August 16, 2007

Retro: BIG TOP PEE-WEE (1988)

Das betuliche Vorstadtleben hat Pee-wee Herman (Paul Reubens) aufgegeben, er lebt nunmehr zurückgezogen auf einer Farm mit zahlreichen Tieren und einem botanischen Garten, in dem er mithilfe obskurer Substanzen u.a. Hot Dog-Bäume züchtet. Die Ortsansässigen scheinen von Pee-wees Anwesenheit jedoch ungleich weniger begeistert als seine Lunch-Freundin Winnie (Penelope Ann Miller), was sich auch mit dem Einzug eines großen Zirkusvereins unter Leitung von Mace Montana (Kris Kristofferson) nicht ändert: Nachdem ein großer Sturm über den Bauernhof zog, tummeln sich auf Pee-wees Farm nicht nur seltsame Wolfsjungen, Hermaphroditen und Winzlinge, sondern auch die italienische Schönheit Gina (Valeria Golino), die schnell das Herz des verträumten Einsiedlers gewinnt.

Was ist nur aus Pee-wee Herman geworden, jenem kindlich-naiven Frechdachs, der nie um eine schlüpfrige Doppeldeutigkeit verlegen war, der als selbst bestimmter Außenseiter die Welt entdeckte und all ihre grotesken wie auch liebenswerten Auswüchse stets mit herrlicher Beschränktheit zu kommentieren wusste? Der quirlige Pee-wee, wie man ihn aus Tim Burtons absurd-irrem Road Movie in wohliger Erinnerung hatte, ist leider einem biederen Langweiler gewichen. Das mag zwar konsequent erscheinen – wenn "Pee-wee's Big Adventure" von der Selbstsuche des Helden erzählte, berichtet "Big Top Pee-wee" folgerichtig davon, wie sich der Komiker nach seiner Initiation zurechtfindet – bricht indes aber mit dem sorgfältig nicht nur in Burtons Film, sondern auch den CBS-Specials "The Pee-wee Herman Show" und der TV-Serie "Pee-wee's Playhouse" entwickelten Konzept der Figur.

Denn die Fortsetzung des Kinohits wirft sämtliche Prinzipien über Bord, die wesentlicher Teil des Pee-wee-Konstrukts sein dürften. Reubens hat seinem Alter Ego die Asexualität krampfhaft ausgetrieben und versucht stattdessen überaus angestrengt, ihn zum Mittelpunkt einer Dreiecksbeziehung zu (v)erklären. Pee-wee Herman muss sich zwischen zwei Frauen, einer Brünetten und einer Blonden, entscheiden – das ist tatsächlich das Grundgerüst der Handlung. Wer oder was auch immer Reubens zu diesem braven Drehbuch getrieben haben mag, nichts von all dem entspricht der Figur, die mit ihrem androgynen Rougegesicht zuvor noch jeder sexuellen Annäherung mit exaltierter Komik entwichen ist. Gerade der in seiner eigenen Welt aus schrillem Spielzeug und gehörigem Realitätsverlust lebende Pee-wee als niedlich-doofer und vor allem gänzlich unschuldiger Außenseiter soll nun den Frauen hinterher trachten und nichts anderes im Sinn haben, als italienische Männerträume am reißenden Flussquell zu vernaschen?

An und für sich könnte man diese Wandlung vom Jungen, der nicht erwachsen werden möchte, hin zum biederen Herzensbrecher noch annehmen, würde damit nicht gleichzeitig auch jeder Witz flöten gehen. Die scharfsinnige Ironie, die sich in "Pee-wee's Big Adventure" besonders daraus ergab, dass die Figur ihr reales Umfeld mit herrlich irrealer Verschrobenheit wahrnahm, vermisst man nun erst recht, da sich Pee-wee mehr und mehr normativen Gesetzmäßigkeiten unterordnet und somit jeglichen anarchischen oder zumindest rebellischen Geist im Keim erstickt. Der Humor wirkt entsprechend konserviert, nie bissig, kaum zweideutig und nur selten so sympathisch albern, wie noch in der Fernsehserie oder dem ersten Kinofilm. Selbst die Slapstick-Einlagen scheinen verkrampft und einfallslos, obwohl der Zirkus-Kontext diesbezüglich ausreichend dankbares Potential liefert. Reubens zeigt überdies deutliche Ermüdungserscheinungen, immerhin sind einige Jahre vergangen, seit er Pee-wee das erste Mal über die Stand Up-Bühnen des Landes watscheln ließ.

Lediglich Danny Elfmans treibender und wie schon zuvor jede Bewegung betonender Score erinnert noch an Burtons Vorgänger, doch selbst hier gehen dem Soundtrack manches Mal die Ideen aus – nicht selten wirkt Elfmans Musik wie ein orchestrales Kauderwelsch, das die eingängigen Nino Rota-Melodien aus "Pee-wee's Big Adventure" nur unterschwellig aufgreift. Positiv in Erinnerung bleibt nur die kurze beschwingte Musical-Einlage zum Ende, die als eingeschobenes Film-Finale aber mehr kläglich denn spektakulär ausfällt. Erhebliche Schuld daran, dass "Big Top Pee-wee" letztlich ein großes Debakel darstellt, trägt jedoch Regisseur Randal Kleiser, der mit "Grease" und dem Trashklassiker "The Blue Lagoon" zumindest zwei Kassenschlager vorweisen kann (letzterer wird bemüht selbstironisch zu parodieren versucht, obwohl "Top Secret!" das schon wesentlich komischer hinbekam). Kleiser weiß einfach nicht mit der Figur umzugehen, für absurden Humor hat der Mann weder Gespür noch Elan, und einen Draht zu Reubens scheint er anders als Burton auch nicht gefunden zu haben. Überhaupt: Gar nicht auszudenken wie wunderbar dieser Film sein könnte, wenn sich nur jemand mit dem gleichen Faible fürs Andere daran versucht hätte. Oder wenigstens überhaupt irgendeinem Faible.

40%

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