März 24, 2010

Kino: THE BLIND SIDE

Wie ein treudoofer Taugenichts mit Welpenblick stampft Michael Oher (Quinton Aaron) durch die Eingangspforten seiner neuen Schule, die Kinder bürgerlicher amerikanischer Christen zu vorbildhaften Gesellschaftern heranzieht. Sie werden erfolgreich sein im Leben, weil sie Geld haben. Da muss sich Michael, verniedlicht Big Mike genannt (weil er so groß und putzig und auch etwas doof ausschaut), natürlich wie ein Außenseiter fühlen, er kommt aus mittellosen Verhältnissen und er ist, im Gegensatz zu allen anderen, auch noch schwarz. Das ist hier, im Selbstverständnis des Films, ein natürlicher Nachteil, der ausgeglichen gehört. Und so kommt Michael das Schicksal in Gestalt einer weißen Frau zu Hilfe, als er eines Nachts im Regen den Highway entlang torkelt: Leigh Anne Tuohy (Sandra Bullock), glückliche Ehefrau und Mutter zweier Kinder, nimmt den hilflosen Tunichtgut selbstlos zu sich. In ihrer großen Villa richtet sie ihm die Couch her und lässt ihn bei sich und ihrer Familie wohnen. Es ist ein Akt der Nächstenliebe. Lediglich an gewisse Bedingungen geknüpft.

Michael ist von nun an das neue Haustier der Tuohys. In ihrer sorglosen Welt fremdelt er zunächst, aber die Familienmitglieder, allen voran der kleine Sohn, wissen ihn zu halten und abzurichten. Er darf beim kollektiven SuperBowl-Familienabend mitschauen, den jüngsten Spross mit Spiel, Spaß und Laune unterhalten, und er bekommt sogar ein Stück vom Thanksgiving-Braten ab. Das alles nimmt Michael stillschweigend hin, weil er eh nichts zu melden hat als jemand, der aus dem Ghetto kommt und keine Bildung genossen hat. Aber der Teenager wird erst noch erfahren müssen, was Demütigung bedeutet, als Leigh Anne in ihm das Potential eines echten Vorzeigehündchens entdeckt. Michael nämlich ist groß und schwer und massiv gebaut, also ein idealer Footballspieler. Deshalb wird er fortan zum Training geschickt und gezielt zum Sportstar ausgebildet, ehe sich die Vereine des Landes um ihn reißen und Mutter Tuohy sich auf die Schulter klopfen darf.

"The Blind Side" formt mit seiner rührig-süß erzählten Geschichte (natürlich: auf wahren Begebenheiten) die ältesten, klassischsten, urzeitlichsten aller nur denkbaren Rassenklischees zu einem modernen neoliberalen Märchen. Der Film gibt sich gönnerhaft und weltlich in seinem aufgeklärten Humanismus, den er von seiner beispielhaften Idee des wahren American Dream ableitet, in dem mithilfe Klassen- und Rassenübergreifender Chancen – wie sie der Footballsport beispielsweise ermöglicht – alle ethnischen Grenzen überwunden werden können. Arm und reich, schwarz und weiß kommen hier unter republikanischem Dach zusammen, um sich zu vereinen und ein Loblied auf die Gleichberechtigung einzustimmen. Dass der Film nie, zu keiner Zeit, keine einzige Sekunde lang nicht einmal ansatzweise eine Begegnung auf Augenhöhe zulässt, verrät seine scheinliberale Menschlichkeit schnell als reine Behauptung.

Tatsächlich schwelgt "The Blind Side" von vorn bis hinten in der reaktionären Vorstellung, ein Schwarzer sei immer auch ein Abweichler, dem der richtige Weg erst noch gezeigt werden müsse. Es ist die uralte Idee von der Disziplinierung des ungebändigten schwarzen Wilden, die der Film in modisch gehüllte, aber zutiefst konservative Bilder drückt. Hier nun zur gutmütigen weißen Frau variiert, die ihrem Schützling bürgerliche Ideale anerziehen und sich anschließend auf ihre gute Tat einen runterholen darf. Es geht ausschließlich um ihre ekelhafte Profilierung, die der Film auch noch selbstgefällig als Geste der Nächstenliebe verkaufen möchte. Im Blick hat die Geschichte lediglich die weibliche Hauptrolle, die als Verkörperung des neuen republikanischen Rollenverständnisses schlagfertige Karrierelady, treue Ehefrau und sorgsame Mutter in einem sein darf (und selbstverständlich rettende Hundemama). Nie aber vermittelt der Film, was der zum Objekt degradierte Michael wirklich denkt oder fühlt, seine Sicht interessiert offenbar ebenso wenig wie seine Hintergrundgeschichte, die nebulös bleibt. Vermutlich erwartet der Film, dass die Zuschauer sich diese – in ähnlich rassistischen Denkmustern – aus der Ghettoherkunft der Figur herleiten.

Dorthin entführt "The Blind Side" das Publikum im Übrigen nur ganz kurz, weil der Film Unbequemlichkeiten freilich meidet. Stattdessen nutzt er die Gelegenheit, um andere schwarze Figuren – also abgesehen von Michael, dem stummen Familienexperiment – entweder als Gangster oder Junkies zu charakterisieren, denen Sandra Bullock dann auch noch kräftig die Meinung geigt, während sie "ihren" Big Mike verteidigt: "If you so much as set foot downtown you will be sorry. I'm in a prayer group with the D.A., I'm a member of the NRA and I'm always packing.". Das alles ist eigentlich zu schlimm, um es zu glauben. Und man könnte diesen fürchterlichen Mist auch getrost ignorieren, hätte er in den USA nicht als erfolgreichster Film mit einer weiblichen Hauptdarstellerin auch noch einen Rekord aufgestellt. Das nun ist wirklich traurig und wirklich bezeichnend. Aber Frau Bullock erhielt für ihre Darstellung als menschliche Viehtreiberin ja sogar einen Oscar und Standing Ovations von der versammelten Hollywoodbagage – was kann einen da noch verwundern. Während amerikanische Zuschauer bei diesem Film ihr Gewissen polieren, verlässt man andernorts nur beschämt den Kinosaal.


0% - erschienen bei den: 5 FILMFREUNDEN

März 22, 2010

Zuletzt gesehen: HALLOWEEN II (2009)

Rob Zombie ist für mich einer der spannendsten amerikanischen Genreregisseure. "House of 1000 Corpses" habe ich für seine unbekümmerte Wilderei, sein Fabulieren in Horrorbildern, der stilistischen Experimentierfreude und letztlich tiefen Hingabe zu seinen Vorbildern geliebt. Das war ein irre wüster Trip von einem Film, den so freigeistig wohl nur ein Rockmusiker hat inszenieren können. Umso enttäuschter war ich von Zombies "Halloween"-Remake vor einigen Jahren (hier nachzulesen, auch wenn ich das heute so nicht mehr schreiben würde), weil das Treten in übergroße Fußstapfen den Regisseur in seinen Fähigkeiten einschränkte und er außerdem zwei Filme in einen zu quetschen versuchte.

In "Halloween II" nun interpretiert Zombie den Halloween- (Film)-Mythos endlich selbst und verabschiedet sich vom ästhetischen und konventionellen Ballast eines John Carpenter, um die über viele Jahre ikonisierte Michael-Myers-Figur konsequent zu dekonstruieren. Wenn Fans sich darüber echauffieren, dass "ihr Held" jetzt ohne Maske bei Tageslicht herumlaufe, schließlich zu sprechen beginne und dabei nicht einmal vom einprägsamen Score der Serie begleitet würde, dann hat Zombie alles ausnahmslos richtig gemacht, weil er die in den Sequels zur Horror Icon hochstilisierte Figur radikal herunter bricht. Interessanter- weise ist der Film ebenso kontrolliert und gradlinig inszeniert wie der fürchterliche Vorgänger, allerdings hat sich Zombie nicht erneut in das Carpenter-Korsett schnüren lassen, sondern einen eigenen Erzähl- und Bildstil gefunden, der runder und bewusster als in seinen ersten beiden Filmen, aber immer noch (oder: endlich wieder) ungezwungen, originell, frisch und unverschämt eigensinnig erscheint. Das Augenmerk lenkt "Halloween II" auf eine verstörende Kameraarbeit und expressive Lichtsetzung, die in einigen surrealen Zwischensequenzen geradezu atemberaubend wirkt. Und die halbstündige Exposition ist ein Lehrstück echten Terrorkinos, das Zombie nicht länger nur zitat- und verweisfreudig verehrt, sondern nunmehr mit sicherer Hand beherrscht. Groß!


85%

(PS: Finger weg von der zerschnippelten deutschen Version)

März 14, 2010

Zuletzt gesehen: CABIN FEVER 2 - SPRING FEVER

Unmittelbare Fortsetzung des vergnüglichen Eli-Roth-Films über ein Haut zersetzendes Virus, das ahnungslose Teenager befällt. Regisseur Ti West verarbeitet eine Menge erkennbares Potenzial zu einer Hommage an den 80er-Jahre B-Horrorfilm in der Tradition von "The Night of the Creeps", bei der insbesondere der Einsatz stilechter Musik und weite Teile des Setups sein Können durchschimmern lassen. Leider verliert der Film spätestens nach der ersten Hälfte den Fokus und schwankt im Tonfall zwischen augenzwinkerndem Horror, übertriebenem Troma-Splatter und pubertärer College-Comedy, die ihre Figuren in einem Moment ernst nimmt, nur um sie im nächsten an sinnfreie Gags zu verkaufen. Die indifferente Inszenierung ist dabei spürbar auf zahlreiche Umschnitte zurückzuführen, die dem Film eine so ganz sicher nicht beabsichtigte Inkonsistenz geben und spätestens im grauenhaft getimten Epilog völlig ins Leere führen. Letztlich ein Kraut-und-Rüben-Film, von dem sich West wohl schweren Herzens, aber völlig zu Recht distanziert.


45%

Zuletzt gesehen: EDGE OF DARKNESS

Martin Campbell inszeniert die späte Kinoadaption seiner eigenen BBC-Serie als spannenden politischen Verschwörungsthriller, dem er immer wieder gekonnt Tempo entzieht und somit das Augenmerk weniger auf Action-, denn leise Krimi-Töne lenkt. Unnötigerweise spielt der Film den Hintergrund seiner Geschichte immer mehr gegen ein konventionelles Rachedrama aus, das – von weltlich auf persönlich geschrumpft – die alte Chose vom einzelnen männlichen Kämpfer gegen ein versagtes System aufleiert und damit in der ermüdenden Tradition reaktionärer Selbstjustizreißer schließlich auch vor Pathos und Kitsch nicht zurückschreckt. Spätestens im sprichwörtlich biblischen Finale wünscht man sich Mel Gibson dann einfach nur wieder zurück ins Schauspielexil.


40%

SERIOUSLY, WHAT IS WRONG WITH BELLAS HAIR???


Aus der Reihe: "Twilight"-Fans unzensiert.

März 11, 2010

DVD: THE HOUSE OF THE DEVIL

Ja, endlich! Da ist er, der eine Horrorfilm, den das Genre alle paar Jahre zur Ehrenrettung benötigt. Der sich den Trends und Strömungen des zeitgenössischen Horrorkinos verweigert, um entweder gänzlich neue ästhetische, kulturelle oder soziale Bereiche für sich einzunehmen (was schwierig, wenn nicht unmöglich ist), oder um klassische Topoi der Horrorfilmgeschichte mit eindeutigen Referenzvorbildern aufzuarbeiten, zu bedienen und damit zu reproduzieren. Da es aber, erst recht nach Wes Cravens "Scream", schwierig scheint, das Genre nicht mit ständigen Erweiterungen hin zu Ironie, Unernst und Überlegenheit zu überdehnen, statt es auf seine unmittelbaren, bitterbösen, schaurigen Basics reduzieren zu wollen, haben sich die postmodernen Horrorfilme in einen Wettbewerb der Überbietungsstrategien begeben: Alles ist letztlich irgendwie Retro, und Retro bedeutet, so viel Wissen wie möglich auszustellen – je mehr das Zitat dem Verweis begegnet, desto cleverer das Spiel mit Genremechanismen. Reiner, ernst gemeinter Horror ist der Versicherung gewichen, alles gesehen und verstanden zu haben.

Ti West hat mit "The House of the Devil" auch einiges verstanden, aber dennoch einen der ganz wenigen Retro-Horrorfilme geschaffen, die sich in ihrer Old-School-Präsentation nicht so gefallen, dass sie diese ständig ausstellen, kommentieren und damit hinfällig werden lassen müssen, sondern ganz und gar ernsthaft als Produkt einer vergangenen Zeit wahrgenommen werden können. Und das heißt gerade nicht, dass dieser Film nun ein Fremdkörperdasein fristen müsse, weil er wie einer dieser schäbigen Sleaze-Heuler anno 1976 daherkommt. Vielmehr belegt West, dass es diese Spielart des Horrorfilms noch immer und vielleicht sogar erst recht jetzt geben kann, ohne die Verrenkungen der Ironie und des Bewusstseins, als Film an andere Filme anknüpfen zu müssen. Und vielleicht hat der junge Regisseur die Handlung deshalb in die 80er verlegt, obwohl er stilistisch die Bilder der 70er rekonstruiert, weil er sich einer eindeutigen Verortung entziehen und seinen "House of the Devil" eben doch als altmodischen und dennoch höchst gegenwärtigen – vom Genrediskurs emanzipierten – Film verstanden wissen möchte.

Die Geschichte einer Studentin, die dringend Geld benötigt und deshalb einen Babysitter-Job in einem abgelegenen Landhaus annimmt, wird ruhig, behutsam und sorgfältig gegen den zu erwartenden Schrecken ausgespielt. Etwas Teuflisches geht offenbar in diesem großen dunklen Haus vor sich, und lange Zeit bleibt unklar, mit wem oder was die junge Protagonistin schließlich konfrontiert wird, ehe sich die aufgebaute Spannung in einem verstörend bizarren wie gleichfalls konsequent simplen Finale entlädt. Dieses verlässt sich genauso wenig auf Überraschungen wie die unscheinbaren ersten zwei Drittel, denn Wests Konzept eines klaren Grusel- und Spannungskinos setzt auf gradlinigen Horror, dessen Beginn, Verlauf und Auflösung sich nicht widersprechen. Geradezu paradox erfrischend wirkt da seine zielsichere und punktgenaue Inszenierung: Mit einer klassischen Teasing-Strategie, die Schocks und Wendungen ankündigt, diese aber lediglich an die Erwartungshaltung zu knüpfen und nicht auszuspielen bereit ist. Daraus generiert der Film zuweilen echten unerträglichen Grusel, der durch den Verzicht auf Effekteinlagen über der Bild- und Tonebene unberührt bleibt. Umso unvermittelter, effektiver und ökonomischer erscheint deshalb der grandiose Schlussakt.

Dass West sich glücklicherweise gar nicht erst auf ein Verweisspiel einlässt, motiviert den Zuschauer noch mehr, sich an die Vorbilder zu erinnern. "When A Stranger Calls" fällt einem ein, "Race With The Devil" zweifellos, vielleicht auch "Phantasm". Es ist der Geist dieser Filme, der auch Wests komplett in Eigenregie (written, produced, edited and directed by) inszeniertes Schauerstück zu beseelen scheint. Die Vorbereitung und Vermittlung des Schreckens hingegen lässt zwei konkrete Vorbilder erkennen: Wie Jessica Harper in "Suspiria" wird die schüchterne, fragile Brünette hier zur Protagonistin okkulter Treiben, wie Mia Farrow in "Rosemary's Baby" zum Opfer einer teuflischen Verschwörung. Die suggestiven Schnitte und bedeutungsschwangeren Kameraeinstellungen beherrscht West schon wie einst der junge Polanski. Ohne Schnickschnack. Ohne Augenzwinkern. Das wird ein großer Filmemacher.


90% - (komplette Version) erschienen bei: DAS MANIFEST

März 08, 2010

OSCARS 2010 - Everybody Loves A Winner

Ein paar Worte zur reichlich tristen Oscarverleihung, die da vergangene Nacht rasch über die Bühne gebracht wurde. Weitaus weniger innovativ, ideenreich und amüsant als unter der Regie von Baz Luhrman im letzten Jahr, wurden die Preise ohne inszenatorische Raffinesse vergeben, und am Ende blieb sogar trotzdem nicht einmal Zeit, um noch einmal die nominierten Best-Picture-Kandidaten vorzulesen. Das ging dann alles ganz schnell und unglamourös.

Und dennoch war die 82. Verleihung der Academy Awards kein allzu kurzweiliges Vergnügen, was wohl an der grauenhaften Moderation der beiden Hosts Steve Martin und Alec Baldwin gelegen haben dürfte (sollte diese Konstellation in irgendeiner Weise PR für ihren gemeinsamen Film “It’s complicated” betreiben?). So ungelenk, unkomisch und zahm wurden die Oscars wohl selten unterhalten.

Die wenigen Highlights besorgten dann andere. Ben Stiller zum Beispiel, der als Na’vi verkleidet noch den originellsten Beitrag zum eher unangenehmen, an diesem Abend aber offenbar sehr populären “Avatar”-Bashing abgab. Eine schöne Hommage an den verstorbenen Regisseur, Drehbuchautor und Produzenten John Hughes versammelte noch einmal die Stars des 80er-Jahre Coming-of-age-Kinos (darunter Molly Ringwold und Anthony Michael Hall). Und Jeff Bridges wurde in der “Crazy Heart”-Nominierungsrede von seinem einstigen Co-Star Michelle Pfeiffer anmoderiert, was sehr bewegend und wehmütig ausfiel und der Verleihung einen kurzen Augenblick wahrer Größe verlieh.

Größe, die dann zügig wieder von Sandra Bullocks tränendrüsiger Rede auf ein Normalmaß gestutzt wurde – ihre vor Political Correctness strotzende Laudatio gehörte zu den Tiefpunkten des Abends, ganz zu schweigen von den beschämenden und absolut unerklärlichen Standing Ovations für die einen Tag zuvor noch mit dem Razzie Award als schlechteste Schauspielerin ausgezeichnete “Blind Side”-Darstellerin (zum Film selbst in Kürze mehr – ich muss ihn erst noch verdauen). Auch eine völlig unmotivierte Montage diverser Horrorfilmausschnitte gehörte zu den Kuriositäten der Verleihung, zumal darin nur die üblichen amerikanischen Box-Office-Hits und Klassiker Erwähnung fanden, Meilensteine des Genres aus England oder Italien (Argento anyone?) aber völlig unberücksichtigt blieben. Richtig lustig wurde es aber, als eine wilde Tanzgruppe die nominierten Musikscores “interpretierte” – im Falle von Hans Zimmer und James Horner war das Kasperltheater ja noch angebracht, aber bei Marco Beltramis bedrückender “Hurt Locker”-Musik hatten die Choreographen verständlicherweise einige Darstellungsprobleme mit der Interpretation tänzelnder Bomben.

Eine überwiegend schlechte Show also. Aber: Mit guten Preisträgern. Und das ist natürlich wichtiger. Mit “The Hurt Locker” gewann endlich wieder ein Film, der auch wirklich gut ist und der die Aufmerksamkeit nur gebrauchen kann (beim Publikum fiel der Film trotz überwältigender Kritiken bekanntlich durch). Kathryn Bigelow erhielt als erste Regisseurin in der Geschichte der Academy Awards einen Oscar, was ihr nun hoffentlich die Anerkennung bringen wird, die sie schon mit ihren Genremeisterwerken “Near Dark” oder “Point Break” verdiente, und ihr Film über Bombenentschärfer im Irak trug mit sechs Auszeichnungen auch den verdienten Sieg des Abends davon.

News: ACADEMY AWARDS 2010 - Gewinner

Die Oscar-Gewinner 2010:

Best Picture:

“The Hurt Locker”

Directing:

“The Hurt Locker” - Kathryn Bigelow

Actor in a Leading Role:

Jeff Bridges in “Crazy Heart”

Actress in a Leading Role:

Sandra Bullock in “The Blind Side”

Actor in a Supporting Role:

Christoph Waltz in “Inglourious Basterds”

Actress in a Supporting Role:

Mo’Nique in “Precious: Based on the Novel ‘Push’ by Sapphire”

Animated Feature Film:

“Up”

Documentary (Feature):

“The Cove”

Writing (Adapted Screenplay):

“Precious: Based on the Novel ‘Push’ by Sapphire” - Geoffrey Fletcher

Writing (Original Screenplay):

“The Hurt Locker” - Mark Boal

Foreign Language Film:

“El Secreto de Sus Ojos” - Argentinien

Short Film (Animated):

“Logorama” - Nicolas Schmerkin

Short Film (Live Action):

“The New Tenants” - Joachim Back and Tivi Magnusson

Cinematography:

“Avatar” - Mauro Fiore

Film Editing:

“The Hurt Locker” - Bob Murawski und Chris Innis

Art Direction:

“Avatar” - Rick Carter und Robert Stromberg; Set Decoration: Kim Sinclair

Costume Design:

“The Young Victoria” - Sandy Powell

Makeup:

Star Trek” Barney Burman, Mindy Hall und Joel Harlow

Music (Original Score):

“Up” - Michael Giacchino

Music (Original Song):

“The Weary Kind (Theme from Crazy Heart)” - Ryan Bingham und T Bone Burnett

Sound Editing:

“The Hurt Locker” - Paul N.J. Ottosson

Sound Mixing:

“The Hurt Locker” - Paul N.J. Ottosson und Ray Beckett

Visual Effects:

“Avatar” - Joe Letteri, Stephen Rosenbaum, Richard Baneham und Andrew R. Jones


Bin vollkommen zufrieden. Und müde. Die persönliche Auswertung kommt dann wie jedes Jahr erst morgen bzw. nachher. :)

Gute Nacht.

März 06, 2010

ACADEMY AWARDS 2010 - Prognose

Hier meine persönliche Prognose in ausgewählten Kategorien. Ich bin mir nicht sicher, ob "Avatar" oder "The Hurt Locker" als bester Film ausgezeichnet werden, aber ich tippe auf ein Splitting bei Film/Regie und bin mir bei Bigelows Sieg relativ sicher.


Film

Avatar

Regie
Kathryn Bigelow - The Hurt Locker
Fremdsprachiger Film
Das Weiße Band
Dokumentation
The Cove
Animationsfilm
Up

Animierter Kurzfilm
A Matter of Loaf and Death
Hauptdarsteller

Jeff Bridges - Crazy Heart
Nebendarsteller
Christoph Waltz - Inglourious Basterds
Hauptdarstellerin
Sandra Bullock - The Blind Side
Nebendarstellerin
Mo'Nique - Precious: Based on the Novel "Push" by Saphire
Drehbuch (adaptiert)
Up in the Air
Drehbuch (original)
Inglourious Basterds
Schnitt
The Hurt Locker
Kamera
Avatar
Art Direction
Avatar
Kostüme
Coco before Chanel
Visuelle Effekte
Avatar
Makeup
Star Trek
Musik
Michael Giacchino - Up
Song
The Weary Kind - Bingham & Burnett (Crazy Heart)


Bei den meisten bin ich relativ sicher, aber gerade die Ton-Kategorien bzw. Kostüme, Makeup und Ausstattung finde ich schwer zu beurteilen. Ein umfangreiches Oscar-Tippspiel für Blogger findet sich übrigens hier.

März 04, 2010

Kino: CRAZY HEART

Crazy Heart. Mit einer verbraucht klingenden, tiefen rauen Stimme besingt Ryan Bingham im Titelsong dieses Films das Schicksal der einstigen Musiklegende Bad Blake: "Your body aches' / Playing your guitar and sweating out the hate / The days and the nights all feel the same / Whiskey has been a thorn in your side / and it doesn't forget / the highway that calls for your heart inside".

Man sieht Blake als abgehalfterten Countrysänger von Bar zu Bar torkeln, jede Nacht spielt er seine Hits aus vergangenen Tagen vor kleinem Publikum. Sein Stolz aus besseren Zeiten scheint ungebrochen, erst wenn er sich vor Hinterausgängen übergeben und anschließend erniedrigende Telefongespräche mit seinem Manager führen muss verdeutlichen sich Demut und Enttäuschung über ein Leben, das irgendwann in eine falsche Richtung ausgeschlagen ist. Dem Alkohol verfallen, lebt Blake ein Leben aus dem Koffer, zwischen Highway und Truckstop, zwischen kleinen Gigs und der Erinnerung an jene Zeit, in der er ausverkaufte Konzerte vor tausenden Zuschauern spielte.

Jeff Bridges ist Bad Blake. Er IST dieser süffige Sänger mit der abgeschabten Gitarre, der alternde Country-Star mit der rauen Schale und dem weichen Kern. Würde er mit dieser Rolle nicht den Oscar nach 40 eindrucksvollen Jahren im Filmgeschäft nun endlich sicher in der Tasche haben, man müsste ein weiteres Mal ernsthaft beklagen, warum einer der brillantesten, subtilsten, wandlungsfähigsten, charisma- tischsten, meistunterschätzten amerikanischen Schauspieler noch immer als so etwas wie ein Geheimtipp gehandelt wird. Bridges hat viele ikonische Figuren interpretiert oder ganz gewöhnliche zu Ikonen hochgespielt – Bad Blake nun ist mit Sicherheit eine von ihnen. Es ist sein Film, jede Minute, jede Einstellung. "Crazy Heart" ist ganz auf Bridges zugeschnitten. Aber, und das ist einer der wesentlichen Unterschiede zum durchaus vergleichbaren "The Wrestler", er spielt lediglich eine Rolle, er evoziert keine autobiographischen Verbindungen und stellt auch keine Nähe zu ihnen her. Es ist kein Comeback-Film und auch kein Aufmerksammachen auf einen der größten lebenden Schauspieler, es ist nur eine Rolle, die präzise, glaubhaft und authentisch erscheint.

"Crazy Heart" kann es sich mit seinem überragenden Hauptdarsteller deshalb leisten, ein konventionell erzählter, überschaubarer und mitunter durchaus Klischee beladener Film zu sein. Vielleicht muss er das sogar, um Raum für Bridges zu schaffen. Die Geschichte nämlich, nun ja, man hat sie schon einige Male erzählt bekommen, am Ähnlichsten noch in "Tender Mercies" mit Robert Duvall, der hier wohl nicht zufällig als Produzent und Nebendarsteller fungiert. Es ist das einfach gehaltene, gradlinige, klassische Konzept eines heruntergewirtschafteten Mannes, der sich durch die Kraft einer Frau wieder aufrappelt. Maggie Gyllenhaal spielt diese Frau, eine lokale Journalistin, die sich in den deutlich älteren Sänger verliebt. Der enorme Altersunterschied gehört ebenso wie die mitunter etwas sehr komprimierte Läuterung des Alkoholikers Blake zu den weniger plausibleren Elementen im Drehbuch des Regiedebütanten Scott Cooper, der ansonsten einen soliden Job macht und sich immerhin das Vertrauen eines erfahrenen Altstars wie Bridges zu erarbeiten wusste.

Es bleibt ein Film, der sein Herz am rechten Fleck, der wirklich so etwas wie eine Seele hat. Der mit Gyllenhaal und besonders Colin Farrell als ungleich erfolgreicherem Countrysänger auch in den Nebenrollen wunderbar besetzt ist. Und der mit herzzerreißenden Songs aus der Feder von Stephen Bruton und T-Bone Burnett eine leidenschaftliche Qualität besitzt. Das hier ist Musik, die in Verbindung mit den Bildern des Films nichts vorgibt, sondern wirklich zu wissen scheint, was ihre wehmütigen Texte und sanften Gitarrenklänge behaupten.

Der Beweis:



70% - erschienen bei den: 5 FILMFREUNDEN

März 02, 2010

Kino: ALICE IN WONDERLAND

Tm Burton und "Alice im Wunderland", das gehört eigentlich zusammen. Ein prädestinierter Stoff für den Regisseur, dessen Filme seit jeher auch als Beschwörungen klassischer Märchengeschichten funktionierten. Da scheint es nur nahe liegend, dass Burton eine neue Kinoversion des Lewis-Carroll-Klassikers inszeniert hat, begann er seine Kariere doch zudem als Zeichner bei Disney, deren "Alice"-Trickfilm von 1951 noch immer als beliebteste Adaption der Vorlage gilt. Grund genug für das Erfolgsstudio, sich selbst zu übertreffen und den einstigen Schützling zurück ins Boot zu hieven: Burtons Interpretation kombiniert eindrucksvoll Real- und Animationsfilm als bildgewaltiges Kino – durchaus mit Verstand, aber ohne Herz.

Nachdem er bei Disney nach eigenen Angaben keine "niedlichen Füchse" mehr sehen und seine beiden Kurzfilme "Vincent" und "Frankenweenie" lange Zeit nicht veröffentlichen konnte, wandte sich Burton Mitte der 80er Jahre vom Animationsmajor ab. "Alice im Wunderland" nun ist der erste große Spielfilm, den der Regisseur direkt für Disney in Szene setzt. Man darf davon ausgehen, dass Burton hierbei komplette künstlerische Freiheit zugestanden wurde, gilt er doch trotz seiner zum Teil radikalen Mainstream-Brüche als einer der einträglichsten Filmemacher Hollywoods. Nach der leidvollen "Batman"-Erfahrung gelang es Burton zudem, seine Autorenhandschrift auch im Blockbuster-Sektor auszubauen und sich damit als einer der wenigen souveränen Hollywoodregisseure zu etablieren.

Umso unverständlicher erscheint es deshalb, dass seine "Alice"-Version sich überraschend stark am Disney-Film orientiert bzw. ihn zumindest oft herbei zitiert, und darüber hinaus eine überaus gradlinige, übersichtliche Geschichte erzählt. Burton, der oft für seine dramaturgische Nachlässigkeit kritisiert wurde (obgleich er an erzählerischer Stringenz auch nie interessiert war, wie er schließlich in seinem persönlichsten Film "Big Fish" deutlich machte), adaptiert jedoch ausgerechnet jenen Stoff, der sich als Freifahrtsschein für abtrünnige Fantasien und wirres Fabulieren anbietet, mit sicherer Hand zu einem straighten Märchen-Blockbuster ohne Umwege.

Das ist, so überraschend es sein mag, nicht zwangsläufig schlecht. Doch liegen die Stärken des Films ausschließlich im handwerklichen Umgang mit der Vorlage. Als eine Mischform aus Carrolls 1865 erschienenem Buch "Alice im Wunderland" und dessen Fortsetzung "Alice hinter den Spiegeln" findet Burton einen interessanten Erzählansatz: Er lässt die nunmehr erwachsene Alice (Mia Wasikowska) ins Wunderland zurückkehren, in dem sie all die bekannten Tiere und Märchengestalten bereits zu erwarten scheinen. Die verwirrte junge Frau jedoch kann sich nicht erinnern jemals dort gewesen zu sein und weiß demnach herzlich wenig mit der Teeparty des schrillen Mad Hatters (Johnny Depp) oder den despotischen Machenschaften der Red Queen (Helena Bonham-Carter) anzufangen.

Indem der Film die Geschichte also streng genommen am deutlich bekannteren Original entlang, aber aus der Perspektive des Sequels heraus entwickelt, bedient er sich folgerichtig diverser Elemente beider Bücher. Burton hat vieles aus dem Original gestrichen – das Croquet-Spiel, die Gerichtsverhandlung oder das Meer aus Tränen – und stattdessen Platz für Figuren und Erzählstränge der Fortsetzung geschaffen. Die große Schachpartie hat er ebenso integriert wie den Jabberwocky-Kampf oder die Zwillinge Tweedledee und Tweedledum. Burtons "Alice im Wunderland" ist demnach der Film zum gesamten "Alice"-Mythos Carrolls mit einem eigenständigen dramaturgischen Konzept.

So clever er dabei auch gestrickt ist und so sauber und zielorientiert er sich an dieser Idee abarbeitet – Raum für Abweichungen lässt die klare Erzählstruktur nicht zu. Das gesamte (insbesondere frühe) Burton-Œuvre ist jedoch bestimmt von der Verweigerung und dem Verzicht auf Konventionen, narrative Geschlossenheit oder konsequente Handlungsführung. Seine Filme, von "Pee-wee’s irre Abenteuer" bis "Charlie und die Schokoladenfabrik", folgten stets mehr einer intuitiven oder auch träumerischen Erzähllogik, ausgehend von einer emotionalen Nähe Burtons zu seinen schrägen, queeren oder missverstanden Figuren.

Dass ausgerechnet "Alice im Wunderland" mit seinen absonderlichen Entwürfen und schrillem Charakterarsenal den sonst so freigeistigen Regisseur zu einer erstaunlich braven, berechenbaren Literaturadaption inspiriert, die sich ästhetisch zudem an die Disney-Version anlehnt, wirkt dann doch nur allzu verwunderlich. Es scheint nämlich, dass es Burton bei aller Sorgfalt, die beiden Bücher zum Leben zu erwecken, nie gelingen mag, sich zum emotionalen Kern der Geschichte vorzuarbeiten. Der Film trägt zwar seine Handschrift, aber er vermittelt nie restlos das Gefühl einer eigenständigen Vision. Er wirkt mehr wie Tim Burtons "Disneys Alice im Wunderland", statt "Tim Burtons Alice im Wunderland".


60% - erschienen bei: gamona

März 01, 2010

News: BURTON UND DEPP BEI ROSS

Ich mag Promo-Zeugs eigentlich gar nicht, am Wenigsten bei Tim Burton, weil er das leidenschaftlich hasst. Aber sein Besuch mit Johnny Depp bei Jonathan Ross diese Woche ist einfach so wunderbar komisch, selbstironsich und toll, das muss man verlinken. Schön auch, dass es mal nicht das übliche rasche Late-Night-Ding ist. Und der Schlusssatz von Ross - herrlich.







In groß und direkt: Hier.