Juni 28, 2011

Kino: THE WAY BACK

Drei Männer erreichen 1941 Indien, nachdem sie aus einem sibirischen Arbeitslager für Kriegsgefangene entkommen konnten. Mehr als 4000 Meilen zu Fuß, der Verlust treuer Gefährten und extreme körperliche Grenzerfahrungen lagen hinter ihnen. Peters Weirs fünfzehnter Spielfilm dramatisiert ihren Weg zurück in die Freiheit als existenzialistischen Todesmarsch vor zeitgeschichtlichem Hintergrund. Schweres und im besten Sinne altmodisches Erzählkino, das den australischen Regisseur nach jahrelanger Kinoabstinenz wieder zur Höchstform motiviert.

In einem sowjetischen Arbeitslager des stalinistischen Regimes beschließen sieben Gefangene den lebensgefährlichen Ausbruch. Angeführt vom Polen Janusz (Jim Sturgess) gelingt den Männern kurzerhand die Flucht aus dem Gulag. Das ist jedoch erst der Anfang. Mr. Smith (Ed Harris), Valka (Colin Farrell), Zoran (Dragos Bucur), Voss (Gustaf Skarsgård), Tomasz (Alexandru Potocean), Kazik (Sebastian Urzendowsky) und Janusz treten einen endlosen Marsch an, der sie durch die Mongolei, Tibet und schließlich über den Himalaya nach Indien führen soll.

"The Way Back" beginnt als konventionelles Gefängnisdrama im Zweiten Weltkrieg, doch Weir stellt nach der zunächst vergleichsweise problemlosen Flucht zügig klar, dass für seine Helden der Weg das Ziel ist. Der Film konzentriert sich ausschließlich auf die Route der Flüchtlinge, auf die Hindernisse, die es zu überwinden gilt, und auf die allmählich schwindende Lebenskraft der Männer. Diese müssen Wälder, Gebirge und Wüsten durchqueren, sich ohne Vorräte durch monatelange Strapazen quälen. Nur drei von ihnen überleben den langen Weg.

Als Zuschauer ist man über zwei Stunden lang an diese Gruppe gebunden. Die zunächst holzschnittartigen Figuren, die entlang funktionaler dramaturgischer Linien gezeichnet scheinen (gutmütiger Naivling, unberechenbarer Bösewicht, der weise Alte etc.), erhalten nach und nach konkretere Züge. Weir ist erfreulicherweise kein Regisseur, der alles auserzählen muss. Seine Charaktere bewahren sich eine gewisse Unnahbarkeit, was auch ihrer Situation entspricht, in der sie trotz eines lebenswichtigen Zusammenhalts vor allem auf sich allein gestellt sind ("Kindness. That will kill you here."). Und er arbeitet mit subtilen Andeutungen, Umrissen und Auslassungen.

Überhaupt ist "The Way Back" ein eindrucksvoller Regiefilm. Er lebt von feinen Zwischentönen, wohl überlegten Entschei- dungen in der Verdichtung des langen Marschs und einer starken Dynamisierung der Figuren, ohne ihnen viele Worte in den Mund zu legen. Als sich den Männern auf ihrem Weg ein Mädchen anschließt (Saoirse Ronan), erhält die Gruppe ein soziales Verbindungsglied. Durch sie erfährt das Publikum zumindest ansatzweise, wer diese wortkargen Ausbrecher eigentlich sind, was unnötiges Drehbuchrascheln – trotz einer eher ereignisorientierten Handlung – wirkungsvoll vermeidet.

Über seine gesamte Laufzeit hinweg hält der Film eine enorme Spannung, ohne die Geschehnisse mit (dramaturgischen) Stolpersteinen anzuheizen. Allein der Überlebenskampf der Männer ist so intensiv, dass es keiner weiteren Konstruktion bedarf. Die Gruppe muss keine zusätzlichen Hindernisse überwinden, und es kommt auch nicht zu künstlichen Konfrontationen. Stattdessen verkürzt Weir die lange inhaltliche Zeitspanne mit harten Sprüngen und bricht alle Zusätze auf die einfache Prämisse eines fast aussichtslosen Überlebenskampfes herunter.

Neben der logistisch komplexen und schnörkellosen Inszenierung beeindruckt "The Way Back" vor allem durch seine Besetzung. Der Film ist durchweg großartig, absolut präzise und ohne Show-Off-Momente gespielt. Andere Regisseure hätten sich hier gewiss zu publikumswirksamem Kitsch und Melodramatik hinreißen lassen. Weir nimmt den Zuschauer zwar an die Hand, (mit)laufen aber muss er schon noch allein. Zum wundervollen Umgang mit den Schauspielern sei unbedingt hinzugefügr, dass diese durch ein in jeder Hinsicht außergewöhnliches Make-Up unterstützt werden, das den körperlichen Verfall der Figuren stark akzentuiert.

Leider wird der ausnahmslos exzellente Gesamteindruck des Films auf den letzten Metern erheblich getrübt. Die Konzentration aufs Wesentliche schloss glücklicherweise auch einen Verzicht auf politische Stellungnahmen ein, weil das Überleben der Gruppe im Vordergrund stand. Am Ende aber möchte sich "The Way Back" plötzlich zur großen Geschichtspolitik aufschwingen, indem er mit abschließenden Texttafeln den Werdegang des Kommunismus beziffert (inklusive Mauerbau, Glasnost und Perestroika!). Diese Verlagerung von individuellen Schicksalen hin zum großen politischen Kontext verleiht dem Film ein abschweifendes Framing und hinterlässt einen unnötigen, etwas befremdlichen Nachgeschmack.


70% - erschienen bei: gamona

Juni 20, 2011

Zuletzt gesehen: THE CHANGELING

Wunderschönes und gefühliges Horrordrama, das einmal mehr Haunted-House-Grusel mit verdrängten Schrecken der Vergangenheit und ihnen zugrunde liegenden Erlöserfantasien verknüpft. Mit Liebe zum Detail arrangiert, außerordentlicher Sorgfalt im Pacing und virtuosen Schauermomenten zieht Peter Medak alle Register gekonnter Genreultrakunst: Türen, die sich wie von Geisterhand öffnen, Spiegel, die aus unerklärlichen Gründen zerspringen, ein knarrender Rollstuhl, der sich munter durchs alte Anwesen schiebt. Und dann auch noch ein geheimes Obergeschoss, in dem gar Schlimmes geschah. Aber: Dank einer verspielten Kamera, effektiver Tongestaltung und nicht zuletzt Mut zum Sentiment eine nicht im Geringsten angestaubte Spukhausreplik. Überragend: George C. Scott. Bemerkenswert: Ein Richtungswechsel in der zweiten Hälfte zum (fast politischen) Krimi, was ebenso unkonventionell wie gewöhnungsbedürftig ist, also super. Und ein paar Albernheiten gibt’s auch, aber das gehört dazu. Unerklärlich, warum der gebürtige Ungare Medak später nur noch, wenn überhaupt, Quatsch wie "Species II" inszenierte.


80%

Juni 18, 2011

Zuletzt gesehen: NATALIE - BABYSTRICH OSTBLOCK

Zum Ende ihrer fünfteiligen Schicksalsgeschichte eines auf die (meist ziemlich gerade verlaufende) schiefe Bahn geratenen Mädchens haben die "Natalie"-Macher ihren Fans ein schönes Abschiedsgeschenk gemacht. Die Ereignisse überschlagen sich in dieser irren Tour de Force (Kinderhandel, Entführung, Koma, waghalsige Stunts), als Natalie ihre Babystrich-Mission nun sogar nach Tschechien ausweitet und von einem spürnasigen Zufall in den nächsten tappt. Unter Rückbesinnung auf den ganz großen Schwachsinn der ersten beiden Filme, zelebriert "Babystrich Ostblock" ein Trashfest jedweder Couleur, das mit beinharter Konsequenz keine Dämlichkeit auslässt. Anne-Sophie Briest trimmt ihre Figur endgültig auf Schultheaterniveau und agiert in beinahe jeder Szene mit einer fassungslos machenden Emotionalität, die einen kreischend von der Fernsehcouch fegt. Bedrohliche Spannungsszenen in urigen tschechischen Baracken werden mit einer orientalisch angehauchten Musik unterlegt (= fremd und unheimlich), Ortsansässige durchweg als Zulieferer von Menschenhändlern und potentiellen Kindermördern ausge- wiesen. Am Ende von fünf berauschenden TV-Filmen weiß man, dass Natalie gern Cola trinkt und für fünf Minuten auf den Strich ging. Danke, SAT.1 – it was a bloody pleasure.


60%

Zuletzt gesehen: NATALIE - DAS LEBEN NACH DEM BABYSTRICH (Baby Line IV: The Natalie Supremacy)

Nach dem missglückten dritten Film schlafwandelt die einmalig dämliche "Natalie"-Serie mit ihrem vierten Eintrag in die Annalen deutscher Fernsehkunst durch neue Trash-Untiefen und knüpft damit erfreulicherweise nahtlos an die nicht vorhandene Qualität der beiden ersten Teile an. Ein Babystrich spielt nach wie vor keine Rolle, dafür aber langt der Film ganz tief in die Mottenkiste aller nur erdenklichen Soap-Klischees und wartet mit einigen so derart irrationalen Momenten schieren Blödsinns auf, dass es eine Freude ist. Stellenweise scheint die Autorin und Regisseurin des Vorgängers, Dagmar Damek, die belanglosen Ereignisse der Protagonistin zwar immer noch ein wenig beharrlich in Richtung normal und gut lenken zu wollen, überwiegend aber dominiert hemmungslose Fremdscham das Geschehen. Nicht eine einzige Szene in "Das Leben nach dem Babystrich" ergibt halbwegs Sinn, und wenn nicht gerade alle Darsteller unentwegt aneinander vorbeireden, schreibt Anne-Sophie Briest lautmalerisch in ihr Tagebuch und beglückt den Zuschauer mit herrlich bekloppten Off-Texten. Dass der Film sein angeblich ernsthaftes Thema HIV als reißerischen Aufhänger für neu konstruierte Probleme der lieben Natalie ausbeutet und sich dann sogar noch zu Fassbinder-Zitaten aufschwingen möchte, setzt der schonungslosen Schäbigkeit nur die Krone auf.


50%

Juni 17, 2011

Zuletzt gesehen: NATALIE - BABYSTRICH ONLINE (Natalie Part III: Baby Line on the Internetz)

Nachdem die "Natalie"-Vorgänger mit "Endstation Babystrich" und "Die Hölle nach dem Babystrich" ein komfortables Gesamtpaket aus deutschem TV-Mief, Schmuddelulk und genialischem Trash schnürten, zogen die SAT.1-Produzenten im dritten Anlauf leider die Notbremse. In "Babystrich Online" hat der Unfug Struktur bekommen, statt Megablödsinn gibt’s eine ambitioniert erzählte Geschichte mit sozialkritischen Posen und milden Exploitation-Schüben, aber nur noch sehr wenigen Gross-Out-Momenten. Ein paar lustige Schmierfinken und zwei, drei besonders doofe Dialoge, der Rest ist nahezu solide TV-Krimikost zum Abgewöhnen. Annähernd fähige Darsteller wie Simon Verhoeven rauben dem Quatsch jeden Spaß, und der beharrliche Plot ist so ermüdend, dass man sich nach dem formalen Durcheinander der Vorgänger sehnt (wenn schon schlecht, dann bitte richtig). Mit Babystrichen hat der dritte Natalie-Käse noch weniger zu tun als die beiden ersten Filme, stattdessen gerät die Heldin in die Fänge eines Kinderpornorings, was selbstredend ohnehin zu heikel ist, um da noch den Bad-Taste-Connaisseur verwöhnen zu können.


20%

Juni 16, 2011

Zuletzt gesehen: NATALIE - DIE HÖLLE NACH DEM BABYSTRICH (The Hell after the Baby Line)

Vor amüsanten Derbheiten nur so strotzendes Schmuddeldrama, das sich als Fortsetzung des SAT.1-Quotenphänomens "Natalie – Endstation Babystrich" versteht. Da der Film kaum imstande ist, die ohnehin nur marginale Geschichte des Vorgängers weiterzuspinnen, konzentriert er sich episodisch auf die Bewältigung der vorangegangenen Ereignisse. Das ist in seiner Vereinfachung und Grobschlächtigkeit noch einmal radikaler verblödet als im ersten Film und erspart sich auch keine Übertreibung bei der Thematisierung bürgerlicher Familienprobleme, jugendlicher Sorgen oder eben Kinderprostitution, garantiert jedoch im höchsten Maße unfreiwilligen Ulk und einige der vielleicht größten Fremdschammomente der heimeligen Ferseh- filmgeschichte. Wenn Natalies Eltern, gespielt von Bella-Block-Tochter Nina Hoger und Synchronallzweckwaffe Udo Schenk, aus heiterem Himmel wie Frischverliebte über ein Blumenfeld torkeln, mag sich "Natalie 2" nicht mehr länger nur mit Trash-Einlagen vergnügen, sondern gar in Camp-Gefilde vorstoßen. Besonders denkwürdig: Ein in Leder gehüllter Schulgangleader aus der "heißen Clique", der unserer Natalie an die Unterwäsche will. Für derlei tiefe Höhepunkte im deutschen Fernsehen möchte man seine GEZ-Gebühren sofort den Privaten spenden.


60%

Juni 15, 2011

Zuletzt gesehen: NATALIE ENDSTATION BABYSTRICH

Berühmt-berüchtigter Quotenknüller aus seligen SAT.1-Fernsehtagen, als reißerische Titel noch das fette Geschäft garantierten. Von DEFA-Regieurgestein Herrmann Zschoche ebenso lust- und einfallslos wie außerordentlich effektiv herunter geschraubt, zählt "Natalie – Endstation Babystrich" zu den glorreichen Klassikern des Münchener Senders, an dessen Schwachsinnserfolg dieser erst wieder mit "Die Wanderhure" anknüpfen konnte. Der aus zahllosen Trash-Highlights zusammen geschusterte Dilettantenstadl begeistert noch heute mit ausnahmslos unbeholfenen Leistungen seiner Darsteller, die selbst inklusive mehr oder weniger gestandener Fernsehgrößen aus Ost und West keinen Satz geradeaus sprechen können (/dürfen), sowie rigoros ausgeschlachteter "Gesellschaftsthemen". Die Wandlung der Protagonistin vom schlecht erzogenen Mittelstandsmädchen zur lüsternen Bordsteinschwalbe zieht dabei alle Register engagierter TV-Drehbuchkunst, während der Film mit seinen hemmungslos vulgärpsychologischen Kinderstrichelementen offenbar besonders die pädophilen Voyeure unter den Zuschauern vor die Glotze zu ziehen versuchte. Ein deutsches Post- Wiedervereinigungsfilmjuwel erster Kajüte.


60%

Juni 14, 2011

Kino: THE TREE OF LIFE

Jeder neue Film von Terrence Malick ist ein Ereignis, allein weil es ein neuer Film von Terrence Malick ist. Fünf großartige Langspielfilme in vierzig Jahren, keine öffentlichen Auftritte und gerade mal eine Handvoll Photos seiner Person haben zu einer Legendenbildung beigetragen, die ihn als einen der herausragenden amerikanischen Regisseure unserer Zeit ausweist.

Nach
"Badlands" (1973), "Days of Heaven" (1978), "The Thin Red Line" (1998) und "The New World" (2005) nun der "Tree of Life", Malicks ganz eigenes Epos von Schöpfung und anderen überlebensgroßen Themen. In Cannes wurde dieses wahlweise ausgebuht und beklatscht, gewann aber trotzdem die Goldene Palme als bester Film. Das Gemüterspalten zwischen Empörung und Faszination ist eigentlich die beste Voraussetzung für "The Tree of Life", Malicks Magnum Opus.

Eine durchgehende Geschichte erzählt der Film nicht, seine Struktur ist labyrinthisch und streng assoziativ. Gerahmt wird er von Monologen, Rückblenden und Gedankenfetzen eines Geschäftsmannes (Sean Penn), der nach schwerer Kindheit und dem Verlust des Bruders in einer Sinnkrise aus Fragen nach Diesseits und Jenseits gefangen ist. Sein Vater (Brad Pitt) war ein strenger Patriarch, gescheitert an eigenen Lebenszielen, seine Mutter (Jessica Chastain) eine bedingungslos gutherzige Hausfrau.

Malicks Entwurf der archaischen Kernfamilie führt zunächst einmal zum Ursprung aller Existenz. In einer unklaren Mischung aus Kreationismus und Evolutionstheorie gebären seine Bilder den Kosmos, die Welt und das Leben aus dem Nichts, angereichert mit Zitaten Hiobs. Zyniker werden das als aufgeblasene Trash-Esoterik bezeichnen, Polemiker als hochnotpeinliches Schwimmen in der eigenen Ursuppe. Ich nenne es betörenden Größenwahn. Alles oder nichts: Ein audiovisueller Gedankenstrom, ausgetragen aus Bedeutungs- schwangerschaft im ganz großen Stil.

140 Minuten lang zelebriert Malick Bilder von Schöpfung, Entwicklung und vermutlich göttlichen Interventionen. Seine Schauspieler sind Statisten, die mit wenigen Dialogen auskommen und sich den fragmentarischen Zusammenhängen ihres Regisseurs fügen müssen. Zu den anbetungswürdigen Bildern des derzeit besten Kameramanns der Welt, Emmanuel Lubezki, lässt Malick vorzugsweise Musik sprechen und überlegt Urknall und spielende Kinder auf Wiesen mit Mahler, Brahms und Smetana, sowie gelegentlichen Original- kompositionen des wiederum derzeit besten Filmkomponisten der Welt, Alexandre Desplat.


"The Tree of Life"
geht einem quasi universellen Existentialismus auf den Grund. Er fragt, ob der Mensch biologisch oder göttlich ist, ob er sich nur im Erleben seiner selbst verstehen oder doch nur Teil einer allgemeinen Ordnung sein kann. Malicks Film aber ist keine Lehrstunde in Philosophie, viel zu unkonkret sind seine Sinneseindrücke, Gedanken und Ausschnitte, um sie zum Diskurs erklären zu können. Auf eine berauschende Art montiert er Bilder und Musik zu einer ständigen Bewegung, in der der Zuschauer angeregt ist, dem spirituellen Strom gedanklich zu folgen. Anders als bei Ingmar Bergman oder Andrei Tarkowski ist die Beschäftigung mit Gott dabei noch eine Option, keine Voraussetzung.

Filme, die sich an solch gewaltige Themen wagen, die über Ursprung, Sein und Vergänglichkeit sinnieren, um die passende Entstehungsgeschichte allen Lebens gleich noch mitzuliefern, laufen immer Gefahr, sich zu verheben an der eigenen Überambition. Einem Spät- bzw. Alterswerk wie "Tree of Life" kann und wird man genauso Senilität unterstellen, wie man dies bei Francis Ford Coppolas "Youth Without Youth" oder anderen GGFÜA-Filmen getan hat – den "ganz großen Filmen über alles", wie Ekkehard Knörer sie einst treffend bezeich- nete.

Gerecht wird man einem Meister wie Malick damit gewiss nicht. Sein Film ist persönlich und intim, nicht erhaben. Wenn man
"Tree of Life" mit Stanley Kubricks "2001" vergleichen möchte, so wie zahlreiche Cannes-Kritiker, weil er an dessen Bildgewalt und Auseinandersetzung mit der conditio humana anknüpfe, muss man auch hinzufügen, dass Malick nicht vom Dinosaurierbaby zum menschlichen Säugling wie Kubrick vom Knochen zum Raumschiff schneidet. Er verzichtet auf vordergründige Komplexität und kreiert auch keine Bilder einer bloßen Aussage wegen. Bei Malick geht es um Mensch und Natur, nicht Technik und Technizismus.

Es ist schwer, der Begeisterung für diesen Film sinnvoll Ausdruck zu geben. Das bloße Aufzählen von durchaus widersprüchlichen Eindrücken – ergreifend, metaphysisch, verrückt, transzendal, gigantisch, banal, meditativ, anstrengend, vollkommen – wird ihm nicht gerecht und führt doch nur zu plattitüdenhafter Unklarheit und Behauptung. Es ist ganz profan: Entweder man findet einen Zugang zu diesem Film oder man findet ihn nicht. Es mag eine Frage der Haltung sein, Sinnlichkeit erfahrbar werden zu lassen und anzunehmen, oder eben sich ihr zu verwehren.



95%
- erschienen bei: gamona

Juni 11, 2011

Zuletzt gesehen: TORN CURTAIN

"Glaubt man den Exegeten, dann zählt die Angst, unschuldig eingesperrt zu werden, zu Hitchs favorisierten Ängsten. Zwei seiner, wie ich finde, schlimmsten Machwerke, I CONFESS (1952) und THE WRONG MAN (1956), legen davon Zeugnis ab. Man quält sich in diesen schier endlosen Filmen, die sämtliche Rituale menschlicher Schuldverstrickung wiederkäuen, über die Runden und stellt nur schulterzuckend fest: Solche Jammergestalten (die von Montgomery Clift und Henry Fonda gespielten Hauptfiguren), die als permanente Entschuldigung der eigenen Existenz umherschleichen, gehören aus dem Verkehr gezogen, weil sie ihren Mitmenschen ganz furchtbar auf die Nerven gehen. […]

TORN CURTAIN war der erste Hitchcock-Film meines Lebens und wurde, weil ich ihn als 14jähriger auf durchaus unterhaltsame Art total bescheuert fand, das Fundament meiner in Zement gegossenen Überzeugung, daß Hitchcock nicht ganz dicht sein mußte. […]

Doch mit inhaltlichen Ungereimtheiten (um es sehr dezent zu formulieren) darf man den beinharten Hitchianer nicht konfrontieren, denn ihn interessieren nicht glaubwürdige Geschichten, sondern technische Kabinettstückchen und die unzähligen Neuerungen, um die sein Idol angeblich den Kanon der kinematographischen Ausdrucksformen erweitert hat. Die härtesten Brecher unter Hitchcocks formalen Mankos, geradezu seine Markenzeichen, sind schlampige Deko- rationen, infantile Miniaturen und miese Rückprojektionen. In TORN CURTAIN läuft er diesbezüglich zu ganz großer Form auf. Traumwandlerischer Höhepunkt ist die Sequenz, die in einem Bus von Leipzig nach Ost-Berlin spielt. […]

Doch all das ficht die Fangemeinde nicht im geringsten an. Sie hat sich längst eine Theorie zurechtgeschustert, nach der das haargenau so sein muß, beim großen Hitch. Diesem windigen Erklärungsmodell nach sollen die intendiert unwirklichen, kulissenhaften Bildhintergründe und Exterieurs auf das gestörte Verhältnis aufmerksam machen, das viele Protagonisten Hitchcocks zu ihrer Umwelt haben. Fragt sich nur, wer da gestört ist."

Ulrich von Berg: Torn Curtain. In: Alfred Hitchcock. Lars-Olav Beier / Georg Seeßlen (Hg.)


1. - "Torn Curtain" gilt meines Erachtens zu Unrecht als (verhältnismäßig) schlechter Hitchcock-Film.
2. - Er zeichnet das wahrscheinlich groteskeste DDR-Bild der Filmgeschichte.
3. - Ist er dabei unnachahmlich vergnüglich bis trashig, besonders wenn russische Banditen Leipziger Landstraßen unsicher machen.
4. - Hat der Film einige der besten, wenn auch ganz und gar sinnlosesten Suspense-Momente im gesamten Hitchcock-Werk.
5. - Ist obiger Text eine Freudenlektüre vom Feinsten, nicht weil ich ihm inhaltlich sonderlich zustimmen würde, aber weil er pointiert diffuse Rezeptionsmuster ("traumwandlerisch", "unwirklich" und andere aussagelose Adjektive zur Filmbeschreibung) aufs Korn nimmt.


(70%)

Juni 06, 2011

OMG I CAN'T STOP CRYING!


"It's all gonna end! I don't know what to do!"
"You had sex, you got knocked up."

Nuttymadam und der erste Trailer zu "Twilight: Breaking Dawn". Mit Bellas Haaren scheint diesmal alles in Ordnung zu sein. Nur mit den "massive boobs" stimmt irgendwas nicht. :D

Siehe auch: Nuttymadams Trailer Reactions zu "Eclipse" und nochmal "Eclipse".

Juni 05, 2011

Kino: SOURCE CODE

Und täglich grüßt der Source Code. Immer wieder muss der einst im Irak stationierte Helikopterpilot Colter Stevens (Jake Gyllenhaal) acht Minuten eines tragischen Zugunglücks durchleben, das alle Fahrgäste nach einem Bombenanschlag in den Tod schickt. Gefangen in der geheimen technologischen Superwaffe eines Konzerns, dem so genannten Source Code, wird Stevens gegen seinen Willen so lange in die entscheidenden Minuten vor der Explosion zurückgeschickt, bis er die Ursache für den Crash gefunden und damit das Unglück verhindert hat. Gelingt es ihm, die Bombe im Körper eines anderen zu finden, ist seine Mission erfüllt.

Ein weiterer Science-Fiction-Gebrauchsfilm von Bowie-Sohnemann Duncan Jones, der abermals ein klassisches Sujet des Genres nutzt, um Fragen nach dem Wert menschlichen Lebens, wissenschaftlicher Ethik und moralischer Verantwortung zu stellen. Diese Fragen spielen, wie bereits in "Moon", keine allzu ausgeprägte oder gar diskursfähige Rolle, weil "Source Code" zugunsten straffer Handlung und reißerischer Spannung ausreichend mit einem Drehbuch voll von Zeitschleifen und Emotionen und Liebesgeschichte vergnügt ist. Erneut erinnert dies an viele schon da gewesene Filme, etwa an "12:01", "Deja Vu" oder "Inception", wobei Jones seine ausweglose Paradoxieromanze vermutlich eher in Richtung "La Jetée" und damit besonders "Twelve Monkeys" gedacht wissen möchte.

Müßig zu erwähnen, dass er keinen geistigen Anknüpfungs- punkt an letztgenannte findet, sondern "Source Code", wenn überhaupt, nur ein neuer von unzähligen Genrefilmen ist, die die Terrorbilder der letzten Dekade kanalisieren. Geknüpft an die Frage nach dem Wert menschlichen Lebens (Bewusstseins), rückt Jones nach Klonen nun künstlich am Leben erhaltene Soldaten als Avatare in den Mittelpunkt. Was auch immer den Regisseur so faszinieren mag an der tragischen Vorstellung, den Mensch als technologische Ware und zweckdienliche Apparatur zu begreifen, es gelingt ihm auch mit diesem Vorgängerrecycling nicht recht zu vermitteln. "Source Code" ist viel zu glatt und gefällig, um auch nur annähernd aufwühlend oder gar verstörend wirken zu können.


40% - erschienen bei den: 5 Filmfreunden
Link

Juni 02, 2011

Kino: THE HANGOVER PART II

Nachdem Phil (Bradley Cooper), Stu (Ed Helms), Alan (Zach Galifianakis) und Doug (Justin Bartha) den schwersten Filmriss ihres Lebens halbwegs verdaut haben, reisen die vier einmal um die halbe Welt, um in Thailand die Hochzeit von Zahnarzt Stu zu feiern. Obwohl sich die (Noch-)Junggesellen geschworen haben, es nicht wieder zum Äußersten kommen zu lassen, wachen drei von ihnen nach einer durchfeierten Nacht in einem Hotelzimmer in Bangkok auf (aus irgendeinem Grund ist der vierte im Bunde, Doug, erneut nicht direkt ins Geschehen verwickelt). Wieder haben die Jungs keine Erinnerungen daran, was passiert ist, und wieder bringen ihre Exzesse unangenehme Konsequenzen mit sich. Und der irrelustige asiatische Schwule (Ken Jeong) ist auch wieder mit von der Partie.

Der männliche Ritus, sich zum Ende der Junggeselligkeit mit Freunden noch einmal richtig abzuschießen, bevor es dem heiligen Bund der Ehe beizutreten gilt, kann sehr amüsant sein. Darüber wurden schon diverse komische Filme gedreht, zum Beispiel eben die elliptische Katerkomödie "The Hangover". Sie verstand die letzte große Bachelor Party als Erinnerungslücke, die ihre Protagonisten nach einem bösen Erwachen Stück für Stück und voller Verzweiflung zu füllen bemüht waren. Die enthüllten Details der folgenreichen Sausenacht bewegten sich zwischen schwer harmlos und leicht aufregend und führten am Schluss selbstverständlich zur ehelichen und freundschaftlichen Versöhnung zwischen Mann und Frau und – garantiert platonisch – auch zwischen Mann und Mann.

Nicht ohne finale An- wie Aussprachen, leicht sentimentalem Läuterungsgestus und etwaigen geschmacklosen Witz wiedergutmachender Harmonie folgte "The Hangover" artig den neuerlichen Konventionen der US-Komödie, nach denen jedes Unheil stets wieder zur Ordnung gebracht und jede normative Verunsicherung gebannt werden muss. Selbst noch die verrücktesten Begebenheiten im Alkoholrausch könnten nie ernstlich einen Status Quo aufheben, denn im Männerwolfsrudel ("The Wolfpack") ist am Ende alles ungefährlich – und lustig natürlich sowieso. Dass die bemerkenswert langweilige, witzlose und himmelschreiend verklemmte Prollblödelei 2009 zum Überraschungshit des Jahres avancierte, versteht sich von selbst: Reaktionäre Doofheit war schon immer mehrheitsfähig, besonders beim amerikanischen Publikum.

Nun ist so ein besonders böser Kater nicht wirklich fortsetzungstauglich, erst recht nicht, wenn sich anschließend alles sogar noch zum Besseren wendet. Freilich aber musste Todd Phillips seine Spießerbande in Serie schicken und dem Hangover einen Part II hinterher kippen. Gemäß dem Niveau des Vorgängers greift das Sequel dessen einzige Idee wieder auf und lässt das Wolfpack nach einer durchzechten Nacht erinnerungslos zurück. Neue Stadt, neue Heirat, neuer Kater, alles noch mal nach Erfolgsrezept. Diese 1:1-Kopie des Erstlings ist tatsächlich noch einmal wesentlich tempoärmer als der ohnehin schon schnarchige Vorläufer und feuert seine Wahnsinnsgags dieses Mal im Dreiviertel- stundentakt ab.

Man kann nicht sagen, aus "Hangover 2" wäre irgendwie die Luft raus, denn das hieße ja, der erste Film sei kein Platten gewesen. Aber konnte man dort zumindest noch nachvollziehen, was das leicht zufrieden zu stellende und bierfreudige Jungs- und Jungmännerpublikum an der Geschichte attraktiv zu finden schien (Klemmi-Humor und ein kurzzeitiger Anflug von Normwandlung), lässt einen die Wiederholung eher ratlos zurück. Die durchschaubaren Versuche des Films, Ideen- und (offenbar auch) Lustlosigkeit mit noch zotigeren Einlagen im Ballermann-Modus abzuwehren, münden jedenfalls in abermals schlimmen Verunglimpfungen von Minderheiten und allem, was heterosexuelle Ängste auszulösen vermag.

Als Stu, einst zahnlos und nun auch noch durch ein Tattoo entstellt (auweia!), in Erfahrung bringen muss, während seines Rauschs Sex mit einem Transvestiten gehabt zu haben (und das auch noch in der Rolle des passiven Parts), sind sich seine Freunde und er einig, dass einem Menschen wohl nichts Schlimmeres im Leben widerfahren könne. Entsetzt stellt er fest, einen Dämon in sich zu haben, der ihn offenbar betrunken zu dieser Schrecklichkeit getrieben habe. Das Wolfpack vereinbart Stillschweigen auf Lebenszeit, und dann kommt auch schon wieder das lustige rauchende Äffchen um die Ecke, das dem Film ein ums andere mal aus der Misere helfen muss. Machwerke wie "The Hangover Part II" setzen wohl endgültig einen biederen Schlusspunkt unter das Erbe von John Waters, der solche und andere Derbheiten einst subversiv in den Mainstream schmuggelte – nicht ahnend, zu welch fraglicher Konformität sie einmal beitragen würden.


10% - erschienen bei den: 5 Filmfreunden

Juni 01, 2011

Zuletzt gesehen: FILME IM MAI 2011


Stille Nacht I – Dramolet

(GB 1986, Stephen & Timothy Quay) (8/10)

Stille Nacht II – Are We Still Married?
(GB 1992, Stephen & Timothy Quay) (6/10)

Stille Nacht III – Tales From The Vienna Woods
(GB 1992, Stephen & Timothy Quay) (5/10)

Stille Nacht IV – Can't Go Wrong Without You
(GB 1993, Stephen & Timothy Quay) (5/10)

Scream 4

(USA 2010, Wes Craven) (5/10)

Pirates of the Caribbean: On Stranger Tides
(USA 2011, Rob Marshall) (2/10)

The Wrong Man
(USA 1956, Alfred Hitchcock) (6/10)

Psycho
(USA 1960, Alfred Hitchcock) (10/10)

Family Plot
(USA 1976, Alfred Hitchcock) (7/10)

The Birds
(USA 1963, Alfred Hitchcock) (9/10)

The Man from Snowy River
(AUS 1982, George Trumbull Miller) (5/10)

Braindead
(NZ 1992, Peter Jackson) (7/10)

Road House 2: Last Call
(USA 2006, Scott Ziehl) (1/10)

Pixillation
(USA 1970, Lillian Schwartz) (7/10)

UFO's
(USA 1971, Lillian Schwartz) (6/10)

Olympiad
(USA 1971, Lillian Schwartz) (6/10)

Mutations
(USA 1972, Lillian Schwartz) (6/10)

1/57: Versuch mit synthetischem Ton (Test)
(A 1957, Kurt Kren) (4/10)

3/60: Bäume im Herbst
(A 1960, Kurt Kren) (6/10)

2/60: 48 Köpfe aus dem Szondi-Test
(A 1960, Kurt Kren) (4/10)

11/65 Bild Helga Philipp
(A 1965, Kurt Kren) (7/10)

10/65: Selbstverstümmelung
(A 1965, Kurt Kren) (4/10)

26/71: Zeichenfilm - Balzac und das Auge Gottes
(D/A 1971, Kurt Kren) (2/10)

31/75: Asyl
(A 1975, Kurt Kren) (9/10)

34/77 Tschibo
(A 1977, Kurt Kren) (5/10)

38/79 Sentimental Punk
(A 1979, Kurt Kren) (4/10)

42/83 No Film
(A 1983, Kurt Kren) (9/10)

44/85: Foot'-age Shoot'-out
(A 1985, Kurt Kren) (3/10)

49/95 Tausendjahrekino
(A 1995, Kurt Kren) (6/10)

Begone Dull Care
(CDN 1949, Evelyn Lambart, Norman McLaren) (7/10)

Das Dritte Geschlecht ["Director’s Cut"]
(D 1957, Veit Harlan) (3/10)

Beginners
(USA 2010, Mike Mills) (3/10)

Source Code
(USA/F 2011, Duncan Jones) (4/10)

The Hangover Part II
(USA 2011, Todd Phillips) (1/10)

My Soul to Take
(USA 2010, Wes Craven) (8/10)

Going to Pieces: The Rise and Fall of the Slasher Film
(USA 2006, Jeff McQueen) (3/10)

X-Men: First Class
(USA 2011, Matthew Vaughn) (6/10)

24 – Season 8
(USA 2010, Stephen Hopkins, Brad Turner u.a.) (3/10)

Dexter – Season 5
(USA 2010, Steve Shill, John Dahl, Keith Gordon u.a.) (4/10)