Juni 23, 2006

Retro: CAT ON A HOT TIN ROOF (1958)

Sometimes I wish I had a pill to make people disappear.

Die Literaturadaption „Cat on a Hot Tin Roof“ nach dem gleichnamigen Stück von Tennessee Williams („Endstation Sehnsucht“, „Baby Doll“) ist ein überaus schwerfälliger und von Altmeister Richard Brooks („Die Maske runter“, „Kaltblütig“) hervorragend inszenierter Film, der sich dem Thema gegenüber der Vorlage jedoch nicht in letzter Konsequenz widmet.

I've got the guts to die. What I want to know is, have you got the guts to live?

Die amerikanischen Südstaaten sind auch in den 50er Jahren noch spürbar geprägt von den Überbleibseln ihrer Isolierung gegenüber dem Norden, den leisen Nachwirkungen eines jahrelangen Bürgerkriegs, der die Union - eine nicht gewollte Bedrohung – zur Folge hatte. Williams bzw. Brooks beziehen sich nur äußerst marginal auf diesen geschichtlichen Hintergrund, konzentrieren sich aber auf die davon nicht abzutrennenden gesellschaftlichen Werte. Der große Stolz des Südens lag immer in traditionellen Familienstrukturen und prunkvollen Anwesen, ehrenwerten Prinzipien und dem Dogma der Sklaverei, auch wenn dieser Lebensstil von einer scheinheiligen Fassade geprägt war, die spätestens nach Vereinigung der Staaten nicht mehr aufrechterhalten werden konnte. „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ ist nicht der erste Film, der hinter die Oberfläche patriarchalischer Familientraditionen blickt, aber er gehört zu den eindrucksvollsten, nicht zuletzt weil er auf eine radikale Entlarvung verzichtet und den Dialog ebenso ruhig wie distanziert innerhalb der Familie führen lässt. Dass Brooks dabei stets glaubwürdig bleibt, ist die Stärke seines intensiven Films, der sich inhaltlich mal behutsam, aber auch ebenso entladend seiner Dramaturgie verpflichtet fühlt.

This is Maggie the Cat...

Durch eine verdichtete, kammerspielartige Atmosphäre der Enge wird Raum für den Fokus auf den Konflikt der Familie geschaffen, künstlerisch unterstützt durch ein stimmungsvolles Setdesign, sowie einer unauffälligen, aber effektiven Kameraarbeit. Der berstende Sturm vor der Haustür ist dabei Sinnbild und bedingender Auslöser für den Sturm im Innern, dem unvermittelten Aufeinandertreffen angestauter Emotionen an einem schwülen Regenabend. Jedes Mitglied der Familie Pollitt hat seine eigene Geschichte, sein eigenes Leid, das aus so unterschiedlichen wie doch gleich Gründen existiert: Einem Mangel an Liebe, an ehrlicher, nicht nur äußerlicher Integrität, an Wahrheit und an Toleranz. Eine Nacht, in der sich all der materielle Wohlstand und das Streben nach glänzendem Erfolg einer Konfrontation des Seelenlebens mit unausgesprochenen Wahrheiten gegenüber sehen. Dem Gelingen einer solchen Darstellung benötigt es einem Schauspielensemble, das die Glaubwürdigkeit der Figuren und den bitteren Ernst des Drehbuchs aufzugreifen vermag – im Falle von „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ eine Selbstverständlichkeit, liefern Elizabeth Taylor („Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“, „Spiegelbild im goldnen Auge“) und insbesondere Paul Newman („Exodus“, „Die Farbe des Geldes“) hier doch grandiose Leistungen ab, die zu den besten in ihrer Karriere gehören.

Every sultry moment of Tennessee Williams' Pulitzer Prize Play is now on the screen!

… ein Werbespruch, der nicht der vollen Wahrheit entspricht. So will das Drehbuch offenbar jeglichen Zwischenton, der die Beziehung zwischen Bricks und Skipper in ein über freundschaftlich hinausgehendes Licht rücken würde, eliminieren, obwohl diese Tatsache den Knackpunkt im Konflikt zwischen Bricks und Maggie darstellt, ist dies nicht zuletzt der Grund für die Eheprobleme der beiden. So bleibt es dennoch deutlich, dass der verstorbene Skipper nicht nur sportliches Idol, sondern der Freund, den Bricks liebte, war. Ob beide eine Beziehung hatten, bleibt dabei ungeklärt. Es wird lediglich versucht, mit dem überbetonten Nebenstrang, dass Magie eine Liebelei mit Skipper eingegangen wäre, diese Sichtweise zu verdecken, auch wenn sich gegen Ende bezeichnenderweise herausstellt, dass dem nicht so war. Eine Betonung oder Ausstaffierung dieser homosexuellen Anspielungen verbot sich im Kino des damaligen Hollywood von selbst, ein Umstand, der das kleine Quäntchen Ehrlichkeit opfert, das Die Katze auf dem heißen Blechdach“ noch benötigt hätte, um formal eine ähnliche Wahrheit zu erfahren, wie Familie Pollitt im Film.

Wertung: 7/10

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