut soviel mehr Energie und Überzeugung inne hat. Bei der Gestalt Donnersmarck ist Ärgernis auch kein Wunder.

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  9. @ Okami Itto:

    Dito. Rajko kommt eben erst im Ultra-Verriss zu sich.:-) Hat viel Spaß gemacht, der Text, und spricht wohl jedem FHvD-Feind aus der Seele. Der Mann geht sowas von überhaupt gar nicht, das ist nicht mehr feierlich. Mit fasziniertem Abscheu las ich vorgestern den großen SPIEGEL-Artikel über den Film und die ganzen Ungeheuerlichkeiten, die der liebe Flo da so ganz leger von sich gibt. Unfassbar. Überhaupt: Es gibt Insider-Geschichten über den Mann, bei denen kommt einem das kalte Grausen. Z. B. hat er mal bei einem Kurzfilm-Festival, wo sein DOBERMANN gezeigt wurde, angerufen und sich beschwert, dass er keinen Preis gewonnen hat, wo er doch sonst überall ausgezeichnet wurde. LOL.

    Hoffentlich kommen jetzt wenigstens ein paar Leute auf den Trichter, was für eine belanglose, tendenziöse, kitschige, selbst-affirmative und inszenatorisch banale, selbstgefällige Belanglosigkeit und Historyploitation DAS LEBEN DER ANDEREN wirklich war.

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  10. Das Original lief vor Kurzem im ZDF, danach dachte ich: "Oh, was für ein netter Film".

    Dann sah ich den Trailer zu "The Tourist" und dachte: "Das hatte ich doch erst kürzlich. Wieso...?".

    Dann las ich den Spiegel-Artikel und dachte: "Eieiei..."

    Und nun lese ich das hier und denke, ohne den Film gesehen zu haben: "Passt".

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  11. Haha, sehr schön geschrieben.:)

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  12. Dass Johnny sich sowas antut, ist mir echt unbegreiflich...Aber gut, ihm kanns egal sein, der guckt sich seine eigenen Filme ja eh nicht an.

    Und wir haben dafür einen wunderbaren Text von dir ^^ Letztendlich war der Film also doch für was gut.

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  13. Hihi... Ich habe zwar "The Tourist" nicht gesehen und hatte ohnehin nicht vor, etwas daran zu ändern, habe dies aber trotzdem gern gelesen, weil mir Florian Henckel von Donnerbalken auch ausgesprochen unsympathisch ist ("Die Erben von Goethe" - erstens schlägt das ja wohl dem Faß den Boden aus, und grammatikalisch ist es auch noch falsch, korrekt wäre "Goethes Erben"!), und weil ich in allem zustimmen kann, was "Das Leben der Anderen" betrifft: das war doch bestenfalls mediokrer, gnadenlos überschätzter Coppola für Arme!

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  14. @Rajko: Hsbe mich köstlich über deine Review amüsiert und es trifft den Nagel auf den Kopf.

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  15. Thx. :)

    Sehen wir uns zur Berlinale?

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  16. Rajko, ich denke mal, dass ich 2011 nicht zur Berlinale kommen kann. :-(

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  17. Aus diversen Gründen, die ich hier jetzt nicht öffentlich machen möchte. :-)

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  18. Filmkritiker sind wie Eunuchen. Sie können's nicht selbst, wissen aber ganz genau wie's geht.

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