Mai 19, 2011

Kino: PIRATES OF THE CARIBBEAN 4

Aus der vielleicht irgendwann einmal halbwegs reizvollen Idee, eine Disneyland-Attraktion zum digitalen Piratenfilm mit milden Fantasy- und Horroreinlagen aufzublasen, ist längst ein süffiger Familien-Franchise mutiert. Alle Versuche, aberwitzige Abenteuer auf See als epische Bombasttrilogie mit losem "Star Wars"-Mittelteil aufzuziehen, verlaufen sich in "Pirates of the Caribbean: On Stranger Tides" nunmehr im verkrampften Vorhaben, Jack Sparrow nach Entledigung bisheriger Nebenfiguren endgültig die One-Man-Show überlassen und ihn als tapsigen Seemann zur Piratenversion eines Indiana Jones hochstilisieren zu können.

Ein grotesk überbezahlter Johnny Depp schultert den Film in gewohnt exaltiert tuntigen Posen und ungekonnter Komik im Over-Acting-Überbietungsduell mit Geoffrey Rush, der als Captain Barbossa noch einmal mehr aufdreht als in den Vorgängern. Neuzugang Penélope Cruz wiederum gibt ganz die geheimnisvolle Exotin – in der Tradition eines der langbärtigsten (vormals rassistischsten) Hollywoodklischees sind ihr größter Vorzug fremdartige Unnahbarkeit und eine große Klappe. Der Rest ist Schweigen.

Dem dramaturgischen Kauderwelsch der bisherigen "Pirates"- Episoden hält dieser vierte Film eine verhältnismäßig gradlinige Geschichte vor, die um die Suche verschiedener Parteien nach einem magischen Jungbrunnen kreist. Der Regiewechsel verleiht der Serie allerdings keine neuen Impulse. Ob sich nun ein facettenloser Gore Verbinski oder ein mit leicht missglückten Musicals erprobter Rob Marshall an den strikten Auflagen Jerry Bruckheimers orientiert, ist letztlich unentscheidend – "Pirates of the Caribbean" ist zielstrebiges Produzentenkino in Reinkultur, Knöpfe drücken kann jeder.

Trotz einer etwas überschaubareren Handlungskonstruktion bleiben die teils parallel gezogenen Plotstränge episodisch und zerfahren wie eh und je. Von Schauplatz A wird munter zu Situation B gehopst (Schauplätzchensituatiönchen), und am Ende wird sowieso alles wieder auf Null, also Neutrilogie, gesetzt. Umso unverständlicher, dass auch der vierte Teil erneut nahezu zweieinhalb Stunden veranschlagt, um seine popelige Schrumpfmodellausgabe eines großen Abenteuerfilms zu basteln.

Restliche Unerträglichkeiten garantiert abermals Hans Zimmer, der die bekannten Themen seines Joint-Venture-Zöglings Klaus Badelt weiterhin unverändert über jede noch so kleine Regung donnert und mit dieser Gebrauchsmusik ein neues Kapitel im persönlichen Manifest der Vordinglichkeit aufschlägt. Die Penetranz seines "Pirates"-Getöses hat mich jedenfalls zum ersten Mal in vielen Jahren Kinogängerei dazu veranlasst, meine Ohren mit kleinen, aus Taschentuch geformten, Kügelchen zu schonen, was eigentlich einer Praxis spießiger Konzertgänger entspricht, hier aber zum Wohle meiner Sinnesorgane unablässig war. Lautstarke Soundeffekte, die beharrliche Aufdringlichkeit mit epischer Größe verwechseln, verleihen der akustisch gefährlichen Zimmer-Primitivität zusätzliche (Ir)Relevanz.

"Pirates of the Caribbean 4" ist eigentlich nichts weiter als maximale Anstrengung. Der Film ist so frei von Spaß, Innovation und Handwerk, dass man weinen möchte ob der ungenutzten Fähigkeiten, dem ja nur allzu sehr gebeutelten Piratenfilm neues Leben einzuhauchen. Selbst noch Blockbuster-Freunde werden Dank geschrumpften Budgets um jedes Spektakel gebracht, weil Action durch endlose Quasseleien und aufregende Spezialeffekte durch nichts weiter als eine Handvoll jugendfrei zugeknöpfter CGI- Meerjungfrauen ersetzt wurden.

Schauwerte gibt es auch keine, die wenigen Momente mit touristischem Karibikflair werden ausgiebig von einem Aschenbecher-3D der besonders unansehnlichen Sorte sabotiert. Unterm Strich ist dieser Film glanz- und niveaulose Sommerunterhaltung, die vor gedankenlosen Zügellosigkeiten nur so strotzt. Nervpotenzial: 10/10 mögliche Flaschen- schiffchen.


20% - erschienen bei den: 5 Filmfreunden
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Kommentare:

  1. Der einzige, halbwegs brauchbare Film, war der erste Teil.
    Eine Ansammlung an Klischees und zwanghaft phantastische Szenen. Eine Handlung, geschweige sympathische Figuren suchte man bereits bei den Vorgängern vergeblich. Aber solange das Mainstreamkino auf diese Weise weiterlebt, wird es auch diese Filme geben. Schade für Johnny Depp, da er seine Rollen meistens intelligent auswählt.

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  2. Aber der eben auch Geld verdienen und seinen ja überhaupt erst durch PIRATES in Gang gesetzten Megastarruhm auskosten möchte. Dem ersten PIRATES konnte ich auch noch was abgewinnen, da war das Glas unterm Strich halbvoll, aber ab Teil zwei, wo versucht wurde, ein dünnes Ideechen zur epischen Saga auszubreiten (mit deutlichen Anleihen bei THE EMPIRE STRIKES BACK), haben mich die Filme nur noch genervt. Zimmer gibt dem ganzen den Rest.

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  3. Das hört sich eher nach 5-10% an!

    War denn wenigstens Al Swearengen, ääh: Ian McShane, gut?

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  4. Er war noch der erträglichste Mitspieler, aber dennoch: Nein.

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  5. Ich habe bisher nur den ersten Teil gesehen, weil wir damals Kinogutscheine für den Film bei einem Gewinnspiel erhielten. Eben jene gewollte Epik, von der Du sprichst, hat uns vor einer Weitersichtung immer abgeschreckt. Vor einer Woche haben wir Polanskis PIRATEN gesehen, der doch in mancherlei Hinsicht frappant vorwegnimmt, was 20 Jahre später zum Mega-Hit wurde.

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  6. Nichts zum Film, eigentlich wollte ich mich nur zu deinem Zitat des Monats was sagen, kaum waren die Worte auf der Pressekonferenz gesagt, ich glaube da hat bei jedem das Handy geläutet, kaum ging so schnell eine Nachricht rum.

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  7. Er hat es doch absichtlich gemacht, er wußte genau welche Reaktion darauf kommen würden. Nach der Pressekonfernz vor zwei Jahren von Antichrist musste es wohl in diesem Jahr noch toppen!

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  8. Nein, ich glaube er hat sich lediglich sprachlich in etwas verrannt. Aber das ganze wurde eh so nervig aufgebauscht, dass es nicht der Rede wert ist. Also lass uns den Mantel des Schweigens drüber legen. :)

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  9. Sag mir lieber, wie's in Cannes war.

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  10. Sollte ich nicht schweigen ;-)

    Deutlich besser/stärker als im letzten Jahr. Es waren einige Filme dabei, die wohl sehr große Chancen haben am Ende des Jahres in meiner Top Ten zu landen, vorallem geht es jetzt nur darum, ob in diesem Jahr noch ein Film kommt, der mein absoluten Liebling noch schlagen kann, aber das wird verdammt schwer.

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  11. Welcher Liebling, nu' sag schon.

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  12. DRIVE

    Völlig zu recht, den Regiepreis bekommen. Womit ich aber nie gerechnet hätte, weil Drive doch verdammt noch mal eigentlich kein Kandidat überhaupt im Wettbewerb zu laufen.
    Ich bin immer noch geflasht von Drive und ich bin kein "Actionfilm" Fan. Ich finde Drive einfach nur ganz ganz groß.
    ERinnert an die Actionfilme aus den 80igern, aber trotzdem typisch skandinavisch und ich muss auch sagen ein Ryan Gosling der verdammt nochmal in diesem Film Steve McQueen erinnert.

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  13. Ah gut, den hatte ich mir, trotz Gosling und Mulligan (urghs!), auch schon vorgemerkt.

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  14. Nicolas Winding Refn halte ich für ein großartigen Regisseur und sein US-Debüt mit Drive ist jetzt auch nicht das typische US-Debüt eines Regisseurs von Übersee.

    Welchen Film mir gar nicht gefallen hat, war der neue von Kim Ki-duk, vor einigen Jahren habe ich seine Filme noch gerne gesehen, aber dann habe ich aufgehört, weil irgendwie nichts neues von ihm kam und er sich nur noch wiederholt hat und das von mal zu mal schlechter und jetzt wollte ich ihm eine neue Chnace geben, aber das ging in die Hose. Der Film, was ich mitbekommen habe wurde in Cannes entweder geliebt oder gehasst, das zwischen kann es wohl nichts geben.

    Jetzt bin ich mal gespannt, wie lange es nun dauert wird, bis die ein oder andere kleine Filmperle bei uns in Deutschland das Licht der Welt erblicken wird.

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  15. Ki-duk ist wirklich ein Hit-or-Miss-Regisseur, gibt mindestens so viele Filme von ihm, die ich mag wie welche, die ich eher doof fand. Der ist irgendwann wohl einfach zu sehr in die effiziente Arthausschiene gerutscht. Gerade sein neuer aber interessiert mich: Ein radikales Selbstporträt, geboren aus künstlerischer Depression. Das gab's schließlich noch nie. :lol:

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  16. Dies Jahr habe ich verdammt viel in Cannes gesehen, keine Ahnung wie ich dies alles so geschafft habe :-) Das ist mein Schlußsatz für heute.

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  17. Nee, jetzt musste noch sagen, wie Du Van Sant, Dardenne und Mike fandest. :)

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  18. Nur soviel, sage jetzt nicht die Namen zu den Bewertungen, sondern nur drei Bewertungen und du kannst diese dann selbst zuordnen :-)

    -gut

    -typisch,aber etwas anders als sonst und auch gut.

    -nicht schlecht, aber muss auf kein A-Filmfestival gezeigt werden.

    Das kutz und knapp dazu.

    Noch eins, es gab bessere Filme als die drei von die genannten Namen. :-)

    Aber mehr gibt es heute nicht. :-)

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  19. Was'n das für'n Quatsch. Ich habe Dich nicht für Rätselraten nach Cannes geschickt. :P

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  20. Dann musst du dich etwas gedulden, damit der Quatsch aufgeklärt wird, ein bischen Spannung bis morgen muss auch noch sein :-)

    Ich schaue mir jetzt lieber die "Knutsch-Bilder" von Ryan und Nicolas an :-)

    Schönen Abend noch!

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  21. Ich hoffe, du konntest gut schlafen, weil ich dir gestern keine Vernünftige Antwort gegeben habe :-)))

    So jetzt kommen wir mal zu Auflösung:

    gut = Gus van Sant

    typisch,aber etwas anders als sonst und auch gut = die Dardennes, etwas anders sind die "sonnigen Bilder" so nenne ich es mal, aber ansonsten typischer Dardenne Film, also wer die Dardennes mag, der kann sich auf diesen Film mehr als freuen, da werden alle Erwartungen erfüllt.


    nicht schlecht, aber muss auf kein A-Filmfestival gezeigt werden. = da bleibt nur Miike, wer 13 Assassins von ihm mochte, der wird mit dem neuen auch nichts verkehrt machen.

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  22. Der erste war, alleine schon aus der Idee heraus ein echter Knaller. Der zweite brillierte noch mit ausgesprochen innovativen Spezialeffekten, man denke nur an das Rad. Der dritte diente wohl nur noch dazu Kasse zu machen, was ja auch legitim ist. Der vierte braucht wohl keine Erwähnung mehr. Man denke nur daran, wer nicht mehr mitspielt, was denen wohl nicht zu verübeln ist.

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