Januar 18, 2012

Kino: THE ARTIST

Was selbst der nicht-cinephile Mensch weiß: Die Ablösung des Stummfilms durch Musik, Sprache und Geräusche separat aufzeichnende Produktionen Ende der 1920er-Jahre brachte nicht nur die (ton)ästhetische Erweiterung, sondern kostete auch unzählige Größen des Kinos die Karriere. Der Selektionsprozess im Umbruch der Filmherstellung forderte beides, große Gesten und Stimmen, im von Einwanderern kultivierten Hollywoodland vorzugsweise akzentfrei. Eine eigentlich spannende Herausforderung für "den Künstler", wäre der Kampf gegen neue Gesichter und attraktive Präsentationsformen des Tonfilms für viele von ihnen nicht bereits vorzeitig entschieden gewesen. Wer die Auto- umstrukturierung der Filmstudios am Vorabend ihrer Goldenen Ära überstand, schaute in eine verheißungsvolle Zukunft ("Garbo talks!"). Andere gerieten in Vergessenheit, nahmen sich das Leben oder starben verarmt. [...]

Kommentare:

  1. JACK & JILL gefiel dir besser als THE ARTIST? Das spricht ja Bände über deine Qualität als Filmkritiker.

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  2. Klingt total abtörnend und total überzeugend, dein Text. Und just nachdem ich ihn gelesen habe, knallt auch gleich der Filmdienst das Erwartbare rein:

    "Als Hommage auf die Erzählkunst des frühen Kinos verzichtet der Film auf Farbe, Geräusche und Sprache und zündet ein Feuerwerk an Inszenierungseinfällen, um die ureigensten Ausdrucksmittel des filmischen Mediums hochleben zu lassen. Trotz der dramatischen Handlung eine genussvolle, elegante Beschwörung der Zeitlosigkeit und Magie des Kinos. - Sehenswert ab 14."

    Ich habe soeben beschlossen, dass Leute, die sowas schreiben, von mir in Zukunft einfach vorläufig ihre cinephilen Kompetenzen abgesprochen bekommen. Das geht gar nicht! Selbst wenn der Film tatsächlich was taugen sollte. Genau das gleiche liest man natürlich auch über fast alles von Guy Maddin (den ich übrigens auch nicht sooo toll finde).

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  3. ... und man wird es in Kürze auch über HUGO lesen, so viel ist sicher.

    (der zwar besser als THE ARTIST, aber auch recht profan in seiner Kino-gleich-Magie-Haltung ist, mit dem Unterschied allerdings, dass ich Scorsese eine solche Liebeserklärung abnehme)

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  4. Auweih - "Stummfilmstars, die vom aufkommenden Tonfilm verschluckt wurden, waren jene mit Sprachmanko".
    Wenn "The Artist" den Übergang von Stumm- zum Tonfilm auf dieser Versimplifizierung aufhängt, ist im wirklich nicht viel zuzutrauen...

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  5. Das behauptet doch niemand. Oder wo stammt der zitierte Satz her? Aus meiner Kritik jedenfalls nicht.

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  6. "SUNSET BOULEVARD, ein Film, der in wenigen Minuten mehr über die künstlerische Opferschaft und Rigorosität des Filmgeschäfts im Studiokino von einst vermittelt als THE ARTIST in 100 recht langweiligen Minuten."

    Wie und Wo? Wegen Erich von Stroheim oder was? Nicht, dass Sunset Blvd schlecht wäre, ich finde ihn durchaus besser als The Artist, aber wieso jetzt The Artist ein schlechter Film sein soll, leuchtet mir nach deiner Kritik überhaupt nicht ein. Klar - dass jetzt alle drüber reden und den Film in den siebten Himmel hypen verleitet das Kritikerauge naturgemäß, alles ganz genau zu beobachten und zu sezieren. Aber dieser Film war nie für das große Publikum gemacht. Es ist, jaja, eine Hommage und Hommage bedeutet weißgott nicht, dass der Film gleich ein bedeutungsschwangeres Statement in sich tragen müsste. Ich lese deinen Blog recht gerne, aber du musst unbedingt mit dem Message-Geschwafel oder besser mit dem Message-Gesuche aufhören. Filme erzählen in erster Linie mal Geschichten. The Artist tut das auf eine, wie ich finde, ziemlich unterhaltsame Weise. Der Film soll lustig sein und kurzweilig. Wie er dieses Ziel erreicht ist nicht blöd oder plump. Das Drehbuch folgt einem roten Faden, die Schauspieler sind hervorragend, die Charaktere zwar recht einfach aber sehr sauber und effektvoll profiliert. Die Musik ist niemals nervig, die Kamera leistet sehr solide Arbeit, der Film ist fantastisch ausgeleuchtet, er ist voller kompositorischer Einfälle. Leute, die nicht vordergründig auf diese Dinge achten, bemerken sie nur unterschwellig und haben Spaß. That's it. Ein schwarz-weißer Stummfilm kann ganz gewöhnliche Kinogänger im 21. Jahrhundert unterhalten, wenn sie sich nur darauf einlassen. Das ist Statement in Richtung CGI- und 3D-Wahnsinn genug, Melancholie und Kritik am Umbruch von Stumm zu Ton ist da überhaupt nicht nötig und wäre auch völlig albern, denn auch wenn offensichtlich auch Stummfilme Spaß machen können, heißt das ja nicht, dass Tonspuren Teufelswerk wären. Und auch wenn viele Stummfilmstars damals zugrunde gegangen sind und das sicher traurig ist, bedeutet das lange nicht, dass man über diesen Umstand nur traurige und ernste Filme machen dürfte. Selbstverständlich muss einem ein Film wie The Artist trotz allem auch noch gefallen. Dir hat er offensichtlich nicht gefallen. Die herablassende "Darüber kann ich nur müde lächeln" - Attitude finde ich aber selbst für deinen mitunter zwanghaften Avantgardestil etwas merkwürdig. Im Übrigen bleibt das Urteil "konzeptionell mangelhaft und inszenatorisch unausgegoren" im Kontext deiner "Kritik" leider ein reines Dogma.

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