März 17, 2015

Heimkino: XENIA



Athen, Hafen von Piräus. Sommer, Sonne, Selfies fürs Andenken. Urlaubsbilder, könnte man meinen – wenn nur der 15jährige Dany (Kostas Nikouli) nicht aus denkbar traurigem Anlass in die griechische Hauptstadt aufgebrochen wäre. Seine Mutter ist an den Folgen eines Lungenödems verstorben, vielleicht auch ihrer Alkoholsucht oder einiger "Tabletten zu viel". So genau scheint Dany das gar nicht zu wissen, seinem zwei Jahre älteren Bruder Ody (Nikos Gelia) übermittelt er die Todesnachricht nicht eben taktvoll: "Jenny gibt’s nicht mehr". Statt eine SMS zu schreiben sei er lieber persönlich nach Athen gekommen, immerhin. Nun drohe den Brüdern die Abschiebung, weil ihre albanische Mutter sich zuletzt nicht um eine Aufenthaltsgenehmigung kümmerte. Kontakt zum griechischen Vater haben Dany und Ody keinen, für sie ist er schlicht der „Namenlose“ – ein biologisches, gewiss nicht identitätsstiftendes Relikt nur mehr grober Erinnerungen. Ausgerechnet er, der Namen- und Gesichtslose, verbleibt indes als einzige Hoffnung des ungleichen Brüdergespanns, das fortan um seine Existenz fürchten muss. Problemgebeutelter könnte so eine neue griechische Odyssee, wie "Xenia" im Untertitel klarstellt, kaum ihren Anfang nehmen. Und, zugegeben, wohl auch nicht verheißungsvoller. 

Dany und Ody, das sind viel zu einnehmend-interessante Figuren, als dass man sie nicht auf ihrer Suche nach dem Vater begleiten wollte, so schwierig und vielleicht einer gewissen Wahrscheinlichkeit enthoben sich diese auch abzeichnen mag. Looking for a place like home, einerseits. Und ebenso sinnliche Erfahrungsreise, aufgeladen mit queeren Begehrlichkeiten, familiären Sehnsüchten, adoleszenten Fantasien. Nicht allein gilt es den unbekannten Erzeuger aufzuspüren, um von ihm Staatsbürgerschaft und Geld einzufordern, sondern einen Platz in dieser seltsamen Welt zu finden. Die notdürftige Odyssee, sie birgt dabei vor allem Chancen zur Selbstverwirklichung. Ody solle sich endlich bei der populären nationalen Castingshow "Greek Star" anmelden, drängt Dany den unsicheren Bruder. Weil auch Mutter Jenny sich das immer gewünscht habe, und er sein Talent nicht hinter einer Sandwichtheke verschwenden dürfe. Der so leidenschaftlich realitätsentrückte Dany wiederum, zu Beginn noch dabei, einem Freier die Mittagspause zu verkürzen, wird den brüderlichen Trip nicht ohne Blessuren überstehen, aber um einige bittere, zugleich wertvolle Lebenserfahrungen reicher sein.

Überhaupt: Was für ein wunderbarer Typ, dieser Dany. Mit seinen wuscheligen Blondsträhnen, dem leicht versteckt sitzenden Septum, der nicht zu bändigenden Lust auf bunte Lollies. Dazu pinkfarbene Chucks und Skinny-Jeans, Nietenhalsband, Armreifen, Fransenshirts. Und nicht zu vergessen: die Vorliebe für melancholische Kamellen der italienischen Popschlagerkoryphäe Patty Pravo. "Albaner und Schwuchtel", zieht Ody ihn auf, als sei der Bruder damit gleich doppelt gebrandmarkt. An Dany jedoch könnten solche Zuschreibungen, könnte jedes Aufsehen um seine vermeintlich polarisierende Erscheinung kaum spurloser vorbeigehen. Er mag nicht wissen, wohin es ihn einmal verschlagen wird, mangelndes Selbstvertrauen allerdings ist das geringste seiner Probleme – eine Coming-Out-Geschichte erzählt "Xenia" nicht, der großen Themenvielfalt des Films zum Trotz. Er begreift die Figur vielmehr angenehm widerspruchslos als schwulen Teenager, dessen hippeliger Habitus sich ganz besonders in hinreißend unbefangenen Übersprungshandlungen Ausdruck verschafft. Und als liebenswerten Aufrührer, der nicht etwa Gefahr läuft, seine Spaghetti zu versalzen, sondern schlimmstenfalls zu überzuckern. "Schmeckt irgendwie süß", kommentiert Odys Mitbewohner die Kochkünste des kleinen Bruders."Gut, nicht wahr?".

Als Dany und Ody nun erste Schuldzuweisungen und Vorurteile ausgeräumt haben, reisen sie ins makedonische Thessaloniki, das nach Informationen des Nachtclubbesitzers Tassos (Aggelos Papadimitriou) Auskunft geben soll über den mutmaßlichen Verbleib des Vaters. Im brüderlichen Passageritus nimmt Tassos eine zunächst unscheinbare Position ein, erweist sich aber als eigentliche Schlüsselfigur in der Frage elterlicher Verantwortung: Ein kleiner Hinweis genügt, um die mühsame familiäre Rekonstruktion zumindest auf Seiten des Zuschauers ins Wanken zu bringen. Stehen die Brüder ihrem Vater nicht längst gegenüber? Danys verbliebene Kindheitserinnerung – jenes einst geborgene Einschlafen auf des Papas weich behaarter Brust, das der Film in einer hinreißend schönen Einstellung auch surreal visualisiert – würde dafür sprechen, aber es bleibt als optionale Deutungsmöglichkeit dem Publikum vorbehalten. Stattdessen lässt Tassos die Brüder wissen, dass, sofern ihre Suche erfolglos verlaufen sollte, er sie einfach selbst unterstützen werde. Ihr Vater jedenfalls, gibt er ihnen noch auf den Weg, habe zwischenzeitlich neu geheiratet und sich als Kandidat der rechtsnationalen Partei aufstellen lassen.

Dieses Handlungsdetail ist nicht der einzige, aber deutlichste Verweis des Films auf eine neue Ausprägung reaktionärer Kräfte im krisengeschüttelten Griechenland. Bereits während Danys Überfahrt von Kreta nach Athen ließen sich im Hintergrund abfällige Bemerkungen einiger Mitreisender über ihn vernehmen, in der Hauptstadt wurde er sogleich Zeuge eines rassistisch motivierten Angriffs auf Kinder. So unschmeichelhaft Odys Kommentar zur Auffälligkeit seines Bruders auch gewesen sein mag, beschrieb sie zugleich eine bestimmte Wirklichkeit, in welcher der 15jährige Dany gleich mehrfach von Diskriminierung betroffen ist. In der Tat wird er im Verlauf des Films sowohl Opfer staatlich-autoritärer Willkür als auch eines homophoben Überfalls, wenn die Polizei ihn grundlos auf dem queeren Straßenstrich verhaftet und er wenig später an eine Gruppe Jugendlicher gerät, deren Schikanen sich Dany nicht gefallen lassen will. Er feuert eine heimlich herumgetragene Handfeuerwaffe ab und flüchtet mit Ody in den nahe gelegenen Wald – zumindest kurzzeitig gerinnt die Vatersuche zur gleichermaßen halsbrecherischen wie märchenhaften Tour de force.

Ihre gemeinsame Flucht, die der Film nicht allein als ein Davonlaufen vor ausnahmsweise rechtmäßiger Verfolgung, sondern auch als Rückzug von existenziellen Zwängen begreift, führt die Brüder schließlich in ein ruinöses Hotel, dessen Name dem Film seinen schönen Titel verleiht. Xenia, das bedeutet hier für einen kurzen Augenblick der Ruhe tatsächlich Gastfreundschaft, wie es die Herkunft des Wortes verkündet, und doch ist Xeni als griechische Bezeichnung fremder Menschen zu keiner Zeit aus dem mehrdeutigen Titel wegzudenken. Die brüderlichen Versuche temporärer wohnlicher Einrichtung im heruntergekommenen Anwesen, in das sich allerhöchstens noch streunende Füchse verirren (auch wieder etwas, das von Dany umgehend mit dem Photohandy festgehalten werden muss), gehören dennoch zu den schönsten Szenen des Films. Bevor er auf ein vielleicht etwas zu melodramatisch aufgeladenes Räuberpistolenfinale zusteuert, gönnt er seinen unwiderstehlich charmanten Helden noch einen letzten Moment geschwisterlichen Zusammenhalts, frei von Repression, Herabwürdigung und glücklicherweise sogar aller dramaturgischen Notwendigkeit: Seelenvergnügt feiern Dany und Ody die Volljährigkeit des älteren Bruders zu Raffaella Carràs Discohit Rumore, als könne ihnen niemand etwas anhaben. In dieser unbeschwerten Nacht vor dem Erwachen. 


erschienen in: 
sissy - Magazin für den nicht-heterosexuellen Film 24 (zur PDF-Ausgabe)
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