Februar 14, 2011

Berlinale 2011: VAMPIRE

Ein Blick ins Berlinaleprogramm. Was klingt interessant, was wird man eventuell nur hier und sonst vielleicht nie wieder auf der großen Leinwand sehen können, was muss man unter Pflichtbesuch verbuchen. "Vampire", der erste in den USA produzierte Film des japanischen Regisseurs Iwai Shunji ("All About Lily Chou-Chou"), erfüllt eigentlich alle Kriterien. Obwohl Inhaltsangaben, die mit "Simon Wade ist ein ganz normaler junger Mann" beginnen, zugegeben schon mal reichlich unsexy klingen, aber Inhalte werden ja gelegentlich auch arg überbewertet. Die schönsten Berlinalefilme sind in der Regel sowieso diejenigen mit Form oder auch Formverweigerung. Mit Leidenschaft, Freude am Filmischen, am Gestalten. So viel gebündeltes Fabulieren, so viel Exzess gibt es schließlich nur auf Filmfestivals. Schön!

Nun: Simon Wade (Kevin Zegers) ist also ein ganz normaler junger Mann. Bis auf den Umstand, dass er sich in Internetforen auf die Suche nach potentiellen Selbst- mörderinnen begibt, um ihnen den geplanten Freitod schmackhafter zu machen. Denn Simon ist ein Vampir, aber einer mit besonders großem Herz, deshalb möchte er nicht konkret töten, sondern ohnehin sterbewilligen Menschen das Blut abzapfen. Sonst aber ist er tatsächlich recht normal: Seine demenzkranke Mutter (Amanda Plummer) pflegt er recht skurril, aber dennoch liebevoll, und seinem Job als Biologielehrer (unglaubwürdig hoch zehn) geht er gewissenhaft nach. Nur die beharrliche Laura (Rachael Leigh Cook) nervt ihn ein wenig.

Obwohl "Vampire" einige starke Momente hat, mitunter eindrucksvolle, unkonventionelle Bilder findet, und die moderne Blutsaugermär ähnlich wie George Romeros "Martin" einfühlsam und melancholisch vertont, kommt der Film nie auf den Punkt. Seinen schwerfälligen Rhythmus mag man noch unter Stil vermerken, insgesamt aber macht Shunjis US-Debüt einen komplett planlosen Eindruck. Die immens unsichere Schauspielführung ist womöglich der Sprachbarriere geschuldet (im an die Vorführung anschließenden Q&A hatte der Regisseur Probleme, auch nur einen einzigen Satz auf Englisch zu formulieren) und sicher nicht unbedingt problematisch, doch die wirklich enorm prätentiöse Inszenierung – inklusive eines mehr als kuriosen Epilogs, in dem ein Mädchen mit Luftballon auf einer Tiefkühltruhe tanzt – strapaziert das Sitzfleisch nachhaltig.

Und dann drängelte er sich irgendwann vor, der meines Erachtens ja eigentlich viel zu inflationär und abschätzig genutzte Arty-Farty-Begriff. Er wurde erfunden für Filme wie "Vampire". So trostlos das Leben eines Vampirs (oder als Metapher verstanden: eines einsamen Jungen) auch sein mag, dieser Film ist noch tausendmal trostloser! Ich habe sogar einmal das Kino zum Rauchen verlassen vor lauter innerlicher Unruhe, etwas, das ich sonst nie tue! Und irgendwann begann ich schließlich, mir gewisse Unterhaltungswerte zu besorgen. Rechts neben mir saß ein guter Freund*, den der Film (Zitat) "intellektuell gekitzelt", also eher begeistert hat, was ich interessant fand. Links neben mir nahm eine Japanerin platz, die mir schon bei Filmbeginn negativ auffiel, weil sie laut schmatzend eine Asia-Nudelbox verköstigte, und sich im weiteren Verlauf der sehr langen 120 Minuten mit einem selbst gebauten Fächer abzukühlen versuchte, mehrmals hektisch das iPhone zückte und permanent undefinierbare Selbstgespräche führte. Das war nicht uninteressant, aber schöner wäre es gewesen, hätte der Film derlei Aufmerksamkeit von mir gefordert.


30% - erschienen bei den: 5 Filmfreunden & Reihe Sieben

*aka. McKenzie

Kommentare:

  1. Ich glaube ich habe noch nicht einmal den halben Film geschafft.

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  2. Kann ich gut nachvollziehen. :)

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  3. Ich hab' dies Jahr nur ein schlechteren Film gesehen, da bin ich auch vorzeitig gegangen. Und das alles in einer Woche und ich muss noch dazu sagen, dass ich erst insgesamt drei Mal vorzeitig aus enem Film gegangen bin, aber ich sehe es nicht mehr ein mich durch alle Filme zu quälen, dafür habe ich keine Zeit mehr.

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  4. Klar, wenn ich richtig doll leide, dann setze ich dem Leiden auch ein Ende. Man muss sich nicht durch jeden Scheiß quälen.

    Hast du VAMPIRE hier geschaut?

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  5. No, ich habe Vampire auf dem Sundance Filmfestival gesehen.
    War nur gestern und bis heute Vormittag in Berlin, habe aber nichts angesehen.

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  6. Das kam mir bereits zu Ohren, du Schelm. Nächstes Mal kommst du mir nicht so einfach davon!

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  7. Hat also der Berlinale-Funk funktioniert :-)
    Hatte mein Handy vergessen, hätte etwas Zeit gehabt, wäre dann sogar in Begleitung gekommen, aber mein Freund meinte, ich hätte doch mein Handy extra vergessen, weil ich seit Donnerstag eine Brille habe und ich nicht wollte dass mich einer so sieht.

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  8. Sorry, aber das ist einer der geilsten Kommentare ever hier von Dir. :D

    Ist ja auch gar kein Problem, wir sehen uns nächstes Mal. Mit Brille! :)

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  9. Das schlimme an der Aussage ist, dass ich mich gar nicht für meine Brille schäme.

    Spätestens im Sommer werde ich wieder in Berlin sein, entweder mit oder ohne Brille wird man sich sehen :-)

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  10. Da die Antwortenkette ja sowieso reichlich off-topic ist, komme ich wenisgtens mal wieder zum Überthema Vampire zurück(:P): Hast du eigentlich das LET THE RIGHT ONE IN-Remake schon gesehen? Die RC1-Scheibe gibt's ja seit ein paar Tagen, und da noch immer kein entgültiges deutsches Release feststeht, wäre es ja interessant zu wissen, ob sich Import lohnen würde...

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  11. Nope, habe aber ehrlich gesagt auch keinerlei Interesse dran. Den Film gibt's ja schon mal in gut, brauche ihn also nicht noch mal in halbgut oder schlecht. :)

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  12. Sam Spade17/2/11 21:28

    Schön, daß Du den Epilog noch mal negativ hervorhebst, den fand ich nämlich auch geradezu erschreckend blöd. Gern gelesen habe ich auch die "sehr langen 120 Minuten" - ich habe mindestens viermal auf die Uhr gesehen, was immer ein Alarmzeichen ist. Der mit Abstand schwächste Film, den ich dieses Jahr bei der Berlinale gesehen habe - daher kann ich dieser Einschätzung auch vollauf zustimmen. (Auch die Rauchpause kann ich durchaus nachvollziehen - obwohl ich absoluter Nichtraucher bin...)

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  13. Ich habe in den Shorts heute noch wesentlich schlimmeres ertragen müssen. :)

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  14. Hihihi, bisher konnte Vampire wohl kein überzeugen.

    @Hitmanski: Wenn man das Original kennt, dann braucht man das Remake nicht sehen, den Rajkos Aussage trifft es sehr gut.

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