August 23, 2010

Zuletzt gesehen: CASUALTIES OF WAR (1989)

Brian De Palma, der Bildermacher, der visuelle Erzähler, der Kameraflüsterer, ist nun nicht unbedingt jemand, der Filme aus dem Kopf heraus inszeniert, ein Diskursanstifter schon gar nicht. Mit "Casualties of War" hat er einen Kriegsfilm gedreht, auf der Höhe des US-Kinos über Vietnam. Durchaus vorstellbar, dass ein (mutmaßlich) ideologisch weitgehend unbefangener Ästhet wie De Palma sich Zugang zu jenem komplizierten Genre verschafft, das seit jeher den bekannten Widerspruch in sich trägt, Krieg bedienen und Krieg verurteilen zu müssen. Doch seine Verliebtheit in Stil und Formschönheit bricht dem Film schon nach wenigen Minuten das Genick, wenn er Marty McFly in einen unterirdischen Tunnel stürzen lässt und aus der Frage, ob er von einem herannahenden Vietnamesen erstochen oder doch noch in letzter Sekunde vom Sarge hochgezogen wird, mittels Montage einen klassischen Suspense-Moment zu kreieren versucht. Solche geschmacklosen Momente durchziehen den gesamten Film, sogar vor einer nur auf äußere Spannung ausgerichteten Giallo-Hommage schreckt De Palma nicht zurück. Krieg als Kintopp - statt Politik gibt’s den Film-Film der Woche.

Am Schlimmsten aber: Die (überaus reißerische) Geschichte von Vergewaltigung und Mord könnte in jedem x-beliebigen Krieg spielen, genau genommen müsste sie überhaupt nicht einmal im Krieg verortet sein, sondern könnte sich überall zu jeder Zeit zutragen. Der Film hat nichts Relevantes über Krieg, geschweige denn den Vietnamkrieg, zu erzählen (außer Allgemeinplätze: Krieg gebärt Monster, ist unmenschlich, ist böse…), er ist weder Kommentar noch Diskussion, ist unspezifisch und austauschbar. Und wie er im letzten Drittel zu erkennen gibt, ist "Casualties of War" nicht einmal ein Kriegsfilm, sondern nur wieder verwertbares Thrillerkino, dessen Manipulationstechniken – wie etwa die Befriedigung des Wunsches nach Gerechtigkeit – vor realem Hintergrund umso ärgerlicher sind.

20%

Kommentare:

  1. Einige Punkte deiner Kritik mögen zweifellos stimmen aber nur mickrige 20 hat der Film nicht verdient.

    Das Duell Fox vs. Penn ist großes Kino, besonders Penn läuft hier mal wieder zu Höchstformen auf.

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  2. Ich fand Penn unerträglich. Noch schlimmer aber Rhames und Reilly. Reinstes Bauerntheater.

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  3. Die Vergewaltigungsproblematik fand ich in PLATOON viel besser thematisiert, da sie dort nicht plakativ als Aufhänger für den ganzen Film missbraucht wird. Und bei aller Liebe, aber der grandiose Fox ist hier einfach fehlbesetzt.

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  4. Ja, mit dieser mitleidigen Nummer wird ja der ganze Film aufgeblasen. Weiß auch nicht, was das mit Krieg zu tun hat, der Film hätte auch an einer Schule spielen können, an der ein paar Jungs ein Mädchen vergewaltigen und dann zum Rektor vorgeladen werden.

    PLATOON finde ich allerdings auch arg problematisch.

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  5. Der Film hat mit dem Vietnamkrieg zu tun, dass er sich auf eine reale Begebenheit aus eben jenem Krieg bezieht: die Entführung und Vergewaltigung eines vietnamesischen Mädchens durch amerikanische Soldaten. (Insofern hätte man ihn eben nicht an einer Schule spielen lassen können.)

    Ich finde den abgezockten Ton, den diese Diskussion hat, sehr befremdlich. Mich macht CASUALTIES OF WAR jedesmal aufs Neue fertig. Klar, auch dieser Film sagt über Krieg nichts wesentlich Neues. Aber was sollte dieses Neue denn auch sein: Krieg ist ein Verbrechen, das jeden Tag an unzähligen Orten der Welt verübt wird. Solange das so ist, ist auch die (immergleiche) Kritik angebracht.

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  6. Aber ist dieses belegte Ereignis, das ja schon einmal verfilmt wurde, wirklich signifikant genug, um daraus Grundsätzliches über den Krieg ableiten zu können? Hätte man nicht noch andere Erzählebenen mit einbringen können? Mir war das zu dünn, und ich fand das emotional ausgeschlachtet.

    Inwiefern "abgezockt"? Hier herrscht immer ein rauer Ton. :)

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  7. Letzteres zuerst: "Abgezockt", weil vom Film offensichtlich niemand emotional getroffen wurde, vielmehr alle abwehrend oder gar gelangweilt reagieren und mit inhaltlichen Verbesserungsvorschlägen um die Ecke kommen, als spräche man über eine nicht ganz so gut geratene Tischdekoration. Ich finde das bei einem Film mit einem solchen Thema eben befremdlich, vor allem, wenn man weiß, dass sich diese Geschichte so ähnlich tatsächlich ereignet hat. (Allein Morricones Musik trifft mich jedesmal ins Herz.)

    CASUALTIES ist sicherlich einer der "einfachsten" Filme De Palmas. Aber warum sollte man dieser Geschichte - die ich auch dann noch erschütternd fände, wenn sie nicht signifikant wäre - noch etwas hinzufügen. Vor allem, wenn es De Palma doch genau darum ging und um nichts anderes?

    Und zur Signifikanz: Ja, weil CASUALTIES die Massenverbrechen des Krieges auf ein "privates" und deshalb nachvollziehbares Kammerspiel-Szenario runterbricht. Man kann Krieg schlechterdinsg nicht verfilmen, weil die Leinwand dafür nicht ausreicht (und man so viele Statisten nicht bezahlen kann). Und je mehr Nullen an einer Zahl dranhängen, umso mehr wird der Blick auf das Individuum, das dahintersteht, verbaut.

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  8. Ich komme mal gleich zum Punkt, weil darum geht es letztlich: Mich hat der Film eben nicht berührt (im Sinne von: erschütternd, anrührend, bewegend, schockierend, mitreißend), absolut nicht. Mich berühren De Palmas Filme sowieso nicht (Ausnahmen BLOW OUT und CARLITO'S WAY, und beide auch im überschaubaren Bereich). Darin sehe ich grundsätzlich aber auch kein Problem.

    Zum letzten Absatz: Einen adäquaten Kriegsfilm zu drehen ist in meinen Augen ohnehin unmöglich. Krieg ist letztlich ein abstraktes Konzept. Deshalb sind Filme, die dieses Konzept umzusetzen versuchen, indem sie Schlachten und all den üblichen Usus zeigen, für mich relativ wirkungslos, oft sogar verärgend. Einige aber haben Ansätze gefunden, Krieg auf einer höher gestellten Ebene zu verhandeln (ONIBABA oder JOHNNY GOT HIS GUN zB.), und damit haben sie m.E. mehr Erfolg und mich auch wirklich jenseits platter Manipulationsmechanismen (und CASUALTIES strotzt vor solchen) berührt.

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  9. Dass der Film manipuliert, dem würde ich nicht mal widersprechen wollen. In diesem Fall weiß ich aber einfach nicht, was daran so schlimm ist. Und wie ich schon sagte: CASUALTIES ist sicherlich ein Film, bei dem man solche Vorwürfe nicht vollkommen abweisen kann. CARLITO'S WAY gehört für mich auch zu den eher vernachlässigbaren seiner Filme. Fand den früher ganz toll, beim letzten Mal hat es dann nur noch zum ernüchterten "OK" gereicht. Im Grunde dasselbe wie bei CASUALTIES: etwas zu sehr auf den kleinsten gemeinsamen Nenner gebrachte Oscar-Bait.

    Zur emotionalen Rezeption von De Palma: Liegt das nicht möglicherweise daran, dass du - wie ich woanders geschrieben habe - seine Filme von vornherein nicht als solche betrachtest, die bewegen wollen, sondern nur als Metakino, dass sich nur auf sich selbst bezieht, und nicht so sehr an seinen Filmen selbst? Bei mir funktioniert die emotionale Betrachtung mittlerweile, wenn auch nicht bei allen seiner Filme. Genau das ist der Kern meiner bei CARRIE geäußerten Kritik: De Palmas Filme sind durch die allgemeine Rezeption total verstellt. Man kann sie fast nur noch als überinszenierte Fingerübungen betrachten.

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  10. CARLITO'S WAY ist sehr formelhaft und er geht auf Nummer sicher. Fallhöhe ist hier aber auch eine andere und als reiner Gangsterfilm ist das eine unheimlich starke Arbeit, vor allem aufgrund seiner enormen inszenatorischen Dichte.

    Zum zweiten Absatz: Möglich. Mag ich nicht ausschließen, ansonsten siehe Antwort im CARRIE-Posting. Würde aber trotzdem behaupten, von der allgemeinen Verstelltheit (dieses Mal) recht unberührt zu sein. Diese Entdeckungsreise durchs De-Palma-Oeuvre momentan findet auch unter Ausschluss von Sekundärliteratur etc. statt.

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