Juni 27, 2007

Retro: REBEL WITHOUT A CAUSE (1955)

In der überschaubaren Reihe früher Rebellenfilme, die sich noch bevor Hollywood das Thema in den 60er-Jahren endgültig für sich entdeckte mit der Entstehung und Ausbreitung einer neuen Jugendkultur in den 50ern beschäftigen, ist Nicholas Rays "Rebel Without A Cause" (…denn sie wissen nicht, was sie tun) nicht nur der populärste, sondern sicherlich auch der beste Beitrag eines großen Studios. Ausgehend vom Phänomen bzw. dem vielmals für bürgerliche und elterliche Propaganda missbrauchten juvenile delinquency-Begriff (Jugendkriminalität), mit dem auf die vermeintliche Verrohung einer ganzen Generation verwiesen und gleichzeitig zur Wiederherstellung hierar- chischer Ordnungen aufgerufen wurde, tatstet sich Ray eher vorsichtig und augenscheinlich wertfrei an die Mentalität einer sich unverstanden fühlenden, verlorenen Jugend.

Der Film arbeitet anders als z.B. Richard Brooks’ "The Blackboard Jungle" mit dem erstaunlichen und keinesfalls selbstverständlichen Kunstgriff, seine Geschichte ausschließ- lich aus Sicht der jugendlichen Figuren zu erzählen. Im Mittelpunkt steht Jim Stark, der von James Dean fast schon ikonisch und mit großer Geste dargestellt wird. Stark ist als neu zugezogener Bewohner einer Kleinstadt der Prototyp des rebellischen Loners, der sich weder seiner bemüht bürgerlichen Familie, noch dem verbreiteten Bild vom gehörigen und jegliche gesellschaftliche Ordnung duldenden Jugendlichen zugehörig fühlt. Anschluss findet der wilde Stark trotz Diskrepanzen ausschließlich bei einer Gruppe abtrünniger Teenager, die ihrem Bruch mit Konventionen durch schnelle Autos, lautem Rock’n’roll und ungeziemter Kleidung (blaue Jeans, weiße Shirts, rote Jacken) Ausdruck verleihen. Obwohl er schnell auf der Abschussliste der Teenager steht und sich erst in einer Prüfung als ihrer würdig beweisen muss, scheint Stark bei deren Anführer bereits Eindruck erweckt zu haben – trotz ihrer Unterschiede verbindet beide die Abscheu gegenüber allem Herkömmlichen der Gesellschaft, die sie für sich genommen schon als große Lüge empfinden.

"Rebel Without A Cause" beschäftigt sich mit einer Bewegung, noch während diese sich ausbildet. Wie kaum ein anderer Film seiner Zeit ist er dadurch so sehr im eigenen Kontext verhaftet: Weil die Bedeutung, geschweige denn die Auswirkung des dargestellten Aufbruchs noch gar nicht abzusehen bzw. einer Beurteilung fähig schien, wirkt Rays Versuch trotz seiner enormen Authentizität altmodisch und mitunter auch überholt, weil die Darstellung der Jugendlichen in ihrer Motivation und besonders ihren Zielen als Politikum noch gar nicht begriffen werden konnte – sofern man die Wertmaßstäbe der Gegenwart ansetzte. Dass die jugendlichen Helden des Films – Stark, seine neu gewonnene Freundin Judy und der kindliche Außenseiter Plato – in ihrer eigenen Struktur zum Ende hin letztlich ebenfalls innerbürgerliche Formen annehmen und somit jenen Werten erliegen, gegen die sie eigentlich rebellieren, ist weniger ein Widerspruch als die schlichte Erkenntnis, das ein über derartige Modelle hinausgehender Blick zur Entstehungszeit 1955 noch gar nicht möglich sein konnte. Innerhalb seiner zeitlichen Beschränkung ist "Rebel Without A Cause" nämlich geradezu subversiv in der Art, wie er sich sensibel seinen jugendlichen Figuren und deren Beweggründen verschreibt.

Dass den Erwachsenen bei Ray keinerlei Plattform und Blickwinkel zukommt, obwohl der Film offenbar für ein breites Publikum entworfen wurde, ist erstaunlich. So porträtiert er zwar auch Räume, die durch patriarchalische und elterliche Dominanz gekennzeichnet sind (am eindrucksvollsten: der Esstisch daheim bei Judy), doch geschildert werden diese Episoden immer aus Sicht der Jugendlichen, die den Zuschauer – und auch dies ist bemerkenswert vor dem Hintergrund, dass Warner eigentlich nicht im Sinn gehabt haben kann, ein weitestgehend konservatives erwachsenes Publikum zu verprellen – unweigerlich zur Identifikation einladen. Die Leistungen der jungen Schauspieler sind auch deshalb so glaubwürdig, da Ray sie ungewöhnlich viel improvisieren ließ. Abgesehen von Natalie Wood, die starr und ausdruckslos wie üblich agiert (und durch den Umstand, dass sie mit dem Regisseur eine Affäre hatte, sogar noch schlechter als sonst erscheint), lebt "Rebel Without A Cause" von seinen Schauspielern, denen die rebellische Pose auf der Stirn geschrieben steht.

Wenn sich das Abkapseln, das Rebellieren gegen bisherige Gefüge darin äußert, der elterlichen Vormachtstellung zu widersprechen und eine individuelle Artikulation zu entwickeln, dann schließt das ebenfalls mit ein, sein sexuelles Wesen zu entdecken und nicht hinter zugeknöpfter Keuschheit zu verbergen. Hier hält sich Ray zwar stark zurück und formuliert etwaige Thesen überaus uneindeutig, aber einer der maßgeblichen Gründe für die zersetzende Kraft des Films ist zweifellos dessen homoerotischer Unterton. Über weite Teile erzählt "Rebel Without A Cause" gar die Geschichte einer stillen Liebe zwischen Männern, die bei Stark freundschaftlicher, seinem Gefährten Plato jedoch sexueller Natur ist. Unabhängig davon, dass sowohl James Dean als auch sein Spielpartner Sal Mineo tatsächlich schwul waren, schwingt in jeder gemeinsamen Szene ein stilles Verlangen mit: Fortwährend blickt Plato seine geheime Liebe sehnsüchtig an, bis er ihm sogar eindeutige Avancen macht und ihn zu sich bittet, da er allein daheim sei. Obwohl nie bekannt wurde, dass Ray oder Autor Stewart Stern diesen Subtext intendiert hatten, so ist er nicht zu leugnen – Plato wird mit differenzierter Kleidung sowie unsicheren und femininen Bewegungen gezeichnet, ganz zu schweigen von seinem Alan Ladd-Photo im Schulspind.

Das sexuelle Bild des Films ist bei einer modernen Rezeption in diesem Zusammenhang allerdings auch nicht gänzlich unbedenklich. Dass vieles in "Rebel Without A Cause" des zeitlichen Kontexts wegen noch nicht bis zu Ende gedacht werden konnte, ist zwar eine Entschuldigung für die mitunter seltsamen Verhaltensweisen der Jugendlichen und sicher auch das versöhnliche Ende, legitimiert allerdings nur bis zu einem gewissen Punkt die Charakterisierung des Vaters von Jim Stark. Dieser läuft dem Rollenbild der 50er-Jahre zuwider, indem er sich nicht gegen seine Frau durchsetzen kann. Er hat sogar sprichwörtlich nicht ‚die Hosen im Haus’ an, wenn er eines Abends mit Schürze auf dem Boden kniet und putzt. Diese Wesenszüge sind allerdings dahingehend ausgelegt und inszeniert, als sie die Figur denunzieren: Durch den Umstand, dass Mr. Stark zu femininem, zumindest aber unmännlichem Verhalten tendiert, kann er seinem Sohn Jim nicht der Vater sein, den dieser benötigt, um sich nicht verloren zu fühlen. Es ist zwar richtig, dass der Film die Schuldfrage bei den elterlichen Instanzen sucht, nicht jedoch deren unkon- ventionelle Lebensverhältnisse anprangert. Dies ist einer der wesentlichen Widersprüche in "Rebel Without A Cause", der das Verhalten seiner Titel gebenden Helden eben nicht für grundlos erklärt.

Platos stilles Bekenntnis hingegen ist beispielhaft für die innere Zerrissenheit der Figuren, die mit unterschiedlichen Problemen zu kämpfen haben, dabei jedoch alle die Isolation vom Vormund, das Gefühl, allein und unverstanden zu sein, eint. Sinnbildlich für diesen Gefühlszustand steht Starks energischer Ausspruch "You’re tearing me apart! ". In einem Ruhemoment vor dem großen Finale finden sich Stark und Plato noch einmal im Planetarium ein: Sie fliehen ausgerechnet an jenen Ort, der ihnen auf ihrer Suche nach sich selbst demonstriert, dass sie nur ein kleines unbedeutendes Glied einer großen universalen Kette sind. Aber vielleicht ist genau dies der Ansatz für wahre Rebellion: Wenn sich der introvertierte Plato die rote Jacke seines Freundes überstreift, finden zumindest kurzzeitig zwei selbst bestimmte Menschen zusammen – in einer Gesellschaft, die Jugendlichen jegliche Souveränität aberkennen möchte.

80%

Kommentare:

  1. Lass meine Natalie Wood in Ruhe *cry*

    Sehr schöne Analyse eines ebenfalls sehr schönen Filmes, aber irre ich mich oder heißt Sal Mineos Figur nicht "Plato", statt "Pluto"?

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  2. Ups stimmt, vielen Dank!

    Ok, ich sag nix mehr zur Wood. ;)

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  3. Hat mir, - bis auf eine einzige Ausnahme sehr gut gefallen. Und das ist selten bei einer Rezension, wo es neben dem Film um einen Menschen wie James Dean geht, mit dem ich mich nun seit mehr als drei Jahrzehnten beschäftige. Der Punkt ist, das Dean NICHT homosexuell, sondern bisexuell war. Und m.W. war es auch bei Sal Mineo nicht anders, wobei ich mir da aber nicht 100% sicher bin, also will ich mich da lieber nicht in wilde Behauptungen stürzen. Und was bedeutet schon ein Alan Ladd Foto im Nachtspind, mal ehrlich ?

    Das Zusammenfinden der drei in der Villa mag ja einerseits einen sexuellen Kontext haben, vermutlich aber in weit unschuldiger Form als heutzutage. Und andererseits symbolisiert es mit Sicherheit auch den Wunsch nach der >eigenen> Familie mit, die einem Schutz und Geborgenheit gibt.

    Das ungeklärte Vater/Sohn Verhältnis, das er hier nach "Jenseits von Eden" nun ein 2. Mal verarbeitet hat, hat er ja selbst persönlich auch in seiner Biographie als ungeklärt erlebt. Aber homosexuell war er auf gat keinen Fall.

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