Juni 12, 2007

Kino: HOSTEL PART II

Das Gewese war seinerzeit groß in Toronto, als der begeisterte Jungspund Eli Roth auf dem Filmfestival seine unabhängig produzierte, stark an Sam Raimis ersten Horrorausflug "The Evil Dead" erinnernde Genrereflexion "Cabin Fever" präsentierte. Heute, fünf Jahre später, ist er jener Produktionsfirma Lions Gate, die ihm zu dieser Zeit Unterschlupf gewährte, noch immer treu – obwohl sich die Einspielergebnisse seines zweiten Films "Hostel" bereits in Blockbuster-Sphären bewegten und jeden Umzug in Major-Gefilde nur zu verständlich hätten erscheinen lassen.

Zu genau diesem hat Roth nun eine Fortsetzung inszeniert – zumindest diesbezüglich also beweist der Mann Geschäftssinn, sofern man hinter dessen Fanboy-Eloquenz ohnehin nicht grundsätzlich mehr exploitative Gier denn jenes Engagement vermuten möchte, das ihn mit seinem Lehrmeister und Produzenten Quentin Tarantino zu verbinden scheint. Der erste Ausflug in die feuchten Keller osteuropäischer Folterräumlichkeiten, wo gut situierte Männer dem Spaß an der Freude wegen bürgerlich-legere Etikette gegen Bohrer und Kreissäge eintauschten, war jedoch anders als Roth’ viel versprechendes, ironisch distanziertes Erstlingswerk nur eine überaus müde Reproduktion gängiger Genreklischees, die fast schon anmaßend bedient denn gehörig gebrochen wurden. "Hostel" ließ jegliche verspielte, unverbrauchte Frische aus "Cabin Fever" vermissen und erwies sich als übler Marketing-Gau, der nach lang geschürter (und gemeinsam mit Internetnervensäge Harry Knowles initiierter) Erwartungshaltung nicht als großspurig versprochenes Gorefest, sondern eher wie eine unoriginelle Teenhorrorversion von "Eurotrip" daherkam.


Das legten dem Film nicht wenige übereifrige Feuilletonisten als cleveres Kalkül aus und interpretierten die sadistischen Qualen pubertärer Ami-Backpacker mehr noch als ironische Antwort auf die Folterbilder gegenwärtiger US-Gefangenlager. Ehe ihm die Kritikerschar damit reihenweise auf den Leim ging, ließ sich Roth genüsslich als Erneuerer des intelligenten Genrekinos feiern, ohne dass sein (im Übrigen durchaus ernst gemeinter) Film auch nur annähernd etwaige Umdeutungen zuließe. Selbst wenn sich "Hostel" als amüsante Metapher verstünde, den US-politischen Größenwahn in Form sexgeiler Nerds mit den überspitzten Schrecken des Ostblocks zu konfrontieren, so hat es sein Regisseur versäumt, dies in eindeutige Blickwinkel zu fassen – die Sicht des Films entspricht und bestätigt letztlich all die Klischees und Vorurteile der vermeintlichen Helden.

So soll es das Sequel anders machen. Und Gesetz den Fortsetzungsregeln erscheint "Hostel Part II" erst einmal als 1:1-Remake seines Vorgängers. Den unanständigen Jungs weichen nun unanständige Mädels, die Folterkeller indes sind allerdings noch genauso blutverschmiert wie zuvor. Dorthin werden zwei zuckersüße Skihäschen und ein hässliches Entlein, das bedauerlicherweise von der stilvollen Heather Matarazzo verkörpert wird (Talentverschwendung!), verfrachtet, um sich unfreiwillig in die Obhut der eigenen – psychisch etwas verwirrten, aber wohlhabenden – Landsmänner zu begeben. Diese malträtieren so munter drauflos, dass alle Unkenrufe hungriger Gorehounds Gehör gefunden haben müssen: Zumindest in der ungekürzten Fassung (die die FSK jedoch nicht ungescholten passierte – hierzulande musste die Kinoversion einige Federn lassen) schlägt der Gewaltpegel mitunter so stark aus, dass sich das begierige Jungvolk zufrieden zeigen dürfte. Ohne Zweifel nämlich ist "Hostel Part II" der brutalste Vertreter in der langen Reihe gegenwärtiger Torture-Porns, wenn man beispielsweise der unangenehmsten On Screen-Kastrierung seit "Cannibal Ferox" beiwohnen darf.

Hier scheut der Film die Vorbilder keinesfalls. Nicht nur wegen der europäischen Schauplätze erinnert die Ästhetik des Films sowohl an die klassischen Italo-Splatter als auch eleganten Giallo-Vertreter, zumal Roth manch verwegener Genregröße, darunter Ruggero Deodato und Edwige Fenech, auch augenzwinkernde Leinwandauftritte gönnt. Das jedoch ist freilich nur nebensächlich, bedenkt man den nicht gerade unparadoxen Umstand, dass "Hostel Part II" nunmehr zweifellos als Komödie verstanden werden möchte und im krassen Gegensatz zum Vorgänger als solche auch bestens funktioniert. Roth inszeniert mit einer nahezu perfiden Freude Geschmacklosigkeiten am laufenden Band, die mindestens so unangemessen wie over-the-top sind und all jenen Kritikern die Schamesröte ins Gesicht treiben dürften, die ihren Verursacher einst noch als subversiven Denker postulierten. Und so widerlegt der Film schlussendlich gar noch seine sauber erarbeiteten Klischees in Dramaturgie und Figurenzeichnung, um sich ganz unerwartet und mit süffisanter Konsequenz anarchisch-exzessiven Splatter- eskapaden hinzugeben. Darüber lacht der Zuschauer dieses Mal nur zu gern mit Ihnen, Herr Roth!

70%

Kommentare:

  1. daumen hoch! jetzt freu ich mich drauf :D

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  2. Ui, Freude - hätte im Leben nicht gedacht, dass der bei Dir so gut wegkommt. Bin so heiß drauf, dass ich mir sogar die Cutfassung im Kino geben werde. Und wenn ich schon Namen wie Deodato und CANNIBAL FEROX höre, dann schlägt das Herz höher! ;-)

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  3. Auch nicht schlecht. Ich hatte mit 7-13 % gerechnet.

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  4. ich gehöre dann auch zu denen, die roth bei teil 1auf den leim ging ;-)

    nein, fand teil 1 wirklich großartig, weniger als horror denn als satire. nicht auf folterexzesse wie abu ghreib sondern auf die mechanismus des kaufen-und-verkauft-werdens, dem sich die jungs gegenüber sahen.

    die fortsetzung krankt für mich an den typischen schwächen eines sequels: das unverbrauchte ist weg. auch kam mir das ende viel zu plötzlich dahe rund einige szenen wie die mit der jugendbande waren seltsam deplaziert. immerhin waren die ansätze, mehr über die täter und die organisation zu erfahren, recht unterhaltsam. die biet-sequenz mag ich besonders. alles uin allem für mich eine kleine enttäuschung.

    ich sehe den film übriugens auch in der uncut-version nicht als derart extrem an, wie viele ihn hinstellen. bis auf 2 ausnahmen bleibt das ganze doch auf dem gore-niveau anderer horror-produktionen der letzten zeit.

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  5. @Cleric:

    Willst du den wirklich cut schauen? Überleg dir das nochmal!?

    @Anonym:

    Ich auch übrigens. *gg*

    @Marcus:

    Vielleicht ist es wirklich so, dass diejenigen, die Teil 1 nicht mochten (oder hassten - wie ich ;)) mit der Fortsetzung jetzt doch wesentlich mehr anfangen können. Werd' deine kritik auch noch lesen.

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  6. Bin dann auch einer derjenigen, die beim ersten Teil Roth auf den Leim gingen; meiner Meinung nach weiterhin (nun gut, ich habe ihn auch gestern erst das erste Mal gesehen) durchaus berechtigt. Da ich allerdings schon die Szene mit der Asiatin (du weisst schon: das ging ins Auge) überaus eklig fand, überlege ich mir nach deinen Worten wohl zweimal, ob ich mir "Hostel 2" auch anschauen werde. Dass sich bei diesen Filmen auch immer alle widersprechen müssen, was den Grad der Gewalt angeht, schlimm. ;)

    Naja, ich scheine für das Genre letztlich wahrscheinlich doch einfach nicht geboren worden zu sein.

    Aber das werde ich verkraften. :)

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  7. @ cleric

    so wie ich gehört habe, wirst Du deodato in der cut-fassung wohl ganz vermissen ;)

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  8. grammaton cleric15/6/07 23:58

    @marcus

    Kannst Du das etwas genauer formulieren... ;-) Irgendwie per Spoilertag o.ä.? Danke.

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