August 14, 2006

DVD: RUNNING SCARED

Eine Frau wird hinterrücks niedergetreten. Ihr Ehemann drückt ihr Gesicht in eine kalte Pizza, die er zuvor als Aschenbecher benutzte. Im Nachbarhaus sitzt zur gleichen Zeit ein alter Mann beim Essen, zitternd, unruhig. Er verschüttet die Spaghetti, lässt sie in seinen Schoß fallen. Sein Sohn verspottet ihn. Gegenüber, wo der russische Mann noch immer seine Frau quält, tritt ein kleiner Junge die Treppe hinunter: „John Wayne was a faggot!“. Daraufhin schießt er auf seinen Stiefvater.

Die Welt ist böse. Der Mensch ist schlecht. Ein Überleben im Moloch aus Drogen, Bandenkriegen, schmierigen Cops und Kinderschändern ist nur unter Einsatz brachialer Gewalt möglich. Die Welt ist krank. Der Mensch ist gut? Der Prozess des Wertezerfalls muss nicht abgeschlossen sein, ihm ist mit abgehärteter Pose noch entgegenzuwirken. Die Welt ist einfach ein Loch. Und Regisseur Wayne Kramer („The Cooler“) fühlt sich mit „Running Scared“ dazu berufen, den Zuschauer tief hinein blicken zu lassen.

Es ist nicht nur eine unglaubwürdige Geschichte, deren Ereigniskette kaum schlechter hätte konstruiert werden können, es ist vor allem eine hochgradig alberne, eine mit lächerlichen Dialogen erzählte Gewaltodyssee, überdeutlich angelehnt an die aktuellen Genrevorbilder von Tony Scott („Domino“) bis – natürlich – Quentin Tarantino („Reservoir Dogs“). An der ästhetischen Oberfläche mag „Running Scared“ in dieser Richtung als einer der zahlreichen Epigonen durchaus funktionieren, leider kann er entgegen genannten Vorbildern mit keiner darüber hinaus gehenden Substanz aufwarten. Wo Scott zumindest den Versuch unternimmt, Schnitt und Kamera zu eigenen Erzählinstanzen mutieren zu lassen, steckt hinter dem spielerischen, hektischen Firlefanz dieser Photographie keine erkennbare Bedeutung, weil sie zwischen den vorgegebenen Schablonen nicht separiert, keine Differenzen schafft, sondern lediglich in Bewegung ist, trotz einiger ungewöhnlicher Einstellungen. Vielmehr erweisen sich Schnitt- und Kameraarbeit als bedeutungslose Darsteller, die Kramer ähnlich selbst verliebt zum Einsatz bringt, wie er den Film auch erzählt, nämlich spürbar zwanghaft auf „cool“ getrimmt, aber seelenlos.

Dabei verrät „Running Scared“ sein in Ansätzen ernstzunehmendes Potential an eine in jeder Hinsicht fragwürdige Inszenierung. Anstatt seine zentralen Figuren zu entschlüsseln, ihnen wirkliches Gewicht zu verleihen, zelebriert Kramer eine regelrechte Ode an die Gewalt, die ihr Publikum insgeheim eher begeistern, denn verschrecken soll, wird die ästhetisierte Darstellung jener doch konsequent als Lösung etabliert. Damit verspielt der Film seine Glaubwürdigkeit und die Chance, ein tiefgründiges Gesellschaftsbild im Stile eines „Taxi Driver“ zu zeichnen, gibt er seinen Figuren nicht einmal im Ansatz die Möglichkeit der Selbstreflexion – hier wird nicht hinterfragt, hier wird draufgehalten. Kramers Schicksale sind fadenscheinig verpackte, Testosteron gesteuerte Primaten. Die Message ist ja ohnehin deutlich: Schlecht ist unsere Welt.

„Running Scared“ ist somit ein Schritt zurück. Er dekonstruiert keinen Typus wie in Filmen von Martin Scorsese oder Michael Mann, er wiederholt ihn, determiniert Gegengewalt und Selbstjustiz als Prinzip. - Wie kann ein Leben in dieser Welt friedlich gelebt werden? Das Ende bleibt uns darauf keine Antwort schuldig. Es ist sogar ganz einfach: Töte alles und jeden, der dir mehr oder weniger im Weg steht. Dann, aber auch nur dann beginnt erst die Geburtsstunde der amerikanischen Familie. Viel Blut musste dafür fließen. Wie bei John Wayne eben.

Wertung: 2/10

Kommentare:

  1. jaja,vergrab dich ruhig hinter alten actionschinken.alles was neu ist , ist nicht gleichzeitig schlecht.deine filmkritiken sind belanglos und völlig
    klugscheisserisch dargestellt. deine verschrobene meinung interessiert keine sau.

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  2. jaja,vergrab dich ruhig hinter alten actionschinken

    Also welche "alten Actionschinken" du nun meinst, darüber rätsele ich in der Tat noch immer. Ich hoffe zumindest, du meinst damit nicht den im Text erwähnten "Taxi Driver", denn das wäre wirklich peinlich.

    deine filmkritiken sind belanglos und völlig klugscheisserisch dargestellt.

    Das ist natürlich immer eine Frage des Blickwinkels. Wenn du so empfindest, dann danke ich für die Kritik. Ich werde sie an entsprechende Helfer in meinem Kopf weiterleiten, kann allerdings keinen Erfolg garantieren.

    deine verschrobene meinung interessiert keine sau.

    "verschroben" werte ich mal als Argument, das liegt mir nahe. Ansonsten muss ich Dir widersprechen: Dich interessiert sie offenbar. Aber vermutlich bist du keine Sau. Oder?

    Herzliche Grüße,
    mein anonymer Mitleser

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  3. Die Bewertung 2/10 ist für diesen Film schlichtweg gesehen ein Witz. Noch dazu, da es sich unbestritten um einen wirklich sehenswerten Geheimtipp handelt!

    Wieder einmal ein schönes Beispiel dafür, daß Kinokritiken oftmals so unnütz sind, wie (mittlerweile) Winterbekleidung im deutschen Winter ...

    Wenn ein "Kritiker" einen Film in dieser Form zerreißt und ihn sogar mit "Ich werde immer wissen, was Du letzten Sommer getan hast" auf eine Stufe stellt, diese filmische Katastrophe erhielt vom o.g. "Kritiker" dieselbe Wertung, disqualifiziert sich ein Autor solcher Kritiken selbst, um es zukünftig noch wert zu sein, "gelesen" zu werden ... die künstlich intellektuell aufgeblähte Schreibweise, die oft den Eindruck erweckt, jetzt unbedingt superwissenschaftlich und gewählt zu klingen, tut sein übriges!

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  4. Die Bewertung 2/10 ist für diesen Film schlichtweg gesehen ein Witz. Noch dazu, da es sich unbestritten um einen wirklich sehenswerten Geheimtipp handelt!

    Und das sagt genau wer? Richtig, das sagst du. Es entspricht deiner Meinung, und die sei dir auch vergönnt. Akzeptiere doch einfach, dass das Review meinem Geschmack entspricht, es ist subjektiv gefärbt.

    Wieder einmal ein schönes Beispiel dafür, daß Kinokritiken oftmals so unnütz sind, wie (mittlerweile) Winterbekleidung im deutschen Winter ...

    Ist ja ein Wahnsinnsvergleich. Aber auch hier: Niemand zwingt dich, diese zu lesen. Es gibt (Gott sei Dank) noch genügend Menschen, die anders denken. Aber ganz abgesehen davon, ist in einem pluralistischen, unabhängigen Pressesystem nun einmal so, dass jeder Mensch ein Recht hat, sich vorab über Kultur zu informieren. Da kann er aus verschiedenen Quellen schöpfen, aber dass es möglich ist, das ist wichtig. Und wenn wir nicht auf einer Wellenlänge liegen, dann lies meine Kritiken doch einfach nicht.

    Wenn ein "Kritiker" einen Film in dieser Form zerreißt und ihn sogar mit "Ich werde immer wissen, was Du letzten Sommer getan hast" auf eine Stufe stellt, diese filmische Katastrophe erhielt vom o.g. "Kritiker" dieselbe Wertung, disqualifiziert sich ein Autor solcher Kritiken selbst, um es zukünftig noch wert zu sein, "gelesen" zu werden ...

    Und wieder verkaufst du deine eigene Meinung als der Weisheit letzter Schluss. Aber dennoch stelle ich hier nichts "auf eine Stufe", denn die reine Punktevergabe hat nicht annähernd den Aussagewert, wie der entsprechende Text dazu, weshalb es unnütz ist, da Vergleiche zu ziehen.

    die künstlich intellektuell aufgeblähte Schreibweise, die oft den Eindruck erweckt, jetzt unbedingt superwissenschaftlich und gewählt zu klingen, tut sein übriges!

    Du irrst dich, aber offenbar bist du etwas überfordert mit meiner Schreibe, deshalb habe ich Nachsicht.

    Zu guter Letzt sei gesagt, dass ich gern Kritik annehme, jedoch nicht wenn sie derart undifferenziert und vor allem hinter dem Titel eines Anonymous versteckt ertönt.

    In diesem Sinne hoffe ich, dass du meinen Blog künftig meiden wirst.

    Herzliche Grüße

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  5. Selten eine dämlichere Rezension gelesen.

    Die Kritiker vor mir haben das sehr wohl richtig bemerkt. Pseudointellektuelles Geschwafel verpackt in eine völlig überzogene aufgeblähte Schreibe, a la "Wenn ich mal groß bin, möchte ich Kinokritiker im Feuilleton der FAZ werden" ...

    Man muß schon differenzieren können, welchem Genre bestimmte Filme angehören, Äpfel mit Birnen zu vergleichen bringt da rein gar nichts. Und ein reiner Actioner kann nun mal nicht auf einem Niveau mit Filmen sozialkritischen Inhalts stehen.

    ende

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  6. Innovation wird von vielen Kinobesuchern mit übermäßig viel Gewallt, schnellen Schnitten und einem lauten Score, am besten Limb Bizkit oder ähnliches, verwechselt. Und Innovativ und Cool ist der Film vor allem, wenn es der Verleih nur groß und oft genug auf's Plakat und den Cover schreibt. Achja, nicht zu vergessen, gaaaaaanz wichtig. Tarantino muss natürlich irgendwas von Zukunft des Actionfilms schwafeln. Schwups, schon haben wir eine erfolgreiche fast Direct to DVD Veröffentlichung. Im Kino hat nämlich anscheinend niemand diesen Film wahrgenommen. Das reicht um selbst umsichtige Kritiker zu Bestnoten zu verleiten. Ich habe den Film zwar nicht ganz so schlecht bewertet, aber mehr als Peng Bum Peng ist wirklich nicht zu entdecken. Aber gegenüber Steven Seagal wirkt er schon verdammt ...;-)

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  7. Exakt! Jede vermeintlich coole Shoot Out-Pose wird ja mittlerweile zu Kult verklärt.

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