April 21, 2011

Kino: SANCTUM

Das Wichtigste gleich vorweg: James Cameron ist nicht der Regisseur dieses Films. Auch wenn sich der Verleih jede Mühe gibt, "James Cameron’s Sanctum" gewinnbringend über den Namen des 3D-Rudelführers zu vermarkten, ist er lediglich als einer von fünf ausführenden Produzenten an dem Projekt beteiligt. Die Nähe des Unterwasserhöhlen-Thrillers zum Schaffenswerk des derzeit erfolgreichsten Filmemachers der Welt ist aber sicherlich nicht von der Hand zu weisen.

Im gesamten Cameron-Kino spielt Wasser seit jeher eine tragende Rolle. Mit "The Abyss" hat er 1989 ein wegweisendes Tiefsee-Science-Fiction-Drama inszeniert, die "Titanic" flutete er mithilfe der größten Studiowassertanks der Filmgeschichte und in der Fortsetzung von "Avatar" wird er die digitale Meereswelt von Pandora erkunden. Da mag ihm dieser Testlauf, mit stereoskopischen HD-Kameras komplizierte Unterwasseraufnahmen herzustellen, gut ins Konzept gepasst haben.

Der Regisseur von "Sanctum" aber heißt Alister Grierson. Mit "Kokoda – Das 39. Bataillon" konnte der Australier vor fünf Jahren einen Achtungserfolg vorlegen, der ihn offensichtlich für die logistisch aufwändigen "Sanctum"-Dreharbeiten in Down Under empfohlen hat. Der Anreiz für das Projekt kam von Produzent und Cameron-Weggefährte Andrew Wight, der 1988 mit einer Gruppe von Menschen in einer unterirdischen Höhle eingeschlossen wurde und diese Erfahrung zu einem Spielfilm verarbeiten wollte.

23 Jahre später lässt er Grierson die Beinahe-Katastrophe von einst noch einmal in 3D nachstellen. Dieses Mal mit heftigen zwischenmenschlichen Konflikten, zahlreichen Toten und einem genretypischen finalen Akt, der jeder Beschreibung und erst recht vermutlich dem wirklichen Geschehen spottet. Anders als beim tatsächlichen Unglück, das für alle Beteiligten ein glimpfliches Ende fand, wurden die Ereignisse für "Sanctum" großzügig dramatisiert. "Nach einer wahren Begebenheit" liest sich schließlich immer schön – so wahr zumindest, wie Kino eben sein kann.

Im Film verhält es sich so: Eine Gruppe von teils professionellen Höhlentauchern möchte in Papua-Neuguinea ein bisher nicht erkundetes Tiefhöhlensystem erforschen. Als ein unvorhergesehener Tropensturm aufzieht, muss sie sich immer weiter in das labyrinthartige Innere der Höhle begeben, um den eindringenden Wassermassen zu entkommen. Begrenzte Energieressourcen und nur wenige Lebensmittel zwingen die Gruppe allmählich in eine Notsituation, in der sie nicht nur beginnt die Natur, sondern auch sich selbst zu bekämpfen.

"Sanctum" gelingen hierbei einige sehr schweißtreibende Momente. Was als Abenteuerexpedition beginnt, schlägt mehr und mehr zum Survival-Thriller um. Die Höhlen- und Unterwasserszenen spielen klaustrophobische Ängste effektiv aus. Wenn der Film Spannungsmomente in Schluchten, Wasserfällen und Gesteinsformationen konstruiert, wenn seine Helden zwischen Felsen, Stalaktiten und Engen um ihr Überleben kämpfen, funktioniert er als beklemmender Thriller. Als Mischung aus "The Descent" und "The Abyss". Der enorm starke 3D-Effekt, der das Bild nicht nach außen, sondern die Beengung simulierend ins Innere verlagert, hat daran großen Anteil.

Diese Momente allerdings sind rar gesät. Der Film gönnt sie sich nur, wenn seine Figuren mal die Klappe halten und auch tatsächlich etwas für ihr Überleben tun, statt die Situation endlos zu verbalisieren. In ihrer Schablonenhaftigkeit ist die Gruppe nahezu unerträglich, alle Figuren erweisen sich als reine Knallchargen und sind entsprechend den Klischees des Katastrophenfilms vom Reißbrett übernommen. Da duellieren sich der enttäuschte Sohn und sein abgebrühter Vater, deren Beziehung es zu verbessern gilt, muss ein nervtötender Technik-Nerd für Gags am laufenden Band sorgen oder eben der hinterlistige, profitorientierte Quotenmillionär die Mann- schaft gefährden. Und so weiter und so fort.

Die unglaubwürdige und nur unnötiger erzählerischer Emotionalisierung dienliche Vater-Sohn-Geschichte verlagert den Fokus des Films vom Kampf Mensch gegen Natur auf einen banalen Familienzwist, der mit hanebüchenen Dialogen unterfüttert wird (sinngemäß: "Ich konnte die Bedürfnisse deiner Mutter nie erfüllen, mein Sohn. Ich weiß ich habe versagt."). Lustig gemeinte Sprüche auf der Dialogspur wiederum lenken zusätzlich vom Wesentlichen ab und wecken den Wunsch nach qualvoller Verendung aller Beteiligten. Spätestens wenn das Erkunden der engen Höhlen von den Figuren vorzugsweise mit Anuswitzchen kommentiert wird, wünscht man sich sehnlichst James Cameron auf den Regiestuhl.


40% - erschienen bei: gamona

Kommentare:

  1. Würde ich von meiner Seite aus ja behaupten, dass wir den bis auf den 3D-Effekt (der mich hier so wenig überzeugen konnte wie sonst wo) - überraschenderweise - im Grunde identisch sehen o_O

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  2. Mittlerweile glaube ich wirklich, dass der individuelle Eindruck von 3D ein rein subjektiver ist, der u.a. entscheidend von der Tagesform des Zuschauers, der Sitzposition im Kino und der Projektion bestimmt wird. Ich meine nämlich bisher kaum besseres 3D gesehen zu haben als in SANCTUM. :)

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  3. Mit Avatar bietet der Film die mit Abstand beindruckensten 3D-Effekte. Sie als wenig überzeugend zu bezeichnen, in Zeiten von lausigen Konvertierungen, ist einfach quatsch.
    Hauptsache dagegen wettern.

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  4. Weiss nit,hört sich irgendwie wie dieser THE DESCENT Klon....THE CAVE????(bin mir nit sicher).... nur ohne Monster und so. Und in 3D halt

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  5. Über "The Cave" hatte ich schon alles gehört, bevor ich ihn sah ("The Descent" für ganz Arme, Low-Budget-Schrott, unlogisch, langweilig), so dass ich letztlich sehr positiv überrascht wurde.

    Ein campiger Spaß, reines Genrekino ohne aufgesetzte Botschaft, und vor allem mit einer originellen Idee (darf man das jetzt spoilern? ach, natürlich, den Film mag ja außer mir niemand), dass neben der Gefahr durch die Monster auch noch der "Held" der Gruppe zu mutieren beginnt, was zu großartigen Oscar-Performances führt. Zudem sind die Effekte gar nicht schlecht, (keine Ahnung, welche Maßstäbe da angelegt wurden), der Film hat Tempo und es gibt einen Kampf "Flugmonster vs. Piper Perabo an einer Steilwand".

    Habe ihn dann auf einem Flohmarkt für einen Euro mitgenommen, und selbst der Verkäufer fragte mich, ob ich wisse, wie schlecht der sei. Konnte nur sagen: "Aber hallo".

    Wäre eine späte Genugtuung, wenn er jetzt von "Sanctum" noch unterboten wird.

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  6. Auch. Gehabt zu haben.

    Eine Ereigniskette aus schönem Wetter, Familie und Milla zwang mich in die Offlinigkeit. :)

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