August 16, 2010

Zuletzt gesehen: FEMME FATALE (2002)

Zunächst munteres Sinnieren über die Femme Fatale des Film Noir als reine Begrifflichkeit, ohne Sinn, Leidenschaft oder eingehendes Verständnis, später Diffamierung derselbigen als Schlampe, die Männer ins Verderben stürzt. Für Brian De Palma scheint sie erwartungsgemäß ein Objekt der Begierde zu sein, das den männlichen Blick spiegeln und als Projektionsfläche herhalten muss. "Femme Fatale" ist ein als Hommage getarntes Wiederkäuen des Missverständnisses, die Frau im Film Noir nur als bloßes konstruiertes Mysterium und die Frau im Kino grundsätzlich als Abbild reiner Männerfantasien zu begreifen. Und einmal mehr müssen für den allmählich quietschend rostigen Altherrenschlock De Palmas Meisterwerke wie "Vertigo" oder "Double Indemnity" bemüht werden, um dem wie so oft schicken und gleichfalls ermüdenden Bilderreigen aus Vulgarität und Küchen- psychologie einen angemessenen Anstrich von Legitimation zu verpassen. Ein Best-of-De-Palma-Gebräu mit den üblichen filmischen Kniffen, angesoffen vom eigenen Tittencocktail, sich am als elegant vermarkteten Sleaze aufgeilend und zuletzt tiefsinnig wähnend in der eingeengten Vorstellung, Kino sei letztlich nur Mittel zum Voyeurszweck. Oder ein Traum. *applause*


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Kommentare:

  1. Also eins muss man dir lassen: Keiner kann Meta-Texte besser herausstellen und eloquenter verreißen als du ;-).

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  2. Och, da gibt's einige, die das besser können. :)

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  3. Ach, ist halt ein Brian De Palma. Vor 30 oder 40 Jahren konnte man noch Mitleid italienischen Katholiken haben.;)

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  4. Kleine Korrektur: Die "Femme fatale" ist per definitionem eine Figur (sie ist nun mal ein Typus), die auf leicht schlampige Art Männer ins Verderben zu stürzen droht. Das fängt mit der "Belle Dame Sans Merci" von John Keats an, erreicht seinen Höhepunkt dank diverser Gestalten des Fin de Siècle - und wird dann von Heinrich Manns schlampiger Lola Lola und der ersten Frau mit Penis in der deutschsprachigen Literatur, Thomas Manns Madame Chauchat ("Der Zauberberg"),ins 20. Jahrhundert hinübergerettet. - Zum Rest der Besprechung: Einverstanden.

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  5. Würde hier über Auslegungssache streiten wollen oder zumindest konkretere Abgrenzungen. Ist ja auch ein Unterschied, ob sie "auf leicht schlampige Art Männer ins Verderben zu stürzen droht" oder es eben wirklich als Reinkarnation einer Bitch auch tut, während sie zur vulgären lüsternen Sexschlampe mutiert. Ich habe die Femme Fatale immer als diejenige Person begriffen, die Männern das Unglück aufzeigt, es aber nicht zwingend verursacht oder begünstigt.

    Ich weiß nicht, entweder ist die Femme Fatale eine Wandlung durchlaufen, ich mag nur nicht-beispielhafte Noirs oder das Frauenbild war in den 40ern schon einmal aufgeklärter. Ich finde jedenfalls zwischen Barbara Stanwycks und Rebecca Romijns Figur liegen Welten.

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  6. Dass zwischen Stanwyck in "Double Indemnity" und dem Wesen im de Palma-Film Welten liegen, hat natürlich auch mit der höchst unterschiedlichen Qualität (kann man im zweiten Fall überhaupt von Qualität reden?) zu tun. Ich betrachtete immer "Body Heat" (1981) als Beleg, dass die Figur der "Femme fatale" durchaus auch auf würdige Weise in den Neo-Noir hinübergerettet werden kann.

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  7. Word.

    Muss ich auch mal wieder schauen, ist schon lange her.

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  8. Ein Film, dessen Trailer man gesehen haben sollte, aber das war's dann schon. De Palma ist bei mir spätestens seit "Scarface" unten durch. Trash wie "Sisters" ist noch unterhaltsam, aber bei den meisten seiner Filme denke ich doch unwillkürlich an die Meister, die wissen, wie man inspirierte Kunst auf die Leinwand zaubert und sich nicht im Schatten anderer zu tummeln brauchen. Die Treppensequenz in "The Untouchables" ist dafür sinnbildlich, von seiner Hitchcock-Neurose ganz zu schweigen.

    PS.: Ein köstlicher Text!

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  9. "Femme Fatale" ist nach Kenzie-Rezeption einer meiner Lieblings De Palmas. Herrlich campy das Ding.
    Und stimmt, Metatexte können andere besser herausstellen.

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  10. Der Jumpcut-"Text" ist der reinste Witz.

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  11. Ein Witz ist dein völlig beschränkter Blick auf den Film! Dafür ist die Polemik unterhaltsam.

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