August 22, 2010

Zuletzt gesehen: BLOW OUT (1981)

Brian De Palma adaptiert Michelangelo Antonionis Frage nach einer objektiven Realität, indem er den zufälligen Zeugen eines Unfalls, John Travolta als Tontechniker schäbiger B-Filme, den tückischen Mordfall eines Gouverneurs rekonstruieren lässt - ganz auf die Mittel seines Handwerks angewiesen. Travoltas Figur ist folglich bemüht, die Wahrnehmung mithilfe zusammengesetzter Bilder und getrennter Tonspuren nachträglich so zu entzerren, dass der eigene Blick und die tatsächlichen Geschehnisse sich decken mögen. Die filmische Suche nach der Wahrheit gerinnt allmählich zur filmischen Wahrheit, die sich bei De Palma – man denke an sein berühmtestes Zitat ("The camera lies all the time; lies 24 times/second") – eigentlich nur als Lüge erweisen kann. Nicht so hier. Gegen die Versuche einer Vertuschungspolitik der Machtträger gelingt es Travolta, die Mordbeweise auf Film zu bannen. "Blow Out" beharrt dabei zeitweise etwas zu sehr auf die detaillierten Elemente eines kriminalistischen Psychothrillers, statt sich ganz seiner filmreflexiven Qualitäten zu ergeben – jedoch nur bis zum bitteren Schluss, der Travolta zwingt, die gefundene (aber mittlerweile nutzlose) Wahrheit auf eine pervertierte Art ins Banale zu verfremden. Film bleibt also doch nur wieder Lüge für De Palma, und selten hat er es so packend und clever zu vermitteln gewusst. Großartig.


80%

Kommentare:

  1. Ganz generell: Deine De-Palma-Retro gefällt mir außergewöhnlich gut. Mit Scharfsinn beobachtend, kritisch, und doch mit einem fast schon weisen Rückgrat, auch in der Vergangenheit gefällte, schier festgefahrene Urteile zu revidieren.

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  2. Die Welt geht unter! o__O

    Aber ehrlich gesagt reizt mich dein Kommentar extrem. Wenn du den super findest, dann finde ich ihn wahrscheinlich auch super, zumindest wenn man bedenkt, dass wir uns im Bezug auf De Palmas Knackpunkte recht einig sind. Ich habe vor ein paar Tagen OBSESSION nochmal gesehen und der ist bei mir ziemlich abgefallen (abgesehen von der ersten halben Stunde, die ist super - als ob der Geist von Just Jaeckin von Dario Argentos Körper Besitz ergriffen hätte). Hast du eigentlich vor, diese Retrospektive bis zum bitteren Ende durchzuziehen? Ich kann nämlich die Besprechungen zu MISSION TO MARS, BLACK DALIAH und vor allem REDACTED kaum erwarten.

    PS: Scheint es nur so, oder lese ich in dem DRESSED TO KILL-Kommentar einen Hauch von Sleaze-Verständnis durch?

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  3. Im Moment bin ich noch nicht sicher, ob ich seine letzten drei Filme auch noch mit reinnehme, so langsam bekomme ich 'nen leichten Kamerafahrten-Split-Diopter-Einstellungen-Split-Screen-Overkill.

    Zum letzten Satz: Ich denke das wird am Ende des Tages das Fazit sein, ja. Wenn De Palma etwas geschafft hat, dann mich für Sleaze zu sensibilisieren, sodass ich sogar großen Spaß dran haben kann (wobei er ja formal recht anständigen Sleaze macht, ohne würd's wohl nicht gehen bei mir).

    Es wundert mich übrigens, dass du kein De-Palma-Fan bist. Er erinnert mich nicht selten an Argento, was ausstellerische Bildkompositionen angeht, und wie schon erwähnt, ist er recht sleazig UND besitzt offenbar dennoch genug Prätentionspotential. Und ein bisschen chauvi hier und da ist er ja auch, passt doch. :D

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